Nein, Bill Gates hat nicht mit Investitionen in Impfungen 200 Milliarden Dollar verdient

Hunderte Facebook-User haben seit Ende November 2020 eine Behauptung geteilt, wonach Bill Gates mit Investitionen in Impfungen vermeintlich 200 Milliarden Dollar verdient habe. Der geteilte Clip, in dem die Behauptung aufgestellt wurde, stammt aus einem längeren Fernsehinterview mit Gates. Darin schätzt der Microsoft-Gründer allerdings lediglich den sozialen und wirtschaftlichen Nutzen einer Investition von zehn Milliarden Dollar in Impfungen ein und nicht seinen persönlichen Verdienst.

Rund 250 Menschen haben ein Video geteilt, in dem die 200-Milliarden-Behauptung über Bill Gates aufgestellt wird. Das erste Posting, das AFP gefunden hat, stammt vom 26. November 2020. Das verbreitetste Posting vom 22. Februar 2021 haben mehr als 240 User bisher geteilt. Das Video erschien außerdem am 18. Mai 2020 auf Youtube.

Im ersten Posting heißt es zum Video: "Bald wird Bill Gates den derzeitigen Gewinner der Pandemie mit seinen 186 Milliarden Vermögen überholen!" Der zweite Verfasser schreibt: "zum Glück geht es Billy Boy nicht ums Geld sondern nur um unsere Gesundheit.. *ironie off*"

Das dazu geteilte englischsprachige Interview ist untertitelt. Demnach fragt die Moderatorin Gates: "Sie haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten zehn Milliarden Dollar in Impfungen investiert und die "Kapitalrendite" dafür herausgefunden. Es hat mich irgendwie verblüfft. Können Sie uns durch die Mathematik führen?" Nach einem Schnitt folgt Gates Antwort: "Ein Return von über zwanzig zu eins. Wenn Sie sich nur die wirtschaftlichen Vorteile ansehen, ist das im Vergleich zu allem anderen eine ziemlich starke Zahl." 

Nach einem zweiten Schnitt folgt die Frage: "Ich glaube, wenn sie die Zahlen, die Sie durchgerechnet haben, in den Aktienmarkt gesteckt hätten und die Dividende reinvestiert hätten, wären Sie auf etwa 17 Milliarden gekommen. Aber Sie haben 200 Milliarden Dollar gemacht." Gates antwortet darauf mit "hier, ja" (Anm. d. Red.: Aus dem Englischen übersetzt).

Die gleiche Behauptung wurde auch in Kenia zehntausendfach (hier) geteilt. AFP Kenia hat sie bereits als irreführend bewertet.

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Facebook-Screenshot: 26. Februar 2021

Verfälschende Schnitte und Untertitel

Das Video ist ein Auszug aus einem Interview, das Gates der CNBC-Journalistin Becky Quick am 23. Januar 2019 gegeben hat, also in einer Zeit vor der Corona-Pandemie. Darin diskutiert Gates die allgemeinen wirtschaftlichen Vorteile einer Erhöhung der Impfraten. Allerdings gibt es im Clip Schnitte, die Gates Antworten aus dem Kontext reißen sowie manipulativ veränderte Untertitel, die seine Aussagen verdrehen.

Das tatsächlich Gesagte unterscheidet sich auch im entscheidenden Satz des Videos. Am Ende des Videos fragt die Moderatorin: "Aber Sie glauben, es sind 200 Milliarden Dollar." Im Untertitel wird dagegen fälschlicherweise behauptet, sie habe gesagt: "Sie haben 200 Milliarden Dollar gemacht." Gates’ bestätigung bezieht sich also nicht auf einen vermeintlichen Gewinn.

Im originalen Interview spricht Gates nicht über seinen persönlichen Gewinn, sondern über die sozialen und wirtschaftlichen Vorteile, die durch die Investitionen seiner gemeinnützigen Stiftung in Impfstoffe im Allgemeinen entstanden seien.

Die Bill & Melinda Gates Foundation hat Milliarden von Dollar in die Entwicklung von Impfstoffen gegen Krankheiten wie Polio, HIV und Malaria gesteckt. Im Juni sagte sie der globalen Impfstoffallianz Gavi 7,4 Milliarden Dollar zu, um Impfprogramme zu unterstützen, die wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochen wurden.

AFP führte eine Stichwortsuche bei Google nach "Bill Gates $200 billion vaccine" durch und fand verschiedene Artikel, die erklären, woher diese Zahl stammt. In einem Artikel des Wall Street Journal vom 16. Januar 2019 mit dem Titel "The Best Investment I've Ever Made" (Die beste Investition, die ich je gemacht habe) erklärte Gates selbst die Zehn-Milliarden-Dollar-Investition in drei globale Gesundheitsorganisationen: Gavi, den Global Fund und die Global Polio Eradication Initiative.

In dem Gastbeitrag schreibt Gates: "Stellen Sie sich vor, unsere Stiftung hätte nicht in Gavi, den Global Fund und die GPEI investiert und stattdessen diese zehn Milliarden Dollar in den S&P 500 (Anm. d. Red.: Aktienindex) gesteckt und versprochen, den Restbetrag 18 Jahre später an Entwicklungsländer zu geben. Mit Stand von letzter Woche hätten diese Länder inflationsbereinigt etwa zwölf Milliarden Dollar erhalten, oder 17 Milliarden Dollar, wenn wir die reinvestierten Dividenden berücksichtigen."

Und weiter: "Was wäre, wenn wir zehn Milliarden Dollar in Energieprojekte in den Entwicklungsländern investiert hätten? In diesem Fall hätte die Rendite 150 Milliarden Dollar betragen. Was ist mit Infrastruktur? 170 Milliarden Dollar. Indem wir in globale Gesundheitseinrichtungen investierten, übertrafen wir jedoch alle diese Renditen: Die zehn Milliarden Dollar, die wir für die Bereitstellung von Impfstoffen, Medikamenten, Moskitonetzen und anderen Hilfsgütern in Entwicklungsländern investierten, haben einen geschätzten sozialen und wirtschaftlichen Nutzen von 200 Milliarden Dollar geschaffen."

Die Rendite von 200 Milliarden Dollar sei von der US-amerikanischen gemeinnützigen Denkfabrik Copenhagen Consensus Center errechnet worden, schrieb Gates. Laut deren Website verwendet die Organisation Algorithmen und Daten, um Strategien zur Armutsbekämpfung zu analysieren.

Falsche Interpretationen der Analyse

David Lessmann, Sprecher des Copenhagen Consensus Center, sagte AFP, dass die irreführenden Facebook-Posts "eine falsche Interpretation" der Schätzung seien. Der Beitrag suggeriere fälschlicherweise, dass "Gates mit dem Beitrag der Stiftung 200 Milliarden Dollar in bar verdienen wird oder verdient hat".

Lessmann erklärte weiter, dass die verbreitete Zahl lediglich den "Return on Investment" (Anm. d. Red.: Kapitalrendite) schätzt, indem sie Faktoren wie die durch den Zugang zu Impfstoffen gesparten Kosten für die Gesundheitsversorgung miteinbezieht. So auch die Einkommensvorteile, die dadurch eintreten, dass man nicht krank wird oder stirbt, sowie den gesellschaftlichen Wert, der durch die Verringerung des Sterberisikos für den Einzelnen entsteht.

200 Milliarden Dollar sind kein realer Geldwert

"Keiner der in dem Bericht des Copenhagen Consensus Center errechneten  Vorteile entspricht einem privaten Gewinn von Gates oder einem anderen Beitragszahler", sagte Lessmann. "Die Analyse ergab, dass der ‘Return on Investment’ für die drei Fonds zusammengenommen 20 Dollar pro ausgegebenen Dollar beträgt. Der Gewinn stellt den sozialen Nutzen der Investitionen dar."

Auch die Bill & Melinda Gates Foundation teilte AFP mit, dass der Videoclip aus dem Zusammenhang gerissen worden sei. "Wenn wir über Return on Investment für Impfstoffe sprechen, meinen wir gerettete Leben und wirtschaftliches Wachstum für die Gebiete, in denen die Impfstoffe zur Verfügung gestellt wurden", erklärte ein Sprecher der Stiftung in einer E-Mail.

Fazit: Die Behauptung, dass Bill Gates mit Investitionen in Impfstoffe 200 Milliarden Dollar Gewinn gemacht habe, ist falsch. Das Interview, das diese Behauptung belegen soll, ist falsch wiedergegeben und manipulativ geschnitten worden. Auch diejenigen, die diese Zahl errechnet haben, erklärten gegenüber AFP, dass es sich bei den 200 Milliarden um den errechneten Geldwert der  sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Zehn-Milliarden-Investition und nicht um eine reale Geldsumme handelt.

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