Nein, Annalena Baerbock forderte nicht, E-Autos mit Glasfaserkabeln zu laden

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Tausende User auf Facebook haben ein angebliches Zitat der Grünen-Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl, Annalena Baerbock, geteilt. Baerbock habe in einem Interview mit dem Radiosender WDR-1Live gefordert, den Ausbau von Glasfaser voranzutreiben, um E-Autos auf dem Land besser laden zu können. Ein solches Zitat ist im Interview aber nicht gefallen. Baerbock sprach lediglich die Themenkomplexe Glasfaserausbau und E-Mobilität hintereinander an. In Verbindung gebracht hat sie diese nicht.

Tausende User haben das angebliche Zitat von Baerbock seit dem 3. September geteilt (hier, hier, hier).

Die Falschbehauptung: Baerbock habe bei "1Live im Radio" gesagt: "Wir müssen den Glasfaserausbau vorantreiben, damit die E-Autos auch auf dem Land gefahren werden können." Die Posting-Autorinnen und -Autoren kommentieren mit Diffamierungen wie: "Ich komme mit dieser Intelligenz einfach nicht mehr mit."

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 06.09.2021

In der Vergangenheit kursierten bereits öfter gefälschte Zitate oder Forderungen, die Politiker und Politikerinnen zugeschrieben wurden. AFP widerlegte solche bereits mehrfach (etwa hier und hier). Aktuell sind insbesondere die Grünen und deren Kanzlerinnenkandidatin Annalena Baerbock Ziel von Desinformation. Dieses Phänomen hat AFP hier beschrieben. Auch das aktuell geteilte angebliche Radio-Zitat gehört in diese Reihe an Falschinformationen.

Dieses Zitat ist nie gefallen

AFP hat zunächst nach Auftritten von Annalena Baerbock beim WDR-Radiosender "1Live" gesucht. Baerbock war dort tatsächlich am 3. September zu Gast. AFP hat sich ihren rund 25-minütigen Auftritt angehört. Das angebliche Zitat fiel darin allerdings nicht. Lediglich sprach Baerbock auf eine Moderatorenfrage hin nacheinander über die beiden Themenkomplexe Glasfaserausbau und Elektro-Mobilität auf dem Land.

Der Moderator fragt bei Minute 13: "Bei mir auf dem Land liegt noch nicht einmal das Glasfaserkabel, wo kommt die Zapfsäule für mein E-Auto her und wo kommt überhaupt der ganze Öko-Strom her?"

Baerbock antwortet: "Drei Punkte, ich nehme einmal den ersten, das war das mit dem Glasfaser, weil das ist das, was mich tierisch selber frustet. Wir haben ein Jahr 2021, wo Nachbarländer im Baltikum zu 90 Prozent Abdeckung haben und bei uns ist das so, (dass) unter 10 Prozent der Menschen überhaupt mit schnellem Internet angeschlossen sind. Das ist ein totales politisches Versagen, das kann man nicht anders ausdrücken."

Dann geht Baerbock auf den zweiten Punkt der Frage ein: "Nehmen wir erst mal die Ladesäulen. Weil das ist natürlich auch was, was bringt mir ein E-Auto auf dem Land, wenn ich es nicht laden kann. Zum einen Zuhause gibt es die Förderung, dass man sich das selber in sein Haus mit Wall-Boxen einbauen kann. Ich wohne selbst zur Miete, dann muss man das mit den Vermietern noch verhandeln, ob das geht. Dafür braucht es ein klares Konzept." Weiter spricht Baerbock von der Verteilung von Lade- und Schnellladeboxen bevor das Gespräch sich auf die Finanzierbarkeit von Förderungen verlagert.

Direkt im Anschluss an das Gespräch diskutierten User auf Twitter bereits über das angeblich gefallene Zitat. Einer der Verbreiter der vermeintlichen Aussage entschuldigte sich bereits kurz darauf: "Der Moderator hatte Baerbock gefragt, ob es mehr Glasfaser für die E-Autos geben müsste, worauf Baerbock darauf sich zur Glasfaser UND extra zum E-Auto geäußert. Sorry, dass ein falscher Eindruck entstand."

Auch eine Suche von AFP nach Schlüsselwörtern des angeblichen Zitats erbrachte keine Treffer.

AFP hat am 6. September außerdem bei den Grünen nach der angeblichen Aussage gefragt. Sprecherin Maria Henk verneinte die Echtheit des angeblichen Zitats und verwies auf den oben erwähnten Wortwechsel im WDR-Interview. Auch sonst sei so ein Zitat nicht gefallen.

Die Grünen beziehen in ihrem Bundestagswahlprogramm dabei durchaus zu beiden Themen Stellung: Sie wollen Glasfaseranschlüsse in ganz Deutschland ausbauen und Verbrennerfahrzeuge teilweise durch E-Autos ersetzen.

Bereits 2016 forderte Baerbock selbst einen Breitbandausbau in ländlichen Gebieten. Die Themen Mobilität und Internet griff die Kanzlerinnenkandidatin auch aktuell auf und verknüpfte dabei auch die beiden Themenfelder unter dem Oberthema "ländlicher Raum". In einem Papier vom August 2021 schrieb sie in diesem Zusammenhang etwa:" Es müssen Glasfaser gelegt, Schienen und Bahnhöfe reaktiviert und Orte des Miteinanders wiederbelebt werden."

Fazit: Nein, Annalena Baerbock hat bei "1Live" nicht von Glasfaserkabeln, die E-Autos laden sollen, gesprochen. Sie äußerte sich dort zwar zu beiden Themenkomplexen, verband diese aber nicht wie behauptet miteinander.

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