
Nein, dieses Video zeigt keine aktuellen Massenproteste gegen die Corona-Politik in Spanien
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- Veröffentlicht am 20. Oktober 2020 um 15:11
- Aktualisiert am 20. Oktober 2020 um 16:16
- 3 Minuten Lesezeit
- Von: Eva WACKENREUTHER, AFP Deutschland
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Das erste Video über die angeblichen Corona-Proteste, das AFP auf Facebook gefunden hat, ist 26 Sekunden lang, 12.600 User haben es geteilt.
Die Kamera schwenkt darin aus der Vogelperspektive über eine große Menschenmenge. Zehntausende schwingen rot-gelbe spanische Flaggen, im Hintergrund ist die Nationalhymne Spaniens, Marcha Real, zu hören. Im Erklärtext zum Posting heißt es: "Spanien steht auf und erhebt sich gegen die Corona-Diktatur". Außerdem wird auf den Telegram-Kanal von Ken Jebsen hingewiesen, der bereits in der Vergangenheit mit Verschwörungsmythen öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog.
In Jebsens über 40.100 Mitglieder starken Kanal "Ken Jebsen - Aufklärung und Information" wurde das Video mit demselben Text schon am Abend des 28. Septembers gepostet. Nutzerinnen und Nutzer teilten seinen Post am selben Tag auch in anderen Telegram-Kanälen, zum Beispiel im "FREIHEITSCHAT". Auch auf Twitter taucht das Video am selben Tag auf, mit 231 Retweets (hier). Die Aufnahme verbreitet sich auch auf Ungarisch, Polnisch, Serbisch und Mazedonisch.

Erste Hinweise auf die Herkunft des Videos haben Nutzerinnen und Nutzer in der Kommentarspalte gepostet. Dort fragten sie etwa den Ersteller des Beitrags nach dem Aufnahmedatum. Manche vermuten außerdem, dass die die gezeigte Demonstration in Wahrheit im Zuge der Katalonischen Unabhängigkeitsbestrebungen im Jahr 2019 stattfand. Eine Google-Suche nach dem Video bestätigt das.
AFP fand die Aufnahme auf Youtube, hochgeladen am 10. Februar 2019 vom konservativen Nachrichtenportal "Libertad Digital". In dieser älteren Version dauert es zwei Sekunden länger. Das Nachrichtenportal betitelt das Video mit "Tausende von Menschen füllen den Plaza de Colón und die umliegenden Straßen und rufen zu allgemeinen Wahlen auf".
Am 10. Februar 2019, also lange vor Beginn der Corona-Krise, hatten tatsächlich zehntausende Menschen in Madrid gegen die Katalonien-Politik von Ministerpräsident Pedro Sánchez demonstriert. Konservative bis rechtsradikale Parteien hatten zu Demonstrationen aufgerufen, um gegen eine mögliche Abspaltung Kataloniens zu protestieren. Knapp eineinhalb Jahre zuvor hatte die katalanische Regionalregierung mit der Ausrufung der Unabhängigkeit eine dauerhafte Staatskrise in Spanien verursacht. Nachdem Ministerpräsident Sánchez in Gesprächen auf die katalanischen Separatisten zugegangen war, forderten zehntausende Demonstrantinnen und Demonstranten seinen Rücktritt.
Auch AFP hat während der Demos am 10. Februar 2019 Aufnahmen gemacht. Sie zeigen die selben Inhalte wie das "Libertad Digital"-Video. In einer Aufnahme von AFP sind etwa zwei Tribünen zu sehen, die auch auf den aktuell verbreiteten Aufnahmen erkennbar sind.

Noch ein weiteres Detail bestätigt, dass das Video die Demonstration vom 10. Februar 2019 zeigt. Auf einem Gebäude hängt ein großes schwarzes Werbebanner.

Auf anderen Aufnahmen der Demonstration sieht man deutlich: Dieses Banner bewarb zum Zeitpunkt der Demonstration am 10. Februar 2019 eine Netflix-Dokumentation namens "Gewissenserforschung" (examen de conciencia) am Plaza de Colón. Auf dem Plakat steht: "So schwer zu sagen, dass es gesagt werden muss" (tan duro de contar que hay que contarlo). Man kann es auch im Facebook-Video sehen.
In einem früheren Faktencheck hat sich AFP außerdem bereits mit ähnlichen Videoaufnahmen vom 10. Februar 2019 beschäftigt und konnte zeigen, dass sie von der Demonstration gegen Pedro Sánchez im Februar 2019 stammen.
Fazit: Das Video des oft geteilten Facebook-Postings zeigt keinen Protest gegen Corona-Maßnahmen in Spanien. Es ist wesentlich älter. Es zeigt eine Demonstration gegen die spanische Katalonien-Politik im Jahr 2019.