Nein, dieser russische Hubschrauber trug aktuell nicht die Aufschrift "Nach Berlin"

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Hunderte User sahen seit Mitte März das Fotos eines angeblich in der Ukraine abgeschossenen Kampfhubschraubers, der die russische Aufschrift "Nach Berlin" getragen haben soll. Die Fotos sind irreführend. Die Aufnahme mit dem Schriftzug stammt von 2017. Der Slogan geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück und ist bis heute Teil der russischen Erinnerungskultur.

Dutzende Facebook-Nutzerinnen und Nutzer haben seit Mitte März einen Beitrag geteilt (hier, hier), der angeblich Fotos eines in der Ukraine abgeschossenen russischen Hubschraubers zeigt. Auf einem Foto ist die Aufschrift "Nach Berlin" in kyrillischer Schrift zu lesen. Auch auf Twitter und Instagram sahen Tausende User den Beitrag. Er wurde zudem auf Englisch und Ukrainisch verbreitet. Auch das ukrainische Fernsehen berichtete.

Die Behauptung: Der Beitrag besteht aus zwei Fotos, die angeblich denselben russischen Hubschrauber bei seinem Einsatz in der Ukraine zeigen. Das erste Foto zeigt den Hubschrauber in der Luft fliegend. Auf der linken Seite sind am Heck des Helikopters die Worte "Nach Berlin" ("Hа Берлин") in kyrillischen Buchstaben zu erkennen. Das zweite Bild zeigt Trümmerteile eines Hubschraubers auf einem Feld. Angeblich handelt es sich dabei um denselben Hubschrauber. Im Text über den Bildern heißt es: "Einer der Hubschrauber der russischen Aggressoren, der am 5. März von den Streitkräften der Ukraine abgeschossen wurde, trug die Aufschrift 'Nach Berlin'."

Facebook-Screenshot der Behauptung: 24.03.2022

Zum Krieg in der Ukraine verbreitet sich derzeit eine Vielzahl falscher oder irreführender Informationen in sozialen Netzwerken. AFP sammelt Faktenchecks im Kontext des Kriegs in der Ukraine hier.

In einem der Facebook-Postings ist auf dem Foto des fliegenden Helikopters am unteren Bildrand ein schwarzer Balken zu erkennen. Hier finden sich verschiedene Angaben zur Herkunft des Bildes: der Name des Urhebers, "A. Proskurin", die Foto-ID 213151 und die Adresse einer Website, "RussianPlanes.NET". Auf dem Heck des Hubschraubers ist zudem die Zahlen-Buchstaben-Kombination "RF-91165" zu lesen.

Die Webseite russianplanes.net, laut eigener Beschreibung ein Portal für Flugfotografie, bietet unter anderem ein Register ziviler und militärischer Flugzeuge und Hubschrauber aus Russland. Eine Suche auf der Website nach RF-91165 führt zu einer Übersicht, in der auch das Foto des fliegenden Hubschraubers aus dem Facebook-Post auftaucht. Demnach handelt es sich um einen Kampf- und Transporthubschrauber des Typs Mi-8AMTSh mit der individuellen Kennung RF-91165.

Screenshot von russianairplanes.net: 29.03.2022

Das Foto auf der Website ist dasselbe Bild wie in dem Posting. Es zeigt den Hubschrauber mit der individuellen Identifikationsnummer RF-91165 aus derselben Perspektive und vor demselben Hintergrund. Die Heckaufschrift "Nach Berlin" ist deutlich zu erkennen und wird auch in der Bildbeschreibung erwähnt. Die Daten des Fotos auf der Website stimmen mit den Angaben aus dem Posting überein: Auf russianplanes.net trägt es die Foto-ID 213151, als Urheber ist Andrej Proskurin vermerkt. Das Foto stammt allerdings nicht aktuell aus der Ukraine, sondern wurde nach Angaben von russianplanes.net 2017 auf dem militärischen Übungsgelände Pogonowo im westrussischen Oblast Woronesch angefertigt.

Das Foto entstand wahrscheinlich während des militärischen Flugwettbewerbs "Aviadarts-2017", der einer Meldung der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti zufolge vom 14. bis 27. Juni 2017 auf dem Übungsgelände Pogonowo stattfand. In einem russischen Online-Forum finden sich verschiedene Bilder des Wettbewerbs. Ein Foto, das ein User am 18. Juni 2017 dort hochgeladen hat, zeigt den Hubschrauber mit der Kennung RF-91165 und der Aufschrift "Nach Berlin". Laut Bildbeschreibung entstand es während des Flugwettbewerbs.

Das zweite Bild in dem Facebook-Post, das den abgestürzten Hubschraubers zeigt, fand AFP zum ersten Mal in einem Post vom 5. März 2022, dem angeblichen Tag des Abschusses. In dem Tweet wird der abgestürzte Hubschrauber zusammen mit dem älteren Bild gezeigt. Am 17. März teilte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte die Meldung des Abschusses auf seiner Facebook-Seite. Auf den Trümmern des Helikopters ist dieselbe Identifikationsnummer, RF-91165, wie auf dem Bild des fliegenden Hubschraubers mit der Aufschrift "Nach Berlin" zu erkennen. Es handelt sich demnach auf beiden Bildern wahrscheinlich um denselben Hubschrauber.

Auf russianplanes.net finden sich weitere Bilder des Hubschraubers. Das jüngste stammt nach Angaben der Webseite von 2018 – ein Jahr nachdem das Foto des fliegenden Hubschraubers entstanden ist. Es zeigt den Hubschrauber mit der Kennung RF-91165 aus einer ähnlichen Perspektive wie das aktuell geteilte Foto. Auf dem Bild von 2018 ist die Aufschrift "Nach Berlin" auf der linken Seite nicht mehr zu sehen.

Neue Bezeichnung der Luftstreitkräfte

Auffällig ist, dass sich eine weitere Aufschrift am Heck des Hubschraubers auf beiden Bildern unterscheidet. So steht auf dem Foto des fliegenden Hubschraubers neben der Identifikationsnummer in Blockbuchstaben "BBC POCCИИ", während auf den Trümmern des abgeschossenen Hubschraubers "BKC POCCИИ" zu lesen ist.

Diese unterschiedlichen Bezeichnungen sind ein weiteres Indiz dafür, dass das Foto des fliegenden Hubschraubers nicht während des Ukraine-Krieges entstanden ist. Die Luftstreitkräfte der Russischen Föderation (russisch: Военно-воздушные силы Российской Федерации) mit der Abkürzung BBC POCCИИ und die Streitkräfte der Luft-Weltraum-Verteidigung wurden per Erlass Präsident Wladimir Putins am 1. August 2015 zusammengelegt. Seitdem tragen die gemeinsamen Luft- und Weltraumstreitkräfte der Russischen Föderation (russisch: Воздушно-космические силы Российской Федерации) die Abkürzung BKC POCCИИ.

Auch die Farbgebung unterscheidet sich auf den beiden Fotos: Während der fliegende Hubschrauber auf dem Foto von 2017 einfarbig blaugrau erscheint, zeigen die Wrackteile auf dem Foto des abgeschossenen Helikopters einen grün-beige gefleckten Tarnanstrich. Auch die individuelle Kennzahl ist deutlicher erkennbar. Vermutlich wurde der Helikopter also zwischen 2017 und 2022 umlackiert und mit der neuen Kennung der russischen Luftwaffe versehen.

Schlachtruf der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg

Der Schriftzug "Nach Berlin" sagt darüber hinaus nichts über das vermeintliche Ziel des Hubschraubers aus. Die Parole "Nach Berlin" entstand im Zweiten Weltkrieg im Zuge des Kampfs der Roten Armee gegen das nationalsozialistische Deutschland. Nach Ansicht von Experten für Militärgeschichte wird er bis heute als Ausdruck der Unterstützung der russischen Streitkräfte verwendet.

Jörg Morré ist Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, das die Geschichte des deutsch-sowjetischen Krieges zwischen 1941 und 1945 behandelt. "Die Parole taucht im Sommer 1944 auf, als die Rote Armee die Reichsgrenzen überschreitet", sagte Morré in einem Telefonat mit AFP am 28. März 2022. "Moskau wollte damit seinen Soldaten klar machen, dass der Kampf gegen den Faschismus nicht mit der Befreiung der Sowjetunion endet."

Der Schlachtruf "Nach Berlin" sei als Motivation für die Soldaten und Ausdruck der Siegeszuversicht verwendet worden. "Die Rote Armee müsse den Aggressor dort fassen und vernichten, wo er sitzt, und das war eben Berlin", erläuterte Morré die Bedeutung. Die Worte wurden vorrangig auf Gegenstände geschrieben: auf Panzer, Raketen, Bomben, Hauswände und Schilder, die Soldaten an Stadteingängen aufstellten, fand sich aber auch auf Plakaten.

Nach dem Krieg wurde die Parole Teil der russischen Erinnerungskultur des Zweiten Weltkriegs, sagte Morré. "Wir sehen eine starke ikonografische Verwendung des Spruchs. Er wurde auf Plakate und Postkarten gedruckt, die jedes Jahr am 9. Mai, dem Tag der Befreiung, gezeigt wurden." Der Schlachtruf "Nach Berlin" stehe in Russland für ein eingelöstes Versprechen und werde bis heute verwendet. "Die Worte kennt noch heute jeder Russe. Die Zuschreibung von militärischem Sieg ist gesellschaftlich bekannt und weit verbreitet."

Ähnlich äußerte sich Jens Wehner, Historiker am Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. "Der Spruch diente der Propaganda und sollte den Soldaten das Endziel des Krieges, den Sieg über das Deutsche Reich verdeutlichen. Es gab auch andere häufig verwendete Sprüche dieser Art wie zum Beispiel 'Für die Heimat' oder 'Für Stalin'", erklärte Wehner am 29. März 2022 in einer E-Mail gegenüber AFP. Er sei in propagandistischen Aufrufen verwendet und auf militärische Geräte geschrieben worden.

Wehner sagte, der Spruch sei bis heute im kollektiven Gedächtnis Russlands präsent. Dabei sei der Bezug zum Zweiten Weltkrieg in der Regel deutlich. Eine mögliche Erklärung für die Aufschrift auf dem Hubschrauber könnte laut Wehner die Bezugnahme auf die Siege der Roten Armee sein. "Das entspricht der Tradition der Russischen Armee die sich stark auf die militärischen Erfolge der Roten Armee bezieht."

"Nach Berlin" als Bekenntnis zu den russischen Streitkräften

Dass die Parole bis heute populär in Russland ist, belegen mehrere Bilder. Ein Weltkriegsdrama des russischen Regisseurs Sergei Popov erschien beispielsweise 2015 unter dem Titel "Straße nach Berlin". Im Jahr 2017 fuhr einem russischen Medienbericht zufolge anlässlich des Tags des Sieges am 9. Mai eine Panzerattrappe mit der Aufschrift "Nach Berlin" durch die russische Stadt Swobodny. Die russische Airline Pobeda warb einem Artikel des MDR zufolge 2018 mit dem Slogan für Billigflüge von Moskau nach Leipzig.

Russische Online-Shops verkaufen aktuell Aufkleber für Autos mit dem Spruch. Die Europa-Abgeordnete Viola von Cramon (Grüne) teilte am 21. März 2022 einen Beitrag auf Facebook, der augenscheinlich Autos in Russland mit solchen Aufklebern zeigt. Auch in Berlin selbst ist die Parole bis heute zu finden: Das Haus der Befreiung an der Landsberger Allee erinnert mit seiner Fassade an die Befreiung Berlins durch die Rote Armee 1945.

Fazit: Der Beitrag ist irreführend. Die beiden Fotos zeigen tatsächlich denselben Hubschrauber, die Bilder sind jedoch mit mehreren Jahren Abstand entstanden. Das Bild, das den Hubschrauber mit der Aufschrift "Nach Berlin" zeigt, wurde im Juni 2017 hochgeladen – fünf Jahre vor Beginn des Kriegs in der Ukraine. Es gibt keine Belege dafür, dass der Hubschrauber die Aufschrift auch in der Ukraine trug. Der Slogan "Nach Berlin" ist nach Ansicht von Militärhistorikern seit Jahrzehnten Teil der russischen Erinnerungskultur und im zeitgenössischen Kontext vor allem als Ausdruck der Unterstützung für die russischen Streitkräfte zu verstehen.

7. April 2022 Tippfehler korrigiert
1. April 2022 Formulierung in Headerbild aktualisiert
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