Dieses angebliche Plakat einer ukrainischen Kinderwunschklinik ist eine Fälschung

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Kinderwunschkliniken helfen Eltern dabei sich ihren Traum vom eigenen Nachwuchs zu erfüllen, unabhängig von der Herkunft. In sozialen Netzwerken kursiert ein angeblicher Aushang einer Kiewer Klinik für Reproduktionsmedizin, auf dem es heißt, Samen- oder Eizellenspender mit russischen Verwandten würden nicht mehr akzeptiert. Das Plakat ist nach Angaben der Klinik eine Fälschung. Es zeigt zudem zwei Fußballer anlässlich eines ukrainischen Feiertags.

In sozialen Netzwerken kursieren Aufnahmen eines angeblichen Aushangs einer Kinderwunschklinik in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Demnach dürfen Menschen mit russischen Verwandten dort keinen Samen oder Eizellen spenden. Dutzende User teilten das Plakat auf Facebook, das zudem auf Englisch (hier, hier), Polnisch und Ungarisch kursierte.

Die Behauptung: In den aktuell geteilten Postings wird behauptet, eine private Klinik für Reproduktionsmedizin aus Kiew habe auf einem Plakat angekündigt, keine Spender mehr zu akzeptieren, die russische Verwandte haben. Auf dem Aushang heißt es in ukrainischer Sprache: "Liebe Besucher, ab dem 1. Oktober 2022, akzeptiert die Dahno-Klinik nur Biomaterialien von reinrassigen Ukrainern, die keine russischen Verwandten haben. Danke für Ihr Verständnis. Ruhm der Ukraine!"

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 12.10.2022

Seit dem Beginn der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 verbreiten sich immer wieder Behauptungen in sozialen Netzwerken, die belegen sollen, wie verbreitet rechtsradikale und nationalsozialistische Einstellungen in der Ukraine sind. AFP überprüfte in der Vergangenheit etwa dieses Foto eines angeblichen ukrainischen Kriegsgefangenen mit Hakenkreuztättowierungen oder dieses Bild eines russischen Neonazis, das angeblich den Kiewer Polizeichef zeigen soll. Faktenchecks zum Krieg in der Ukraine sammelt AFP hier.

Bild zeigt ukrainische Fußballer

Das aktuell verbreitete Plakat zeigt zwei Männer in weißen Hemden mit traditionellen ukrainischen Stickmustern vor einem gelben Hintergrund. Auf einer blauen Fläche in der unteren Bildhälfte steht ein Text in ukrainischer Sprache. In der unteren rechten Ecke des Bildes findet sich die Bezeichnung "ДАХНО" (Dahno), wobei es sich um den Namen der Klinik handelt.

Eine Bildrückwärtssuche führte AFP zu einem Tweet des ukrainischen Fußballclubs Shakhtar Donezk, der am 16. Mai 2019 auf dem Twitter-Profil des Vereins anlässlich des jährlichen Wyschywanka-Tags gepostet wurde. An diesem inoffiziellen Feiertag, der auf den dritten Donnerstag im Mai fällt, feiern Menschen in der Ukraine ihre nationalen Trachten, indem sie Kleidung mit traditionellen Stickmustern tragen.

Bei den beiden Männern handelt es sich demnach um die ehemaligen Shakhtar-Donezk-Spieler Júnior Moraes und Marlos Bonfim. Die beiden brasilianischstämmigen Profifußballer spielten laut dem Spielerportal transfermarkt.de zwischen 2011 und 2022 für verschiedene ukrainische Vereine, zuletzt für Shakhtar Donezk. Beide Spieler haben die ukrainische Staatsbürgerschaft und waren – Moraes seit 2018, Bonfim seit 2017 – auch Mitglieder der ukrainischen Nationalmannschaft. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine kehrten sie nach Brasilien zurück.

Kinderwunschklinik: Plakat ist Fälschung

Das Kiewer Dahno-Institut für Reproduktionsmedizin gibt es tatsächlich. Es ist nach eigener Aussage die älteste Kinderwunschklinik der Ukraine. Die Klinikleitung erklärte auf AFP-Anfrage am 6. Oktober 2022 per E-Mail, dass es sich bei dem aktuell geteilten Plakat um eine Fälschung handele. "Es ist kaum zu glauben, aber die russische Propaganda hat sogar den Bereich der Reproduktionsmedizin erreicht!", schrieb ein Sprecher an AFP. Die Vorwürfe seien haltlos, erklärte er. Dahno behandele "Patienten aus der ganzen Welt" bei Unfruchtbarkeit und tue dies auch weiterhin. "Wir erinnern daran, dass der zentrale Wert der Dahno-Klinik ist, so vielen Familien wie möglich das Glück der Elternschaft zu ermöglichen."

Eine Überprüfung der Verwandtschaftsbeziehungen von Samen- oder Eizellenspendern finde dabei nicht statt, sagte der Dahno-Sprecher. Nach ukrainischem Recht müssen Ärztinnen und Ärzte einen Fragebogen über den Spender zu möglichen Vorerkrankungen und phänotypischen Merkmalen ausfüllen. Fragen zu Nationalität oder dem ethnischen Hintergrund von Verwandten sind dort nicht aufgeführt. "Die Dahno-Klinik hält sich streng an die angegebenen Bestimmungen der Gesetzgebung der Ukraine", erklärte die Klinik gegenüber AFP.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik seien von einem Patienten auf entsprechende Postings in sozialen Netzwerken aufmerksam gemacht worden. "Wir arbeiten weiter zum Wohle unserer Patienten und lassen uns davon nicht von den Fake News der russischen Propaganda ablenken. Die Klinik habe den Vorfall an die zuständigen ukrainischen Behörden gemeldet. Zudem warnte das Unternehmen auch auf seiner Website vor dem gefälschten Plakat.

Die Patientinnen können nach Angaben auf der Website der Klinik den Samenspender nach dessen persönlichen Merkmalen wie Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe, Ausbildung und auch Nationalität auswählen. Auf Wunsch und bei Zustimmung des Spenders könne dem Elternpaar eine Beschreibung des Samenspenders zur Verfügung gestellt werden, ergänzte die Klinikleitung gegenüber AFP. Grundsätzlich sei die Spende aber anonym.

Ukrainisches Gesetz verbietet Ungleichbehandlung

Eine Ungleichbehandlung von Patientinnen und Patienten aufgrund ihrer Verwandtschaftsverhältnisse oder ihres ethnischen Hintergrundes ist laut der ukrainischen Verfassung und des Antidiskriminierungsgesetzes verboten. Artikel 24 der ukrainischen Verfassung besagt, dass keine Privilegien oder Beschränkungen "aufgrund von Rasse, Hautfarbe, politischen, religiösen oder sonstigen Überzeugungen, Geschlecht, ethnischer und sozialer Herkunft, Vermögensstatus, Wohnort, Sprache oder anderen Merkmalen" bestehen. Laut dem "Gesetz über die Grundsätze der Verhinderung und Bekämpfung von Diskriminierung in der Ukraine" drohen bei Verstößen gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung in der Gesundheitsvorsorge und beim Zugang zu Dienstleistungen zivil-, verwaltungs- und strafrechtliche Konsequenzen.

Das bestätigte Jewhen Gerasymenko, stellvertretender Direktor des Instituts für Rechtswissenschaften an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kiew und Experte für Verwaltungsrecht am 7. Oktober 2022 per E-Mail gegenüber AFP: "Es ist absolut illegal, Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Nationalität sowie aufgrund ihrer Sprache, ihres Geschlechts und so weiter von Dienstleistungen und Geschäften in der Ukraine auszuschließen."

Ein Video des Plakats wurde auf dem Telegram-Kanal des Kreml-Propagandisten Artem Sheinin verbreitet. Sheinin ist Talkshow-Moderator, leitender Redakteur des russischen Staatssenders "Perwy Kanal" und Mitglied der russischen Fernsehakademie. Er postete das Video, das ihm ein Abonnent seines Kanals geschickt haben soll, am 4. Oktober 2022 mit den Worten "Das Vierte Reich, bist du das?!" Mehrere russische Medien griffen das Video in der Folge auf und berichteten über die angeblich diskriminierende Praxis der Klinik. Auch verschiedene ukrainische Medien berichteten über das gefälschte Plakat.

Fazit: Das Plakat der Kiewer Klinik für Reproduktionsmedizin ist eine Fälschung. Das erklärte die Klinikleitung gegenüber AFP. Es zeigt ein Foto zweier ukrainischer Fußballer, das anlässlich eines folkloristischen Feiertags in der Ukraine 2019 entstanden ist. Ungleichbehandlung aufgrund der ethnischen Herkunft oder Nationalität ist in der Ukraine illegal.

13. Oktober 2022 Fragebogen wird von Ärztinnen und Ärzten ausgefüllt ergänzt, dass Spende grundsätzlich anonym ist
Ukrainischer-Russisch Krieg