Dieses Video von gefangenen Soldaten stammt aus dem Jahr 2015

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Hunderte Facebook-User haben Ende Februar ein Video geteilt, das angeblich gefangen genommene ukrainische Soldaten zeigt, die von russischen Soldaten misshandelt werden. Es entstand im Januar 2015 in Donezk und stammt nicht aus dem aktuellen Krieg. Der prorussische Separatistenführer aus dem Video ist zudem seit Jahren tot.

Hunderte Facebook-User haben Ende Februar ein Video geteilt, in dem angeblich gefangen genommene Soldaten der ukrainischen Armee zu sehen sind. Rund 67.000 Nutzerinnen und Nutzer sahen den Clip.

Das irreführende Video zeigt vier Männer in Militäruniformen, die zu Beginn des Clips auf einem Panzer transportiert werden. Als der Panzer hält, werden die vier von einer Gruppe bewaffneter Uniformierter heruntergezogen und auf den Boden geworfen. Die Bewaffneten zwingen die Gefangenen, sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen hinzuknien. Daraufhin beginnt ein dunkelhaariger Mann die vier auf Russisch zu befragen. Er schlägt und misshandelt die Gefangenen, zwingt sie unter anderem, die Abzeichen ihrer Uniformen zu essen. Am Ende des rund dreiminütigen Clips bedroht der Dunkelhaarige die Gefangenen mit einem Schwert.

Die Behauptung: Das Video der misshandelten Soldaten wurde am 26. Februar 2022 mit der Beschreibung "Ukrainische Gefangene in den Händen der russischen Armee" gepostet, sodass der Eindruck entsteht, es handele sich um Material aus dem aktuellen Krieg. Diese Wahrnehmung bestätigen die Nutzerinnen und Nutzer auch in den Kommentaren. Sie schreiben etwa: "Ukraine braucht Unterstützung." Die überwiegende Mehrheit der Kommentare weist darauf hin, dass das Video nicht aktuell ist.

Screenshot der Behauptung: 02.03.2022

Zum Ukraine-Konflikt kursieren derzeit zahlreiche Beiträge in sozialen Netzwerken, die falsche oder aus dem Kontext gerissene Informationen verbreiten. AFP widerlegte bereits ein Video von russischen Militärflugzeugen über der Ukraine, das Bild eines vermeintlichen Luftangriffs auf Kiew, diese veralteten Aufnahmen russischer Fallschirmspringer oder dieses Video einer angeblich von Medien inszenierten Massenpanik. AFP sammelt Faktenchecks im Kontext des Ukraine-Konflikts hier.

Eine Bildersuche mit einzelnen Einstellungen des Clips führt zu einem Video, das bereits am 22. Januar 2015 bei Youtube hochgeladen wurde. Das Youtube-Video mit dem Titel "eng subs Givi & Motorola talk to captive UAF colonel" enthält Ausschnitte des Clips aus dem irreführenden Posting. Givi und Motorola sind die Beinamen zweier Kommandeure der Streitkräfte der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk", UAF steht für Ukraine Armed Forces, die ukrainische Armee. Auch eine georgische Nachrichten-Website berichtete am 26. Januar 2015 über das Video.

In beiden Videos ist auf der Uniform des dunkelhaarigen Uniformierten das Wappen der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk", ein doppelköpfiger Adler auf schwarz-blau-rotem Grund, zu erkennen. Zu Beginn des aktuell kursierenden Videos sagt er zu einem der gefangenen Ukrainer: "Weißt du, wer ich bin? Givi."

Separatistenführer "Givi" starb 2017

Eine Google-Suche nach "Givi" auf der offiziellen Website der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk" führt zu mehreren Einträgen. Ein Beitrag vom 10. November 2017 kündigt den Verkauf von Gedenkmünzen "in Erinnerung an die legendären Kommandeure der Volksrepublik Donezk – Arsen Pavlow 'Motorola' und Michail Tolstych 'Givi'" an. Tolstych, genannt Givi, war laut eines weiteren Artikels auf der Website vom 8. Februar 2022 Kommandeur des Panzerbataillons "Somalia" im Rang eines Oberst. Tolstych war also prorussischer Separatistenführer, kein Soldat der regulären russischen Armee.

Screenshot der AFP-Meldung zum Tod des Separatistenkommandeurs Michail Tolstych "Givi" vom 08.02.2017

Tolstych hatte während des Konflikts in der Ostukraine 2014 lokale Berühmtheit als Offizier der Streitkräfte der prorussischen Separatisten erlangt. Russische, ukrainische und internationale Medien berichteten über den Tod des Separatistenführers im Februar 2017. Er kam im Februar 2017 im Alter von 36 Jahren ums Leben. AFP berichtete damals über den Tod des Rebellenkommandeurs. Demnach wurde Tolstych bei einer Explosion in seinem Büro im Zentrum von Donezk getötet.

Trauerfeier in Donezk anlässlich des Todes von Michail Tolstych ( AFP / ALEKSEY FILIPPOV)

Bei den gefangenen ukrainischen Soldaten handelt es sich nach damaligen Berichten ukrainischer Medien um Angehörige von Einheiten, die im Januar 2015 zur Rückeroberung des Flughafens von Donezk eingesetzt wurden. Der glatzköpfige Soldat, den Tolstych zu Beginn des irreführenden Videos ins Gesicht schlägt, ist demnach Oleg Kusminykh. Er war der Kommandeur der "Cyborgs" genannten Einheit, die 2014 und 2015 an den Kämpfen um den Flughafen von Donezk beteiligt waren.

Während der versuchten Rückeroberung des Donezker Flughafens geriet Kusminykh am 22. Januar 2015 in Gefangenschaft prorussischer Separatisten, aus der er im Mai 2015 entlassen wurde. Nach seiner Freilassung verlieh ihm der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums einen Tapferkeitsorden.

Fazit: Das Video stammt nicht aus dem aktuellen Krieg in der Ukraine. Es entstand im Januar 2015 in der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk" und zeigt Angehörige der prorussischen Separatisten, nicht der regulären russischen Armee. Der Separatistenführer aus dem Clip wurde im Februar 2017 bei einer Bombenexplosion getötet.

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