Kein Sohn von "acht Vätern": Ukrainischer Junge trug Porträts von Soldaten

Prorussische Konten werfen der Ukraine oft fälschlich vor, Kriegsereignisse zu inszenieren. Im Februar 2026 kursierte eine Fotomontage eines ukrainischen Jungen, der angeblich vorgeben würde, der Sohn acht verschiedener Männer zu sein, deren Bilder er bei ihren Begräbnissen zur Schau trägt. Doch das ist falsch: Die Fotos zeigen laut Behörden einen ehrenamtlich engagierten Jungen bei Trauerfeiern für gefallene Soldaten. Hinweise auf eine Verwandtschaft mit den Männern aus den Porträts gibt es nicht.

"Ein ukrainischer Junge begräbt schon seinen 8. Vater!", lautete die Überschrift eines Facebook-Beitrags am 8. Februar 2026. Der Bub sei "mehrmals gefilmt" worden, wie er "in einer Trauerprozession mit einem gerahmten Foto ging". Diese Rolle sei "traditionell dem Sohn eines verstorbenen Soldaten vorbehalten". Der Junge sei ein "Ministrant der inszenierten Kriegspropaganda", hieß es. Dazu wurden Collagen mit mehreren Bildern geteilt. Insgesamt kursierten acht Bilder eines Jungen, der unterschiedliche Porträts trug. In manchen Bildern sind Särge mit der ukrainischen Flagge oder ein Holzkreuz zu erkennen.

Ähnliche Posts kursierten auf weiteren Plattformen wie Telegram und X sowie in Sprachen wie Englisch, Französisch, Finnisch und Niederländisch. In den Kommentaren schrieben Nutzerinnen und Nutzer von "Ukrainiwood". Der Begriff ist eine Anspielung auf die Ukraine und Hollywood und suggeriert, dass der Junge ein Schauspieler sei und sich als trauernden Sohn ausgeben würde.

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Facebook-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt und das Gesicht des Minderjährigen unkenntlich gemacht: 17. Februar 2026

AFP machte das Gesicht unkenntlich, da die Fotos einen Minderjährigen darstellen.

Die Fotos sind zwar echt, wie AFP-Recherchen zeigten, doch sie wurden falsch interpretiert. Die Bilder zeigen Zeremonien für im Krieg gefallene Soldaten. Sie wurden von lokalen Behörden in Otynja im Westen der Ukraine online geteilt. Die echten Beiträge suggerieren nicht, dass der Junge an der Beerdigung seines Vaters teilnehme. Ein lokaler Beamter bestätigte gegenüber AFP, dass der Junge sich freiwillig für die Teilnahme an den Beerdigungen entschieden hat.

Prorussische Accounts verbreiteten in der Vergangenheit immer wieder angebliche ukrainische Inszenierungen, um den Ukrainekrieg herunterzuspielen. Darunter fallen etwa gut dokumentierte Vorfälle wie die Tötung von Zivilistinnen und Zivilisten in Butscha. AFP hat diese Behauptungen wiederholt widerlegt.

Trauerfeiern fanden für gefallene Soldaten statt

Eine umgekehrte Bildsuche für jedes der acht Fotos führte zu Originalaufnahmen aus Otynja, einer ländlichen Siedlung in der ukrainischen Region Iwano-Frankiwsk. Die Fotos entstanden während Gedenkfeiern für ukrainische Soldaten, die im Krieg gefallen sind. Die acht Bilder wurden zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 auf der offiziellen Facebook-Seite der Gemeinde Otynja veröffentlicht, welche die Gedenkfeiern organisiert hatte (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8).

Jeder der acht Beiträge enthält Details aus dem Leben des Verstorbenen und zu den Umständen seines Todes, wie in den folgenden Beispielen zu sehen ist. In keinem der Beiträge wird suggeriert, dass der Junge, der die Porträts trug, mit den verstorbenen Männern verwandt sei. Der Junge wird tatsächlich überhaupt nicht erwähnt.

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Facebook-Screenshot der Originalfotos, rote Hervorhebungen von AFP hinzugefügt und das Gesicht des Minderjährigen unerkenntlich gemacht: 12. Februar 2026

Einige Fotos des Jungen wurden auch in lokalen Medienberichten über die damaligen Trauerfeiern veröffentlicht. Darin fand AFP ebenfalls keinen Hinweis darauf, dass der abgebildete Junge der Sohn eines der Verstorbenen sei.

Als Reaktion auf die kursierenden Falschmeldungen schrieb die Gemeinde Otynja am 6. Februar 2026 auf ihrer Facebook-Seite, dass die Abbildungen "zynisch" verwendet worden seien, um Desinformation zu verbreiten. In dem Beitrag wurde der Teenager namentlich als Ruslan genannt.

"Wir möchten uns herzlich bei Ruslan bedanken, der seit dem Sommer 2024 aus eigener Initiative an den Abschiedszeremonien für die gefallenen Soldaten unserer Gemeinde teilnimmt und ihre Porträts trägt", heißt es in dem Beitrag, in dem erklärt wird, dass der Junge dies aus "Respekt, Erinnerung und innerer Pflicht" getan habe.

Der Beitrag enthält einen Link zu einem lokalen Medienbericht über die durch die Fotoserie ausgelöste Desinformation. In dem Artikel wird der Junge auf den Fotos als "der 14-jährige Ruslan" identifiziert.

Behörden sprachen von "glatten Lügen"

Das ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation, eine Organisation, die vom Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine im März 2021 ins Leben gerufen wurde, veröffentlichte am 6. Februar 2026 zu diesem Fall eine Erklärung auf Facebook. Damit wies das Zentrum die Behauptungen in sozialen Medien zurück, der Junge hätte "die Rolle eines Sohnes" eingenommen und "mehrere seiner Väter" beerdigt. Diese Behauptungen seien "glatte Lügen", hieß es. Das Zentrum erklärte weiter: "Diese manipulative Darstellung wurde ursprünglich von russischen Informationsquellen verbreitet." Die Gemeinde Otynja teilte die Erklärung ebenfalls.

AFP kontaktierte Maksym Sarakhman, den Vorsitzenden des örtlichen Jugendrats. Dieser bestätigte am 12. Februar 2026, dass die Bilder, die den Teenager zeigen, während Abschiedsfeiern aufgenommen wurden, an denen der Junge freiwillig teilgenommen hatte. "Er nimmt aus freiem Willen daran teil, genau wie die Priester und der Vorsitzende der Siedlung", fügte er hinzu. Sarakhman teilte AFP außerdem mit, dass die Familie des Jungen nicht mit Medien sprechen wolle.

Russlands Invasion der Ukraine im Februar 2022 hat laut einer im Januar 2026 von der US-amerikanischen Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) veröffentlichten Studie zu fast zwei Millionen militärischen Opfern – dazu zählen Tote, Verwundete oder Vermisste – in beiden Ländern geführt.

Die russischen Streitkräfte tragen dabei die meisten Verluste. Seit dem Einmarsch in die Ukraine vor fast vier Jahren sind circa 325.000 russische Soldatinnen und Soldaten ums Leben gekommen, heißt es in der CSIS-Studie.

Auch die ukrainischen Streitkräfte haben zwischen Februar 2022 und Dezember 2025 schwere Verluste erlitten – das CSIS zählte zwischen 500.000 und 600.000 Opfer, davon zwischen 100.000 und 140.000 Tote.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gab im Februar 2026 eine niedrigere Zahl an und sprach von 55.000 getöteten Soldatinnen und Soldaten. Er fügte allerdings hinzu, dass "eine große Anzahl" vermisst werde.

AFP-Faktenchecks zum Ukrainekrieg sind auf der Website nachzulesen.

Fazit: Eine Fotomontage kursierte im Februar 2026 online zusammen mit der Falschbehauptung, dass ein ukrainischer Junge seinen achten Vater begraben hätte und nur ein Schauspieler sei. Tatsächlich zeigen die Fotos jedoch einen ehrenamtlich engagierten Jungen bei Trauerfeiern für gefallene Soldaten. In den Originalbeiträgen ist von keiner Verwandtschaft die Rede.

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