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Nein, dieses Foto beweist nicht die massenhafte Entsorgung von Ukraine-Spenden

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Hunderte Facebook-Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang März ein Foto verbreitet, das angeblich zeigt, wie Spenden für Menschen in der Ukraine auf einem bayerischen Firmengelände als Abfall entsorgt werden. Das Bild ist irreführend. Es zeigt Verpackungsmaterialien und aussortierte Gegenstände, die nicht als Spenden geeignet waren. Tatsächlich wurden mehr als 200 Tonnen Spenden von den Organisatoren in die Ukraine gebracht.

Hunderte Facebook-User haben seit Anfang März einen Beitrag geteilt (hier, hier), in dem behauptet wird, dass Spenden, die für Menschen in der Ukraine bestimmt waren, im großen Stil vernichtet worden seien. Auch auf Telegram sahen Tausende die Behauptung. Ein ähnliches Posting auf Tschechisch teilten Tausende User und auch auf Englisch verbreitete sich die Behauptung.

Die Behauptung: Das Bild zeigt einen Haufen aus Pappkartons und Müllsäcken auf einem eingezäunten Platz. In der Bildbeschreibung heißt es: "Das sind die Dinge die wir nicht sehen sollen. Heute in der Oberpfalz aufgenommen, 6 !!! LKW mit Hilfsgüter für das Kriegsgebiet Ukraine welche wieder entladen wurden um anschließend in der örtlichen Müllverbrennung zu landen." Mit dem Hinweis darauf, dass die Lkw trotzdem in die Ukraine gefahren seien, endet der Text mit der Behauptung: "So werden Waffen geliefert."

Facebook-Screenshot der Behauptung: 15.03.2022

In sozialen Netzwerken verbreitet sich derzeit eine Vielzahl falscher oder irreführender Bilder und Behauptungen zum Krieg in der Ukraine. AFP widerlegte etwa bereits diese Videos angeblich inszenierterKriegsopfer, diesen gefälschten Tweet von Karl Lauterbach oder Behauptungen, die Grenzen der Ukraine seien international nicht anerkannt. AFP sammelt Faktenchecks im Kontext des Kriegs in der Ukraine hier.

Das Bild stammt von einer Spendenaktion privater Unternehmen

In den aktuell geteilten Beiträgen heißt es, das Foto des Müllbergs sei in der Oberpfalz in Ostbayern entstanden und zeige Spenden für die Ukraine. Eine Googlesuche mit den Begriffen "Spenden", "Ukraine" und "Oberpfalz" führte zu mehreren Treffern: Der Münchner "Merkur" veröffentlichte am 6. März 2022 einen Beitrag über einen Spenden-Konvoi, der Anfang März von Auerbach in der Oberpfalz in Richtung polnisch-ukrainischer Grenze startete. Auch der regionale Fernsehsender Oberpfalz TV sowie der Bayerische Rundfunk berichteten über den Hilfskonvoi.

In Beiträgen ist zu sehen, wie Helferinnen und Helfer gespendete Materialien auf einem Firmengelände sortieren, in Kartons verpacken und auf Lastwagen verladen. Die Szenerie ähnelt dem Bild aus den aktuell geteilten Beiträgen: Auf dem Gelände stehen mehrere Lkw mit roten Führerhäuschen, wie sie auch im Hintergrund des aktuell geteilten Foto zu erkennen sind. Auf einem Luftbild aus dem "Merkur"-Artikel ist am Zaun des Firmengeländes zudem ein Müllhaufen zu sehen, der sich an einer ähnlichen Position befindet wie der Haufen auf dem aktuell geteilten Foto.

Screenshot von Merkur.de: 17.03.2022

Die Lkw, die in den Bildern der Medienbeiträge zu sehen sind, tragen die Aufschrift des Transportunternehmens Alfred Böhm, das seinen Sitz in Auerbach in der Oberpfalz hat. Der Geschäftsführer von Alfred Böhm, Ilhan Altincik, bestätigte in einem Telefonat mit AFP am 14. März 2022, dass es sich bei dem in dem aktuell geteilten Foto gezeigten Ort um das Firmengelände seines Unternehmens handelt. "Das ist unser Hof. Das Bild muss am 4. März bei der Abholung der Abfälle entstanden sein", sagte Altincik gegenüber AFP.

Nach Angaben von Altincik organisierte das Unternehmen den Hilfstransport gemeinsam mit dem privaten Krankentransportunternehmen RKT. Die Initiatoren baten zuvor um Lebensmittel- und Medikamentenspenden aus der Bevölkerung. "Die Menschen haben großzügig reagiert", erklärte Altincik. Sein Unternehmen habe zudem medizinische Produkte im Wert von mehr als 50.000 Euro gespendet und die Transportkosten übernommen. Insgesamt seien zwölf Lastwagen, beladen mit rund 250 Tonnen Lebensmitteln und medizinischen Hilfsgütern, am 4. März an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren.

Teils unbrauchbare Spenden

Ein Teil der eingesammelten Spenden sei jedoch nicht für eine Weitergabe geeignet gewesen, sagte Altincik. Zahlreiche Menschen hätten Kleidung gespendet, obwohl die Organisatoren ausdrücklich darum gebeten hatten, auf Kleiderspenden zu verzichten. "Viele dieser Kleidungsstücke waren leider nicht als Hilfe für Geflüchtete geeignet – darunter Dinge wie Krawatten, Bikinis oder Strumpfhosen. Einige davon waren in wirklich schlechtem Zustand." Auch andere Hilfsorganisationen hätten die Kleiderspenden nicht annehmen wollen, weshalb sie letztlich entsorgt werden mussten, erklärte Altincik. Der Unternehmer bezog zu den in sozialen Netzwerken geäußerten Vorwürfen auch auf Facebook Stellung:

Ähnlich äußerte sich Konstantin Steinhauser, Pressesprecher von RKT. "Das Foto [auf Facebook] ist echt", sagte Steinhauser am 14. März in einem Telefoninterview mit AFP. "Wir haben viele Dinge erhalten, die nicht geeignet waren, den Menschen vor Ort zu helfen. Oft geben die Leute – sicher mit den besten Absichten – ihre alten Kleider und andere Sachen, die wir jedoch nicht gebrauchen können."

Er bestätigte, dass zwölf Lastwagen mit insgesamt 220 Tonnen Spendenmaterialien beladen wurden und schätzte, dass "etwa 20 Prozent" der ursprünglichen Spenden als ungeeignet weggeworfen werden mussten. "Wir haben Brautkleider, Badekleidung oder alte Flip-Flops erhalten." Das Unternehmen schilderte die Situation auch in einem Beitrag auf seinem Facebook-Profil:

Die Angaben von Altincik und Steinhauser zur Gesamtmenge der transportierten Spenden unterscheidet sich leicht. Während Altincik gegenüber AFP das Volumen auf 250 Tonnen schätzte, sprach RKT-Sprecher Steinhauser von 220 Tonnen. Auf Facebook gab RKT die Menge ebenfalls mit 220 Tonnen an.

Deutsches Rotes Kreuz bevorzugt finanzielle Hilfe

Den Spendentransport bestätigte auch Sohrab Taheri-Sohi, Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes: "Wir wissen von diesem Hilfskonvoi und haben auch die Bilder der abfahrenden Lastwagen gesehen", sagte er am 15. März in einem Telefoninterview mit AFP.

Er fügte hinzu, dass trotz der großen Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung seiner Erfahrung nach "einige Menschen solche Situationen nutzen, um ihre alten Sachen loszuwerden". Das Rote Kreuz rufe deshalb grundsätzlich dazu auf, Geld zu spenden. "Wenn wir um Sachspenden bitten, kommunizieren wir unseren Bedarf sehr spezifisch und angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse."

Auch Christian Reuter, Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, rief dazu auf, Geld- statt Sachspenden zu leisten: "Gut gemeinte, aber nicht abgestimmte Lieferungen füllen Lagerhäuser, binden Transport- und Sortierkapazitäten. Sie helfen leider nicht, sie behindern vielmehr die humanitäre Arbeit vor Ort", erklärte er in dieser Pressemitteilung vom 3. März.

Geldspenden seien gegenüber Sachspenden wesentlich effektiver: "Damit lässt sich die humanitäre Hilfe gezielter an die jeweiligen Bedarfslagen vor Ort anpassen. Dies ist absolut erforderlich in Situationen, die sich beständig ändern und höchst unvorhersehbar sind, wie aktuell in der Ukraine und ihren Nachbarländern", fügte er hinzu.

Auch das Landratsamt des Landkreises Amberg-Sulzbach, in dem Auerbach in der Oberpfalz liegt und das die Müllverwertung Schwandorf betreibt, bestätigte gegenüber AFP, dass ein Teil der Hilfsgüter aus öffentlichen Spenden nicht für die Weiterverwendung geeignet war. Der Kreis organisierte die Abholung des Mülls mit Hilfe eines lokalen Müllverwerters. "Der Landkreis folgte dem Hilferuf der Spedition und der Stadt Auerbach, stellte mehrere Container zur Verfügung und kümmerte sich um die fachgerechte Entsorgung der unbrauchbaren Güter", erklärte Christine Hollederer, Sprecherin des Landkreises Amberg-Sulzbach, in einer E-Mail am 17. März gegenüber AFP. Insgesamt seien 14 Abfallcontainer mit Restmüll gefüllt und ins Müllheizkraftwerk Schwandorf gebracht worden.

Lokalzeitung begleitete den Konvoi an die ukrainische Grenze

In den aktuell geteilten Beiträgen wird weiter behauptet, die angeblich leeren Lkw dienten dazu, Waffen zu liefern, ohne dafür jedoch Belege anzuführen. Ilhan Altincik wies diese Behauptung gegenüber AFP zurück: "Ich finde es ehrlich gesagt traurig, dass sich Menschen, die sich für eine Sache engagieren, mit solchen Vorwürfen auseinandersetzen müssen", sagte er gegenüber AFP am 14. März 2022.

Tatsächlich ist die Übergabe von Spenden an der polnisch-ukrainischen Grenze dokumentiert: Die Organisatoren selbst haben die Fahrt des Hilfskonvois auf ihrer Facebook-Seite festgehalten. Zudem begleiteten eine Reporterin und ein Reporter der "Mittelbayerischen Zeitung" den Konvoi und berichteten von der Fahrt. Auf mehreren Fotos und Videos sind dort Kartons mit Hilfsgütern zu erkennen. Die Zeitung berichtete auch über die irreführenden Behauptungen in sozialen Netzwerken, die eingesammelten Spenden seien sämtlich verbrannt worden. AFP konnte keine Hinweise auf Waffenlieferungen durch den Konvoi finden. Auch die Postings selbst liefern dafür keine Beweise.

Fazit: Das Bild der weggeworfenen Spenden ist authentisch, die Postings verschweigen aber den Grund der aussortierten Spenden. Es entstand Anfang März bei einer Spendensammelaktion für die Ukraine in Auerbach in der Oberpfalz in Bayern. Etwa 20 Prozent der gesammelten Spenden waren für die Weitergabe ungeeignet und mussten entsorgt werden, wie die Organisatoren und die Kreisverwaltung gegenüber AFP erklärten. Dass dieses Vorgehen bei Spendensammlungen üblich ist, bestätigten andere Hilfsorganisation. Die Behauptung, in den Lastwagen seien Waffen geliefert worden, ist unbelegt.

Übersetzung:
Russisch-Ukrainischer Krieg