Nein, es gab keinen Schießbefehl der Regierung auf Demonstranten in Berlin

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In sozialen Netzwerken teilen Nutzerinnen und Nutzer einen angeblichen Screenshot der Polizei Berlin. Er soll belegen, dass die Beamtinnen und Beamten von der Bundesregierung einen "Schussbefehl" erhalten hätte, falls sich Demonstranten der Anti-Corona-Demonstration in Berlin am 18. November nicht zurückziehen würden. Der Tweet ist gefälscht, die Polizei dementiert.

Im 16.000 Mitglieder starken Telegram-Kanal "Q ANONYMOUS DEUTSCHLAND" verbreitet sich am 18. November ein Screenshot, der belegen soll, dass die Bundesregierung der Polizei Berlin einen Schießbefehl erteilt habe. "Wir haben nun einen Schussbefehl von der Bundesregierung erhalten und diesen Zeitnah umsetzen, falls sich die Demonstranten nicht zurückziehen. #b1811", steht dort. Der Text ist in der Aufmachung des echten Twitter-Einsatzaccounts der Polizei Berlin gehalten. Die Beschreibung in der Telegram-Gruppe fügt noch hinzu: "Unter Vorbehalt.. Wir prüfen noch die Echtheit.. Schaut selbst...es ist unbegreiflich was hier gerade abläuft..." Auch auf Facebook verbreiten User die Behauptung hier über 180 Mal und außerdem hier, hier oder hier.

Facebook-Screenshot: 18.11.2020

Am Mittwoch protestierten tausende Menschen im Berliner Regierungsviertel gegen Corona-Maßnahmen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollten damit unter anderem die Verabschiedung einer Novelle des Infektionsschutzgesetzes im Bundestag und im Bundesrat verhindern. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und nahm mehr als 100 Menschen fest. Mehr dazu hier, hier oder hier. Der Befehl würde zum Einsatz der Wasserwerfer passen. Es gab ihn aber nicht.

Ein genauerer Blick auf den Zeitpunkt des Tweets lässt erste Zweifel aufkommen. AFP hat den Twitter-Account der Polizei Berlin den ganzen Tag über beobachtet, konnte aber keinen Tweet mit der genannten Nachricht finden. Zu exakt der Uhrzeit des angeblichen Befehls hat die Polizei Berlin allerdings tatsächlich getwittert. Sie beschreibt, wie sie bei eben dieser Demo mit Flaschen, Steinen und Böllern beworfen worden sei und darauf mit Einsatz von Pfefferspray sowie Festnahmen reagiert habe.

Das legt den Schluss nahe, dass der originale Tweet der Polizei Berlin mit einem neuen Text versehen wurde. Die Manipulation von Tweets ist nicht schwer, wie beispielsweise auch Seiten zeigen, auf denen jede und jeder Interessierte einfach falsche Tweets des noch amtierenden US-Präsidenten online erstellen kann.

Das Bild links zeigt den verbreiteten angeblichen Screenshot, rechts der originale Tweet der Polizei Berlin zum selben Zeitpunkt.

Screenshot: 18.11.2020

Die Polizei Berlin selbst dementiert die Gerüchte auf Facebook und Twitter. Auf ihrem Twitter-Kanal schreibt sie: "#Achtung #Fake. Aktuell kursieren gefälschte Tweets, die insbesondere über #Messenger geteilt werden. Es handelt sich um #Fakes & keine Tweets von unserem Account!! Teilen Sie diese bitte keinesfalls weiter - auch nicht aus Spaß. Falschmeldungen lassen sich nur so stoppen. #b1811"

Auch in zahlreichen eigentlich corona-kritischen Telegramgruppen wird der angebliche Tweet als Fake entlarvt (hier oder hier). Der Tweet ist also nicht echt, einen Schießbefehl gegen Demonstranten gab es nicht.

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