Masken unterliegen Richtlinien zu Inhaltsstoffen und werden untersucht

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Zehntausende Facebook-User haben seit Mitte Februar eine Behauptung geteilt, wonach Masken "Sondermüll" und ein "Giftcocktail" seien.  Ihre Langzeitwirkung sei nie untersucht worden, heißt es weiter. Die im Posting angegebenen Inhaltsstoffe sind allerdings unbedenklich oder in den meisten Masken gar nicht enthalten. Auch gibt es durchaus bereits Untersuchungen zu Inhaltsstoffen von Masken.

Rund 18.000 Menschen haben seit dem 16. Februar 2021 die Behauptung über die vermeintlichen Giftstoffe in Masken in verschiedenen Varianten auf Facebook geteilt. Die verbreitetste Variante fand AFP mit rund 14.000 Shares (etwa hier, hier und hier). Weitere Versionen finden sich hier und hier.  

Die meisten User verlinken auf einen Artikel des Online-Portals "Heise Online" mit dem Titel "Gift im Gesicht". Der Autor behauptet darin mit Bezug auf den Leiter eines "Hamburger Umweltinstituts", Michael Braungart, die Masken seien gesundheitsgefährdend. Viele der Postings stammen von Facebookseiten der AfD (etwa hier, hier und hier). Mehr als 70.000 Menschen sahen die Behauptung außerdem auf Telegram (etwa hier, hier und hier).

Die Postings zitieren Braungart mit den Worten "Was wir da über Mund und Nase ziehen, ist eigentlich Sondermüll" und "Alles in allem tragen wir einen Chemiecocktail vor der Nase und Mund, der nie auf seine Giftigkeit und niemals auf etwaige Langzeitwirkungen untersucht wurde." Einige Postings und der Artikel selbst führen außerdem eine Liste mit vermeintlichen Inhaltsstoffen von Masken auf. Demnach seien Polypropylen, Klebstoffe, Bindemittel, Antioxidantien, UV-Stabilisatoren, flüchtige organische Kohlenwasserstoffe, Formaldehyd und Anilin in Masken enthalten.

Facebook-User formulieren diese Behauptung in ihren Postings in zum Teil zum drastischen Worten. Ein AfD-Landtagsabgeordneter in Sachsen schreibt etwa: "Toxische Maskenpflicht. Wer eine FFP-2-Maske trägt, atmet nach neuesten Studien Klebstoffe, Bindemittel, Antioxidantien, UV-Stabilisatoren und sonstige Giftstoffe ein." Ein anderer User schreibt: "Dauermaskentragen ist nicht nur hochinfektiös sondern auch hochgradig giftig." Eine weitere Seite schreibt etwas kürzer: "FFP2 Masken hoch giftig."

Facebook-Screenshot: 26. Februar 2021

Die Postings setzen sich aus drei unterschiedlichen Behauptungen zusammen, die AFP im Einzelnen untersucht hat. Als Erstes hat AFP geprüft, woher die Zitate stammen. Als Zweites, ob die genannten Stoffe tatsächlich gefährlich und überhaupt in Masken enthalten sind. Und als Drittes, ob Masken tatsächlich ungeprüft sind.

Woher stammen die Zitate?

Die Postings ordnen die Aussagen wie beschrieben dem wissenschaftlichen Leiter des "Hamburger Umweltinstituts", Michael Braungart, zu. Bei dem Institut handelt es sich um ein privates Institut, das sich mit Umweltthemen beschäftigt. Der Heise-Artikel, der zuerst auf dem Blog der Online-Buchhandlung Buchkomplizen erschienen ist, erwähnt, dass Braungart mit Studierenden an der Leuphana Universität ein Start-Up gegründet hat, das umweltfreundliche und schadstofffreie Masken herstellen will.

Im Artikel wird zum Teil nicht eindeutig klar, ob der Autor oder Braungart die Behauptungen und die Stoff-Liste aufgestellt haben. Um zu klären, ob die Aussagen zurecht Braungart zugeschrieben werden, hat AFP ihn am 25. Februar angerufen. Er bestätigte, dass er die Aussagen so in einem Hintergrundgespräch im Rahmen der Pressekonferenz zur Vorstellung des Start-Ups am 3. Februar gemacht hat. Er führte aus: "Das Zitat zum Sondermüll bezieht sich darauf, dass Masken ‘medizinischer Sondermüll’ sind und als solcher entsorgt werden müssen und nicht im Hausmüll und den Weltmeeren landen dürfen".

Auch im Telefonat mit AFP sprach Braungart von Masken als "Chemiecocktail" und warnte vor dessen Gefahren. Eine Studie, wie in den Postings beschrieben, konnte er nicht vorlegen. Braungart sagte weiter: "Wir haben uns 30 Masken angeguckt. Die Probennahme ist nicht wissenschaftlich. Wir haben Masken zugeschickt bekommen, die chemisch stinken. Wir können nicht sagen, wie weit das ein generelles Problem ist." Er wiederholte die Behauptung aus dem Posting, dass Schadstoffe in Masken nicht ausreichend überprüft würden. 

Sind die Masken giftive "Chemiecocktails"?

AFP hat nachgeprüft, ob die in den Postings angegebenen Stoffe als giftig eingestuft werden. Nur drei Stoffe werden darin konkret benannt, bei den anderen handelt es sich um chemische Oberbegriffe wie "Klebstoffe", "Bindemittel" oder "Kohlenwasserstoffe".

AFP fragte Experten nach diesen Oberbegriffen. Jörg Feldmann, Sprecher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) schrieb: "Die Masken werden nicht geklebt, sondern thermisch verschweißt." Das bestätigte auch TÜV-Nord-Sprecherin Annika Burchard: "Die Filterschichten werden durch Schweißverfahren zusammengefügt." Zu den anderen Oberbegriffen schrieb sie: "Zu den weiteren aufgeführten Inhaltsstoffen haben wir keine Erkenntnisse."

Götz Westphal, Vorsitzender der Inhalationstoxikologie der Gesellschaft für Toxikologie, führte zu den Oberbegriffen "Bindemittel", "Antioxidantien", "UV-Stabilisatoren" und "flüchtige organische Kohlenwasserstoffe" aus: "Das sind Sammelbegriffe. Die Einzelsubstanzen können chemisch und toxikologisch jedoch sehr unterschiedlich sein. Daher ist eine pauschale Bewertung nicht möglich", schrieb er am 5. März in einer E-Mail an AFP. Braungart selbst lieferte auf AFP-Anfrage keine Testergebnisse.

Die Gefährlichkeit der konkret genannten Stoffe lässt sich hingegen in einer Datenbank der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) einsehen. Sie ist die Behörde für Rechtsvorschriften für Chemikalien in der Europäischen Union.

Zwei der Stoffe aus dem Posting klassifiziert die ECHA als giftig. Das ist der Stoff Anilin, der krebserregend ist. Anilin kann allergische Hautreaktionen auslösen und steht in Verdacht, genetische Defekte hervorzurufen. Auch Formaldehyd ist giftig: Es verursacht schwere Hautverbrennungen und kann Krebs auslösen.

Die beiden Giftstoffe Anilin und Formaldehyd sind allerdings in Masken unüblich. Veit Houben, Laborleiter des Chemisch-Technologischen Laboratoriums in Bielefeld, erklärte auf AFP-Anfrage am 25. Februar in einer E-Mail: "Anilin oder Formaldehyd können in Ausnahmefällen vorkommen, sind aber Verunreinigungen." Ein Maskentest bestätigt das. Houben hat für das Verbraucher-Magazin Wiso 25 medizinische Masken und 15 Stoffmasken auf die beiden giftigen Stoffe Formaldehyd und Anilin getestet. Er fand in keiner medizinischen Maske Formaldehyd und nur in einer von 15 Stoffmasken Anilin. Diese Maske sei vom Hersteller allerdings bereits zurückgerufen worden.

Auch Stiftung Warentest hat zehn FFP-2-Masken getestet. Keine war mit Schadstoffen belastet. Die Stiftung suchte hier nach PAK (poly­zyklische aromatische Kohlen­wasser­stoffe), Form­aldehyd, Nickel und Weichmacher.

Der dritte und ebenfalls im Posting genannte Kunststoff Polypropylen ist laut ECHA-Datenbank als nicht giftig eingestuft. Dieser wird üblicherweise in Masken verwendet.

Axel Neisser, wissenschaftlicher Leiter bei Stiftung Warentest, gab auf AFP-Anfrage in einer E-Mail am 26. Februar Entwarnung: "Dass FFP-2 Masken grundsätzlich giftig sind, kann man aus unserer Sicht nicht sagen."

Auch Houben bestätigte das: "Medizinische oder nicht medizinische Masken sind als ungiftig und harmlos einzustufen."

Er bestätigte, dass es keine Untersuchungen zur Langzeitwirkung der Stoffe in Masken gebe. Houben erklärte: "Da kein Grund besteht, die Masken als gefährlich zu betrachten, ist die Notwendigkeit einer solchen Studie auch nicht zwingend gegeben."

Wie werden Masken geprüft?

Grundsätzlich sind in medizinischen Masken und FFP-Masken alle Stoffe verboten, bei denen eine Gesundheitsgefährdung bekannt ist. Das legen europäische Normen fest. Nur, wenn medizinische Masken und FFP-Masken diese erfüllen, erhalten sie eine sogenannte CE-Kennzeichnung. Nur Masken mit CE-Zertifizierung dürfen in Deutschland verkauft werden. Die Einhaltung dieser Normen prüfen Labore, die die Zentralstelle der Länder für Gesundheitsschutz bei Arzneimitteln und Medizinprodukten beauftragt.

Um die CE-Kennung zu bekommen, müssen Masken laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dabei etwa bestimmte Filterleistungen erbringen. Das Institut verlangt dabei außerdem eine Prüfung gesundheitlicher Aspekte der Masken.

Der TÜV Nord etwa prüft Masken auf alle in der Norm aufgeführten Vorgaben. Sprecherin Burchard erklärte auf AFP-Anfrage am 1. März: "Konkret bedeutet das, dass der Hersteller Nachweise über die Sicherheit der eingesetzten Materialien einreicht, die überprüft werden. Außerdem kontrollieren wir im Rahmen der praktischen Prüfung, bei der Probanden die Maske über einen längeren Zeitraum bei körperlicher Aktivität tragen, ob gesundheitliche Beeinträchtigungen auftreten." Trete dabei eine Rötung der Haut auf, falle die Maske durch. Das gelte auch für Faserpartikel, die sich lösten. Passiere das, werde eine Maske ebenfalls nicht zertifiziert.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) ist die federführende Behörden bei der Zulassung speziell von FFP-2-Masken. Auf AFP-Anfrage am 1. März erklärte Sprecher Feldmann in einer E-Mail: "Grundsätzlich gilt, ein Produkt darf die Sicherheit und Gesundheit von Personen bei bestimmungsgemäßer oder vorhersehbarer Verwendung nicht gefährden." Dabei werde den Herstellern zwar nicht vorgeschrieben, welche Stoffe sie in ihren Masken verwenden oder ausschließen müssten, aber die Norm fordere, dass Stoffe, die die Haut berühren, "nicht dafür bekannt sein dürfen, dass sie wahrscheinlich eine Reizwirkung oder irgendeine andere negative Wirkung auf die Gesundheit haben". Weiter erklärte er: "Bei der biologischen Beurteilung muss beispielsweise unter anderem geprüft werden, ob Stoffe enthalten sind, die Irritationen oder Allergien auslösen können. Die Liste ist jedoch noch umfangreicher."

In Hinblick auf gelöste Mikrofasern schrieb Feldmann: "Hinsichtlich der mechanischen Eigenschaften darf kein durch die Luftströmung mitgerissener Werkstoff des Filtermediums für den Gerätträger eine Gefährdung oder Belästigung darstellen".

Ähnliches gilt laut BfArM-Sprecher Maik Pommer auch bei medizinischen Masken, die Medizinprodukte sind. Demnach steht in der Verordnung, dass Masken unbedenklich sein müssten. "Alle Substanzen, die dem Körper bei sachgerechter Anwendung zugeführt werden können, müssen qualitativ und quantitativ identifiziert werden. Jede identifizierte Substanz muss eine Risikobewertung durchlaufen."

Auf Nachfrage beim TÜV Nord, ob neben den schon beschriebenen Verträglichkeitsprüfungen auch mit Stoffanalysen explizit nach möglichen Giftstoffen gesucht werde, schrieb Sprecherin Burchard: "Weitere Schadstoffprüfungen sieht die Norm nach aktuellem Stand nicht vor." Eine explizite Laborprüfung auf alle Giftstoffe werde nicht gemacht, weil diese nicht in den Richtlinien gefordert sei.

Giftige Masken auf dem deutschen Markt sehr selten

Ob wirklich jede Maske frei von giftigen Stoffen ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Anhand der bisherigen Tests wird allerdings deutlich, dass mit Giftstoffen belastete Masken wenn überhaupt sehr selten sind. Laborleiter Houben schrieb dazu: "Masken, die nun auf dem Markt bereitgestellt werden, sind bereits seit einiger Zeit in der Produktion und man kann davon ausgehen, dass sie bereits von mehreren Laboren mehrmals rauf und runter getestet worden sind, teilweise auch von uns."

Jedoch gab und gibt es immer wieder auch Masken-Rückrufe. Diese können im europaweiten Warnmelde-System "Rapid Alert System for Non-Food Products" (Rapex) der Europäischen Kommission eingesehen werden. Die Rückrufe in den Jahren 2020 und 2021 scheinen zu bestätigen, dass Masken überwiegend nicht giftig sind. Keine der 169 zurückgerufenen Partikelfiltermasken wurden wegen giftiger Chemikalien vom Markt genommen. Gründe waren vor allem nicht eingehaltene CE-Kennungen in Bezug auf Filterleistung oder andere Vorgaben. Eine Suche nach "Polypropylen", "Antioxidantien", "UV, Stabilisatoren", "Kohlenwasserstoff", "Formaldehyd" und "Anilin" ergab bei Partikelfiltermasken keine Treffer. Die Gegenprüfung in anderen Kategorien ergab Treffer, etwa bei einem Schachspiel.

Eine mögliche Erklärung für diese Rückrufe können auch Fälschungen und Fehler in der Produktion sein. Masken mit zweifelhaften CE-Kennungen können bei Unsicherheit von Händlern auch selbst an Labore geschickt werden. Kleine Labore wie die Prüf- und Zertifizierstelle für Medizinprodukte (Cert) bieten Schnellchecks für bestimmte Aspekte an. Sprecher Lennert Lehman erklärte auf AFP-Anfrage am 1. März: "Damit können die Auftraggeber eine gezielte Qualitätssicherung durchführen, um fehlerhafte Chargen oder auch Fälschungen zu identifizieren."

Die Situation hat sich laut TÜV-Nord-Sprecherin Burchard mittlerweile allerdings gebessert: "2020 hat etwa ein Viertel aller bei uns getesteten Masken die Prüfung nicht bestanden. Inzwischen haben viele Hersteller, die anfangs noch keine Erfahrung mit der Produktion von Masken hatten, ein gutes Qualitätsniveau erreicht."

Fazit

Die Behauptung, dass Masken giftig und Sondermüll seien und nicht auf ihre Giftigkeit untersucht würden, ist irreführend. Masken unterliegen bestimmten Richtlinien, die ihre Ungefährlichkeit für Gesundheit und Hautverträglichkeit der Tragenden gewährleisten sollen. Das testen ausgewählte Labore vor der Marktzulassung. Andere unabhängige Tests kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Diese Richtlinien und Tests gelten auch für sich lösende Mikrofaserpartikel.

Weder die Postings noch der zitierte Leiter des "Hamburger Umweltinstituts", Michael Braungart, konnten Beweise in angeblichen Studien vorlegen, die diese Behauptungen stützten. Mehrere Experten widersprechen dieser These zumindest für den Großteil der auf dem Markt befindlichen Masken. Fälschungen und fehlerhafte Chargen können nicht ausgeschlossen werden.

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