Nein, diese Studie beweist kein erhöhtes COVID-19-Risiko durch Grippeimpfungen

Seit Mitte Oktober erreicht ein Posting auf Facebook über 1.700 Shares, wonach grippegeimpfte Menschen ein 36 Prozent höheres Covid-19-Risiko aufweisen würden. Die als Quelle herangezogene Studie beschäftigt sich allerdings gar nicht mit dem neuartigen Coronavirus.

Seit Mitte Oktober haben über 1.700 Nutzerinnen und Nutzer ein Posting der Seite "Baumgartner Energetik & Gesundheit" geteilt. Darin ist zu lesen: "Eine Studie (veröffentlicht in der Fachzeitschrift Vaccine) besagt, dass Grippe-geimpfte ein 36% höheres Risiko haben, an Cov-19 zu erkranken." Belegt wird das mit dem Bild eines Artikels, der wiederum aus einer Zeitschrift mit dem Namen "Natur & Heilen" stammen soll. User teilen das Bild auch hier, hier und hier auf Facebook sowie im rund 41.500 Follower starken Telegram-Kanal des deutschen Verschwörungsmythikers Ken Jebsen. Auf Twitter erwähnen etwa die Corona und regierungskritischen "Ärzte für Aufklärung" die Studie.

Die "Risiko"-Behauptung selbst ist nicht neu. Bereits im Mai griff ein vielgesehenes Video mit dem Titel "Plandemic" die jetzt erneut geteilte Studie auf. Bereits damals überführte ein AFP-Faktencheck die aufgestellten Behauptungen als falsch. Auch andere ebenfalls von AFP überprüfte Postings greifen die Studie auf.

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Das Posting auf Facebook – Screenshot: 23.10.2020

Laut der Seite "Baumgartner Energetik & Gesundheit" stammt die infrage stehende Studie aus der monatlich erscheinenden Zeitschrift "Natur & Heilen", deren Schwerpunkte alternative Medizin und naturgemäße Heilverfahren sind. In einem ersten Posting zum Artikel heben die Seitenbetreiber einen Teil davon rot hervor.

Dort ist zu lesen: "Eine andere Studie hat gezeigt, dass z.B. nach der Grippeimpfung das Risiko, eine Coronavirusinfektion zu bekommen, um 36 % erhöht ist. In Italien wurden ja im November über 50 % der Bevölkerung gegen die Grippe geimpft". Dies sei aufgrund von Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Viren, der sogenannten Virusinterferenz der Fall. Quelle für die 36-Prozent-Aussage, so schreibt "Baumgartner Energetik & Gesundheit" sei eine im Fachmagazin "Vaccine" veröffentlichte Studie. Als Beweis liefert die Seite ihren Usern kurze Zeit später einen weiteren Screenshot nach, in dem das Quellenverzeichnis von "Natur & Heilen" zu sehen ist. Die dort aufgeführte Studie stützt die 36-Prozent-Behauptung allerdings in keiner Weise.

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Ein Ausschnitt aus dem nachträglich ergänzten Quellenverzeichnis – Download: 23.10.2020

Die im Screenshot zu sehenden Quellen (2) und (3) sollen das um 36 Prozent erhöhte Risiko einer Corona-Infektion durch die Grippeimpfung beweisen. Der angegebene Link (2) führt zu der im Text erwähnten Studie von Greg Wolff, die im Januar 2020 tatsächlich in der Fachzeitschrift "Vaccine" veröffentlicht wurde. Greg Wolff hat sie für das amerikanische Verteidigungsministerium verfasst. Link (3) führt zu einem Artikel von "Naturstoff Medizin" über das angeblich erhöhte Infektionsrisiko, der sich aber ebenfalls lediglich auf die Studie von Wolff bezieht.

Während der Grippesaison 2017/18 hatte Wolff Angestellte des Verteidigungsministeriums untersucht, um einen Zusammenhang zwischen der Grippeimpfung und verschiedenen saisonalen Coronaviren festzustellen. Die Studie kann allerdings aus zwei Gründen keine erhöhte Infektionsgefahr für COVID-19 durch eine Grippeimpfung beweisen.

Was die Original-Studie sagt und was nicht

Erstens, die Studie bezieht sich auf die Grippesaison 2017/18. Sie erhob also Daten, lange bevor Forscher das neuartige Coronavirus überhaupt entdeckten. Darauf weist der Studienautor auch selbst hin. In einem "Brief an den Herausgeber" schreibt er, dass sich die Ergebnisse seiner Studie auf ältere schon seit den 1960er-Jahren bekannte Arten von Coronaviren beziehen (229E, NL63, OC43 und HKU1) und nicht auf das neuartige Coronavirus.

Sein Fazit: "Daher können und sollten die Ergebnisse dieser Studie nicht als Darstellung irgendeiner Art von Beziehung oder Assoziation zwischen der Grippeimpfung und COVID-19 interpretiert werden. Die Ergebnisse dieser Studie unterstützen den Anti-Impf-Standpunkt, auf die Grippeimpfung zu verzichten, NICHT und sollten sogar gegenteilig interpretiert werden. Es wurde ein signifikanter Schutz gegen Grippe durch die Grippe-Impfung beobachtet, genauso wie eine leichte Abnahme der Wahrscheinlichkeit einer Infektion durch andere Atemwegserkrankungen ebenfalls festgestellt wurde." Wolff hatte untersucht, ob es Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Viren, eine sogenannte Virusinterferenz, bei den von ihm untersuchten Personen aus dem Verteidigungsministierum gab. Ein Teil der Probanden, die gegen Grippe geimpft wurden, erkrankte häufiger an durch von älteren Coronaviren verursachte Atemwegsinfektionen.

Zweitens, die Studie hat sogar in Bezug auf die älteren Virenstämme Schwächen in ihrer Methodik. Das amerikanische "Center for Disease Control" weist auf seiner Seite über Missverständnisse zur Grippe darauf hin, dass die Wolff-Studie sich als fehlerhaft herausgestellt habe. Die Ergebnisse der Studie habe ein Team aus Forscherinnen und Forschern aus Kanada dazu veranlasst, sich deren Ergebnisse genauer anzusehen. Es hat diese mit Daten aus gleich mehreren Grippesaisons verglichen und konnten das Ergebnis von Wolff nicht bestätigen. Die Ergebnisse der kanadischen Studie zeigten kein erhöhtes Risiko für eine Infektion mit einem saisonalen Coronavirus durch die Grippeimpfung.

Das kanadische Forschungsteam fand dabei einen Fehler im Vorgehen von Wolff. "Wir konnten nicht nur die Ergebnisse nicht bestätigen, sondern fanden auch methodische Probleme in der Art und Weise, wie der Autor seine Analysen durchführte", schrieb Danuta Skowronski, eine der kanadischen Forscherinnen, in einer E-Mail an AFP. Nachdem sie die Daten aus Wolffs Studie erneut mit dem dafür üblichen Testdesign wiederholten, fanden sie auch nicht mehr den von ihm aufgestellten Zusammenhang.

Fazit: Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Grippeimpfung das Risiko um 36 Prozent erhöht, am neuartigen Coronavirus zu erkranken. Die Studie, die über Umwege als Quelle für diese Behauptung herangezogen wird, weist einerseits methodische Probleme auf, andererseits hatte sie gar nichts mit dem neuartigen Coronavirus zu tun, sondern beschäftigt sich mit älteren Coronaviren. Weil es sich um unterschiedliche Viren handelt, lassen sich Ergebnisse also nicht übertragen.

AFP hat außerdem andere Falschbehauptungen zur Grippeimpfung bereits hier und hier widerlegt.

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