Indiens Regierung leugnet nicht die Corona-Variante B.1.617, sie wehrt sich nur gegen den Begriff "indische Variante"

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Tausende Facebook-User haben Ende Mai eine Behauptung geteilt, wonach die indische Regierung offiziell die Existenz einer indischen Corona-Mutation verneint habe. Die Regierung soll soziale Medien in diesem Zusammenhang aufgefordert haben, Berichte über die "indische Variante" zu löschen. Die Aufforderung existiert tatsächlich, eine Leugnung der Virusvariante allerdings nicht. Die indische Regierung berichtete selbst mehrfach über die Mutation B.1.617, welche erstmals in Indien gefunden wurde. Sie wehrt sich in einem Schreiben lediglich gegen die Bezeichnung dieser Mutation als "indische Variante".

Mehr als 3600 Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer haben das angebliche Dementi zur Virus-Mutation seit dem 25. Mai 2021 geteilt (etwa hier, hier, hier). Auf Telegram erreichte die Behauptung mehr als 185.000 User (etwa hier).

In den meisten Postings heißt es wortgleich: "Indische Regierung stellt klar: Es gibt keine indische Corona-Mutation!" und weiter: "In einer offiziellen Erklärung fordert die Regierung insbesondere Social-Media-Plattformen auf, sämtliche Inhalte zu löschen, die über eine angebliche indische Corona-Variante berichten. Selbst die WHO führt keine sogenannte indische Variante mit der Bezeichnung B.1.617, so die indische Regierung." Als Beweis dient ein Brief des indischen Ministeriums für Elektronik der Informationstechnologie.

Facebook-Screenshot: 28.05.2021

Im Verlauf der weltweiten Covid-19-Pandemie tauchen immer wieder Sars-Cov-2-Mutationen auf. Sie alle haben wissenschaftliche Bezeichnungen wie B.1.1.7 oder B.1.677, werden aber oft nach dem Land ihrer erstmaligen Entdeckung benannt. So sprachen Medien und Social Media User weltweit etwa von der südafrikanischen, britischen und eben der indischen Variante des Coronavirus (hier, hier, hier). Aber stellte Indiens Regierung tatsächlich die Existenz dieser Mutationen infrage?

Der Brief der indischen Regierung

Der auf Facebook kursierende Brief der indischen Regierung ist echt. AFP berichtete am 22. Mai über die darin enthaltene Forderung an Social Media-Plattformen, alle Berichte über die "indische Variante" zu löschen (mehr dazu auch hier, hier). "Es ist uns bekannt geworden, dass online eine falsche Aussage verbreitet wird, die impliziert, dass sich eine 'indische Variante' des Coronavirus in den Ländern verbreitet. Dies ist völlig falsch", heißt es in dem Brief, den auch AFP erhalten hat. 

Auch heißt es darin: "Es gibt keine solche Variante von Covid-19, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wissenschaftlich als solche angeführt wird. Die WHO hat in keinem ihrer Berichte den Begriff ’indische Variante’ mit der Variante B.1.617 des Coronavirus in Verbindung gebracht."

Die in den Facebook-Postings formulierte Behauptung, die indische Regierung würde damit die Corona-Mutation leugnen, ist allerdings irreführend. Die Verfasser lassen mehrere Sätze aus, die klarmachen, dass Indien lediglich eine Bezeichnung kritisiert, nicht aber die Mutation selbst infrage stellt.

Die Variante wurde das erste Mal in Indien identifiziert

In den WHO-Richtlinien für die Benennungen von Krankheiten hält die Organisation fest, dass grundsätzlich keine Bezüge zu Orten in den Namen auftauchen sollten. Sowohl die WHO selbst als auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) nutzen deshalb fast ausschließlich die Bezeichnung "B.1.617" für die erstmals in Indien identifizierte Sars-Cov-2-Variante. In Einzelfällen hat jedoch auch die WHO die Mutation "indische Variante" genannt.

Die B.1.617-Mutation wurde laut WHO erstmals im Oktober 2020 in Indien gemeldet, wie in deren wöchentlichem epidemiologischen Bericht zu lesen ist (Stand 9. Mai, hier). Die Variante zeigte eine erhöhte Übertragbarkeit. Die Schwere der Krankheitsverläufe und das Infektionsrisiko müssen allerdings noch untersucht werden (hier).

Bislang wurden laut ECDC drei Varianten in Indien entdeckt: B.1.617.1 (erstmals im Dezember 2020 entdeckt), B.1.617.2 (erstmals im Dezember 2020 entdeckt) und B.1.617.3 (erstmals im Februar 2021 entdeckt). Am 11. Mai stufte die WHO die Variante B.1.617 als "besorgniserregenden Variante" ein. Auf dieser Stufe klassifiziert sie auch die Varianten aus Großbritannien, Brasilien und Südafrika.

John Saeki, Brigitte Papayannakis (AFP)

In einem Dokument, das am 24. Mai 2021 veröffentlicht wurde, nahm das ECDC auch die Unterlinie B.1.617.2 in die Liste der besorgniserregenden Varianten (VOC) auf. Die anderen beiden Unterlinien sind als "Varianten von Interesse" aufgeführt.

Die Variante B.1.617 hat sich in Dutzenden Länder ausgebreitet und wurde, wie oben beschrieben, vor allem in Medienberichten als "indische Variante" bezeichnet (hier, hier, hier, hier). So auch in Deutschland (hier, hier, hier).

Die Position der indischen Regierung

Anders als im irreführenden Beitrag auf Facebook behauptet, leugnet die indische Regierung die Existenz der Virusvariante B.1.617 nicht. Ganz im Gegenteil: In dieser Mitteilung des indischen Ministeriums für Gesundheit und Familienwohlfahrt hat der zuständige Minister Indiens, Harsh Vardhan,  im Mai festgestellt, dass "die B.1.617 Variante von Covid-19 zum Anstieg der Fälle in Maharashtra, Karnataka und Delhi beigetragen hat". Außerdem schrieb das Ministerium am 24. Mai: "Die Variante B.1.617 wurde in 5261 Proben gefunden und ist damit die häufigste Mutation, die bis jetzt entdeckt wurde".

Einen Tag nach der WHO-Einstufung der Variante als "besorgniserregend", am 12. Mai, gab das Ministerium für Gesundheit und Familienwohlfahrt in Indien eine Erklärung ab. In dieser heißt es, dass "die Medienberichte, die die Variante B.1.617 des Coronavirus als 'indische Variante' bezeichnet haben, keine Grundlage haben und unfundiert sind". Das Ministerium argumentierte, dass die "WHO in ihrem 32-seitigen Dokument den Begriff "Indische Variante" nicht mit der B.1.617-Variante des Coronavirus in Verbindung gebracht hat." Eine ähnliche Erklärung ist auch in dem Brief zu finden, welcher außerdem einen Link auf zu der Erklärung vom 12. Mai beinhaltet. Die WHO schrieb nutzte in dem genannten Bericht nicht den Begriff, schrieb aber stattdessen, dass "Viren der Linie B.1.617 erstmals in Indien gemeldet wurden". 

Dass für die indische Regierung lediglich eine Formulierung und nicht das Virus selbst das Problem ist, zeigen auch einige Signalwörter in dem Brief. Darin heißt es nämlich: "Die WHO hat in keinem ihrer Berichte die Bezeichnung 'indische Variante' mit der Variante B.1.617 des Coronavirus in Verbindung gebracht." In der dort als Link angegebenen Mitteilung heißt es in Bezug auf die Medienberichte weiter: "Einige dieser Berichte haben die B.1.617-Variante des Coronavirus als 'indische Variante' bezeichnet."

Fazit: Die Behauptung, die indische Regierung habe die Existenz einer indischen Coronavirus-Variante geleugnet, ist irreführend. Die Variante B.1.617 wurde in Indien zum ersten Mal festgestellt und wurde auch von der indischen Regierung immer wieder im Kontext seiner Verbreitung im Land angeführt. Medienberichte weltweit sprechen in diesem Zusammenhang von einer "indischen Variante". Lediglich gegen diesen Begriff wehrt sich die indische Regierung in dem auf Facebook geteilten Brief – nicht gegen die Existenz des Virus selbst.

Update, 1. Juni 2021: Im Zuge der Debatte um die Bezeichnung der in Indien entdeckten Coronavirus-Variante hat die WHO beschlossen, die Bezeichnungen zu ändern (hier). Alle Varianten erhalten nun Buchstaben aus dem griechischen Alphabet.
Korrektur, 2. Juni 2021: Jahreszahl der Entdeckung der Virusvariante B.1.617.3 korrigiert.
Übersetzung:
Covid-19