Dieses Video zeigt keine Flüchtenden als Brandstifter in Moria

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Ein auf Facebook und Twitter tausendfach geteiltes Video soll zeigen, wie Flüchtende ein Feuer im Flüchtlingslager Moria in Griechenland entzünden. Große Teile des überfüllten Lagers waren am 10. September tatsächlich durch einen Brand zerstört worden. Das Video zeigt allerdings nicht Moria, sondern einen Zwischenfall an der griechisch-türkischen Grenze im März dieses Jahres.

Allein diese Version des Videos mit der kurzen Beschreibung "Moria" haben bereits über 2.000 Nutzerinnen und Nutzer geteilt – nur einen Tag nach den Ereignissen im griechischen Lager. In der gleichen Zeit gab es bereits über 40.000 Aufrufe des Clips.

Angebliches Video aus Moria auf Facebook, Screenshot: 10.09.2020

Auch rechtspopulistische Facebook-Seiten wie "Journalistenwatch" (hier) oder die 130.000 Follower starke Seite "Hallo Meinung" (hier) verbreiten das Video. Journalistenwatch schreibt: "Griechenland – Migranten legen unter Allahu Akbar Rufen Feuer in Moria." Für die Seiten gilt das Video als Beweis für die Brandstiftung durch Lagerbewohner.

Wer mit einer Bilderrückwärtssuche nach einzelnen Screenshots des Clips sucht, gelangt zu deutlich älteren Beiträgen in den sozialen Medien. Nutzerinnen und Nutzer haben sie in zahlreichen Sprachen geteilt. Die meisten Videos stammen vom 1. März 2020 – auf Deutsch etwa hier, auf Englisch hier und hier, auf Niederländisch hier und auf Französisch hier. Die älteste Version, die AFP finden konnte, wurde am späten Abend des 29. Februars hier veröffentlicht. Damit ist klar: Die Aufnahme kann nicht von den aktuellen Feuern in Moria stammen.

Aber woher kommt das Video?

Den ersten Anhaltspunkt gibt das Datum. Anfang März hatte es Ausschreitungen an der türkisch-griechischen Grenze gegeben. Grund dafür war die einseitige Öffnung der türkischen Grenze für Flüchtende. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte diesen Schritt damit, dass die EU sich nicht an das gegenseitige Flüchtlingsabkommen gehalten habe. Daraufhin brachen tausende Flüchtende in Richtung Grenze auf.

Vor allem am Grenzübergang Pazarkule zwischen den Orten Edirne in der Türkei und Kastanies in Griechenland kam es zu Zusammenstößen mit der griechischen Polizei. Zahlreiche Flüchtende versuchten auch über den dortigen Fluss Evros (auch: Maritsa-Fluss) nach Griecheland zu kommen. Die griechische Polizei antwortete mit Warnschüssen und Tränengas.

Der Grenzkonflikt führte zu einer heftigen europaweiten Debatte über die angemessene Behandlung von Flüchtenden. Insbesondere die neue rechte Szene um die radikale "Identitäre Bewegung" forderte die Verteidigung Europas an den Grenzen. Einer ihrer Hashtags lautete #IStandwithGreece. Darunter verbreiteten sich zahlreiche Beiträge auf Facebook und Twitter – oft mit von Flüchtenden gefilmtem Material, das von rechten Accounts repostet wurde.

Der Mann in der blauen Jacke

Doch wurde das angebliche Moria-Video wirklich während des Grenzkonflikts in Evros gedreht? Zweifel an der Moria-Behauptung schüren bereits die dicken Winterjacken, die im Clip zu sehen sind. Für die aktuellen Temperaturen in Griechenland sind die Männer zu warm angezogen. Die Jacken passen besser zu den griechischen Wetterbedingungen im März (12 Grad Celsius).

Um aber die genaue Herkunft des Videos zu bestimmen, müsste es Ähnlichkeiten zwischen dem mutmaßlichen Clip aus Moria und älterem Filmmaterial geben. Genau solch ein "Grenz"-Video aus Evros findet, wer auf Twitter nach Filmmaterial aus dem März sucht. (hier)

Dass es sich bei den Aufnahmen um den gleichen Ort handelt, zeigt ein direkter Vergleich des beiden Videos. So taucht ein Mann in blauer Winterjacke in beiden Clips auf. Er trägt eine schwarze Hose und weiße Schuhe, unter seiner Jacke ragt eine helle Kapuze hervor. Das Auftreten des Manns bestätigt, dass beide Filme sowohl zeitlich als auch geographisch nahe beieinander entstanden sind. 

Mann mit blauer Jacke im angeblichen "Moria"-Video, Screenshot: 10.09.2020
Derselbe Mann in blauer Jacke in einem anderen Video, angeblich von der griechischen Grenze in Pazarkule, Screenshot: 10.09.2020
 

 

 

Die drei Bäume

Weitere Gemeinsamkeit: In beiden Videos ist eine Anordnung von drei Bäumen zu sehen. Zwei von ihnen stehen etwas näher beieinander, der mittlere hat eine große Astgabelung. Das bestätigt ebenfalls, dass die beiden Videos am selben Ort enstanden sind. Auch beim Feuer im Hintergrund des "Grenz"-Videos könnte es sich um ein brennendes Rohr handeln, das im "Moria"-Video gut zu sehen ist. Dazu gleich mehr. Beide Videos zeigen auch ein ähnliches, leicht abschüssiges Gelände.

 

Drei Bäume im aktuell geteilten angeblichen "Moria"-Video - Screenshot 10.09.2020
Drei Bäume im Video der Grenzausschreitungen bei Pazarkule - Screenshot 10.09.2020

 

 

Die Sprache und der Ort

Das „Moria“-Video ist in seiner Version von Ende Februar länger – dadurch ist auch der Mann in der blauen Jacke etwas länger im Bild zu sehen. Neben mehreren „allahu akbar“-Rufen hört man noch andere arabische Ausrufe. AFP Beirut hat die Aussagen übersetzt, aber keine sinnvollen Anhaltspunkte gefunden. Die Männer im Video rufen Sätze wie: „Die Hunde können uns nicht mehr sehen, Allahu Akbar, schaut euch das an“ und „Wenn sie einen Stein werfen, bekommen sie tausend zurück.“

Beim „Grenz“-Video – gleiche blaue Jacke, gleiche Bäume, gleiches Gelände –  beschreibt ein Mann offenbar auf Farsi länger das Geschehen. AFP in Teheran hat seine Aussagen übersetzt. Er sagt: „Hier sieht es mittlerweile wie in einem Kriegsgebiet aus.“ Er fügt hinzu: „Nachdem die griechische Polizei angegriffen hat, haben die Flüchtenden nun einige Rohre und andere Dinge in Brand gesteckt.“ In seiner Beschreibung taucht also auch das brennende Rohr auf, das im ersten Video zentral zu sehen ist.

Im Rest des Videos identifiziert der Mann einen Militär-Truck, der durch das Bild fährt als Fahrzeug der türkischen Armee. Er kommentiert dazu die Situation zwischen türkischer und griechischer Grenze. „Leider wurden und werden diese Flüchtenden von niemandem auf irgendeiner Seite unterstützt. (...) Die Situation ist schlimmer als man sich vorstellen oder beschreiben kann. Ich werde einfach still bleiben.” Tatsächlich ließ die Türkei Flüchtende an der Grenze nicht mehr zurück ins Land.

Das Video stammt vom Grenzübergang Pazarkule, nicht aus Moria.

Damit fügen sich die Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. Das aktuell verbreitete Video enstand vor den Bränden in Moria. Im von AFP analysierten Video von der griechisch-türkischen Grenze finden sich zahlreiche Überschneidungen zum gerade verbreiten Filmmaterial: Die Umgebung gleicht sich, einzelne Bäume sind auf beiden Videos zu erkennen und sogar derselbe Mann mit blauer Jacke geht in beiden Clips durchs Bild.

Dazu kommen weitere Hinweise: Die Ortsangaben der Accounts, die beide Videos hochgeladen haben, passen zu den Geschehnissen an der Grenze. Dazu kommt auch die Beschreibung des Mannes auf Farsi, der das Video an der Grenze zwischen Edirne und Evros verortet.

Die Behauptung, das Video zeige Brandstifter in Moria ist damit nachweisbar falsch. Der wahre Ursprung des Videos stammt von den Zwischenfällen an der europäischen Außengrenze im März.

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