Nein, dieses Bild zeigt nicht Biontech-CEO Uğur Şahin als Kind

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  • Veröffentlicht am 10. Dezember 2020 um 15:20
  • Aktualisiert am 10. Dezember 2020 um 15:22
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  • Von: Marie GENRIES, Max BIEDERBECK
Auf Facebook verbreitet sich im Dezember hundertfach das Bild einer Familie, die in den 60er und 70er Jahren nach Deutschland eingewandert sein soll. Bei einem kleinen Jungen, der rechts im Bild steht, soll es sich um den Biontech-CEO Uğur Şahin handeln, dessen Unternehmen zusammen mit dem Pharmahersteller Pfizer den ersten in Europa eingesetzten Anti-Corona-Impfstoff entwickelt hat. Uğur Şahin kam tatsächlich als Kind aus der Türkei nach Deutschland, das Foto zeigt aber weder ihn noch seine Familie.

In Deutschland haben Hunderte User das Bild der Familie seit dem 8. Dezember geteilt (hier, hier). Weltweit teilten es bereits im November Tausende Menschen auf Social Media mit der Behauptung, die Aufnahme zeige die Familie von Şahin (hier, hier, hier). In deutschen Postings heißt es aktuell etwa: "Dies ist eine Einwandererfamilie, die neu in Deutschland angekommen ist. Der Junge im gelben Hemd wird den COVID-Impfstoff erfinden."

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Facebook-Screenshot: 10.12.2020

Die erste Veröffentlichung des Bildes mit einem Bezug zu Şahin fand AFP am 21. November auf Italienisch. Andere Versionen der Aufnahme führten zu einem Artikel auf einer albanischsprachigen Website mit dem Namen "Tetova Express". 

 

Uğur Şahin, geboren in einer türkischen Einwandererfamilie, kam tatsächlich 1969 im Alter von vier Jahren nach Deutschland. Dennoch zeigt dieses Foto weder ihn noch seine Familie. 

Eine Familie aus Aksaray, die in den 60er und 70er Jahren nach Düsseldorf kam

Bei der Suche nach weiteren Versionen der Aufnahme stieß AFP auf einen Tweet vom 16. August 2020 von einem Account mit dem Namen "Diaspora Türk". Das Posting wird auf Türkisch so beschrieben: "Neue Heimat, neue Hoffnungen". Der Account datiert das Foto auf das Jahr 1975. Es sei in Düsseldorf entstanden, die Fotografin Candida Höfer sei die Urheberin.

Einen Tag später, am 17. August, postet "Diaspora Türk" ein weiteres Bild, diesmal zeigt es nur den Vater und die Mutter der Familie. Dazu heißt es im türkischsprachigen Tweet: "Als der Enkel dieser Familie das Foto gestern auf unserer Seite sah, konnten wir uns aus erster Hand über sie informieren." Der Enkel habe dann von seinen Großeltern, Tanten, Onkeln und seiner Mutter berichtet, die selbst nicht auf dem Foto zu sehen sei. "Die Familie stammt ursprünglich aus Aksaray. Der Vater kam 1965 als Arbeiter nach Deutschland." Es sei auch der Enkel gewesen, der dieses zweite Bild seiner Großeltern zur Verfügung gestellt habe, schreibt "Diaspora Türk". Eines vorweg: Besagter Enkel ist nicht Uğur Şahin.

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Twitter-Screenshot: 30.11.2020

Einer der Inhaber des Accounts teilte AFP mitn, dieser werde von Mitgliedern der türkischen Gemeinschaft betrieben, die in mehreren europäischen Ländern lebten. Tatsächlich zeigt auch eine zugehörige Website Dokumente, Veranstaltungen und Buchtipps rund um die Geschichten von Gastarbeitern in Europa.

AFP kontaktierte den Gründer von "Diaspora Türk", Gökhan Duman, am 26. November 2020. Er gab an, dass die Nachkommen dieser Familie nicht kontaktiert werden wollten. Er erklärte sich allerdings bereit, die vom Enkel überlieferte Geschichte der Familie zu erzählen.

"Der Vater kam 1965 nach Deutschland, um in der Bauindustrie als Gießer zu arbeiten", erklärte Gökhan Duman per E-Mail. Einige Jahre später brachte er seine Frau und vier seiner sechs Kinder mit und ließ eine Tochter und einen Sohn in Arkasay zurück, die sich um das Land und das Haus der Familie kümmerten: "Diese Fotos wurden in der Woche aufgenommen, in der die Familie in Düsseldorf ankam, in ihrem neuen Zuhause. Später fand die Mutter eine Stelle als Küchenhilfe, und 1980 kamen die beiden anderen Kinder nach Deutschland."

Die Geschichte dieser Familie ähnelt der Geschichte von Uğur Şahins Familie durchaus. Der Biontech-CEO kam ebenfalls als Kind türkischer Einwanderer in den 60er Jahren nach Deutschland. Aber einige Dinge unterscheiden sich: Uğur Şahins Eltern stammen nicht aus Arkasay, sondern aus Iskenredum, im Süden des Landes, wie die New York Times schreibt. Uğur Şahin kam 1965 zur Welt und im Alter von vier Jahren nach Deutschland. Im Jahr 1975, dem Datum dieses Fotos, war Uğur Şahin also bereits zehn Jahre alt. Der Junge auf diesem Bild sieht viel jünger aus.

Schließlich lebten Şahins Eltern nicht in Düsseldorf, sondern in Köln, wo er Medizin studierte, bevor er 1993 an der Universität Köln zum Thema Immuntherapie in Tumorzellen promovierte.

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Der Biontech-CEO im Gespräch mit AFP am 19. November (AFP / Yann Schreiber)

Das Bild der deutschen Fotografin Candida Höfer

"Diaspora Türk" sprach die Fotografin Candida Höfer an. Auch eine Bildersuche führte AFP zu einem 2016 erschienenen Artikel in der internationalen Zeitschrift "Art Journal Open". Darin analysiert ein Beitrag ebenfalls eine Sammlung von Aufnahmen der deutschen Fotografin, die zwischen 1972 und 1979 türkische Einwandererfamilien in Deutschland verewigt hatte. Auch das jetzt verbreitete Foto taucht hier auf.

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Screenshot der "Art Open Journal"-Website: 30.11.2020

Candida Höfer ist eine mehrfach preisgekrönte Fotografin. 2007 erhielt sie den Finkenwerder-Preis, der jährlich Künstlerinnen und Künstler auszeichnet, deren Werk einen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst in Deutschland geleistet haben.

Ihre Serie "Türken in Deutschland" konzentriert sich auf "Gastarbeiter" - also vor allem türkische Einwandernde, die in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders nach Deutschland kamen, um dort zu arbeiten. 

Die Einstellung von "Gastarbeitern" endete 1973, aber die Mehrheit der türkischen Familien blieb und wurde so zur größten immigrierten Bevölkerung in Deutschland, heißt es auch in der Einleitung zu einem Interview mit Candida Höfer vom 25. September 2019. Ein Video dazu ist auf der Website des "Harvard Art Museum" zu finden. Es enthält ein Foto der Familie bei Minute 5:02.

AFP hat das Büro der Candida-Höfer-Stiftung kontaktiert. Am 26. November 2020 bestätigte Sprecher Herbert Burkert, dass die Fotografin das Foto tatsächlich damals aufgenommen hatte. Burkert konnte allerdings nicht die Identität der gezeigten Familie auf dem Foto bestätigen, da das Foto "vor langer Zeit aufgenommen wurde" und der Name der Familie sich nicht in den Dokumenten der Stiftung befinde.

Auf der Website des Harvard Museum of Art, die der Fotoserie "Türken in Deutschland" gewidmet ist, befindet sich auch das zweite von der "Diaspora Türk" getwitterte Foto, das den Vater und die Mutter dieser Familie zeigt.

AFP wandte sich abschließend auch noch einmal an das von Uğur Şahin geführte Unternehmen Biontech selbst. Die Sprecherin des Unternehmens, Jasmina Alatovic, bestätigte am 27. November 2020, dass "dies kein Foto von Herrn Şahin und seiner Familie ist". Es stammt aus einer Fotoserie über türkische Einwanderer.

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