Nein, Corona wäre auch bei niedriger Inzidenz laut EU keine "seltene Krankheit"

Copyright © AFP 2017-2021. Alle Rechte vorbehalten.

Tausende User haben eine Behauptung auf Facebook verbreitet, wonach die Ziel-Inzidenz der deutschen Bundesregierung für Corona-Infektionen so niedrig sei, dass sie unter die Definition einer "seltenen Krankheit" der Europäischen Union (EU) falle. Der Wert, an den die Regierung Lockerungsschritte knüpft, sei damit unerreichbar, heißt es in den Postings. Inzidenzwert und EU-Definition beschreiben allerdings zwei unterschiedliche Dinge.

Seit Mitte Februar haben Tausende Menschen auf Facebook die Behauptung zur EU-Definition geteilt (hier, hier, hier). Darin heißt es: "...bei 50 Erkrankten von 100000 Menschen handelt es sich laut EU Definition um eine 'SELTENE KRANKHEIT'! Und da sind es echte Erkrankte und nicht nur positiv getestete. Diese Regierung setzt Maßstäbe (35) oder weniger, die niemals erfüllt werden können." Damit sei das Corona-Ziel der Regierung gar nicht erreichbar: "Diese Regierung setzt Maßstäbe (35) oder weniger, die niemals erfüllt werden können. Genauso könnten sie fordern, wir lockern erst, wenn in Deutschland Mittwochs nicht gestorben wird. Wie kann es sein, dass diese Regierung immer noch Rückhalt in der Bevölkerung hat? DAS IST KRANK!!!"

Facebook-Screenshot: 18.02.2021

Erst einmal zum Ziel der Regierung: Dieses gibt es tatsächlich. Im Infektionsschutzgesetz Paragraph 28a wird die Staffelung der Maßnahmen beschrieben. Wie viele Lockerungen es gibt, hängt dabei an zwei Zahlen: 50 und 35. Übersteigt die 7-Tages-Inzidenz (Zur Worterklärung gleich mehr) die Zahl von 50 pro 100.000 Menschen, treten demnach "umfassende Schutzmaßnahmen" in Kraft, oberhalb der 35 bestehen nur "breit angelegte Schutzmaßnahmen".

Anders gesagt: Je niedriger die Inzidenz ist, desto umfassender sind die Lockerungen. Kritikerinnen und Kritiker monieren an diesem Wert: Dieser sei rechtlich ungenau, unrealistisch, politisch gewollt und nicht wissenschaftlich oder nur für einen Teilaspekt der Pandemie aussagekräftig. Die aktuell verbreitete Behauptung über die "seltene Krankheit" würde zu dieser Kritik passen. Allerdings verwechselt sie zwei epidemiologische Grundbegriffe.

Inzidenz und Prävalenz

Unter Inzidenz verstehen Epidemiologinnen und Epidemiologen die Gesamtzahl aller neuen Fälle einer Krankheit innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Im Fall von Corona geben Forschende die Zahl meist bezogen auf die Neuerkrankungen innerhalb einer Woche an, also die 7-Tages-Inzidenz. Damit diese Zahl vergleichbar ist, verknüpfen Forscheinnen und Forscher sie oft mit einer bestimmten Bezugsgröße, etwa pro 100.000 Menschen. So können sie die Inzidenz eines 1000-Seelen-Ortes direkt mit der einer Millionenstadt vergleichen. So verfährt auch die Bundesregierung: Sie knüpft Lockerungen wie beschrieben daran, wie viele von 100.000 Menschen in einer Woche neu an Corona erkranken.

Und dann gibt es da noch die Prävalenz. Sie misst, wie häufig eine Krankheit generell auftritt. Die Prävalenz ist also die Zahl der gesamten alten und neuen Fälle einer Krankheit. Die Prävalenz kann für unterschiedliche Zeiträume angegeben werden, etwa bezogen auf ein ganz bestimmtes Datum, die sogenannte Punktprävalenz, oder für einen definierten Zeitraum. Dieser Wert heißt dann Periodenprävalenz und kann beispielsweise eine Woche, Monate oder Jahre umschließen.

Ein Beispiel: Rund eine Million Menschen in Deutschland leidet an einer  bestimmten Krankheit, etwa 1200 von 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das ist die Prävalenz, also die Krankheitshäufigkeit. Jedes Jahr erkranken in ganz Deutschland 50.000 Menschen neu an der dieser Krankheit, das sind rund 60 von 100.000. Das ist die (Jahres-)Inzidenz, also die Erkrankungshäufigkeit innerhalb eines Jahres. Der Unterschied zwischen Inzidenz und Prävalenz besteht also vor allem in der gemessenen Zeit.

Details zu den Definitionen von Inzidenz und Prävalenz kann man auf der Website des Robert Koch-Instituts (RKI), der Europäischen Patientenakademie für therapeutische Innovation (EUPATI), der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder des US-amerikanischen Centers for Diesease Control and Prevention (CDC) nachlesen.

Die Definition der EU

Die EU definiert seit einer Richtlinie im Jahr 1999 eine seltene Krankheit tatsächlich als eine Krankheit, die weniger als  50 von 100.000 Menschen betrifft (oft auch als 5 von 10.000 oder 1 von 2000 angegeben). Diese Zahlen beziehen sich aber auf die Prävalenz, nicht auf die Inzidenz. Die Definition der EU beschreibt also eine Krankheit als selten, wenn weniger als 50 von 100.000 an ihr leiden, nicht wenn weniger als 50 von 100.000 neu an ihr erkranken. Am Tag der Postings am 14. Februar 2021 lag die Corona-7-Tages-Inzidenz in Deutschland im Bundesschnitt bei 57 von 100.000. In rund 70 Städten und Kreisen sank die 7-Tages-Inzidenz sogar unter die gewünschten 35. Seit Beginn der Pandemie gab es in Deutschland hingegen rund 2,3 Millionen bestätigte Covid-Fälle, also um ein Vielfaches mehr, um nach EU-Definition eine seltene Krankheit zu sein.

Die EU selbst stellt die Behauptungen aus dem Posting ebenfalls richtig. Ein Sprecher der EU-Kommission schrieb AFP am 23. Februar: "Corona ist keine seltene Krankheit nach EU-Definition. Das Ziel der EU ist es ebenfalls, die Inzidenzzahlen gering zu halten. Der COVID-19-Inzidenz-Durchschnitt für die EU liegt derzeit fast sechsmal höher als 50 von 100.000." Er verweist außerdem auf eine aktuelle Risikoanalyse des Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), die das Corona-Risiko weiterhin als hoch bis sehr hoch einstuft.

Der Sprecher führte aus: "Es gibt außerdem viele Infektionskrankheiten, bei denen schon ein einziger Fall in der EU eine ernste grenzüberschreitende Gesundheitsbedrohung darstellen würde (z. B. Ebola, MERS, Polio), die eine koordinierte Reaktion erfordern würde."

Auch auf ihrer Website nennt die EU-Kommission Corona eine "Pandemie", also eine weltweit sehr stark ausgebreitete Krankheit – das ist geradezu das Gegenteil einer "seltenen Krankheit".

Auch andere Expertinnen weisen die Behauptung des Postings zurück. Una Großmann, Sprecherin der Stiftung Gesundheitswissen, die auch ein Info-Portal zu seltenen Krankheiten betreibt, schrieb AFP am 23. Februar: "Bei dieser Definition von seltenen Erkrankungen bezieht man sich auf die sogenannte Prävalenz. (...) Bei Corona wird häufig die Inzidenz angegeben – und dann meist auf 7-Tage bezogen. Prävalenz- und Inzidenzzahlen erfassen demnach unterschiedliche Aspekte und können daher nicht einfach 1:1 miteinander verglichen werden." 

Auch die EU-Kommission ergänzte: "Prävalenz ist nicht das Gleiche wie Inzidenz. Die Prävalenz misst den Zustand/die Verbreitung einer Krankheit zu einem bestimmten Zeitpunkt (oder Zeitraum) - wie eine Momentaufnahme, während die Inzidenz die Häufigkeit des Auftretens einer Krankheit über einen bestimmten Zeitraum hinweg misst, d. h. die Entwicklung aufzeigt."

Lara Chappell, Sprecherin der Europäischen Patientenorganisation für seltene Krankheiten EURORDIS verwies AFP am 22. Februar auf eine Mitteilung vom 25. März vergangenen Jahres, in der EURORDIS bereits festhielt: "Die Zahl der von Covid-19 betroffenen Menschen wird bald über der Schwelle zur Einstufung als seltene Krankheit liegen." Die damals geltenden 420.000 Fälle weltweit haben sich mittlerweile um das 280-fache auf rund 111 Millionen erhöht.

Fazit: Das Posting verwechselt zwei Begriffe. Die EU verwendet die Prävalenz einer Krankheit, um sie als selten zu definieren. Das Ziel der Bundesregierung hängt hingegen an der Inzidenz. Laut EU-Definition ist Corona also keine "seltene Krankheit". Die EU selbst widerspricht, genauso wie Expertinnen.

COVID-19