Nein, der russische UN-Botschafter hat nicht vom Sturz Donald Trumps gesprochen

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang März ein Video gesehen, in dem der russische UN-Botschafter angeblich davon spricht, dass der ehemalige US-Präsident Donald Trump gestürzt worden sei. Die Behauptung ist falsch. Tatsächlich spricht der Diplomat über den früheren ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, wie die vollständige Aufnahme seiner Rede zeigt.

Hunderte Facebook-User haben seit Anfang März einen Beitrag gesehen (hier, hier), wonach der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen gesagt habe, dass der ehemalige US-Präsident Donald Trump gestürzt worden sei. Auch auf Telegram sahen Tausende User die Behauptung. Der Beitrag verbreitete sich zudem auf Englisch. AFP widerlegte die Behauptung zuerst hier.

Die Behauptung: Im Postingtext heißt es auf Englisch und Deutsch: "Der russische Botschafter bei der UNO sagte, dass Trump der rechtmäßig gewählte Präsident der Vereinigten Staaten war, der gestürzt wurde." Angeblich hätten "dieselben Leute, die die Ukraine gestürzt haben", auch Trump gestürzt.

Die Behauptung basiert auf einem elf Sekunden langen Clip, der den russischen UN-Botschafter Wassili Nebensja bei einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zeigt. Eine Simultanübersetzerin gibt seine Worte auf Englisch wieder. Sie sagt: "Geduldet von Deutschland, Frankreich und Polen und mit Unterstützung der USA, wo der rechtmäßig gewählte Präsident des Landes gestürzt worden ist."

Facebook-Screenshot der Behauptung: 18.03.2022

Botschafter spricht über Janukowitsch, nicht Trump

Das Video vom Auftritt des russischen Vertreters Wassili Nebensja in der UN-Generalversammlung entstand am 2. März 2022 während einer Dringlichkeitssitzung des Gremiums anlässlich der russischen Invasion der Ukraine. Russische Truppen hatten am 24. Februar das Nachbarland angegriffen.

Am 2. März stimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen in einer Dringlichkeitssitzung mit großer Mehrheit für die Annahme einer Resolution, die den russischen Überfall verurteilte. Darin wird Russland aufgefordert, "all seine militärischen Kräfte umgehend vollständig und bedingungslos aus dem Territorium der Ukraine innerhalb der international anerkannten Grenzen zurückzuziehen". Von 181 anwesenden Mitgliedstaaten unterstützen 141 die Resolution, während fünf – darunter Russland – dagegen stimmten und sich 35 Länder enthielten.

Während der Sitzung der Generalversammlung am 2. März ergriff der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja das Wort. Die Debatte ist auf dem offiziellen Youtube-Account der Vereinten Nationen in diesem Video dokumentiert. Der aktuell geteilte Clip zeigt lediglich einen Ausschnitt von Nebensjas Redebeitrag. Die entsprechende Stelle beginnt bei 1:30:42:

Laut der Simultanübersetzerin im Sicherheitsrat sagte Nebensja in der UN-Generalversammlung über die zur Abstimmung stehende Resolution: "Sie [die Resolution] erwähnt nicht den illegalen Umsturz in Kiew im Februar 2014, bei dem, geduldet von Deutschland, Frankreich und Polen, und mit Unterstützung der USA, wo der rechtmäßig gewählte Präsident des Landes gestürzt worden ist." Der aktuell geteilte Clip gibt lediglich den letzten Teil des Satzes wieder, wodurch der Eindruck entsteht, der Einschub "...wo der rechtmäßig gewählte Präsident des Landes gestürzt worden ist", beziehe sich auf die USA. Tatsächlich bezieht er sich auf den von Nebensja als "illegal" bezeichneten Umsturz in Kiew.

Mit dem "illegalen Umsturz in Kiew" bezieht sich Nebensja auf die Euromaidan-Proteste in Kiew zwischen November 2013 und Februar 2014, in deren Folge der damalige ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch vom Parlament abgesetzt wurde. Nach dem Umsturz besetzten prorussische Truppen die Krim sowie Gebiete im Osten der Ukraine.

Auf der Webseite der russischen UN-Vertretung ist eine englische Übersetzung von Nebensjas Redebeitrag dokumentiert. Hier findet sich der betreffende Satz in leicht abgewandelter Form wieder: "Noch erwähnt sie [die Resolution] den illegalen Umsturz in Kiew 2014, bei dem ein rechtmäßig gewählter Präsident mit der Duldung Deutschlands, Frankreichs und Polens und mit Unterstützung der USA gestürzt worden ist." Eine AFP-Anfrage zu der Rede ließ die russische UN-Vertretung unbeantwortet.

Widerlegte Behauptungen über angeblichen Betrug bei der US-Wahl

Der frühere US-Präsident Donald Trump hatte nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 2020 wiederholt behauptet, die Wahl sei manipuliert worden. AFP hat diese Behauptungen in der Vergangenheit mehrfach widerlegt. Trump wurde nicht abgesetzt, sondern verlor die Wahl gegen den jetzigen US-Präsidenten Joe Biden. Weder in der Videoaufzeichnung, noch in dem Protokoll seiner Rede vom 2. März erwähnt Nebensja allerdings Trump.

Die Fehlinterpretation geht auf einen Tweet des US-amerikanischen Nachrichtenportals "The Recount" zurück, das den Clip am 2. März auf seinem Twitter-Account geteilt hat und den Bezug zu Trump herstellte. Im aktuell geteilten Clip ist in der oberen linken Ecke das Logo von "The Recount" in weißer Schrift zu erkennen. Noch am selben Tag löschten die Betreiber den Tweet und räumten ein, dass ihnen bei der Interpretation von Nebensjas Aussagen ein Fehler unterlaufen sei:

Fazit: Die Behauptung in dem aktuell geteilten Video ist falsch. Der russische UN-Botschafter sprach am 2. März in der Generalversammlung der Vereinten Nationen tatsächlich von einem gestürzten Präsidenten. Dabei bezog er sich allerdings auf den früheren ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, der 2014 in Folge der Maidan-Proteste entmachtet wurde, nicht auf den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Donald Trump wurde regulär abgewählt.

Übersetzung:
Ukrainekonflikt US Politik