Die Anti-Corona-Demo in Berlin. (AFP / Odd Andersen)

Es gibt Ungereimtheiten bei den Verletztenzahlen eines Demo-Sanitäters der Anti-Corona-Demo in Berlin

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  • Veröffentlicht am 20. November 2020 um 15:15
  • Aktualisiert am 24. November 2020 um 16:23
  • 5 Minuten Lesezeit
  • Von: Max BIEDERBECK, AFP Deutschland
Auf Facebook verbreitet sich im Zuge der Berliner Anti-Corona-Demonstrationen im November ein Video, das einen angeblichen Sanitäter zeigt. Dieser behauptet, bei der Demo habe es 40 Verletzte, sieben Schwerverletzte und einen Herzinfarkt gegeben. Der Mann arbeitet allerdings weder für das Deutsche Rote Kreuz noch für die Feuerwehr in Berlin. Letztere widerspricht den Zahlen des Mannes.

Das Video mit dem Sanitäter verbreitet sich allein hier rund 7000 Mal. Weitere Posts finden sich etwa hier und hier. Die Aufnahmen zeigen einen Mann mittleren Alters in roter Funktionskleidung. Darüber trägt er eine orangene Warnweste des Deutschen Roten Kreuzes und darüber wiederum eine schwarze Multifunktionsjacke mit einem "Paramedic"-Aufdruck auf dem Rücken. Auf ihr sind  mehrere Schwarz-Rot-Gold-Aufnäher auf der Vorderseite angebracht. Dazu trägt er einen Helm, auf dem ebenfalls "Medic" geschrieben steht.

Vor der Kamera behauptet er: "Mittlerweile an die 40 Verletzte, sieben Schwerverletzte und einen Herzinfarkt. Wir haben auch Polizisten geholfen und die haben dann gedroht, uns zu verhaften, wenn wir den Menschen weiter hier helfen. Wir wurden dreimal darauf aufmerksam gemacht, dass wenn wir den Platz jetzt nicht verlassen, dass wir dann festgenommen werden."

Es gibt aktuell mehrere Aufnahmen des Sanitäters. Sie tauchen etwa auf Telegram auf (hier, hier) mit rund 15.000 Views. Andere Clips zeigen den Mann während der Demo etwa hier mit einem mutmaßlichen Pressevertreter und hier mit dem parteilosen Abgeordneten des Stuttgarter Landtags, Heinrich Fiechtner, ehemals AFD. Und hier in einem Interview während der Demo auf Youtube.

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Facebook-Screenshot: 19.11.2020

Am 18. November protestierten mehrere tausend Menschen in Berlin gegen die Änderung des Infektionsschutzgesetzes. Nach der Auflösung der Versammlung neben dem Reichstagsgebäude gegen 12.00 Uhr setzte die Berliner Polizei auch Wasserwerfer und Pfefferspray gegen die Demonstranten ein (hier). Die Aufnahmen des Sanitäters entstanden im Zuge dieser Demonstration und zeigen ihn unter anderem auf der Straße des 17. Juni, am Brandenburger-Tor und mit anderen nassen Demo-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern in Berlin. 

Der Mann spricht von "Wir", weswegen es so klingt, als sei er Teil eines Einsatzteams. AFP hat deshalb zunächst beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) angerufen, um zu klären, ob die Warnweste seine Mitarbeit dort belegt. Sprecher Dieter Schütz sagte am 19. November am Telefon: "Es war an diesem Tag kein Sanitätsdienst des DRK auf der Demo im Einsatz, auch wenn mehrere Filmaufnahmen angebliche Sanitäter unseres Hauses zeigen." Weiter gab Schütz an, dass das DRK gerade rechtliche Schritte gegen den Mann im Video prüfe, weil dieser eine DRK-Weste getragen hatte.

Auch eine Nachfrage bei der Berliner Feuerwehr klärte die Herkunft des angeblichen Sanitäters nicht. Sprecher Thomas Kirstein sagte AFP am 19. November am Telefon: "Dieser Mann ist definitiv kein Angehöriger der Notfallrettung der Berliner Feuerwehr oder von einer der uns unterstützenden Hilfsorganisationen." Weiter stellte Kirstein fest: "Wir sind die Einzigen, die in Berlin zu solchen Einsätzen gerufen werden können, dieser Mann hat keine Legitimität, über Zahlen von Schwerverletzten zu sprechen."

Der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst e.V. schreibt weiterhin auf Facebook:

Wer ist der Sanitäter?

Er teilt Bilder auf Facebook wie "Die Lügen von Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel" und übernimmt auch Positionen der Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen (hier).

Eine genauere Überprüfung seines Namens ergab, dass Mann aus dem Video in der Vergangenheit öffentlich bereits mehrere Interviews als Sanitäter etwa in Verbindung mit Demonstrationen der Gelbwesten in Frankreich gegeben hat. So etwa hier, oder hier für den Kreml-nahen Sender "Russia Today". In seinem Linkedin-Profil gibt er an, als freischaffender Rettungsassistent tätig zu sein. Diese Information wurde AFP von unabhängigen Quellen aus dem Notfalldienst in Südwestdeutschland bestätigt, die ihn kennen. Sie wollen nicht namentlich genannt werden.  

Der Sanitäter steht außerdem im Impressum einer Organisation Namens "Street Medics Europe". Auf ihrer Facebook-Seite teilte diese Sätze wie "Zeigt die Diktatur ihre Fratze" oder das Bild einer klar identifizierbaren blutüberströmten Demo-Teilnehmerin (Die Seite scheint mittlerweile bei Facebook offline zu sein). DRK-Sprecher Schütz kommentierte dieses Bild im Gespräch mit AFP mit den Worten: "Unsere Sanitäter würden solche Bilder wegen des Patientenschutzes niemals veröffentlichen." Außerdem unterscheide sich die Kleidung des Demo-Sanitäters (Funktionsjacke, Helm, Aufnäher) von der üblichen Uniform des DRK (die Arbeitskleidung findet man auch hier).

AFP stieß bei der Recherche auch auf zwei Bilder des Sanitäters, die auf Rechtsaußen-Demonstrationen entstanden sind: Das Erste liegt AFP von einer Rede des AfD-Manns Björn Höcke vor, das Zweite stammt von einer Demonstration des völkischen Flügels der AfD in Chemnitz im September 2018 – es zeigt den Sanitäter in einer Reihe mit den rechtsextremen Flügel-Politikern Andreas Kalbitz und Höcke.

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Screenshots: 20.11.2020

Die Zahlen

AFP befragte die  Feuerwehr auch nach der vom Sanitäter genannten Zahl an Schwerverletzten. Im Zuge dieser Anfrage wertete die Behörde den Einsatz des Notfallpersonals in der Zeit von 9.00 Uhr bis 15.00 Uhr während der Anti-Corona-Demo aus. "Wir können diese Zahl von sieben Schwerverletzten schlicht nicht bestätigen", sagte Sprecher Kirstein zu AFP. Und weiter: "Es gab währenddessen einen einzigen Notarzt-Einsatz und insgesamt zwölf Rettungswagen-Einsätze."

Als "schwerverletzt" gelten für Behörden nur ganz bestimmte Personen, darunter etwa Menschen, die nach einem Unfall mindestens 24 Stunden in einem Krankenhaus verbringen müssen (mehr dazu hier). Feuerwehrsprecher Kirstein: "Diese Menschen müssen vom Notarzt behandelt werden, weil mindestens eine ihrer Diagnosen potenziell lebensbedrohlich ist."

AFP hat auch den Sanitäter über seine Seite "Street Medics Europe" kontaktiert. In einem Telefongespräch sagte er am 20. November: "Ich habe auch nicht versucht, einen DRK-Sanitäter nachzumachen, ich bin selbst seit Jahren Rettungsassistent auf Demos und das ist eben meine Ausrüstung", sagt er unf fügt hinzu: "Die Zahl 40 kommt zustande, weil wir viele Platzwunden und Pfefferspray-Einsätze behandelt haben, die sich nicht bei der Polizei oder Feuerwehr gemeldet haben." Bei den Schwerverletzten habe es sich um Polizisten gehandelt, behauptet der Sanitäter.  Darunter sei ein Beamter mit ausgekugeltem Arm gewesen sowie ein bewusstloser Polizist.

Ein Sprecher der Feuerwehr sagte auf AFP-Nachfrage dazu am 20. November: "Bei solch großen Einsätzen hat die Polizei tatsächlich ihre eigenen Sanitäter und Rettungswagen im Einsatz, die wir nicht erfassen." Auch ein Sprecher der Polizei Berlin sagte: "Es gab durchaus schwer verletzte Beamte, die im Krankenhaus behandelt werden müssen." In einer öffentlichen Mitteilung vom 19.11 spricht die Polizei von 77 verletzten Einsatzkräften.

Auf die Zahlen und den angeblichen Polizeikontakt des Sanitäters angesprochen, schrieb Polizeisprecher Michael Gassen am 24. November an AFP: "Häufig soll er (der Sanitäter) sich von der Demonstration gelöst und hinter die polizeiliche Absperrung gelaufen sein. Nach wiederholtem Passieren der vorrückenden Polizeikette wurde dem Mann schließlich ein erneutes Passieren der Polizeikette mit dem Hinweis verwehrt, dass sich zum einen keine Verletzten in dem Bereich befinden würden und zum anderen ausreichend Einsatzkräfte der Berliner Feuerwehr sowie den Rettungsdiensten und Sanitätern der Polizei Berlin um die medizinische Versorgung kümmern würden."

Fazit

Der Mann im Video ist tatsächlich Rettungsassistent. Er engagiert sich vor allem auf Demonstrationen des rechten Milieus als Demo-Sanitäter. Er ist allerdings kein Notfall-Sanitäter der zuständigen Feuerwehr in Berlin, noch weist ihn seine DRK-Weste tatsächlich als Mitglied des Deutschen Roten Kreuzes aus.

Schließlich sind die von ihm genannten Verletztenzahlen zweifelhaft. Die Berliner Feuerwehr, die für die Versorgung von Verletzten während der Demo zuständig war, bezeichnet diese als falsch. Der Sanitäter selbst bezieht sich im Gespräch mit AFP dann auf Schwerverletzte, die er bei der Polizei behandelt haben will. Diese bestätigt zwar, dass durchaus Polizisten schwer verletzt wurden, verweist aber ansonsten darauf, dass der Sanitäter keine Beamten der Berliner Polizei behandelt habe.

Update, 23.11.2020, 9.42 Uhr: Korrekten Begriff eingesetzt
Update, 24.11.2020, 16:23 Uhr: Polizei-Reaktion hinzugefügt

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