
Nein, 5G-Strahlung verursacht keine Covid-19-Symptome
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- Veröffentlicht am 2. Oktober 2020 um 09:22
- Aktualisiert am 2. Oktober 2020 um 12:03
- 8 Minuten Lesezeit
- Von: Jan RUSSEZKI, AFP Deutschland
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Das Video verbreitet sich auch in Telegram-Gruppen. Zum Beispiel in dieser Gruppe mit 47.000 Mitgliedern, aber auch hier und hier. Außerdem kursiert es auf Twitter.
Klagemauer.tv beschreibt den Beitrag auf Facebook mit folgenden Worten: "Zwei Studien stellen einen Zusammenhang zwischen Mobilfunk und Corona-Virus-Ausbrüchen fest. 5G-Mobilfunkanlagen arbeiten mit Frequenzen um 60 GHz, die Sauerstoffmoleküle in der Luft verändern, sodass sie vom menschlichen Blut nicht mehr transportiert werden können. Das führt zur Unterversorgung unserer Organe mit Sauerstoff. Irrtümlicherweise wird dies dann der Infektion mit einem COVID-19-Virus zugeschrieben. Oder ist es gewollt?"
Das Video selbst zeigt einen Beitrag, der wie eine professionelle Nachrichtensendung aufgemacht ist. Auch darin berichtet eine Moderatorin von angeblichen gesundheitlichen Auswirkungen von 5G-Strahlung und von einem Zusammenhang zu Corona-Ausbrüchen in Ländern mit 5G-Netz.
AFP Faktencheck untersuchte die Hauptaussagen im Facebook-Post und eine weitere Behauptung aus dem Video. Das Ergebnis: Es gibt berechtigte Zweifel an den Behauptungen von Klagemauer.tv. Dazu kommt, dass es ansonsten keine Studien zu den Langzeitfolgen von 5G-Strahlung gibt, weil die Funktechnologie erst seit kurzem eingesetzt wird.
Unwissenschaftlich: Eine spanische Studie behauptet, es gebe einen Zusammenhang zwischen mobiler Kommunikation und Corona-Ausbrüchen
Die im Abspann des Videos angegebenen Quellen verweisen auf eine Studie aus Spanien. Diese soll beweisen, dass der 5G-Ausbau und die Corona-Verbreitung zusammenhängen.
Diese Studie wurde von einem gewissen Bartomeu Payeras i Cifre verfasst. Dieser Name erscheint jedoch nicht in gängigen wissenschaftlichen Datenbanken wie Google Scholar, PubMed und EMF. Solche Datenbanken sammeln aktuelle wissenschaftliche Artikel sammeln und stellen sie zur Verfügung. Allerdings hat die Homepage eines "Tomeu l'Amo" die Studie veröffentlicht. Dieser Artikel der katalanischen Zeitung "Ara" beschreibt Bartomeu Payeras i Cifre und Tomeu l'Amo als dieselbe Person. Auch auf Tomeu l'Amos Website zeigt deutlich, dass es bei Tomeu l'Amo um den Künstlernamen von Bartomeu Payeras i Cifre handelt.
In seiner Studie bezeichnet sich Autor Payeras i Cifre als Mikrobiologe. In diesem Artikel, den Klagemauer.tv als Quelle nennt, wird Bartomeu Payeras i Cifre als Mitarbeiter der Universität Barcelona aufgeführt. Die Pressestelle der Universität widerlegt dies allerdings gegenüber AFP. Es gibt daher keine Hinweise darauf, dass die Studie eine wissenschaftlichen Prüfung durchlaufen hat. Auch bleibt unklar, ob Payeras i Cifre tatsächlich über einen wissenschaftlichen Hintergrund verfügt.
Die Studie

Die Studie ist auf den 14. April 2020 datiert und wurde von SOTN ("State of the Nation") anschließend ins Englische übersetzt. SOTN beschreibt sich selbst als Seite für “alternative Nachrichten”. In der Studie versucht Payeras i Cifre zu beweisen, dass Länder mit dichtem 5G-Netz auch mehr Corona-Infektionen aufweisen.
Um das zu beweisen, vergleicht er die Corona-Fälle von San Marino als "erster europäischen Staat mit voller 5G-Abdeckung" und von Kroatien "ohne 5G-Netz". Laut den Fußnoten der Studie stammen die Fallzahlen von den jeweiligen Gesundheitsämtern. So kommt der Autor zum Ergebnis, dass San Marino mit 10.56 Fällen pro 1000 Einwohner 27 Mal mehr Coronafälle hat als Kroatien mit nur 0,39 Fällen pro 1000 Einwohner. Die Zahlen stimmen mit denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) überein. Dennoch ist der Vergleich zwischen Kroatien und dem sehr viel kleineren San Marino unzulässig.
Das kritisiert auch Science Feedback, ein weltweites Netzwerk von Wissenschaftlern, die Fakten von Fiktion in der wissenschaftlichen Berichterstattung trennen. Science Feedback ist ebenso wie AFP Partner im internationalen Facebook-Faktenprüfungsprogramm. Dessen Autor Pablo Rougerie sagt in seiner Rezension zur 5G-Studie: "Die angebliche Korrelation, die im Artikel gezeigt wird, wird durch erhebliche methodische und logische Mängel untergraben."
Rougerie merkt an, dass verschiedene Regionen möglicherweise unterschiedliche Test- und Social Distancing-Strategien nutzen und auch unterschiedliche materielle wie finanzielle Ressourcen besitzen. "All diese Störfaktoren sollten beim Vergleich von Regionen mit oder ohne 5G berücksichtigt werden", schreibt er und kommt zu dem Fazit: "Zusammenfassend ist die Behauptung, dass 5G mit einer höheren Inzidenz von COVID-19 verbunden ist, falsch."
Auch AFP hat in der Vergangenheit bereits Behauptungen als falsch entlarvt, die Virusausbrüche mit neuen Telekommunikationstechnologien in Verbindung bringen.
Falsch: 5G-Frequenzen um 60 GHz verändern Sauerstoffmoleküle, so dass sie nicht mehr vom menschlichen Blut transportiert werden können
Für diese Behauptung zitiert Klagemauer.tv eine zweite Studie, die keine ist. Bei der Quelle handelt es sich um einen Blog-Beitrag des sogenannten "Instituts für Urfeldforschung". Laut Impressum handelt es sich dabei um ein privates Institut, das 1998 von einem gewissen Wolfgang Kühl in Hamburg gegründet wurde. Weder Kühl, noch das Institut tauchen mit themenrelevanten wissenschaftlichen Arbeiten in den Datenbanken Google Scholar, PubMed und EMF auf.
Dieses Institut behauptet, dass 5G-Frequenzen um 60 GHz Sauerstoffmoleküle in der Luft so verändern würden, dass das menschliche Blut diese nicht mehr transportieren könne. Besonders das Herz, die Lunge und das Gehirn würden auf diese Weise unterversorgt, wird weiter behauptet, was zum Tod führen könne. Diese Todesfälle würden Behörden dann fälschlicherweise als Covid-19-Todesfälle zählen.
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) widerspricht dieser Behauptung auf AFP-Nachfrage. Nicole Meßmer, Sprecherin des BfS, schreibt per E-Mail, dass derzeit nur die Frequenzen 2 GHz und 3,6 GHz für 5G-Mobilfunknetze verwendet würden.
Höhere Frequenzbereiche bis zu 71 GHz seien im November 2019 auf der Weltfunkkonferenz (WRC-19) der International Telecommunication Union (ITU) für 5G festgelegt worden – mit einer Lücke im Bereich von 55 bis 65 GHz. Diese Ausnahme sei allerdings auch in Zukunft nicht für 5G vorgesehen, selbst wenn Unternehmen tatsächlich beginnen würden, höhere Frequenzen zu benutzen. Nicole Meßmer erklärt: "Der Frequenzbereich ist bereits verschiedenen Anwendungen zugeteilt."
All diese Frequenzen sind ungefährlich. Niedrige Strahlung bis zu 300 GHz verursacht keine Ionisierung, die für Menschen schädlich sein kann. "Die Energie elektromagnetischer Felder im Bereich über 0 Hertz bis 300 GHz ist nicht stark genug, um Moleküle wie das Sauerstoffmolekül zu ionisieren oder chemische Bindungen aufzubrechen", sagt Meßmer.
Das bekräftigt auch Rodney Croft, Professor an der australischen Universität Wollogong und Mitglied der Internationalen Kommission für den Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung (ICNRP). "Ionisierende Strahlung (z. B. durch Röntgenstrahlen oder Kernreaktionen) kann schwerwiegende gesundheitliche Auswirkungen haben, etwa die Entstehung von Krebs. Nichtionisierende Strahlung, wie sie bei 5G vorkommt, kann keine gesundheitlichen Auswirkungen haben", sagt er zu AFP und fügt hinzu, dass internationale Vorschriften "5G-Expositionen auf Werte beschränken, die keinen Schaden anrichten können".
Falsch: 5G hat katastrophale Auswirkungen auf das Immunsystem und die Blut-Hirn-Schranke
Im Video fügt die Moderatorin der Sendung den Facebook-Posts weitere Behauptungen hinzu. Sie sagt: "Der deutsche Arzt Dr. med. Dietrich Klinghardt, Gründer des Instituts für Neurobiologie, verweist schon lange auf die verhängnisvollen Auswirkungen von elektromagnetischen Feldern – insbesondere auch des 5G-Mobilfunknetzes – unter anderem auf das Immunsystem und auf die Blut-Hirn-Schranke des Menschen." Klagemauer.tv zitiert Klinghardt weiter aus einem Interview mit QS24, einem privaten Schweizer Gesundheitssender. Darin sagt er: "3G war schon absolut tödlich für uns! 5G ist nochmal eine Steigerung." (4.05 min.)

Klinghardt spricht ausführlich über zahlreiche angebliche biologische Auswirkungen der 3G-Strahlung – auch über veränderte Sauerstoffmoleküle. Im verlinkten Interview redet er aber an keiner Stelle über die Blut-Hirn-Schranke oder das Immunsystem. Lediglich der Moderator des Interviews und die Bildunterschrift stellen eine Verbindung zwischen 5G und dem Immunsystem her. Für Klagemauer.tv reicht das, um Klinghardt die Behauptung in den Mund zu legen. Diese bezweifeln allerdings Experten, die AFP befragt hat.
So schreibt der Strahlenexperte Croft gegenüber AFP in einer Email: "5G hat keine solchen Auswirkungen." Er fügt hinzu: "3G und 5G sind sehr ähnlich in ihrer wesentlichen Wirkung auf Menschen. Sie führen zu einer leichten Temperaturerhöhung. Das wird in den internationalen Sicherheitsrichtlinien berücksichtigt, um sicherzustellen, dass weder 3G noch 5G Schaden anrichten können."
In diesem älteren AFP Faktencheck erklärt Croft ausführlicher, warum es keine Beweise dafür gibt, dass 5G schädlich ist.
Die Blut-Hirn-Schranke schützt das Gehirn etwa vor Krankheitserregern und Toxinen, die im Blut zirkulieren. Klagemauer.tv gibt keine Auskunft darüber, wie elektromagnetische Felder – insbesondere die des 5G-Mobilfunknetzes – diese Barriere angeblich beeinflussen sollen.
Nicole Meßmer vom BfS schreibt AFP in einer E-Mail darüber Folgendes: "Im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF) hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in zwei Vorhaben die Auswirkungen einer Exposition mit elektromagnetischen Feldern auf die Blut-Hirn-Schranke in Labornagern untersucht. Waren die Tiere 2G- (GSM) und 3G-Feldern (UMTS) ausgesetzt, zeigten sich keine Auswirkungen auf die Blut-Hirn-Schranke."
Von 2002 bis 2008 führte das DMF umfangreiche Untersuchungen zur Mobilfunkstrahlung durch und kam im Abschlussbericht zu Schluss: "Untersuchungen an den für das Immunsystem relevanten Zellen zeigten keinen biologisch relevanten Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf die untersuchten Endpunkte." (Seite 5)
Die Blut-Hirn-Schranke sei während der Langzeitstudie insgesamt nicht geschädigt worden. Allerdings wurden punktuelle genetische Veränderungen festgestellt (Details dazu auf Seite 34 des Berichts). Eine ergänzende Studie des BfS überprüfte die Veränderung der Gene und stufte sie "nicht als Hinweis auf eine Funktionsbeeinträchtigung der Blut-Hirn-Schranke" ein.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt außerdem, dass "in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Vielzahl von Studien durchgeführt wurden, um festzustellen, ob Mobiltelefone ein potenzielles Gesundheitsrisiko darstellen. Bisher wurden keine nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit durch den Gebrauch von Mobiltelefonen festgestellt".
Die Behauptung aus dem Video von Klagemauer.tv ist falsch. Trotzdem spricht Klinghardt von schweren durch Strahlung ausgelösten Krankheiten und empfiehlt eine spezielle Tinktur, die nach seiner Einschätzung, davor schützen soll. Diese angeblich schützende Tinktur aus Bienenharz, Ginkgo und Rosmarin wird vom Online-Shop "Ki Science" verkauft, für welchen Klinghardt als Berater tätig ist.
Dietrich Klinghardt selbst hat bis zur Veröffentlichung dieses Artikels am 02. September 2020 nicht auf AFP-Anfragen reagiert.
Fazit
Die professionell wirkende Show auf Klagemauer.tv hat mehrere falsche Behauptungen aufgestellt und sie auf genauso zweifelhafte und unwissenschaftliche Quellen gestützt.
Weil es keine Studien zu den Langzeitauswirkungen von der erst seit kurzem genutzten 5G-Technologie gibt, fehlen auch die Belege für die falschen Behauptungen. Tatsächlich ist 5G-Strahlung der 3G-Strahlung sehr ähnlich. Für 3G wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass es keine gesundheitlichen Schäden hervorruft.