Nein, das Statistische Bundesamt hat keine Untersterblichkeit für 2020 bestätigt

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Tausende Facebook-User haben im Januar eine Tabelle geteilt, die vermeintlich die Zahl der Sterbefälle in Deutschland zwischen 2015 und 2020 zeigen soll. Als Quelle für diese Zahlen geben die Postings einen Link des Bundesamts für Statistik an: Destatis. Diese hat allerdings für 2020 noch gar keine abschließenden Zahlen vorgelegt. AFP hat die bisher aufgestellten wöchentlichen Todesfälle zusammengezählt und kommt auf ein höheres Ergebnis. Auch Destatis teilte auf Anfrage mit, dass die Zahlen bereits im Dezember 2020 höher gewesen seien als hier behauptet.

Die vermeintliche Todesfall-Statistik hat sich seit dem 9. Januar tausendfach auf Facebook verbreitet (etwa hier, hier, hier). Tausende User sahen sie auch auf Telegram (etwa hier). Die Postings zeigen eine Zeitreihe von 2015 bis 2020, inklusive der Todesfälle im jeweiligen Jahr in Deutschland. Als Quelle dient ein Link zum Statistischen Bundesamt Destatis. Dazu stehen die Sätze: "So, jetzt ist es amtlich! Wir hatten 2020 eine Untersterblichkeit. 2020 sind weniger Menschen gestorben als in den Jahren 2019, 2018, 2017, 2016 und 2015."

Facebook-Screenshot: 11.01.2020

Die vermeintlichen neuen Destatis-Sterbezahlen für 2020 sind nicht die erste Tabelle dieser Art, die im neuen Jahr aufgetaucht sind. Bereits zuvor hat AFP eine ähnliche falsche Aufstellung für die Sterbefallzahlen in Österreich überprüft, auch das Faktencheck-Portal Correctiv hatte sich einer ähnlichen Zahlenreihe für Deutschland angenommen. Auch die jetzt verbreiteten Zahlen passen in diese Reihe an Falschbehauptungen. 

AFP hat zunächst den angegebenen Quellen-Link überprüft. Er führt tatsächlich zu einer Publikation von Destatis mit der Überschrift: "Sterbefälle - Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen, Geschlecht und Bundesländern für Deutschland 2016-2020". Hier findet sich auch die zugehörige Datenbank des Statistischen Bundesamts. Auffällig bei diesem Datensatz ist: Er endet zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Faktenchecks bei Kalenderwoche 50 des Jahres 2020, also am 13. Dezember 2020. In einer weiteren Aufstellung von Destatis hat AFP die Todesfälle von 2015-2019 wiedergefunden, diese stimmen in der aktuell verbreiteten Tabelle. 

AFP hat daraufhin die bisher vorliegenden Zahlen des vergangenen Jahres 2020 zusammengezählt und kam auf das Ergebnis: 921.989 Sterbefälle bis zur Kalenderwoche 50 in Deutschland. Bis zum 13. Dezember des Jahres 2020 gab es also bereits wesentlich mehr Tote, als von den Postings für ganz 2020 behauptet (904.270 Sterbefälle).

AFP hat am 11. Januar trotzdem beim Statistischen Bundesamt nachgefragt. Sprecher Felix zur Nieden antwortete in einer E-Mail: "Uns liegen noch keine Daten für das gesamte Kalenderjahr 2020 vor." Die Zahlen würden noch erhoben.  

Weiter verwies er auf eine Pressemitteilung von Destatis vom 8. Januar, die ebenfalls die Entwicklung der Todesfallzahlen über die einzelnen Kalenderwochen hinweg zeigt. Auch darin taucht die Zahl 921.989 der Sterbefälle bis zur Kalenderwoche 50 auf. 

Weiterhin ist in der Mitteilung von 25.022 Covid-19-Sterbefällen die Rede. Dazu schreibt Destatis: "Die Zahl der Todesfälle von Personen, die zuvor laborbestätigt an COVID-19 erkrankt waren, steigt seit Anfang Oktober von Woche zu Woche deutlich an. In der 50. Kalenderwoche gab es insgesamt 3595 beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldete COVID-19-Todesfälle."

Zur Nieden erklärte außerdem gegenüber AFP: "Die von Ihnen verlinkte Darstellung vergleicht mutmaßlich unvollständige Daten für 2020 mit vollständigen Daten der Vorjahre. Die Zahlen werden sich sowohl durch die noch fehlenden Daten aus der zweiten Dezemberhälfte als auch durch Nachmeldungen noch erhöhen."

Fazit: Die in den Postings verbreitete Zahl für 2020 ist falsch. Sie belegt auch keine Untersterblichkeit in Deutschland. Die echten Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen vielmehr, dass die Anzahl der Sterbefälle bereits im Dezember deutlich höher ausfiel als in den Postings für das gesamte Jahr behauptet. Die Todesfälle werden laut Destatis sogar noch ansteigen, wenn die letzten Kalenderwochen des Jahres und die Nachmeldungen der Ämter zugerechnet werden.

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