Nein, diese Studie belegt kein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko bei Geimpften

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Zehntausende User haben auf Facebook und Telegram eine Behauptung geteilt, wonach eine Studie der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ein hohes Fehlgeburtsrisiko von schwangeren Geimpften belegt habe. Demnach hätten 82 Prozent der Schwangeren eine Fehlgeburt erlitten, die in ihren ersten beiden Schwangerschaftstrimestern geimpf wurden. Diese Prozentzahl basiere aber auf unvollständigen Daten, erklärten die CDC allerdings gegenüber AFP. Der Großteil der Frauen in der Studie sei noch schwanger und wurde deshalb nicht in der Studie berücksichtigt.

Hunderte User haben zwei Blog-Artikel mit der Fehlgeburten-Behauptung (eins, zwei) seit Anfang Juli auf Facebook geteilt (hier, hier). Zehntausende sahen sie auf Telegram (hier, hier).

Ein unbekannter Autor erklärt in Blog-Artikel eins:

"Eine neue Studie, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht mit dem Titel „Preliminary Findings of mRNA Covid-19 Vaccine Safety in Pregnant Persons" (Vorläufige Ergebnisse zur Sicherheit des mRNA-Impfstoffs Covid-19 bei Schwangeren) fand heraus, dass die Covid-Impfstoffe bei 104 von 127 schwangeren Frauen während des ersten Trimesters Spontanaborte verursacht hatten. Dann folgt eine Rechnung, wie viele der Frauen in der Studie eine Impfung in den ersten 28 Schwangerschaftswochen bekommen haben und eine Fehlgeburt erlitten. Das vermeintliche Ergebnis: 82 Prozent. Die Schlussfolgerung: "Das bedeutet, dass der Impfstoff kritische Phasen der frühen pränatalen Entwicklung stört und vier von fünf Babys in den ersten 20 Wochen der Schwangerschaft tötet."

Der zweite Blog will ebenfalls nachgerechnet haben und zu einem ebenfalls hohen Ergebnis: "Ob dies (Anm. d. Red.: die Zahl der Fehlgeburten) auf Basis der in der Studie präsentierten Zahlen zwingend zulässig ist, erscheint fraglich, was man aber gesichert ableiten kann ist der Umstand dass mindestens 75 Prozent der frühgeimpften Studienteilnehmerinnen ihre Babies verloren. Dies wäre signifikant über der gewöhnlichen Zahl an Fehlgeburten bei Schwangerschaften die zwischen 12 und 26 Prozent angenommen wird."

( AFP-Screenshot: 15.07.2021 / )

Das hat die CDC-Studie untersucht

AFP hat die Studie der CDC gesichtet: Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Daten vom 14. Dezember 2020 bis zum 28. Februar 2021 aus den US-Überwachungssystemen V-safe after vaccination health checker, des V-safe COVID-19 Vaccine Pregnancy Registry und des Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) verglichen, um die Sicherheit von mRNA-Impfstoffen nach einer oder zwei mRNA-Impfdosen zu überprüfen.

Diese Daten kombinieren die CDC. Ihre Forschenden haben Teilnehmerinnen für ihre Studie aus der Schwangerschaftsdatenbank gesucht und angerufen.

Zu diesem Ergebnis kommt die CDC-Studie

Zum Zeitpunkt der Studie der CDC, die noch läuft und nur einen Zwischenstand weniger Ergebnisse präsentiert, haben sich mehr als 3.900 geimpfte schwangere Frauen in das v-safe Schwangerschaftsregister eingetragen, die auch Teilnehmerinnen der Studie sind.

Von diesen haben bisher 827 ihre Schwangerschaft zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie beendet. Dabei hatten 712 Frauen (86,1 Prozent) eine Lebendgeburt, keine Frau verlor ihr Kind im letzten Trimester, 104 Frauen (12,6 Prozent) erlitten eine Fehlgeburt vor der 20. Schwangerschaftswoche – also in den ersten zwei Dritteln der Schwangerschaft.

Die Fehlgeburtenrate läge laut Studie im üblichen Risikobereich von Schwangeren unabhängig von der mRNA-Impfung. (Zum allgemeinen Risiko eines ungewollten Schwangerschaftsabbruchs gleich mehr)

Konkret heißt es in der Studie: "Obwohl nicht direkt vergleichbar, waren die berechneten Anteile der unerwünschten Schwangerschafts- und Neugeborenenereignisse bei Personen, die gegen Covid-19 geimpft wurden und eine abgeschlossene Schwangerschaft hatten, ähnlich der Inzidenz, die in Studien mit schwangeren Frauen berichtet wurde, die vor der Covid-19-Pandemie durchgeführt wurden." Weiter: "Die vorläufigen Ergebnisse zeigen keine offensichtlichen Sicherheitssignale bei schwangeren Personen, die den mRNA-Impfstoff Covid-19 erhielten."

Dieses vorläufige Ergebnis präsentiert lediglich Ergebnisse zu "abgeschlossene Schwangerschaften". Dies sind Lebendgeburten oder unterschiedliche Formen des Schwangerschaftsabbruchs. Noch aktuell schwangere Frauen werden in diesen Ergebnissen nicht berücksichtigt. Diese Frauen sind allerdings ebenfalls geimpft und auch Teil der noch laufenden Studie.

Darum kommen die Blog-Artikel zu anderen Ergebnissen

Weil von diesen 827 abgeschlossenen Schwangerschaften der Großteil erst im letzten Schwangerschaftstrimester geimpft wurde, rechnen die beiden Blogs diese raus. Es bleiben 127 Schwangere, die in den ersten beiden Trimestern geimpft wurden. Weil die meisten spontanen Fehlgeburten (104) in diese beiden Drittel fallen, kommen die Blogs auf eine Fehlgeburtsrate von rund 82 Prozent bzw. 75 Prozent.

Das sagen die CDC zu dieser Behauptung

AFP hat die CDC zur Behauptung aus den Blogs befragt. Am 9. Juli 2021 erklärte Sprecherin Sharan Marthain einer E-Mail, dass die Zahl 127, die die beendeten Schwangerschaften von Frühgeimpften angibt, die Daten verzerren würde. "Sie schließt keine laufenden Schwangerschaften ein. Aus diesem Grund ist der Anteil von 82% Verlusten unter 20 Wochen falsch."

Die überwiegende Mehrheit der im ersten Trimester geimpften Frauen aus den Datenbanken sei zum Zeitpunkt der CDC-Analyse demnach noch immer schwanger gewesen. Zählt man diese zu den 127 Frauen hinzu, sinkt der prozentuale Anteil an Schwangerschaftsabbrüchen stark ab. Daten über solche potentiellen Abbrüche stünden vom Großteil der Teilnehmerinnen noch aus und würden in Zukunft gesammelt, erklärte CDC-Sprecherin Martha.

Das bestätigt auch ein Blick in die Studie: Von 3900 Schwangeren, die an der Studie teilnehmen, wurde bei einem Großteil (2740) zwar erste Daten erhoben, aber noch keine Untersuchungen durchgeführt, weil diese noch schwanger sind. Sie wurden früh, also in den ersten beiden Trimestern geimpft. Eine abschließende Berücksichtigung ist deshalb in dem Zwischenbericht nicht möglich.

Martha schrieb weiter: "Die Ergebnisse der Schwangerschaften, die von den Personen im Register berichtet wurden, waren ähnlich dem, was wir unter schwangeren Personen in der allgemeinen Bevölkerung erwarten würden, die keinen Impfstoff erhalten haben." Die CDC haben in der Stichprobe einen Anteil von 12,6 Prozent Fehlgeburten gefunden.

(Update 01. Oktober 2021: Am 8. September 2021 veröffentlichten die CDC ein Update der Daten vom 17. Juni. Darin heißt es, dass nun mehr Daten vorliegen würden. Laut der Aktualisierung wurden 905 abgeschlossene Schwangerschaften telefonisch nachuntersucht und gleichzeitig weitere Schwangere aus dem V-Safe-Schwangerschaftsregister zu den weiterhin laufenden Beobachtungen hinzugefügt. Laut der Aktualisierung und einer E-Mail der CDC-Sprecherin Martha vom 27. September an AFP hat sich der Anteil der Fehlgeburten in der Stichprobe um lediglich 0,2 Prozentpunkte auf 12,8 Prozent erhöht.)

Dieses Risiko liegt auf dem Niveau des Risikos eines natürlichen ungewollten Schwangerschaftsabbruchs. Pro Familia erklärt in einem Familienplanungsrundbrief allgemein: "Die Abortrate (Anm. d.Red: die Fehlgeburtsrate) wird mit 12 bis 16 Prozent angegeben. Ebenso steigt die Abortrate mit zunehmendem Lebensalter der Frau an." Dieses Risiko sei allgemein am Anfang der Schwangerschaft am höchsten und würde dann kontinuierlich sinken. Die Gründe für eine Fehlgeburt können dabei sehr unterschiedlich sein.

Sogar einer der Blogs mit den irreführenden Behauptungen verlinkt einen Artikel des WDR Wissenschaftsmagazins Quarks. Darin wird ebenfalls ein natürliches Fehlgeburtsrisiko von zwölf bis 24 Prozent erklärt.

Risiko oder Nutzen der mRNA-Impfung für Schwangere

Während es von den CDC und der WHO Impf-Empfehlungen für Schwangere gibt, hält sich die Ständige Impfkommision (Stiko) in Deutschland mit einer Empfehlung zurück. Auf seiner Internetseite begründet das Robert-Koch-Institut das mit "aktuell sehr limitierten Daten zur Anwendung der Covid-19-Impfstoffe in der Schwangerschaft".

Das RKI verweist allerdings auf eine Risiko-Nutzen-Bewertung der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Nationalen Stillkommission (NSK). Darin werden als Entscheidungshilfe verschiedene Aspekte thematisiert. Risiken wie erhöhte Fehlgeburtsraten durch Covid-Impfungen werden ausgeschlossen. So heißt es in einem in der Bewertung verlinkten Positionspapier des Europäisches Netzwerks der Teratologie-Informationsdienste:

"Weltweit wurde eine sehr große Anzahl schwangerer Frauen geimpft, ohne dass es Anzeichen für unerwünschte Auswirkungen auf die Schwangere oder den Fötus gab. Es gibt dokumentierte Post-Marketing-Daten von mehr als 40.000 Schwangeren, die mit COVID-19 geimpft wurden, ohne Anzeichen für ein erhöhtes Risiko von Morbidität oder Mortalität."

Weiter verweisen die Papiere auf ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-Krankheitsverläufe bei Schwangeren.

Fazit: Die Behauptung, die Daten der Analyse der CDC würde belegen, dass früh geimpfte Schwangere nach einer mRNA-Impfung ein stark erhöhtes Risiko hätten, ihr Kind zu verlieren, ist irreführend. Die CDC-Studie selbst und auch die zuständige US-Behörde erklären, dass bei den Berechnungen der beiden Blog-Artikel wichtiger Kontext fehlt. Der Großteil der in den ersten beiden Dritteln geimpften Schwangeren sind noch immer schwanger und wurden wegen der dadurch fehlenden Daten über den Schwangerschaftsausgang nicht in die aktuell geteilte CDC-Analyse einbezogen. Um den prozentualen Anteil an Schwangerschaftsabbrüchen zu berechnen, müssten diese Frauen aber einbezogen werden. Das passiert in den Blog-Artikeln nicht.

1. Oktober 2021 Update zu aktualisierten CDC-Daten hinzugefügt.
7. September 2021 Rechtschreibfehler verbessert.
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