Rettungskräfte versuchen, nach Erdbeben in Caraballeda in Venezuela, Überlebende unter einem eingestürzten Gebäude zu finden: 30. Juni 2026 (AFP / Juan BARRETO)

HAARP-Verschwörungserzählung fälschlich mit tödlichen Erdbeben in Venezuela verknüpft

Seit dem 24. Juni 2026 zeichnet sich in Venezuela eine humanitäre Krise ab, als zwei Erdbeben tausende Menschen töteten und verletzten. In sozialen Medien werden die Ereignisse unterdessen fälschlicherweise dem im US-Bundesstaat Alaska angesiedelten High-frequency Active Auroral Research Program (HAARP) zugeschrieben. Als angeblicher Beweis, dass die Erdbeben nicht natürlichen Ursprungs gewesen seien, dient auch ein veraltetes Video, das rote Laserstrahlen zeigt. AFP stellte jedoch fest, dass das Video mit hoher Wahrscheinlichkeit manipuliert ist. Expertinnen und Experten erklärten zudem, dass weder Laser noch HAARP solche Naturkatastrophen auslösen können.

Rote Laser, ein Donnergeräusch. So beginnt ein Clip auf Facebook, der an einen spanischsprachigen Nachrichtenbeitrag erinnert. Am unteren Rand des Bildschirms steht in einem Banner auf Spanisch "Última Hora", was auf Deutsch so viel wie Eilmeldung bedeutet. "Einen Augenblick, bevor das Erdbeben in Venezuela zuschlug, tasteten mehrere Laserstrahlen den Boden darunter ab", lautet die Beschreibung am 2. Juli 2026. 

"Gegen 3 Uhr morgens, als die ganze Welt schlief, nahm jemand Bilder auf, die auch heute noch Gänsehaut verursachen", sagt eine weibliche Stimme im Video auf Spanisch. Die roten Strahlen würden sich "mit extremer Geschwindigkeit über die Oberfläche" bewegen, um schließlich spurlos zu verschwinden. Aufgelöst wird dieses "beunruhigende" Rätsel nicht weiter.

Die Userin behauptete zudem, dass das Video "nicht KI generiert" sei. Andere Userinnen und User hätten dies "bestätigt". Die Bilder kursierten online in mehreren Sprachen und auf verschiedenen Plattformen.  

Image
Facebook-Screenshot der Behauptung, Ai-Kennzeichnung und rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 6. Juli 2026

Ein verheerendes Doppel-Erdbeben erschütterte Venezuela am 24. Juni 2026. Am schwersten betroffen war der nördlich der Hauptstadt Caracas gelegene Bundesstaat La Guaira. Mehr als 3800 Menschen kamen laut der venezolanischen Regierung ums Leben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnte die Zahl der Vermissten aber bei bis zu 50.000 liegen.

Doch die Aufnahmen mit roten Lasern sind nicht authentisch und kursierten Monate vor den starken Erdbeben in Venezuela.

Clip ist älter als Erdbeben

Mithilfe einer umgekehrten Bildsuche fand AFP dasselbe Video, das fälschlich mit den Erdbeben in Verbindung gebracht wurde: Es wurde bereits am 18. März 2026 auf Tiktok veröffentlicht – also Monate vor den Ereignissen in Venezuela.

Dass es sich um unechtes Material handelt, legt die Analysesoftware InVID WeVerify nahe, an deren Entwicklung AFP beteiligt ist. Die Analyse ergab mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent, dass die Sequenz mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) generiert wurde.

Eine weitere Untersuchung des Videos mit dem KI-Erkennungstool Hive Moderation ergab, dass der Clip zu 99,9 Prozent künstlich erstellt wurde.

Image
Analyseergebnisse von Hive Moderation, Ai-Kennzeichnung von AFP hinzugefügt: 2. Juli 2026

Auf dem Tiktok-Konto "archive.available", auf dem sich das Video mit Stand 9. Juli 2026 noch befand, finden sich viele ähnliche Videos mit roten Laserstrahlen. Sie wurden über mehrere Monate hinweg gepostet, ohne Angaben zu einem konkreten Ort.

Image
Tiktok-Screenshot des Accounts "archive.available", Ai-Kennzeichnungen von AFP hinzugefügt: 2. Juli 2026

Ein im Profil verlinkter Blog nennt sich selbst "ein lebendiges Archiv". Gleichzeitig steht in der Beschreibung des Blogs, dass "nichts als Tatsache oder Theorie dargestellt wird".

Laser können derart starke Katastrophen nicht auslösen, erklärten Expertinnen und Experten gegenüber AFP. 

Erdbeben hatte natürliche Ursachen

Judith Hubbard, Erdbebenforscherin und Gastprofessorin an der US-amerikanischen Cornell Universität, erklärte gegenüber AFP am 30. Juni 2026, die Videos "zeigen eine nächtliche Szene, aber die Erdbeben ereigneten sich lange vor Sonnenuntergang".

Der erste Erdstoß hatte eine Stärke von 7,2 und ereignete sich um 18:04 Uhr Ortszeit (22:04 Uhr GMT) südöstlich von Yumare. Nach Angaben des United States Geological Survey (USGS) entstand das Beben infolge einer flachen Erdplattenverschiebung nahe der Grenze zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte. Ein zweites, noch stärkeres Beben mit einer Magnitude von 7,5 folgte weniger als eine Minute später nördlich der Hauptstadt Caracas.

Wie in folgender Infografik zu sehen ist, ereignen sich Erdbeben etwa entlang von Rissen zwischen zwei Gesteinsblöcken, die aneinander vorbeigleiten. 

Image
Funktionsweise von Erdplattenverschiebungen, Infografik von AFP erstellt: 25. Juni 2026 (AFP / Gal ROMA, Christophe THALABOT, Laetitia COMMANAY)

Yihe Huang, außerordentliche Professorin für Geophysik an der University of Michigan, sagte am 30. Juni 2026 gegenüber AFP, es sei "physikalisch nicht möglich, dass Laserstrahlen ein starkes Erdbeben auslösen", da sich Beben in größeren Tiefen der Erdkruste entwickeln. "Die durch Laserstrahlen verursachte Spannungsbelastung ist zu gering", sagte Huang.

Hubbard stimmte dem zu: "Die Erdbeben sind natürlichen Ursprungs und begannen in einer Tiefe von 10 bis 20 Kilometern, und es gibt absolut keine Möglichkeit, Erdbeben mit Lasern auszulösen."

Sogenannte Erdbebenlichter können während eines seismischen Ereignisses auftreten. Dabei handelt es sich um Lichtkugeln oder gleichmäßige Leuchterscheinungen, die gelegentlich im Zusammenhang mit Erschütterungen gemeldet werden. Doch sie sind laut Wissenschaftler und USGS-Sprecher Steven Sobieszczyk nicht so häufig, wie oft angenommen werde.

Einige Berichte über dieses Phänomen wurden mit Lichtbögen von Stromleitungen in Verbindung gebracht. "Meistens beschädigen Erschütterungen bei Erdbeben Stromleitungen oder andere Infrastruktur, die dann aufleuchtet, Lichtbögen bildet oder explodiert (ähnlich wie bei einem durchgebrannten Transformator)", schrieb Sobieszczyk am 30. Juni 2026 an AFP. "Da die Schäden durch Erdbeben weitreichend sein können, können diese Lichtblitze oder Explosionen entsprechend häufig und über ein großes Gebiet verteilt auftreten." Dabei fügte er hinzu: "Das, was das Video zeigt, sind weder Erdbebenlichter noch durchgebrannte Transformatoren."

Auch HAARP löste Erdbeben in Venezuela nicht aus

Mitunter kursierte auch die Falschbehauptung, wonach das 1990 gestartete High-frequency Active Auroral Research Program (HAARP) die verheerenden Erdbeben ausgelöst hätte. HAARP ist eine Forschungsstation im US-Bundesstaat Alaska. Die Universität Alaska Fairbanks betreibt das Programm seit 2015, davor wurde es von der US-Luftwaffe und der US-Marine verwaltet. Laut eigener Website betreibt HAARP den "leistungsfähigsten Hochleistungs-Hochfrequenzsender (HF) der Welt zur Erforschung der Ionosphäre". Die Ionosphäre beginnt in etwa 60 bis 70 Kilometern Höhe und erstreckt sich bis über 500 Kilometer Höhe.

Ein deutschsprachiger Facebook-Nutzer mit dem Kontonamen "Insider News TV", dessen Falschbehauptungen AFP bereits widerlegte, griff diese falsche Aussage auf. Er veröffentlichte am 30. Juni 2026 ein Video, das mehr als 850 Nutzerinnen und Nutzer erneut teilten. Im Video ist ein Harfenemoji eingeblendet – das englische Wort für Harfe klingt wie HAARP.

Im Video ebenfalls zu sehen ist ein türkischer X-Post vom 25. Juni 2026, in dem fälschlich behauptet wird, dass HAARP in Venezuela zum Einsatz gekommen wäre. "Da ist es ja spannend, dass kurz vor dem Erdbeben plötzlich die Elektronen in der Ionosphäre extrem ansteigen", spricht der Mann im Video etwa bei Sekunde 55. Er referenziert auch einen Youtube-Kanal "Glam Ham Radio", dessen Inhaberin mit blonden Stirnfransen im Hintergrund zu sehen ist. Die Nutzerin spricht auf ihrem Kanal häufig über "ionosphärische Störungen". Der Mann im Video fragt anschließend in Anspielung auf HAARP: "Jetzt frage ich dich, welche Anlagen können sowas verursachen?"

Image
Facebook-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 7. Juli 2026

Allerdings zeigten Untersuchungen, dass die Ionosphäre mitunter auf bedeutende Ereignisse auf der Erde und im Weltraum reagiert. Dazu zählen beispielsweise Gewitter und Sonneneruptionen – und Erdbeben. "Bei Erdbeben lassen sich bereits vor dem Auftreten seismischer Aktivität Veränderungen in der Ionosphäre beobachten, da sich die Dichte und der Fluss der Elektronen in der Ionosphäre aufgrund der Verschiebungen der tektonischen Platten der Erde verändern", heißt es in einem englischen Artikel des Technologieinstituts in Massachusetts (MIT) aus dem Jahr 2023.

Auf X gaben sich viele Nutzerinnen und Nutzer hinter englischsprachigen Konten, die Aktivitäten von HAARP dafür verantwortlich machten, als Fachleute für Außenpolitik sowie als Militärkräfte aus. Doch die Behauptungen sind falsch.

"Unsere Anlage ist schlicht nicht in der Lage, Wetterereignisse zu erzeugen oder zu verstärken oder Erdbeben auszulösen oder zu verstärken", sagte HAARP-Direktorin Jessica Matthews am 1. Juli 2026 gegenüber AFP. "Unsere Forschungsgeräte senden Radiowellen in einer Frequenz, die nicht von den atmosphärischen Schichten aufgenommen werden kann, die für das Wetter auf der Erde verantwortlich sind." Das HAARP-Programm befindet sich zudem tausende Kilometer vom Norden Venezuelas entfernt.

David Hysell ist Professor für Ingenieurwissenschaften im Fachbereich Erd- und Atmosphärenwissenschaften der Cornell Universität im US-Bundesstaat New York. Die Auswirkungen von HAARP seien "ziemlich subtil und erfordern empfindliche Instrumente, um sie zu messen". Diese "umfassen offensichtlich nicht die im Video dargestellte Disco-Lichtshow, die offenbar von jemandem mit viel Vorstellungskraft hinzugefügt wurde", sagte er am 30. Juni 2026 gegenüber AFP zum eingangs erwähnten Video auf Spanisch. Er erklärte auch schon für einen Faktencheck im Jahr 2024 gegenüber AFP, dass die von HAARP ausgesendeten Radiosignale keinen Einfluss auf die seismische Aktivität haben.

Luis Antonio Domínguez, Forscher am Institut für Geophysik der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, erklärte ebenfalls: "Das HAARP-Projekt besteht aus Funkübertragungsantennen, und es ist bekannt, dass elektromagnetische Wellen keine Erdbeben erzeugen können."

Die Erdbeben ereigneten sich knapp sechs Monate nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro durch das US-Militär. In diesem Zusammenhang behaupteten einige Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien fälschlich, die Vereinigten Staaten hätten diese Katastrophe, die sie nicht als Naturereignis betrachten, absichtlich provoziert.

In einem Faktencheck aus dem Jahr 2025 widerlegte AFP zudem die Behauptung, dass HAARP Polarlichter verursachen könne. AFP überprüfte auch mehrere Behauptungen zur Festnahme Maduros.

Fazit: In sozialen Medien verbreitete Videos mit roten Laserstrahlen stehen nicht im Zusammenhang mit den Erdbeben in Venezuela. Das Material kursierte bereits Monate vor den Beben und wurde wahrscheinlich mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt. Fachleute bestätigen zudem, dass weder Laser noch das HAARP-Programm in der Lage sind, Erdbeben auszulösen. Ihnen zufolge hatte die Katastrophe einen rein natürlichen Ursprung.

Haben Sie eine Behauptung gefunden, die AFP überprüfen soll?

Kontaktieren Sie uns