Eine Krankenschwester verabreicht eine Booster-Impfung. ( AFP / ALFREDO ESTRELLA)

Vorsicht bei diesen Aussagen eines Zeitungsartikels zu Corona-Infektionen und Impfungen

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Hunderte User haben seit Mitte Januar das Bild eines Zeitungsartikels aus einer "Geraer Zeitung" auf Facebook geteilt. Darin titelt das Blatt, es sei wahrscheinlicher, am Impfstoff zu sterben als an Corona. In dem zugehörigen Artikel werden die Ansichten des US-Arztes Peter McCullough besprochen. Die Behauptungen aus dem Artikel sind auf Basis offizieller Behördenangaben aber nicht nachvollziehbar.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben das Bild des Zeitungsartikels auf Facebook verbreitet (hier, hier, hier). Das Bild sahen zudem Hunderttausende auf Telegram (hier, hier, hier). Auch auf Twitter verbreitet sich das Foto hundertfach (hier, hier).

Die Behauptung: "Es ist wahrscheinlicher am Impfstoff zu sterben als an Corona", titelt ein abfotografierter Zeitungsartikel. Der Text soll aus einer "Geraer Zeitung" stammen. Darin berichtet der Autor von Aussagen des US-Arztes Peter McCullough zu Covid-19 bei der Jahrestagung der "American Association of Physicians and Surgeons". Demnach könnten nur symptomatisch erkrankte Corona übertragen. Keine Behörde fordere deshalb Tests an asymptomatischen Personen. Schulschließungen und Masken seien "sinnlos", da symptomatische Menschen einfach zu Hause bleiben könnten. Auch sei die natürlich erworbene Immunität gegen Covid-19 “robust und dauerhaft”. Außerdem seien die "gentechnischen Impfstoffe" gegen Covid-19 weder wirksam noch sicher. Zudem berichte McCollough von hohen Zahlen an Schäden und Todesfällen nach Impfungen in den USA.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 15.02.2022

Woher stammt die Behauptung?

Der Text macht kenntlich, dass die Informationen des Artikels von der Website "Fassadenkratzer" stammen, ein Blog der nach eigenen Angaben nach der "tiefer liegenden Wahrheit" in aktuellen Themen sucht. Ein Text über US-Kardiologe Peter McCollough mit identischem Titel zum Zeitungsartikel wurde dort am 21. November 2021 veröffentlicht.

McCollough, ein US-Kardiologe, war bereits häufiger Quelle von Behauptungen, die AFP überprüfte (siehe hier, hier). Der Zeitungsbericht gibt seine Äußerungen bei der Jahrestagung der "American Association of Physicians and Surgeons" am 2. Oktober 2021 wieder. Bei dieser Vereinigung von Ärztinnen und Ärzten handelt es sich nach Angaben verschiedener Medien um eine medizinische Gruppe mit teils skeptischen Ansichten zu Impfungen (siehe hier, hier). Zu Beginn der Pandemie empfahl die Vereinigung das umstrittene Medikament Hydroxychloroquin zur Bekämpfung von Covid-19. Ein Video von McColloughs Rede mit den aktuell geteilten Behauptungen ist auf dem Videoportal "Rumble" zugänglich.

Ein Facebook-Beitrag einer lokalen Gruppe aus Gera kritisiert den Artikel und erklärt, es handele sich bei dem geteilten Ausschnitt um einen Artikel der Zeitung "Neues Gera". In dem dazu geteilten Foto des Artikels ist auch eine Werbeanzeige dieser Zeitung zu sehen.

Das Blatt hat politische Nähe zur Alternative für Deutschland (AfD). Herausgeber der Zeitung ist Harald Frank, der als AfD-Mitglied im Geraer Stadtrat tätig ist. Das Blatt selbst verbreite laut mehreren Medienberichten "rechte Inhalte" (hier, hier) und teilt corona-kritische Positionen (hier).

Hunderttausende starben in den USA an Corona

Der Zeitungsbericht gibt eine Äußerung McCollough wieder, wonach es wahrscheinlicher sei, am Impfstoff zu sterben als an Corona. Zudem habe es bis Oktober 2021 in den USA 19.000 Impftote, sowie 31.000 permanente Impfschäden gegeben.

Anhand offizieller Zahlen lässt sich dies allerdings nicht nachvollziehen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC schreibt mit Stand vom 7. Februar 2022, es habe nachweislich neun Todesfälle im Zusammenhang mit einer Impfung mit dem Impfstoff von Janssen gegeben.

Auch Berichte über höhere Todeszahlen auf Basis der US-Datenbank Vaers, auf die die Website "Fassadenkratzer" Bezug nimmt, liefern keinen Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang, wie bereits in diesem Faktencheck beschrieben. Die dort gemeldeten Daten zeigen nämlich lediglich Verdachtsfälle und sind nicht geprüft. In einem Disclaimer, den User vor einer Datenabfrage akzeptieren müssen, heißt es, dass die Datenbank "nicht verifizierte Berichte" enthielte und weiter: "Berichte werden von jedermann akzeptiert."

Im Vergleich hierzu stehen die mittlerweile mehr als 900.000 Todesfälle in den USA im Zusammenhang mit Covid-19, wie sowohl CDC als auch die John Hopkins University (JHU) angeben. Seit Start der Pandemie bis zum 2. Oktober 2021 starben 696.603 Menschen in den USA an der Krankheit. Damit sind ungleich mehr Menschen an Covid-19 als an Impfreaktionen verstorben.

Für Deutschland gibt die JHU insgesamt etwa 119.000 Todesfälle an. Das Robert Koch-Institut (RKI) gibt mit etwa 120.000 Todesfällen am 15. Februar 2022 einen ähnlichen Wert an. Im bisher aktuellsten Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) zu Corona-Impfstoffen bis zum 31. Dezember 2021 heißt es, es seien bisher 2255 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Impfung unter 148.760.720 verabreichten Impfungen gemeldet worden. Dabei handelt es sich allerdings nur um alle gemeldeten Verdachtsfälle, nicht um bestätigte Impf-Todesfälle.

Ein genauer Wert für die Wahrscheinlichkeit, an Corona oder der Impfung zu sterben, ist schwer anzugeben. Gérard Krause, Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI) erklärte am 23. Februar in einer Mail an AFP, dass die Schwierigkeit darin bestehe, festzustellen, wie viele Menschen tatsächlich im ursächlichen Zusammenhang zur Infektion oder Impfung verstorben seien. "Wenn sowohl Impfungen wie auch Infektionen sehr häufig sind, ist diese Zuordnung durchaus relevant und schwierig, weil dann besonders viele Todesfälle in einem zufälligen zeitlichen Zusammenhang mit Impfung oder Infektion auftreten, die jeweils auch ohne Impfung oder Infektion aufgetreten wären."

Der Vergleich von Näherungswerten wie der Fallsterblichkeit bei Corona in den USA und der unbestätigten Verdachtsfälle von möglichen Impftoten zeigt aber grob die Dimensionen. Für Corona liegt er bei 1,6 Prozent. Bei den Impfungen wären es nur 0,0034 Prozent, wenn man die Berechnungsmethode auf die Verdachtsfälle von eventuell tödlichen Impfnebenwirkungen überträgt. Eine aktuelle Abfrage des US-Meldesystems Vaers vom 18. Februar 2022 zeigte 8704 Verdachtsfälle einer tödlichen Impfnebenwirkung nach einer Impfung gegen das Coronavirus bis zum 11. Februar an. Bis zum 17. Februar hatten in den USA laut CDC 252.539.755 Menschen mindestens eine Impfdosis erhalten. Die Werte seien zwar laut Krause "nicht gut belastbar", allerdings "in erster Näherung legitim".

Auch symptomlose Kranke können Corona übertragen

McCollough behauptet dem Artikel zufolge, das Coronavirus könne nur von Menschen mit Symptomen übertragen werden. Ohne die Gefahr einer Übertragung durch Menschen ohne Symptome seien auch Schulschließungen und Masken sinnlos, da Menschen mit Symptomen einfach zu Hause bleiben könnten. Die Testung von asymptomatischen Menschen sei von Behördenseite häufig nicht gefordert.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erklärt allerdings auf ihrer Website mit Stand vom 26. Januar 2022: "Der Zeitraum von der eigenen Ansteckung bzw. Infektion bis zu dem Zeitpunkt, ab dem man selbst ansteckend ist, variiert stark. Die höchste Ansteckungsfähigkeit besteht um den Zeitraum herum, in dem die eigenen Krankheitszeichen entstehen. Ein Ansteckungsrisiko besteht aber auch schon Tage vor Auftreten von Krankheitszeichen (präsymptomatisch). Ein relevanter Anteil von Personen steckt sich bei Infizierten ein bis zwei Tage vor deren Krankheitsbeginn an."

Auch das Uniklinikum Leipzig kommt auf seiner Website zu diesem Schluss: "Infizierte Personen können bereits einige Tage, bevor sie Krankheitszeichen entwickeln, andere anstecken (präsymptomatisch). Ein relevanter Anteil der Ansteckungen erfolgt bereits innerhalb von ein bis zwei Tagen, bevor die infizierte Person Krankheitszeichen hat." Das RKI warnt ähnlich mit Stand 26. November 2021: "Studien deuten darauf hin, dass die Ansteckungsfähigkeit an den Tagen vor Symptombeginn, zum Zeitpunkt des Symptombeginns, und in der frühen Erkrankungsphase am höchsten ist."

Auch asymptomatische Infizierte können laut der Uniklinik Leipzig Covid-19 übertragen. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) erläutert ebenfalls, die Krankheit sei übertragbar, bevor die Infektion überhaupt bemerkt wird.

Verschiedene Studien aus Deutschland und den USA deuten zudem auf eine wichtige Rolle asymptomatischer und präsymptomatischer Menschen beim Infektionsgeschehen hin.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA erklärte mit Stand vom 2. Februar 2022 zur Testung auf das Coronavirus, viele Tests seien ohne Verschreibung frei zugänglich. In einigen Fällen seien Tests auch unter Verschreibung für Menschen mit Symptomen oder mit Verdacht auf Covid-19 vorgesehen. Ein Test sei auch empfohlen, wenn ein enger Kontakt zu Menschen mit bestätigter Infektion bestand, zum Beispiel nach Reisen oder dem Besuch von Großveranstaltungen.

In Deutschland hat seit dem 13. November 2021 jede Bürgerin und jeder Bürger mindestens einmal pro Woche Anspruch auf einen kostenlosen Antigen-Schnelltest, wie das Bundesgesundheitsministerium erklärt. Dieser kann auch ohne vorhandene Symptome durchgeführt werden.

Immunität ist nicht von unbegrenzter Dauer

Im Zeitungsartikel wird zudem auf McColloughs Behauptungen zur Immunität nach Infektionen eingegangen, welche "robust und dauerhaft" sei.

Das RKI erklärt auf seiner Website zur Immunität nach Infektion mit dem Coronavirus: "Nach einer durchgemachten Sars-CoV-2-Infektion besteht üblicherweise ein Schutz vor erneuter Sars-CoV-2-Infektion bzw. Covid-19, der mit der Zeit abnimmt. Der Grad und die Dauer des Schutzes können individuell stark schwanken und werden vermutlich durch Alter, Schwere der Erkrankungen und Virusvarianten beeinflusst."

Nach einer Infektion mit der Deltavariante des Virus sei dieser Schutz im Fall der Omikronvariante nun aber zeitlich "stärker begrenzt", weshalb auch der Genesenenstatus von sechs Monaten auf 90 Tage herabgesetzt worden sei.

Die US-Behörde CDC erklärt mit Stand vom 20. Januar: "Nach der Genesung von Covid-19 haben die meisten Menschen einen gewissen Schutz vor erneuten Infektionen." Allerdings könne es trotzdem nach einer Erkrankung zu Reinfektionen kommen.

Bereits im Oktober 2021 wies die CDC aber darauf hin, dass durch das Auftauchen von "Varianten von Sars-CoV-2 mit mehreren Mutationen im Spike-Protein" eine verminderten Immunreaktion entstehen könne, egal, ob diese durch Impfung oder eine vorherige Infektion entstand.

Das französische Forschungszentrum "Institut Pasteur" schrieb im Dezember 2021 zur Auswirkung der Omikron-Variante: "Ein Wirkungsverlust wurde auch bei Personen beobachtet, die sich in den zwölf Monaten zuvor mit Sars-CoV-2 infiziert hatten." Die Immunität nahm auch bei doppelt Geimpften ab. Eine dritte Dosis des Pfizer-Impfstoffs oder eine Impfung von Personen, die zuvor eine Infektion durchgemacht haben, erhöhe aber laut Institut Pasteur die Antikörperwerte stark.

Impfstoffe sind wirksam und sicher

Zuletzt heißt es in dem Zeitungsartikel, Covid-19 sei medikamentös behandelbar und die "gentechnischen Impfstoffe" seien weder wirksam noch sicher.

Zweifel an der Sicherheit und Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe hat AFP bereits mehrfach widerlegt (siehe hier, hier, hier). Das RKI schreibt mit Stand vom 15. Februar zur Wirksamkeit der Impfstoffe: "Die Wahrscheinlichkeit, schwer an COVID-19 zu erkranken, ist bei den vollständig gegen COVID-19 geimpften Personen um etwa 90 Prozent geringer als bei den nicht geimpften Personen." Auch gegen die Omikron-Variante bestehe nach einer Auffrischimpfung mit dem Biontech-Impfstoff eine gute Wirksamkeit.

Zur Sicherheit erklärt das Bundesgesundheitsministerium: "In Deutschland erfolgt die Zulassung eines Impfstoffs nur dann, wenn er alle drei Phasen des klinischen Studienprogramms erfolgreich durchläuft und ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis nachgewiesen werden kann. Die nationalen und internationalen Qualitätsstandards gelten – wie bei allen anderen Impfstoff-Entwicklungen – auch bei der Zulassung einer COVID-19-Schutzimpfung."

Auch die CDC erklärten, alle in den USA zugelassenen Impfstoffe seien sicher und wirksam. Diese zeigten auch bei der Omikron-Variante Wirksamkeit gegen schwere Erkrankungen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle.

Sowohl in Deutschland als auch in den USA sind zur Impfstoffüberwachung zudem Meldesysteme im Einsatz. Das Paul-Ehrlich-Institut veröffentlicht regelmäßig Sicherheitsberichte.

Tatsächlich existieren aber wirksame medikamentöse Therapien zur Behandlung von Covid-19. So schreibt der Verband forschender Arzneimittelhersteller, das Medikament Remdesivir sei seit Juli 2020 als erstes Arzneimittel zur Behandlung bestimmter Covid-19-Patienten bedingt zugelassen. Auch das Bundesgesundheitsministerium listet das Medikament, wie auch den Wirkstoff Dexamethason, welcher besonders bei Erkrankten mit notwendiger Atemunterstützung zum Einsatz kommt. Weiterhin gelistet werden auch sogenannte monoklonale Antikörper, die das Andocken von Viren an Zellen verhindern sollen.

Fazit: Offizielle Zahlen belegen nicht, dass es wahrscheinlicher sei, am Impfstoff zu sterben als an Corona. Die Impfstoffe sind sicher und wirksam. Eine Übertragung des Virus ist zudem ohne bemerkbare Symptome möglich. Auch die Immunität nach Infektion kann mit der Zeit abnehmen und ist von den zirkulierenden Virus-Varianten abhängig.

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