Nein, der Präsident des Weltärztebunds forderte keine Bevorzugung migrierter Menschen bei der Corona-Impfung

Copyright © AFP 2017-2021. Alle Rechte vorbehalten.

Hunderte Facebook-User haben seit Anfang Februar eine vermeintliche Forderung des Präsidenten des Weltärztebundes (WMA), Frank Ulrich Montgomery, geteilt. Dieser habe gefordert, "alle Migranten" bei Impfungen zu bevorzugen. Die im Posting angegebenen Quellen belegen eine solche Forderung allerdings nicht. Auch Montgomery selbst bestreitet gegenüber AFP, eine solche Aussage je gemacht zu haben.

Die Behauptung stammt aus einem Posting des AfD-Fraktionsvorsitzenden des Abgeordnetenhauses in Berlin, Georg Pazderski, vom 8. Februar. 630 User haben sie seither geteilt. Auch mehrere AfD-Ortsgruppen übernahmen den Beitrag wortgleich auf Facebook (hier, hier).

Pazderski schreibt: "Weltärztepräsident fordert Impfstoff-Bevorzugung für alle Migranten! Haben Asylanten eine höhere Impfpriorität als deutsche Rentner?" Anschließend beschreibt Pazderski die Haltung Montgomerys zu möglichen Lockerungsmaßnahmen der Corona-Regelungen in Deutschland. Am Schluss des Postings heißt es dann noch einmal mit Verweis auf die vom Bundesgesundheitsministerium gesetzten Impfprioritäten: "Ausgerechnet Asylforderer [...] sollen bevorrechtigt werden, während Schwerstkranke, Hochrisikopatienten und Millionen von Senioren, [...] weiter in die Röhre gucken und bangen müssen." Unter dem Text sind zudem mehrere thematisch passende Links als Quelle für Pazderskis Aussagen angegeben.

Facebook-Screenshot: 11. Februar 2021

Das von Pazderski geteilte Bild zeigt über dem Foto eines Mannes auch einen kurzen Text. Darin sind die Worte "Impfen als Solidarität" als Zitat markiert. Dieses schreibt Pazderski in seinem Posting-Text Montgomery zu.

Eine Bilderrückwärtssuche auf Google nach dem gezeigten Mann führt zu mehreren Artikeln, die ihn im Kontext von Seniorenheimen zeigen (hier, hier). Eine Seite gibt als Bildquelle die Stockphoto-Datenbank "Pixabay" an, wo das Foto zur freien Nutzung zur Verfügung steht (hier).

Zitat nicht in angegebenen Quellen

Montgomery fordert allerdings in keinem der vier als Quelle verlinkten Artikel eine Bevorzugung von Migranten.

In einem ersten Artikel des Tagesspiegel (Paywall) tauchen etwa weder Montgomery noch Geflüchtete auf. Der Text behandelt stattdessen eine gelähmte und kranke Frau, die sich darüber beschwert, keine frühe Impfung zu bekommen.

Ein zweiter Link führt zur Nachrichtenseite des Fernsehsenders NTV, die einen Bericht von AFP veröffentlicht hatte (auch hier zu finden). Dieser behandelt Montgomerys Haltung zur Lockerung von Corona-Maßnahmen und zur Impfstrategie der Bundesregierung. Der WMA-Vorsitzende beschreibt hier tatsächlich "Impfen als einem sozialen Solidaritätsakt". Pazderskis Beschreibungstext gibt den Artikel inhaltlich korrekt wieder. Jedoch taucht auch bei NTV die behauptete Forderung oder das Thema "Migration" nicht auf.

Die von NTV übernommene AFP-Meldung geht auf ein Wortlaut-Interview Montgomerys mit der "Passauer Neuen Presse" (PNP) vom 6. Februar zurück, auf das sich auch ein dritter von Pazderski verlinkter Artikel des rechtspopulistischen Blogs "Journalistenwatch" bezieht. Auch in diesem Interview spricht Montgomery nicht über Asylsuchende.

Auf AFP-Anfrage vom 10. Februar 2021 prüfte die PNP ihr Archiv nach solchen Aussagen des WMA-Vorsitzenden und teilte mit, nicht fündig geworden zu sein. Auch in der Rohfassung des Interviews, die AFP vorliegt, ist keine Rede von Migranten oder einer Bevorzugung bei der Impfung.

AFP suchte auch selbst auf der Seite der PNP und auf Google nach Kombinationen der Schlüsselbegriffe "Montgomery", "Corona", "Impfung", "Geflüchtete", "Migranten", "Asyl" und "Flüchtlinge". Die Suche brachte keine relevanten Ergebnisse.

Debatte um Impf-Prioritäten

Die vermeintliche Forderung Montgomerys taucht auch im vierten Link von Pazderski Posting nicht auf. Dieser führt zu einem Focus-Artikel vom 5. Februar, der sich tatsächlich mit der vergleichsweise hohen Impf-Priorität von Geflüchteten beschäftigt. Eine Focus-Redakteurin schreibt darin, warum Asylbewerber eine höhere Impf-Priorität haben als viele kranke Menschen.

Demnach sind Menschen in Flüchtlings- und Asylbewerberheimen aufgrund ihrer Lebenssituation gemeinsam mit 70-Jährigen in der zweiten Impfgruppe mit "hoher Priorität" in der Impfverordnung (§ 3 Absatz 8) aufgeführt. Damit sollten sie vor 60-Jährigen mit Erkrankungen wie COPD, HIV oder anderen Krankheiten geimpft werden.

Das hat sich mit der neuen Impfverordnung vom 8. Februar zum Teil geändert. Menschen mit schwerer Lungenerkrankung (COPD/Mukoviszidose), ausgeprägter Adipositas, schwerem Diabetes mellitus, chronischer Leber- oder Nierenerkrankung sind nun ebenfalls in der Gruppe "hohe Priorität". Für über 60-Jährige mit HIV, Autoimmunerkrankungen, Asthma oder anderen Krankheiten, hat sich die Priorität nicht geändert.

In der Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) lautet die Begründung für die hohe Priorität bei Asylheimen: "Vergleicht man die Größe der nach IfSG übermittelten Covid-19-Ausbrüche in Deutschland, stellt man fest, dass Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen sowie in Seniorentagesstätten neben Ausbrüchen in Flüchtlings- und Asylbewerberheimen am größten sind."

Montgomery widerspricht Behauptung

Schließlich kontaktierte AFP Montgomery selbst. Am 10. Februar schrieb er in einer E-Mail: "Vollständiger Unsinn – so etwas habe ich nie behauptet. Ich kann mich im Kontext dieser Impfdebatte überhaupt nicht an die Erwähnung einer Verbindung zu Migranten erinnern."

Montgomery wies weiterhin darauf hin, dass er lediglich während der Flüchtendenkrise 2015 gefordert habe, Migranten im Rahmen ihrer Aufnahme in der EU alle Impfungen anzubieten – "als epidemiologischen Schutz der eigenen Bevölkerung", schrieb Montgomery in seiner E-Mail an AFP weiter. Mehrere Zeitungen berichteten damals über seinen Einsatz für eine gesundheitliche Regelversorgung für Geflüchtete, wobei auch deren Impfung Thema war (hier, hier, hier).

AFP kontaktierte auch Politiker Pazderski am 12. Februar. Ein Fraktionsprecher der AfD im Berliner Abgeordnetenhaus teilte daraufhin per E-Mail mit: "Hier gab es eine bedauerliche Verwechslung." Auch das Posting auf Facebook wurde anschließend korrigiert.

Fazit: Der Facebook-Post von Georg Pazderski legte Frank Ulrich Montgomery eine Forderung in den Mund, die er nicht geäußert hat. Weder die im Posting angegebenen Quellen noch eine zusätzliche Googlesuche belegen die jetzt gelöschte Behauptung des AfD-Politikers. Auch Montgomery selbst widersprach, je eine solche Aussage gemacht zu haben.

Covid-19