
Vorsicht beim Umgang mit EMA-Meldungen zu Impfnebenwirkungen
- Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
- Veröffentlicht am 5. Juli 2022 um 13:26
- 6 Minuten Lesezeit
- Von: Saladin SALEM, AFP Deutschland
Copyright © AFP 2017-2025. Für die kommerzielle Nutzung dieses Inhalts ist ein Abonnement erforderlich. Klicken Sie hier für weitere Informationen.
Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben das Sharepic mit den angeblichen EMA-Daten auf Facebook verbreitet (hier, hier, hier). Darauf zu sehen ist das Wasserzeichen des Senders Auf1. Auf der Telegram-Seite des Senders wurde das Sharepic ebenfalls am 11. Juni 2022 veröffentlicht und wurde seither Hunderttausende Male angesehen.
Die Behauptung: In einem Sharepic werden "offizielle Zahlen" zu "Impf-Nebenwirkungen" aus der Datenbank der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) verbreitet. Dazu heißt es: "Covid-19-Spritze: 1,3 Mio. schwere "Nebenwirkungen". Auch 25.000 Todesfälle seien in der Datenbank verzeichnet. Weiter wird behauptet: "Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen."

Seit der Zulassung der Covid-Impfstoffe im Dezember 2020 und den weltweit folgenden Impfkampagnen kursieren immer wieder falsche Behauptungen über Impfstoffe und ihre Nebenwirkungen. Angeblich manipulierten diese menschliche Gene, mal führten sie zu unkontrollierbarem Zellsterben. Auch die EMA-Datenbank ist immer wieder Thema irreführender Erzählungen (hier, hier). AFP hat bereits mehrfach die Behauptung widerlegt, dass die Daten aus der Datenbank Tausende Todesfälle belegten.
Die Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen der EMA sammelt nach eigenen Angaben "Verdachtsfälle von unerwünschten Nebenwirkungen" im Europäischen Wirtschaftsraum, die im Zusammenhang mit zugelassenen Arzneimitteln stehen könnten. Dazu gehören auch Verdachtsfälle im zeitlichen Kontext von Covid-19-Impfungen.
Wie sind EMA-Daten zu beurteilen?
Die in dem Sharepic dargestellten Zahlen werden als "offizielle Zahlen aus der EMA-Datenbank" zu Impfnebenwirkungen bezeichnet. Allerdings wird hier ein wichtiger Hinweis aus der Datenbank der Europäischen Arzneimittel-Agentur unterschlagen.
Diese führt einen speziellen Hinweis zur Beurteilung von Meldungen zu Covid-19-Impfstoffen auf ihrer Website: "Die Informationen auf dieser Website beziehen sich auf vermutete Nebenwirkungen, das heißt medizinische Ereignisse, die nach der Verabreichung der Covid-19-Impfstoffe beobachtet wurden, aber nicht unbedingt mit dem Impfstoff zusammenhängen oder durch ihn verursacht werden."
Zu Meldungen von Todesfällen heißt es auf der EMA-Seite, die Datenbank gebe nicht die Gesamtzahl an Todesfällen wieder. Stattdessen würde die Zahl der Todesfälle für bestimmte Reaktionsgruppen oder Reaktionen erfasst, zum Beispiel Herzinfarkte. Da einzelne Fälle mehr als eine Reaktion aufweisen können, liege die Gesamtzahl der Todesfälle je Reaktionsgruppe höher als die Gesamtzahl aller Todesfälle.
Vor Einsicht der Datenbank erscheint zudem ein Haftungsausschluss, in welchem es heißt: "Die Informationen auf dieser Website sind nicht als Bestätigung zu verstehen, dass zwischen dem jeweiligen Arzneimittel und der/den beobachteten Reaktion/en ein Zusammenhang besteht." Die Informationen auf der Website würden vermutete Zusammenhänge betreffen und die Beobachtungen und Ansichten des Melders widerspiegeln.

Auf AFP-Anfrage erläuterte eine EMA-Sprecherin bereits am 29. April 2022: "Berichte über vermutete Nebenwirkungen von Arzneimitteln reichen selten aus, um zu beweisen, dass eine bestimmte vermutete Wirkung durch ein bestimmtes Arzneimittel, zum Beispiel einen Covid-19-Impfstoff, verursacht wurde. Bei den meisten Arzneimitteln und Impfstoffen wird die überwiegende Mehrheit der vermuteten Nebenwirkungen letztlich nicht als solche bestätigt. Bei Fällen mit tödlichem Ausgang ist es schwierig, die tatsächliche Todesursache mit Sicherheit festzustellen, selbst wenn alle Daten, einschließlich der Autopsieergebnisse, verfügbar sind". Die EMA habe nicht die Aufgabe, die Todesursache festzustellen, betonte sie.
Welche Zahlen gibt die EMA an?
In dem nun verbreiteten Sharepic wird die Zahl der verzeichneten Impf-Todesfälle mit 25.076 angegeben. Die Zahl selbst findet sich allerdings nicht in der EMA-Datenbank wieder, dort wird keine Gesamtzahl an Todesverdachtsfällen ausgegeben, sondern nur die beschriebene Aufschlüsselung nach Reaktionen und Reaktionsgruppen. Die Daten aus dem Sharepic ähneln allerdings den Angaben auf der Website "Impfnebewirkungen.net", einer Seite, die angibt, die Daten der EMA selbst in Übersichten zusammenzufassen.
AFP prüfte die Angaben mit der EMA-Datenbank gegen. Am 29. Juni 2022 betrug für alle zugelassenen Corona-Impfstoffe die addierte Zahl von Verdachtsfällen mit Todesfolge 45.982 (Anm. d. Red.: Die EMA aktualisiert Zahlen stetig). Dies unterscheidet sich von den Angaben im Auf1-Sharepic. Auf AFP-Anfrage vom 28. Juni erläuterte Auf1-Chefredakteur Stefan Magnet nicht näher, wie die Redaktion auf die selbst errechneten Zahlen kam. Diese seien auf Basis der EMA-Datenbank zusammengefasst worden.
Die errechnete Zahl beschreibt allerdings keine tatsächliche Gesamtzahl an verstorbenen Menschen, sondern die kumulierte Anzahl an Beschwerden mit Todesfolge. So kann ein Toter mehrere Beschwerden gehabt haben, die die EMA alle einzeln aufführt und auch einzeln zählt. Auch fehlt eine Bestätigung des ursächlichen Zusammenhangs zwischen Impfung und Todesfolge.
Die EMA-Sprecherin erklärte im April 2022 daher ebenfalls, es sei nicht sinnvoll, die Zahlen aus der Datenbank zu addieren. "In dieser öffentlichen Datenbank werden die Informationen nach Art der Nebenwirkungen zusammengefasst. Da ein Bericht mehr als eine vermutete Nebenwirkung enthalten kann, wird die Gesamtzahl der Nebenwirkungen niemals mit der Zahl der einzelnen Berichte übereinstimmen."
Ebenso wenig liefere die Website die Gesamtzahl der gemeldeten Fälle mit tödlichem Ausgang, sagte sie mit Blick auf bereits damals kursierende falsch interpretierte EMA-Zahlen: "Daher sind die Daten, die in vielen Artikeln und Beiträgen in sozialen Netzwerken kursieren, nicht korrekt".
Ein Beispiel: Im Fall eines am 19. März 2021 im zeitlichen Zusammenhang mit einer Moderna-Impfung verstorbenen Patienten wurden neun unterschiedliche tödliche Reaktionen aufgelistet. Die EMA führt diese entsprechend in neun Kategorien auf. Dennoch handelt es sich nur um einen Todesfall und nicht um neun Fälle. Den kausalen Zusammenhang beweist der Eintrag ebenfalls nicht.

Im letzten EMA-Sicherheitsbericht für die in Europa zugelassenen Corona-Impfstoffe vom 17. Juni 2022 werden bereinigte Angaben zu ebenfalls unbestätigten Verdachtsfallmeldungen von Todesfällen gemacht. Darin werden insgesamt 10.842 Verdachtsfälle mit tödlichem Ausgang gelistet.

Auch zu diesen Zahlen heißt es allerdings im Bericht: "Diese Berichte beschreiben vermutete Nebenwirkungen bei Einzelpersonen, das heißt medizinische Ereignisse, die nach der Verwendung eines Impfstoffs beobachtet wurden. Die Tatsache, dass jemand nach einer Impfung ein medizinisches Problem hatte oder gestorben ist, bedeutet nicht unbedingt, dass dies durch den Impfstoff verursacht wurde. Dies kann beispielsweise durch gesundheitliche Probleme verursacht worden sein, die nicht mit der Impfung zusammenhängen."
Ebenso wie die Todesfallmeldungen sind auch alle anderen Reaktionen in der Datenbank der EMA als Verdachtsfälle zu betrachten, die nicht unbedingt mit dem Impfstoff zusammenhängen.
Laut letztem PEI-Sicherheitsbericht vom 4. Mai 2022 wurden in Deutschland 2810 Todesfälle in zeitlichem Abstand zu einer Impfung gemeldet. Bestätigte Zusammenhänge gibt es aber deutlich weniger: "116 Fälle wurden vom Paul-Ehrlich-Institut als konsistent mit einem ursächlichen Zusammenhang mit der jeweiligen Covid-19-Impfung bewertet." Weiter heißt es: "Ein Vergleich der Anzahl der gemeldeten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen mit tödlichem Ausgang im Abstand von einem Tag bis 30 Tagen nach einer Covid-19-Impfung mit der im gleichen Zeitraum statistisch zufällig zu erwartenden Anzahl der Todesfälle (Daten des Statistischen Bundesamtes) ergab für keinen der fünf zugelassenen Covid--19-Impfstoffe ein Risikosignal."
Dem österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) wurden laut dessen Bericht bis zum 27. Mai 2022 in zeitlicher Nähe zu einer Covid-19-Impfung 285 Todesfälle gemeldet. Für einen Großteil davon gebe es noch keine gesicherten Ergebnisse, ob ein Zusammenhang zur Impfung bestehe.
Fazit: Die Behauptung, die Datenbank der EMA führe mehr als 25.000 Todesfälle nach Covid-19-Impfungen auf, ist irreführend. Aus der Datenbank gehen lediglich Verdachtsfälle tödlicher Reaktionen hervor und keine Gesamtzahl an Todesfällen. Ein ursächlicher Zusammenhang zur Impfung geht aus den Zahlen ebenfalls nicht hervor. Die EMA zeigt nur Verdachtsfälle "nach", aber nicht "durch" die Impfung. In einem Bericht der Behörde aus dem Juni 2022 werden zudem nur etwas mehr als 10.000 solcher Verdachtsfälle genannt, die in zeitlichen Abstand nach einer Impfung beobachtet wurden.