Nein, mRNA-Impfstoffe töten nicht massenhaft Ungeborene

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Seit der Zulassung der mRNA-Impfstoffe gegen Corona im Dezember 2020 wurden in Deutschland mehr als 63 Millionen Menschen geimpft. Laut Berichten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gebe es mit Blick auf schwere Nebenwirkungen keinen Grund zur Sorge. Trotzdem teilten User Mitte August 2022 einem Videoausschnitt, in dem der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi fälschlicherweise behauptet, mRNA-Impfstoffe würden die Gefäßwände von Geimpften und deren Ungeborenen zerstören. Expertinnen und Experten erklärten gegenüber AFP, dass dies nach aktueller Datenlage jedoch nicht geschehen sei. Auch gibt es keine massenhaften, durch mRNA-Impfungen ausgelösten Fehlgeburten.

Hunderte User haben die Behauptung über die Gefäßwände im August 2022 auf Facebook und Twitter geteilt. Auf Telegram erreichte das Video hunderttausende User. Der Ausschnitt stammt aus einem AUF1-Interview mit dem Mikrobiologe Sucharit Bhakdi. AUF1 ist ein österreichischer Kanal, der Verschwörungserzählungen verbreitet und dessen Behauptungen AFP bereits mehrfach geprüft hat (hier, hier). Bei Bhakdi handelt es sich um einen prominenten Impfgegner, der AFP ebenfalls bereits mit zahlreichen Falschbehauptungen aufgefallen ist (hier, hier).

Die Behauptung: Bhakdi behauptet in dem kurzen geteilten Ausschnitt aus dem AUF1-Interview: "Das Risiko, dass die Gefäßwände befallen werden, wenn man einen genbasierten Impfstoff hinein spritzt, ist im Prinzip 100 Prozent." Dieses Zitat teilten User auf Facebook. Im Video heißt es weiter, dass sehr viele Babys im Mutterleib sterben würden, weil die Plazenta von mRNA-geimpften Müttern zerstört würde.

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 14.09.2022

Seit Beginn der Forschung an mRNA-Impfstoffen gegen Corona und deren Zulassung in Deutschland kursieren immer wieder falsche Informationen über die neuartige Impftechnologie. AFP prüfte bereits mehrfach die Behauptung impfkritischer Experten, dass mRNA-Impfungen bei Menschen die Gefäße schädigen würden (hier, hier, hier), darunter auch Sucharit Bhakdi.

mRNA-Impfstoffe und Gefäßschäden

Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) sind die Behauptungen bereits bekannt. Am 26. August 2022 erklärte Sprecherin Susanne Stöcker: "Dubiose Behauptungen werden nicht dadurch wahrscheinlicher, dass sie einmal im Jahr von anderen Menschen und mit neuem Fokus neu aufgewärmt werden. Diese Gerüchte wurden bereits 2021 mehrfach verbreitet, etwa von Byram Bridle und Robert Malone." AFP hat Behauptungen der beiden Impfskeptiker bereits widerlegt.

Stöcker sagte, dem PEI seien keine Fälle von "befallenen" oder "zerstörten Gefäßwänden" bei gesunden Menschen bekannt geworden.

Das PEI veröffentlicht regelmäßig Sicherheitsberichte über gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen der Covid-Impfstoffe. Einen tatsächlichen Zusammenhang bedeuten diese Fälle allerdings noch nicht. Der aktuellste Bericht schließt den Zeitraum vom Impfkampagnenbeginn bis zum 30. Juni 2022 ein. Darin taucht nichts auf, das explizit auf "befallene" oder "zerstörte Blutgefäße" hinweist. Allerdings gibt es einige Krankheitsbilder als unbestätigte Verdachtsfälle, die in verschiedenen Formen etwas mit Blutgefäßen zu tun haben.

Dazu zählen Gefäßentzündungen (Vaskulitis), -verstopfungen und -verschließungen (Embolie, Myokardinfarkt) sowie Gefäßerkrankungen in Zusammenhang mit einem Blutgerinnsel wie etwa verschiedenartige Thrombosen. Auch ein erhöhtes Schlaganfallrisiko gibt es laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie durch die mRNA-Impfung nicht.

Bei all diesen Verdachtsfällen liegt die Melderate bei den beiden mRNA-Impfstoffen Comirnaty von Biontech/Pfizer und Spikevax von Moderna unter 0,6 Prozent. Der Großteil der Verdachtsfälle entfällt dabei auf Thrombosen. Bei den meisten anderen Krankheitsbildern liegt die Melderate bei weit unter 0,2 Prozent.

In 120 Todesfällen, unabhängig von der Impfstofftechnologie, sei ein tatsächlicher Zusammenhang zur Impfung "wahrscheinlich" oder "möglich ursächlich". Insgesamt erhielt das PEI 323.684 Verdachtsfallmeldungen über Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen. Der Sicherheitsbericht entstand, als bereits mehr als 64 Millionen Menschen in Deutschland mindestens einmal geimpft waren. Für den überwiegenden Großteil der Corona-Geimpften sind mRNA-Impfungen also nicht tödlich oder schwerwiegend.

AFP hat bei der Deutschen Gesellschaft für Pathologie nach der Behauptung gefragt. Am 27. September 2022 dementierten sie zwei Mitglieder der Gesellschaft.

Falko Fend, ärztlicher Direktor am Institut für Pathologie, sagte: "Aus unserer Arbeit ergeben sich keine Hinweise für eine Veränderung der Gefäßwände nach mRNA-Impfung, auch nach Untersuchung von Todesfällen, die in zeitlichem Zusammenhang, aber ohne kausalen Zusammenhang, mit einer mRNA-Impfung aufgetreten sind."

Saskia von Stillfried und Rattonitz vom Institut für Pathologie an der RWTH Aachen sagte: "Uns sind keine Daten bekannt, die eine solche Behauptung unterstützen würden. Auch die aktuellen Daten in vorläufiger Auswertung im Register weisen nicht darauf hin."

Johannes Oldenburg, Direktor des Instituts für Hämophilie und Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Bonn, erklärte außerdem: "Richtig ist, dass das Coronavirus selbst zu Endothelzellschäden der Gefäßwände führen kann. Für die Impfstoffe ist das aber nicht der Fall." Endothelzellen sind die innerste Zellschicht der Blutgefäße.

Christian Münz, Professor für Virale Immunbiologie an der Universität Zürich bestätigte ebenfalls für einen älteren AFP Faktencheck am 6. Mai 2021: "Damit das Spikeprotein Endothelzellen in Blutgefäßen schädigen könnte, müssten davon große Mengen im Blutstrom vorliegen." Das sei aber nicht der Fall, weil die Spikeproteine nach der mRNA-Impfung in den Muskel eben dort verbleiben würden. Spikeproteine sind ein Teil des Coronavirus. MRNA-Impfstoffe enthalten den Bauplan dafür.

mRNA-Impfungen führen nicht zu Fehlgeburten

In der Vergangenheit kursierte auch immer wieder die Behauptung, mRNA-Impfungen gegen Corona würden zu Fehlgeburten führen. So prüfte AFP bereits Anfang November 2021 die Behauptungen einer Gynäkologin, welche sich auf eine von ihr falsch dargestellte Beobachtung der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) bezog.

Am 14. Juli 2022 erklärte die CDC auf ihrer Internetseite, dass ihre Beobachtungen von tausenden Schwangeren zeigten, dass mRNA-Impfstoffe weder Schwangeren noch ihren Kindern schaden würden. Es sei kein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko oder andere Schwangerschaftskomplikationen festgestellt worden. Die Beobachtungen würden weiter laufen.

AFP hat dennoch noch einmal bei Experten nach der aktuellen Behauptung gefragt. Am 26. September 2022 sagte Ulrich Pecks, leitender Oberarzt der Geburtshilfe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein gegenüber AFP: "Es kommt unter geimpften Frauen tendenziell sogar zu einer Verringerung von Totgeburten im Vergleich zu ungeimpften Frauen. Somit ist die Hypothese von mehr Totgeburten wegen Impfung nicht haltbar."

Am 31. August 2022 sagte auch Cahit Birdir, leitender Oberarzt der Geburtshilfe und Pränataldiagnostik am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden gegenüber AFP: "Es gab im Jahr 2021/2022 keine signifikant erhöhte Zahl an Fehl- oder Totgeburten im Dresdner Uniklinikum. Die mRNA-Impfstoffe gegen Covid können bei Schwangeren nicht dazu führen, dass Zellen der Plazenta zerstört werden." Auch könne die mRNA-Impfung nicht dazu führen, dass das Immunsystem die Gefäßwände des Kindes befällt.

Auch eine Studie des norwegischen Instituts für öffentliche Gesundheit vom 24. März 2022 bestätigte mit Blick auf 157.521 Geburten, dass mit Corona-Impfungen kein Risiko einer Frühgeburt, Totgeburt oder einer Aufnahme des Kindes in die Neugeborenenversorgung einhergehe.

Eine weitere Studie der schottischen Gesundheitsbehörde in Zusammenarbeit mit der Edinburgh-Universität vom 13. Januar 2022 bezog 28.457 geimpfte Schwangere ein und kam zur Schlussfolgerung: "Die niedrige Impfquote bei Schwangeren muss unbedingt angegangen werden, um die Gesundheit von Frauen und Säuglingen während der laufenden Pandemie zu schützen."

Fazit: Zahlreiche Expertinnen und Experten sowie groß angelegte Studien und laufende Beobachtungen belegen, dass mRNA-Impfungen gegen Corona – auch während der Schwangerschaft – keine beunruhigenden Signale in Hinblick auf die Gefahr für Gefäßwände von Geimpften und Ungeborenen auslösen.

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