
Nein, diese Studie belegt keine Erbgut-Veränderungen durch mRNA-Impfungen
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- Veröffentlicht am 21. März 2022 um 16:39
- 8 Minuten Lesezeit
- Von: Saladin SALEM, Julie CHARPENTRAT, AFP Deutschland, AFP Frankreich
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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben Artikel zu der Studie auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auch auf Telegram sahen Hunderttausende die Behauptungen zum Übergang der Impf-mRNA ins menschliche Erbgut (hier, hier). AFP wurde zudem von Usern über WhatsApp auf die Studie aufmerksam gemacht. Mehrere Blog-Artikel (hier, hier) griffen die angeblichen Ergebnisse der Studie auf.
Die Behauptung: Die Studie dient als vermeintlicher Beleg für die Behauptung, dass die mRNA aus Corona-Impfstoffen das menschliche Erbgut verändern könnten. Die "Genom-Veränderung" sei damit bestätigt. Leberzellen würden sich innerhalb von sechs Stunden verändern und mit dem neuen Erbgut überschrieben werden. Außerdem leiten die Posting-Autoren eine erhöhte Krebsgefahr aus der Studie ab.

Um welche Studie geht es?
Grundlage der Behauptungen ist eine am 25. Februar 2022 erschienene Studie der schwedischen Universität Lund, die auf der Wissenschafts-Plattform MDPI veröffentlicht wurde.
In der Studie geht es um die Wirkung von BNT162b2, dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer, auf die menschliche Leberzelllinie Huh7 in vitro, also im Labor.
Die Forschenden erklären in der Studie: "Unsere Ergebnisse deuten auf eine schnelle Aufnahme von BNT162b2 in die menschliche Leberzelllinie Huh7 hin." Die Impf-mRNA sei zudem in der Zelle innerhalb von sechs Stunden in DNA umgeschrieben worden. Dies geschehe durch eine spezielle "reverse Transkriptase", ein Enzym zum Umschreiben von RNA in DNA. Notwendig dafür sind sogenannte Transposonen, wie das in der Studie untersuchte "LINE-1". Bei den "long interspersed nuclear elements" (LINE) handelt es sich um ein bewegliches Element des Genoms, das seinen Standort auf einem Gen ändern kann.
RNA wird nicht spontan in DNA umgewandelt
Die untersuchte Umschreibung in DNA scheint auf den ersten Blick einer der Grundlagen der Molekularbiologie zu widersprechen: RNA wird nicht spontan in DNA umgewandelt (hier, hier).
Bereits in der Vergangenheit widerlegte AFP ähnliche Behauptungen, wonach Corona-Impfungen angeblich die menschliche DNA verändern könnten (hier, hier). Die RNA der Impfung gelangt nicht in den Zellkern, wo sich unsere DNA befindet, sondern bleibt im Zytoplasma, dem Zellinneren, das den Zellkern umgibt. Dies bekräftigten in der Vergangenheit bereits mehrere Expertinnen und Experten gegenüber AFP.
Die Professorin für Infektionskrankheiten an der Universität von Chile, Jeannette Dabanach Peña, erklärte bereits 2020 zu den Impfungen: "Sie manipulieren die menschliche DNA nicht. Sie sind dafür gemacht, bestimmte Proteine herzustellen, damit unser Körper sie identifizieren und die notwendigen Abwehrkräfte aufbauen kann. Das macht ein Virus natürlicherweise auch und verändert dabei nicht unsere DNA."
María Victoria Sánchez, Forscherin am argentinischen Institut für experimentelle Medizin und Biologie, erklärte 2020 gegenüber AFP, dass es dabei einen Übersetzungsprozess des verabreichten genetischen Codes in ein Coronavirus-Protein gebe. Sie präzisierte: Dieser Prozess finde im sogenannten Zytoplasma statt, das den Zellkern umgibt, nicht aber im Zellkern selbst, in dem sich die DNA eines Menschen befindet. "Boten-RNA kann nicht in unsere DNA gelangen", sagte sie.
Zahlreiche Forschungsinstitute, Universitäten und Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt bestätigten ebenfalls, dass es keine DNA-Veränderung durch Corona-Impfstoffe gibt, darunter die französische Forschungseinrichtung Inserm, die französische Arzneimittelagentur ANSM und die US-Gesundheitsbehörde CDC.
Der Studienaufbau ist problematisch
Bereits kurz nach Veröffentlichung der nun verbreiteten Studie äußerten sich mehrere Experten kritisch zur schwedischen Studie. Der französische Mediziner Steve Pascolo auf Twitter sowie die Medizin-Plattform DocCheck bemängelten die Qualität der Arbeit. Schon im Aufbau der Untersuchung sei zu bemerken, dass keine normalen Leberzelllinien, sondern Leberkrebszellen sowie sehr hohe Dosen des Impfstoffs für die Studie genutzt wurden.
Auf AFP-Anfrage vom 3. März erklärte Annette Beck-Sickinger, Professorin für Biochemie und Bioorganische Chemie an der Universität Leipzig, das Problem mit den verwendeten Zelllinien:
"Huh7 ist eine Krebszelllinie, bei der ein wichtiges Protein der Zellreparatur defekt ist. Weiter ist ihr Genom durch eine große Instabilität beschrieben. Huh7-Zellen werden gerne verwendet, um Hepatitis C oder andere Viren zu kultivieren, weil das Genom instabil ist." Ein Rückschluss auf gesunde Leberzellen, die alle Reparaturproteine haben, sei daher schlichtweg unseriös.
Die in der Studie verwendete Impfstoffdosis sei darüber hinaus höher als die für Menschen übliche, erläuterte Beck-Sickinger. "Wenn man deutlich mehr nimmt, dann kann man eine Überreaktion des Immunsystems erwarten. Bei Zellen erreicht man, dass der mRNA-Nanopartikel unnatürlich lange in der Zelle bleibt, da je mehr ich auf die Zellen gebe, desto langsamer wird mRNA und Partikel abgebaut. Die Enzyme sind ja nicht erhöht. Dies führt zu nicht aussagekräftigen Ergebnissen."
Beck-Sickinger benennt zudem ein Problem der "reversen Transkriptase", also dem Umschreiben von RNA in DNA. Bestimmte Viren würden ein solches Enzym zur Umschreibung besitzen. Unsere Zellen könnten dies allerdings nicht ohne Weiteres.
Auch David Gorski, ein US-Onkologe, der sich für die Bekämpfung von Desinformation im Gesundheitswesen einsetzt, kritisierte die Studie in einem Artikel auf dem Blog Sciencebasedmedecine am 28. Februar.
Es sei "eine sehr hohe Konzentration des Impfstoffs" verwendet worden, was "an sich schon sehr künstlich ist". Eine weitere problematische Besonderheit des Experiments ist laut Gorski ebenfalls, dass die Zellen, denen der Impfstoff ausgesetzt wurde, von Leberkrebszellen abstammen, die ihrerseits in großer Menge LINE-1 nutzen, also DNA-Elemente mit Reverse-Transkriptase-Aktivität. Diese haben die Fähigkeit, sich selbst an verschiedenen Stellen des Genoms zu "kopieren" und einzufügen, indem sie RNA herstellen und diese RNA in DNA umwandeln.
"Wenn ich ein Reviewer dieser Studie gewesen wäre, hätte ich gefordert, dass die Autoren eine genomisch normalere Zelllinie verwenden", erklärte David Gorski.
Philipp Graetzel, Arzt und Medizinjournalist, erklärte über das Portal DocCheck zur Studie, dass das Umschreiben externer mRNA in DNA schon allein deshalb als abwegig gelte, "weil der Mensch nicht über das Enzym Reverse Transkriptase verfügt, das die Umschrift von RNA in DNA erledigt." Die erwähnten LINE seien eine Ausnahme, erklärte Graetzel. Diese seien ein Relikt der Evolution und besäßen zwar die Fähigkeit zur Reverse Transkriptase, seien aber in der Regel nicht aktiv.
Auch Beck-Sickinger erklärte: "mRNA allgemein befindet sich im Zytosol (Anm. d. Red.: dem flüssigen Teil rund um den Zellkern), DNA im Zellkern. In einer menschlichen Zelle kann mRNA normalerweise nicht in DNA umgeschrieben werden, es fehlt der Zelle das hierfür notwendige Enzym."
Auf AFP-Anfrage erklärte am 16. März außerdem Ann Ehrenhofer-Murray, Professorin für molekulare Zellbiologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, die untersuchten LINE-Elemente würden in normalen Zellen nur "sehr selten reaktiviert". Impfstoffe seien aber keine solche Auslöser: "Eine direkte Übertragung der Resultate auf die Verwendung des Impfstoffs ist nicht möglich.".
AFP stellte hierzu bereits in diesem französischen Faktencheck fest, dass einige Enzyme im Körper eine geringe Reverse-Transkriptase-Funktion besitzen, um RNA-Fragmente zu verwenden und kleine DNA-Reparaturen durchzuführen. Diese Funktion ist aber auf diese winzigen Fragmente des genetischen Materials und auf bestimmte Umstände beschränkt. Eine spontane Transkription ganzer RNA-Moleküle in DNA oder eine Integration in das Genom lässt sich daraus nicht ableiten.
Erbgut-Veränderung kann nicht aus der Studie abgeleitet werden
Schon die Studienautoren selbst erklären zu den Resultaten in ihrer Arbeit: “Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht, ob die von BNT162b2 revers transkribierte DNA in das Zellgenom integriert wird.” Die Studie belegt daher nicht, ob Impf-mRNA in das Erbgut übergeht und dieses verändert und behauptet dies auch nicht.
Auch Beck-Sickinger erklärte: "Es wird weder belegt, dass die Impfstoff-RNA in den Zellkern gelangt, noch wird gesagt, welches LINE-1 Gen exprimiert wird." Auch die Untersuchung der Zellbilder, wie in der Studie erfolgt, ist laut Beck-Sickinger nicht aussagekräftig.
Ehrenhofer-Murray sagte ebenfalls, dass die Integration der DNA ins Erbgut in der Studie nicht gezeigt worden sei. Die reverse Transkription allein führe nicht zwangsläufig zu diesem Vorgang. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde die umgeschriebene DNA in den untersuchten Leberzelllinien im Laufe der Zeit von den Zellen verdaut und eliminiert.
Nathalie Grandvaux, Professorin an der Abteilung für Biochemie und Molekulare Medizin der Universität Montreal, schrieb ebenfalls zu der Bewertung der Studie am 28. Februar auf Twitter: "Ich möchte zusammenfassend sagen, dass die in dieser Studie vorgelegten Daten keineswegs überzeugend und schlecht kontrolliert sind. Sie suggerieren, dass die mRNA des Pfizer-Impfstoffs in Leberzellen in DNA umgewandelt werden könnte. Die Daten belegen dies jedoch nicht." Grandvaux verweist zudem auch auf die zu hoch angesetzte Impfstoffdosis, welche in den Versuchen verwendet wurde.
AFP konfrontierte am 17. März die Online-Blogs, die die Behauptungen rund um die Studie verbreitet haben. Keiner der Blogs bezog inhaltlich zu den von AFP genannten Kritikpunkten Stellung. Auch Rückfragen an die Autoren der Studie blieben bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks unbeantwortet.
Keine Belege für Krebsentstehung durch mRNA-Impfungen
In den Blog-Artikeln zur Studie wird zudem auf die angebliche Gefahr möglicher Krebsentstehung durch mRNA-Impfungen verwiesen. Die Impfstoffe würden den Organismus schwächen. AFP überprüfte ähnliche Behauptungen bereits hier und hier.
Ein Sprecher des Niederländischen Krebs-Instituts erklärte AFP bereits am 27. August 2021: "Mir sind keine Daten bekannt, die darauf hinweisen, dass das Vorhandensein dieser Impf-Immunisierung eine Immunantwort gegen Krebszellen negativ beeinflussen würde, und aufgrund des Wirkmechanismus der Impfstoffe gibt es auch keinen Grund, dies zu vermuten."
In einem Artikel der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) vom 11. März 2021 heißt es zudem: "Viele Krebspatient*innen befürchten, dass eine Impfung eine 'schlummernde' Krebserkrankung wieder zum Ausbruch bringen kann – aus zahlreichen Impfstudien mit Krebspatient*innen und anderen Impfstoffen gibt es keine Berichte darüber, dass tatsächlich Impfungen einen Krebsrückfall auslösen können." Die Informationen zeigten: Die Covid-19-Impfung löse Krebserkrankungen ebenso wie schwere Autoimmunerkrankungen und Unfruchtbarkeit weder aus, noch verschlimmere sie sie. Die DGHO empfiehlt mit Stand vom 1. Februar 2022 auch weiterhin Corona-Impfungen für Krebserkrankte.
Eine Sprecherin des Deutschen Krebsforschungszentrums (dkfz) erklärte am 20. Oktober 2021 gegenüber AFP, eine komplette Hemmung des Immunsystems könne tatsächlich die Krebsentstehung begünstigen. Im Zusammenhang mit der Impfung könne davon aber nicht die Rede sein. "Es sind keine gestiegenen Fallzahlen im Zusammenhang mit der Impfung bekannt."
Auch die angebliche Problematik von Spike-Proteinen, die bei Impfungen entstehen und die Verwendung von Lipid-Nanopartikeln überprüfte AFP bereits in vergangenen Faktenchecks.
Fazit: Die Studie liefert keinen Beleg für eine Veränderung oder Integration des menschlichen Erbguts durch mRNA-Impfstoffe. Der in Leberkrebszellen untersuchte Vorgang der Umschreibung in DNA kann nicht ohne Weiteres bei normalen Zellen stattfinden. Diese besitzen diese Fähigkeit in der Regel nicht. Die Studienresultate können nicht direkt auf die Verwendung der Corona-Impfstoffe übertragen werden.