Hantavirus-Ausbruch lässt altes Verschwörungsnarrativ über "geplante" Epidemien wieder aufleben

Seit dem Ausbruch des Hantavirus auf dem niederländischen Kreuzfahrtschiff "MV Hondius" griffen Nutzerinnen und Nutzer sozialer Plattformen alte Verschwörungserzählungen aus der Covid-19-Pandemie wieder auf. Eine dieser Erzählungen ist, dass eine angebliche Hantavirus-Epidemie im Vorhinein geplant worden sei. Userinnen und User sehen eine Patentanmeldung für einen Impfstoff gegen das Virus als Beweis für diese Behauptung. Einer der Forscher, der an dem Patentdokument mitgearbeitet hatte, erklärte gegenüber AFP, dass es sich hierbei allerdings um einen Impfstoff handele, der noch nicht für den Einsatz am Menschen bereit sei.

"Schon seltsam ... hier das Patent zum Hantavirus aus dem Jahre 2022", heißt es in einem Facebook-Post vom 11. Mai 2026. "Ihr wurdet und werdet weiter verarscht, das ist die einzige Wahrheit bei dieser Fake Plandemie 2.0", heißt es weiter. Der User teilte ein Bild von einer Patentanmeldung, in der auf Englisch "mRNA Impfstoffe gegen Hantavirus" steht. Dem Bild zufolge reichte die University of Texas System am 24. April 2025 die Patentanmeldung ein. 

Am 12. Mai 2026 postete ein Nutzer auf X ein Bild von der Userin Liz Churchill, die das gleiche Bild der Patentanmeldung geteilt hatte. "Für die Impfung gegen das Hantavirus wurde bereits im April 2025 ein Patent eingereicht", schrieb der User. "Ich nehme einmal an, das Patent wurde mittlerweile erteilt, darum wurde der Killer-Kreuzfahrt-Virus-Plot jetzt gestartet", mutmaßte er weiter. Der Post wurde über 2000 Mal Nutzerinnen und Nutzern auf X angezeigt.

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X-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 26. Mai 2026

Das Bild wurde auf verschiedenen Plattformen geteilt sowie in anderen Sprachen wie Englisch, Finnisch, Französisch und Spanisch

Einige der Posts greifen das Stichwort "Plandemie" auf, das bereits im Rahmen verschiedener Verschwörungserzählungen während der Covid-19-Pandemie kursierte. Den Erzählungen zufolge sei die Covid-19-Pandemie geplant gewesen. AFP veröffentlichte dazu mehrere Faktenchecks

Die Beiträge verbreiteten sich, nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 2. Mai 2026 über einen Hantavirus-Ausbruch an Bord des Kreuzfahrtschiffs "MV Hondius" informiert worden war. Drei Personen, die sich an Bord des unter niederländischer Flagge fahrenden Schiffes befanden, sind seitdem verstorben. Bei zwei von ihnen wurde bestätigt, dass sie das Virus hatten. Unter den Verstorbenen befand sich eine Deutsche.  

Nachdem das Kreuzfahrtschiff MV " am 18. Mai 2026 im Hafen Rotterdams andockte, verließen die letzten Personen das Schiff und begaben sich in Isolation.

Laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) handelt es sich bei dem auf dem Kreuzfahrtschiff vorkommenden Virus um das sogenannte Andes-Virus. Dieses Virus ist die einzige Hantavirus-Spezies, die von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es derzeit weder zugelassene Impfstoffe gegen das Virus noch spezifische Behandlungsmethoden für diese Krankheit. An dem Virus erkrankte Personen werden aus diesem Grund symptomatisch behandelt. 

Zur Ermittlung des Ursprungs des Ausbruchs entnahmen Forschende am 19. Mai 2026 in der argentinischen Stadt Ushuaia Proben von Nagetieren. Das Hantavirus wird in der Regel über den Urin, Kot und Speichel infizierter Nagetiere übertragen.

Kursierende Patentanmeldung wurde verfälscht

Die Veröffentlichungsnummer der Patentanmeldung, die im online geteilten Bild zu sehen ist, lautet US 2025/0125780 A1. Eine Suche nach der Nummer in der Datenbank des United States Patent and Trademark Office (USPTO) unter Verwendung der Kennzahl 0125780 liefert keine relevanten Ergebnisse für das Jahr 2025.

Eine Suche nach "Bukreyev", einem Namen der im Dokument angegebenen Erfinder, lieferte jedoch mehrere Ergebnisse. Darunter befindet sich auch eine Patentanmeldung für "mRNA-Impfstoffe gegen Hantaviren". 

Das online kursierende Bild der Anmeldung ähnelt zwar der authentischen Anmeldung in der Datenbank, allerdings weist das online verbreitete Bild Unstimmigkeiten auf. Es enthält einige Rechtschreibfehler wie "hantavires" anstatt von "hantavirus" und Passagen an denen die Schrift verschwommen ist. Zudem ergibt der folgende englische Satz keinen Sinn:  "our invesion to the the field of Hantavirus pathology". Auch die Veröffentlichungsnummern weichen leicht voneinander ab: Die Version in den sozialen Medien trägt die Nummer 2025/0125780 A1, während die USPTO-Version die Nummer US 2025/0127870 A1 trägt.

Diese Unstimmigkeiten weisen darauf hin, dass das Bild manipuliert sein könnte – womöglich mit Künstlicher Intelligenz (KI). Dies untermauert eine Analyse mit dem KI-Erkennungstool InVID WeVerify. Laut der Analyse besteht eine Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent, dass das Bild mithilfe von KI generiert wurde. 

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Screenshot des Verifizierungstools InVID-WeVerify samt Analyseergebnissen des kursierenden Bildes: 20. Mai 2026

Das KI-Erkennungsprogramm ist Teil des Analyseprogramms InVID WeVerify, an dessen Entwicklung sich AFP beteiligt. 

Am 7. Mai 2026 postete X-Nutzerin Liz Churchill das Bild der Patentanmeldung, das dieselben Unstimmigkeiten aufweist, wie in den anderen Beiträgen. Unter dem Bild kommentierte eine Userin: "Entschuldigung, aber wenn man das Bild vergrößert, sieht man, dass es von einer KI erstellt oder bearbeitet wurde." Daraufhin erklärte Churchill, dass sie mithilfe von KI das Bild bearbeitet hat: "Ich habe Grok gebeten, das Bild schärfer zu machen, aber es hat leider ein bisschen vermasselt." Daraufhin teilte sie das Originalbild der tatsächlichen Patentanmeldung. 

Impfstoff "noch nicht für den Einsatz am Menschen geeignet"

Die Patentanmeldung in der USPTO-Datenbank ist echt. Allerdings wurde der Impfstoff noch nicht für die Verabreichung am Menschen zugelassen.

Alexander Bukreyev, einer der in der Patentanmeldung genannten Forscher, ist Professor und stellvertretender Direktor des Zentrums für "Biodefense and Emerging Infectious Diseases" an der University of Texas Medical Branch. Bukreyev betonte gegenüber AFP am 11. Mai 2026, sein Labor habe "vor einigen Jahren einen RNA-Impfstoff gegen das Andes-Virus entwickelt". Dies wird in diesem Artikel aus dem Jahr 2024 in der Fachzeitschrift Nature Communications ausführlich beschrieben.

Ribonukleinsäure (RNA) ist ein Molekül in der Zelle, das genetische Informationen verarbeitet und verschiedene Aufgaben bei der Steuerung biologischer Prozesse übernimmt. mRNA steht für Messenger-RNA (zu Deutsch: Boten-RNA) und ist eine spezielle Form der RNA, die für die Herstellung bestimmter Proteine genetische Informationen transportiert. Sie stellt den Bauplan für jedes gewünschte Protein dar, lässt sich auch im Labor künstlich herstellen, weshalb dies Impfstoffhersteller bei der Entwicklung der mRNA-Impfstoffen nutzen. 

Bukreyev ergänzte, die Forscher hätten diesen Impfstoff patentieren lassen, sobald sie dessen Schutzwirkung bei Tieren nachgewiesen hatten. Er fügte hinzu: "Dieser Zeitpunkt ist typisch für die Einreichung eines Patentantrags."

Er erklärte, dass zwar eine neuere Studie aus seinem Labor gezeigt habe, dass bereits eine geringe Dosis des Impfstoffes in einem Tiermodell einen hohen Schutz biete, der Impfstoff jedoch noch nicht in klinischen Studien eingesetzt worden sei. Dies sei zum Teil auf die finanziellen Kosten zurückzuführen, so Bukreyev. "Der Impfstoff ist also leider noch nicht für den Einsatz am Menschen bereit, und es wird einige Zeit dauern, bis die Finanzierung für die Beantragung einer IND im Hinblick auf klinische Studien gesichert ist", kommentierte er. Eine Investigational New Drug Application (IND) stellt den Antrag zur Verabreichung eines Prüfpräparats oder eines biologischen Produkts an den Menschen dar. In den USA muss ein solcher Antrag an die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde (FDA) gestellt werden, die dann die vorliegenden Studiendaten sowie die chemische Zusammensetzung und Herstellung des Produkts überprüft.  

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Personen in Schutzanzügen verlassen das von einem Hantavirus-Ausbruch betroffene niederländische Kreuzfahrtschiff MV Hondius bei seiner Ankunft in Rotterdam am 18. Mai 2026. (AFP / NICOLAS TUCAT)

Des Weiteren führte Bukreyev aus: "Mehrere Gruppen entwickeln Impfstoffe gegen verschiedene Viren, sodass bei jedem Ausbruch eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass irgendwo gerade ein Impfstoff dagegen entwickelt wird."

Hantavirus-Pandemie ist höchst unwahrscheinlich

Entgegen der Behauptung, dass das vor wenigen Jahren angemeldete Patent für den Impfstoff der Beweis eines geplanten "Hantavirus-Plots" sei, wird am Hantavirus bereits seit Jahrzehnten geforscht.

Wie in einem Artikel der New York Times erläutert wird, arbeiten weltweit Forschungsteams an Behandlungsmethoden und Impfstoffen gegen Hantaviren. Da das Virus Menschen jedoch nur selten befällt und demnach die Verbreitung geringer sei, stelle sich die Beschaffung von Finanzmitteln als schwierig dar. Allerdings erklärten Expertinnen und Experten, dass einige Impfstoffe und Therapien die Entwicklungsphase rasch durchlaufen könnten.

Expertinnen und Experten gaben infolge des Ausbruchs des Virus auf dem Kreuzfahrtschiff wiederholt an, dass lediglich ein geringes Risiko für die globale Bevölkerung gebe. Die WHO schätzte das Risiko als "absolut gering" ein. 

Kim Won-keun, außerordentlicher Professor für Mikrobiologie an der Hallym-Universität in Korea, erklärte gegenüber AFP im Rahmen eines früheren Faktenchecks, dass es angesichts der begrenzten Übertragungswege des Virus höchst unwahrscheinlich sei, dass der Hantavirus-Ausbruch eine weltweite Pandemie auslösen werde.

Fazit: Online wurde irreführenderweise behauptet, dass die Patentanmeldung eines Impfstoffes gegen das Hantavirus beweisen würde, dass der Ausbruch des Hantavirus geplant wurde. Für den Impfstoff wurde jedoch keine Zulassung für den Einsatz am Menschen erteilt.

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