Nein, Impfen schwächt das Immunsystem nicht

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Seit Mitte November haben mehr als 1500 Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook ein Foto zu vermeintlichen Impfgefahren geteilt. Darauf zu sehen ist ein Ausschnitt aus einer Zeitung mit der Behauptung, Impfungen würden das Immunsystem schwächen. Zahlreiche Expertinnen und Experten widersprechen.

In einem von mehr als 1500 Menschen auf Facebook geteilten Post heißt es, Impfungen würden das Immunsystem schwächen. Die Behauptung stammt aus dem Leserforum der Zeitung "Salzburger Nachrichten". Die Postings zeigen einen kurzen Leserbrief daraus, den die Zeitung bereits am 2. Mai 2020 veröffentlicht hatte. Darin steht: "Wenn wir jede Krankheit, die unser Körper erfährt, mit einer Impfung zu beherrschen glauben, werden wir bald den kleinsten Infekt nicht mehr selbst in der Lage sein zu kurieren, weil unser Immunsystem derart degeneriert ist. Das sind schöne Aussichten – vor allem für die Pharmafirmen (16 Milliarden Dosen)."

Facebook-Screenshot: 07.12.2020

Die Annahme, dass zu viele Impfungen das Immunsystem schwächen können, ist allerdings falsch. Heidemarie Holzmann ist Professorin für Virologie an der Medizinischen Universität Wien. AFP hat sie am 9. Dezember zur angeblichen Schwächung des Immunsystems durch Impfungen befragt. Holzmanns Antwort lautete: "Das ist völliger Blödsinn.´" Die Virologin erklärt weiter, dass unser Immunsystem ständig aktiv sei. Auch wenn man gegen eine oder mehrere Krankheiten geimpft werde, sei der Körper trotzdem rund um die Uhr Antigenen ausgesetzt. "Das Immunsystem ist also durch Impfungen nicht zum Nichtstun verurteilt", sagt Holzmann. Ähnlich schreibt auch das Robert-Koch-Institut (RKI) auf seiner Website über häufige Einwände gegen Impfungen, hier in Bezug auf Kinder: "Tatsächlich setzt sich das kindliche Immunsystem, das für diese Aufgabe gut gerüstet ist, tagtäglich mit einer vielfach größeren Menge von Antigenen auseinander, als dies bei Impfungen der Fall ist."

Moderne Impfstoffe enthielten zudem eine viel geringere Anzahl an Antigenen, als das früher noch der Fall war, sagt Holzmann. Während beispielsweise früher alleine im Keuchhusten-Impfstoff laut RKI rund 3000 Antigene enthalten waren, seien es in heutigen Schutzimpfungen zusammen nur noch rund 150 Antigene. Dafür, dass Mehrfachimpfungen die Immunabwehr überlasteten, gebe es keinerlei Hinweise, schreibt das RKI.

Heidemarie Holzmann nennt außerdem einen Fall, in dem eine Impfung einen großen Vorteil für das Immunsystem gegenüber einer wilden Infektion habe. "Eine Maserninfektion löscht Teile des Gedächtnisses des Immunsystems gegen bereits überstandene Krankheiten. Bei einer Impfung ist das nicht der Fall", sagte die Virologin. Laut Studien der Universitäten Princeton und Harvard, die das Wissenschaftsmagazin "Science" vorstellte, erschwert eine wilde Maserninfektion dem Immunsystem sogar, in Zukunft gut auf neue Krankheitserreger zu reagieren.

Das US-amerikanische Journal der Akademie für Kinderheilkunde sprach bereits 2002 häufige Sorgen von Eltern bezüglich Impfungen an. Das Journal griff dabei auch die Angst vor einem geschwächten, überforderten oder aufgebrauchten Immunsystem auf. „Geimpfte Kinder haben kein größeres Risiko für nachfolgende Infektionen mit anderen Erregern als ungeimpfte Kinder“, schrieben die Autoren.

In der Vergangenheit hat AFP bereits ähnliche Behauptungen überprüft. Auch hier widersprachen zahlreiche Expertinnen und Experten der vermeintlichen Immunschwächung. "Es gibt keine Möglichkeit, dass Impfungen das Immunsystem schwächen", sagte etwa Srđa Janković im September 2020 gegenüber AFP. Er ist Immunologe am Universitätskrankenhaus für Kinder in Belgrad: "Impfungen gegen eine Krankheit beeinflussen die Widerstandsfähigkeit gegenüber anderen Krankheiten praktisch nicht. Impfungen schützen Menschen und ihre Gesundheit vor sehr gefährlichen Krankheiten", sagte Janković.

Eine ähnliche Behauptung, wonach das Tragen von Masken dem Immunsystem schaden würde, ist ebenfalls falsch. AFP hat sie hier überprüft.

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