Falschbehauptung über angeblichen IPCC-Austritt von 46 Forschenden kursierte erneut online
- Veröffentlicht am 26. Mai 2026 um 15:09
- 6 Minuten Lesezeit
- Von: Liesa PAUWELS, AFP Niederlande
- Übersetzung und Adaptierung: Johanna LEHN, AFP Deutschland
Der Weltklimarat (IPCC) ist häufig Gegenstand von Desinformation. Im Frühjahr 2026 kursierte die Behauptung online, 46 Forschende seien aus dem IPCC ausgetreten. Dazu wurden angebliche Zitate der Forschenden und ein Diagramm geteilt, wonach die Klimamodelle des IPCC vermeintlich stark von tatsächlich gemessenen Temperaturen abweichen würden. Die angeblichen Zitate sind jedoch schon seit 2013 online und stehen in keinem Zusammenhang mit den behaupteten Austritten. Das Diagramm ist von Expertinnen und Experten wiederholt als irreführend kritisiert worden.
"IPCC-Wissenschaftler rebellieren", heißt es in einem Facebook-Post vom 4. Mai 2026. "46 ehemalige IPCC-Wissenschaftler wenden sich offen gegen das Klimanarrativ und enthüllen massive Manipulationen in den Berichten." In einem Telegram-Beitrag vom 29. April 2026 sind angebliche Zitate von Forschenden aufgelistet, eingeleitet mit dem Kommentar: "Dies sind die Worte der ersten 16 von insgesamt 46 Wissenschaftlern, die den Weltklimarat (IPCC) aufgrund der korrupten Klima-Wissenschaft verlassen haben."
In anderen Beiträgen wurde zusätzlich ein Diagramm geteilt, das angeblich eine große Diskrepanz zwischen den Klimamodellen des IPCC und den tatsächlich beobachteten Temperaturen darstellen soll. Auch auf Englisch, Französisch und Niederländisch kursierte die Behauptung.
Doch bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks hat es keine solche Rücktrittswelle beim IPCC gegeben. Die Liste mit Zitaten von 46 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wurde vor über einem Jahrzehnt online veröffentlicht und sollte niemals eine Rücktrittsliste sein. Forschende haben darüber hinaus das Diagramm in den Beiträgen kritisiert und dessen Methodik sowie Darstellung beanstandet.
Forschende haben mit neuestem IPCC-Bericht nichts zu tun
Weltweit führende Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die mit dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC), auch Weltklimarat, der Vereinten Nationen zusammenarbeiten, erstellen alle fünf bis sieben Jahre einen umfassenden Bericht, in dem sie den Zustand des globalen Klimas beurteilen. Diese Berichte spielen eine zentrale Rolle bei der Dokumentation des wissenschaftlichen Konsenses über den Zusammenhang zwischen menschlichen Aktivitäten und dem Klimawandel.
Der Weltklimarat befindet sich seit Juli 2023 in seinem siebten Bewertungszyklus. Auf AFP-Anfrage erklärte ein IPCC-Sprecher am 8. Mai 2026, dass "unter den in dem Beitrag genannten Namen keine IPCC-Autoren sind, die am aktuellen Siebten Sachstandsbericht (AR7) arbeiten".
Eine erweiterte Stichwortsuche ergab, dass die Liste der Zitate mindestens seit 2013 im Umlauf ist. Damals wurde sie auf einem klimaskeptischen Blog unter der Überschrift "46 Aussagen von IPCC-Experten gegen das IPCC" veröffentlicht. Die angeblichen Zitate der Forschenden werden in dem Blogbeitrag ohne Quellenangaben aufgeführt. Darin ist außerdem keine Rede von "Rücktritten". Die Mitarbeit an Berichten des IPCC ist für die Forschenden ohnehin freiwillig.
Manche der Forschenden sind bereits verstorben
Einige der 46 Aussagen sind online nachverfolgbar und erscheinen glaubwürdig. Anderen fehlt der nötige Kontext, um sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Die slowenische Klimaforscherin Lučka Kajfež Bogataj habe den Beiträgen zufolge gesagt, dass "steigende Konzentrationen von Kohlendioxid in der Luft nicht dazu führen, dass die globalen Temperaturen steigen". Dieses Zitat bezieht sich auf einen Vortrag über Paläoklimatologie, den sie vor 20 Jahren auf Slowenisch gehalten hat.
Kajfež Bogataj erklärte am 13. Mai 2026 auf AFP-Anfrage, sie habe "nie gesagt, dass CO2 nicht die Ursache der derzeitigen Erwärmung ist", sondern vielmehr darüber gesprochen, dass es vor Millionen von Jahren "'Henne-und-Ei'-Situationen gab, in denen die Temperatur anstieg, bevor CO2 es tat". Sie erklärte außerdem, dass sie weiterhin mit dem IPCC zusammenarbeitet.
AFP stellte des Weiteren fest, dass nicht alle in den Beiträgen aufgeführten Personen eine dokumentierte Rolle in einem IPCC-Berichtsprozess hatten. Außerdem sind einige der Genannten, wie Chris de Freitas und Richard S. Courtney, inzwischen verstorben.
Mehrere der 46 Forschenden haben sich selbst als "Expertinnen- und Expertengutachter" für den Weltklimarat bezeichnet. Das bedeutet, dass sie Entwürfe von Berichten kommentieren, nicht dass sie diese verfassen. Das IPCC erklärt dazu auf seiner Website: "Da das Ziel der Expertengutachten darin besteht, eine möglichst breite Beteiligung und Fachkompetenz zu gewährleisten, werden jene Expertinnen und Experten angenommen, die sich registrieren, sofern sie nicht am Nachweis relevanter Qualifikation scheitern."
Für einige der zitierten Forschenden in den Posts, darunter Judith Curry und Willem de Lange, liegen ihre Beiträge zu IPCC-Berichten mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Beide haben tatsächlich kritische Ansichten über die Arbeitsweise des Weltklimarats.
Andere auf der Liste, wie Robert Balling von der Arizona State University und der inzwischen verstorbene Richard S. Courtney, lassen sich Recherchen der Washington Post und der Investigativ-Website DeSmog zufolge direkt mit der fossilen Brennstoffindustrie in Verbindung bringen.
Außerdem wurden einige der Zitate aus ihrem Kontext gerissen oder basieren auf veralteten Informationen. So gab etwa der Klimawissenschaftler Mike Hulme im Jahr 2010 eine Erklärung ab, in der er sagte, dass das ihm zugeschriebene Zitat online falsch dargestellt werde.
Darüber hinaus geht das Balling zugeschriebene Zitat, wonach "das IPCC feststellt, dass keine signifikante Beschleunigung der Meeresspiegelanstiegsrate im 20. Jahrhundert festgestellt wurde", auf Informationen aus einem Klimabericht von 2001 zurück. Neuere Daten haben jedoch das Gegenteil gezeigt: Die Meeresspiegel stiegen im 20. Jahrhundert um rund 20 Zentimeter. In seinem jüngsten Sachstandsbericht von 2023 prognostizierte das IPCC je nach zukünftigen Emissionsszenarien einen Meeresspiegelanstieg von etwa 30 cm bis zu einem Meter bis zum Jahr 2100.
Diagramm sei "Rosinenpickerei"
Das Diagramm zur Temperaturveränderung, das in einigen Beiträgen enthalten ist, wird "JR Christy" zugeschrieben. Gemeint ist damit John R. Christy, Professor für Atmosphärenwissenschaften an der University of Alabama, der für seine Kritik an bestimmten Projektionen von Klimamodellen bekannt ist. Christy wird zudem in der Liste der 46 Forschenden angeführt.
Eine umgekehrte Bildsuche zeigt, dass die Grafik wiederholt angefochten wurde, unter anderem von dem Experten Gavin Schmidt, Direktor des Nasa Goddard Institute for Space Studies.
Die Grafik ist in keiner von Expertinnen und Experten geprüften Fachzeitschrift veröffentlicht worden. Sie tauchte 2016 in einer Aussage von Christy vor dem Ausschuss für Wissenschaft, Weltraum und Technologie des US-Repräsentantenhauses auf. Christy, der regelmäßig von klimaschutzskeptischen republikanischen Abgeordneten eingeladen wird, argumentierte mit der Grafik, dass die Berichte des IPCC falsch seien und die Auswirkungen des Klimawandels übertrieben darstellen würden.
Um zu der Diskrepanz zwischen projizierten Daten der Modelle und den "Beobachtungen" in seiner Grafik zu gelangen, benutzte Christy "eine kalkulierte Kombination aus Rosinenpickerei und höchst fragwürdiger Methodik", sagte Michiel Baatsen, Assistenzprofessor für Dynamische Meteorologie und Erdsystemmodellierung an der Universität Utrecht, gegenüber AFP am 6. Mai 2026.
Die Grafik trägt den Titel "Global Bulk Atmospheric Temperature" (zu Deutsch: Globale mittlere atmosphärische Temperatur). Die blauen und grünen Werte beziehen sich auf Temperaturen, die bis in eine Höhe von 50.000 Fuß bzw. 15 Kilometer über der Erdoberfläche gemessen wurden. Diese Beobachtungen werden mit den CMIP5-Klimamodellen des IPCC (rote Linie) verglichen. Atmosphärische Temperaturmessungen können jedoch laut Baatsen nicht direkt mit den Projektionen der Klimamodelle für die Oberflächentemperaturen verglichen werden.
"Die Messung einer globalen Durchschnittstemperatur in der Höhe ist alles andere als einfach; selbst mithilfe von Satelliten geht dies mit einem hohen Maß an Unsicherheit einher", erklärte Baatsen. "Hinzu kommt, dass man sich in einer Höhe von 15 Kilometern vielerorts bereits im unteren Bereich der Stratosphäre befindet, wo sich die Atmosphäre durch den Einfluss von Treibhausgasen tatsächlich abkühlt, was die Daten besonders schwer zu interpretieren macht."
Baatsen fügte hinzu: "Die Datenanalyse wurde massiv manipuliert, um letztlich zu einer einzigen Kurve zu gelangen, die eine durchaus bemerkenswerte Diskrepanz offenbart."
In einem ausführlichen Blogbeitrag kritisierte Nasa-Wissenschaftler Schmidt die Grafik und ihre visuelle Darstellung. Er argumentierte, dass Christys Grafiken "irreführend" seien. Er wies darauf hin, dass bei der Darstellung dieser Grafiken mehrere "problematische Entscheidungen" getroffen worden seien. Christy verwende den Mittelwert der Modellprojektionen CMIP5 des IPCC, anstatt die erhebliche Streuung der Modelle zu zeigen, erklärte Schmidt.
Er wies außerdem darauf hin, dass die Daten "uneinheitlich geglättet" wurden. Glättung bedeutet, dass Daten über einen bestimmten Zeitraum gemittelt werden, um kurzfristige Schwankungen zu verringern. Insgesamt verwendet Christy für die Glättung einen 5-Jahres-Mittelwert, aber am Ende der Beobachtungsreihe legt er ein kürzeres Glättungsfenster zugrunde. Schmidt argumentierte, das entspreche der Annahme, dass die zwei fehlenden zukünftigen Jahre dem Mittelwert der vorhergehenden drei Jahre entsprechen würden. "In einer Situation mit einem starken Trend ist das unwahrscheinlich", erläuterte Schmidt, und "die Auswirkung dieser Wahl vergrößert die Abweichung zudem ein wenig".
Schmidt bereitete die Daten mit einheitlicher Glättung neu auf und fügte Informationen über die Streuung der Modelle hinzu, was den visuellen Vergleich zwischen den Modellen und den Beobachtungen veränderte:
"Christys Grafiken sind so gestaltet, dass sie Sie zu einem einzigen Schluss führen", fasste Schmidt in seiner Analyse zusammen.
Zahlreiche Forschende äußerten ihre Kritik an Christys Grafik auf Science Feedback, einer Plattform für wissenschaftliche Faktenprüfungen.
Weitere Faktenchecks zum Thema Klima sammelt AFP auf der Website.
Fazit: Im Mai 2026 traten keine 46 Forschende aus dem Weltklimarat aus. Zitate, die das belegen sollten, kursieren mindestens seit dem Jahr 2013. Auch ein Diagramm, das in den Beiträgen enthalten ist, wurde wiederholt von Wissenschaftlern als irreführend eingestuft.
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