Nein, es sind nicht nur sechs Prozent der Corona-Toten an Covid-19 gestorben!

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  • Veröffentlicht am 9. September 2020 um 18:30
  • Aktualisiert am 15. September 2020 um 10:49
  • 5 Minuten Lesezeit
  • Von: Max BIEDERBECK, AFP Deutschland, AFP USA
Auf Facebook verbreitet sich seit Anfang September tausendfach die Behauptung, die amerikanische Seuchenschutzbehörde (CDC) hätte die Zahl der Covid-19-Todesfälle um 94% nach unten korrigiert. Demnach seien nur sechs Prozent der Corona-Todesfälle tatsächlich an Covid-19 gestorben. Diese Behauptung ist falsch. Die große Mehrheit an Corona-Toten starb an Covid-19.

Neben Dutzenden von reichweitenstarken Facebook-Seiten und -Gruppen (wie hier, hier, hier und hier) verbreitet auch die Bundestagsfraktion der Partei "Alternative für Deutschland" (AFD) die Falschaussage im deutschsprachigen Raum. Die Partei verbindet die Behauptung mit der Kritik an den Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Die zugrunde liegende Behauptung ist allerdings falsch.

Dennoch haben über 3.000 Nutzer den Beitrag der AFD auf Facebook geteilt.

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Screenshot der Facebook-Seite der AfD-Fraktion im Bundestag, 09.08.2020

Die angebliche Korrektur zur Zahl der Covid-19-Todesopfer haben zunächst Anhänger der US-Verschwörungsbewegung QAnon verbreitet.

"In dieser Woche korrigierte das CDC heimlich die Covid-Zahlen, um zuzugeben, dass nur sechs Prozent der insgesamt 153.504 registrierten Todesfälle tatsächlich auf Covid zurückzuführen sind", heißt es in diesem Tweet, den Userinnen und User zehntausend Mal teilten. Twitter hat ihn inzwischen gelöscht, weil er gegen die Richtlinien der Plattform verstößt.

Nichtsdestotrotz verbreitete sich die Behauptung weiter und wurde auch von rechten Plattformen wie "Gateway Pundit" aufgegriffen. Nur etwas mehr als 9000 Menschen seien demnach tatsächlich an Covid-19 gestorben. Bei den anderen 94 Prozent hätten „2 bis 3 andere ernsthafte Krankheiten“ und „erhöhtes Alter“ zum Tod geführt, heißt es. Sogar US-Präsident Donald Trump retweetete die Behauptung und gab ihr damit eine globale Bühne.

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Screenshot, Quelle: Trump-Twitter-Archive, 08.08.2020

Die AfD sowie andere deutsche und österreichische Facebook-Seiten wiederholen aktuell dieses Spiel. Die Anpassung der Zahlen sei "still und heimlich" erfolgt, schreibt die AfD-Bundestagsfraktion.

Weiter heißt es: "Alle anderen statistisch erfassten Covid-19-Toten hatten verschiedene, schwere Krankheiten gehabt, an denen sie gestorben sind, im Durchschnitt 2,6 Erkrankungen zusätzlich zu Covid-19 pro Person. Das deckt sich in etwa mit früher bekannt gewordenen Zahlen aus dem Hamburger UKE, wo systematisch Obduktionen an Corona-Gestorbenen durchgeführt wurden.“

Anschließend lässt die Partei ihren Bundestagsabgeordneten Uwe Witt im Gesundheitsausschuss fragen: "Wie viele der 9.300 Todesfälle in der Statistik bleiben in Deutschland übrig, 558?“

Solche Fragen basieren auf irreführenden Behauptungen über die Anzahl der Corona-Todesfälle.

Sie finden sich vor allem auf englischsprachigen Facebook-Seiten, zum Beispiel hier, hier und hier. Sie tauchen aber auch auf Instagram auf, etwa hier, hier und hier. Die meisten dieser Beiträge verweisen, auch in Deutschland, direkt auf das CDC als Quelle.

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Screenshot von Covid-19 Komorbiditätsdaten auf der Website des CDC, 09.09, 2020

Tatsächlich schreibt die amerikanische Seuchenschutzbehörde im September: "Bei 6 Prozent der Todesfälle ist Covid-19 die einzige erwähnte Ursache. Bei Todesfällen, die zusätzlich zu COVID-19 noch andere Bedingungen oder Ursachen hatten, gab es im Durchschnitt 2,6 zusätzliche Bedingungen oder Ursachen pro Todesfall".

Die Interpretation dieser Aussage von QAnon bis AfD ist falsch.

AFP Fact Check hat die "Sechs-Prozent"- Behauptung bereits Ende August in den USA untersucht und schon öfter ähnliche falsche Behauptungen in der Vergangenheit widerlegt (Zum Beispiel hier und hier).

Das Ergebnis ist bis heute gleich geblieben: Die CDC-Zahl bedeutet nicht, dass "nur 6% der registrierten Todesfälle tatsächlich auf Covid zurückzuführen sind", wie es die AfD suggeriert. Diese Zahl sagt lediglich aus, dass es sich bei Covid-19 in sechs Prozent der Fälle "um die einzige Ursache handelt, die auf dem Totenschein aufgeführt ist", erklärte Bob Anderson, Leiter der Sterblichkeitsstatistik am National Center for Health Statistics (NCHS), schon im August gegenüber AFP.

Tatsächlich: In den verbleibenden 94 Prozent "wurde [auf dem Totenschein] etwas anderes angegeben, entweder eine Komplikation oder ein Begleitfaktor", sagt Anderson. Er weist aber darauf hin, dass solche Begleiterkrankungen selbst Komplikationen von Covid-19 sein können. "Die Patienten können durch Covid-19 verursachtes Atemversagen oder Lungenentzündung bekommen", erklärt er.

Aber: "Covid-19 ist die zugrunde liegende Todesursache, weil es die Lungenentzündung verursacht hat, die zum Tod einer Person führte."

Anderson stellt klar, dass Menschen zwar an einer Lungenentzündung sterben können, die als Folge von Covid-19 entstanden ist, und dass beide Krankheiten auf ihrem Totenschein vermerkt würden, aber ihr Tod würde nur einmal gezählt – nämlich als Covid-19. Es sei außerdem höchst ungewöhnlich, so der Experte, dass ein Mensch allein an dem Coronavirus stirbt.

Wie sieht es mit den Covid-Todesfällen in Deutschland aus?

Torsten Schelhase hat eine klare Antwort auf diese Frage. Er ist verantwortlich für die Todesursachenstatistik im Statistischen Bundesamt in Deutschland. Damit ist er auch für die an Covid-19 verstorbenen Personen zuständig. Schelhase bestätigt Andersons Einschätzung: "In allen beschriebenen Fällen war Covid-19 die so genannte Grunderkrankung – das heißt die Krankheit, die alle Folgeerkrankungen auslöste oder hauptverantwortlich für den Tod war", sagt er.

In den oft angeführten sechs Prozent der Fälle war laut Schelhase Covid-19 lediglich die einzige Todesursache, die auf dem Totenschein aufgeführt wurde. In allen anderen Todesbescheinigungen hätten auf dem Totenschein auch weitere Todesursachen gestanden, die entweder als Begleiterkrankungen oder als Folgeerkrankungen betrachtet wurden.

Laut Schnelhase würde diese Dokumentation dabei helfen, die Wechselwirkungen und Begleiterkrankungen von Krankheiten aufzuzeigen und zu verstehen. Diese Erfassung laufe weltweit ähnlich ab, hier wird sie zum Beispiel für Deutschland von der Stadt Hamburg im Detail dokumentiert – viele der "6-Prozent"-Posts behaupten dabei, etwa Österreich und Spanien gingen transparenter mit ihrer Berechnung der Corona-Toten um als Deutschland.

Die AfD gibt in ihrem Beitrag dennoch an, dass die "neuen" Zahlen Ähnlichkeiten mit älteren Ergebnissen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hätten, welches tatsächlich in einer Studie Corona-Todesfälle untersuchte.

Das UKE verweist im Gespräch mit AFP auf diese Ergebnisse des Teams um den UKE-Direktor für Rechtsmedizin Klaus Püschel. Es veröffentlichte seine Ergebnisse bereits im Mai 2020. Untersucht wurden 193 Opfer des Corona-Virus. In der Tat hatten die meisten von ihnen bereits Vorerkrankungen, die sie für das Corona-Virus anfälliger machten. Es stimmt auch, dass einige der Opfer allein an Covid-19 starben. Die typische Todesursache für diese Patienten war laut der Studie aber eine "Lungenentzündung mit oder ohne Lungenembolie", die durch das Corona-Virus verursacht wurde.

Mitte September hat außerdem der Bundesverband Deutscher Pathologen eine Untersuchung veröffentlicht, in er die gesammelten Ergebnisse von 26 pathologischen Instituten und 154 Obduktionen präsentiert hat. Das Ergebnis ist klar: "In mehr als Dreiviertel der Obduktionen konnte die COVID-19-Erkrankung als wesentliche oder alleinigezum Tode führende Erkrankung dokumentiert werden."

Schelhase fasst zusammen: "94 Prozent der Koronatodesfälle starben tatsächlich an Covid-19, wurden aber in den '6 Prozent' der Social Media-Beiträge einfach ignoriert." Weiter sagt Schelhase: "All diese Todesfälle sind auf die Grundkrankheit Covid-19 zurückzuführen. Die Aussage, dass nur sechs Prozent oder 558 Menschen in Deutschland tatsächlich an der Krankheit gestorben sind, ist daher schlichtweg falsch".

UPDATED am 10. September, 8:50 Uhr, mit den Zahlen des Bundesverbands Deutscher Pathologen
UPDATED am 15. September, 10:48 Uhr, Link zur Pathologie-Studie repariert.

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