Gefälschter Politico-Artikel verbreitet Desinfo zu angeblicher Aufnahme von Geflüchteten in Ostdeutschland

Wegen der Einflussnahme auf Deutschland durch Desinformationskampagnen bestellte das Auswärtige Amt im Dezember 2025 den russischen Botschafter ein. Dennoch wurde im März 2026 erneut eine Behauptung in sozialen Medien geteilt, die mutmaßlich Teil einer solchen bekannten Kampagne ist: Laut eines angeblichen Artikels der Nachrichtenwebsite Politico wolle die Bundesregierung 400.000 palästinensische Geflüchtete in ostdeutschen Bundesländern unterbringen. Die Website ist jedoch gefälscht, wie Politico und gestalterische Unterschiede bestätigen.

"Verteilung palästinensischer Geflüchteter" lautet der englischsprachige Titel einer Grafik übersetzt, die am 13. März 2026 in einem Telegram-Beitrag geteilt wurde. Darin wird gezeigt, dass "gemäß eines Plans der Bundesregierung" 400.000 Palästinenserinnen und Palästinenser in den fünf ostdeutschen Bundesländern untergebracht werden sollen. Als Quelle enthält der Beitrag einen Link zu einem vermeintlichen Artikel der Nachrichtenwebsite Politico. Darin wird vermeintlich von einer geheimen Sondersitzung des Bundeskabinetts berichtet, in der die Unterbringung beschlossen worden sein soll. 

Die Behauptung kursierte auch auf Facebook, Instagram und X, wo sie unter anderem von der Rechtsextremistin Marla Svenja Liebich geteilt wurde, sowie auf Sprachen wie Englisch, Niederländisch und Spanisch. Einige der Beiträge enthalten ein Video mit dem Logo von Politico, in dem dieselbe Behauptung wiedergegeben wird.

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Telegram-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 19. März 2026

Der Artikel, auf den die Beiträge zurückgehen, ist jedoch gefälscht. Einige Details deuten darauf hin, dass er mutmaßlich Teil einer russischen Desinformationskampagne ist.

"Wir können bestätigen, dass dieser Bericht frei erfunden ist und weder auf einer Plattform von POLITICO noch in einer Regionalausgabe oder auf einem Social-Media-Kanal veröffentlicht wurde", erklärte ein Sprecher des Mediums auf AFP-Anfrage am 19. März 2026. 

Artikel ähnelt russischen Desinformationskampagnen

Die Domain gibt ebenfalls einen Hinweis darauf, dass der Artikel nicht von Politico veröffentlicht wurde. Sie lautet "politico-24[.]com". Die Adressen der echten Politico-Websites sind jedoch "politico[.]com" für die US-amerikanische Website des Mediums sowie "politico[.]eu" für seinen europäischen Ableger. Außerdem ist die Domain erst am 6. März 2026 über das Unternehmen Hostinger registriert worden, wie AFP mithilfe der Website Whois herausfand, mit der Daten einer Domain einsehbar sind. Der Artikel wurde am 12. März 2026 veröffentlicht.

Ein Sprecher von Hostinger bestätigte die Registrierung auf AFP-Anfrage am 20. März 2026 und erklärte, dass die Website "sofort nach Eingang einer Meldung eines Dritten über illegale Aktivitäten ausgesetzt" wurde. Inzwischen ist der Artikel nicht mehr online zu finden. 

Das Unternehmen Hostinger mit Sitz in Litauen bietet die Dienstleistung an, Websites zu registrieren. Das Medium Correctiv hatte bereits im Juli 2024 berichtet, dass über Hostinger Websites veröffentlicht wurden, die seriöse Nachrichtenseiten imitierten. Das wiederum ist eine inzwischen bekannte Methode russischer Desinformationskampagnen, um westliche Gesellschaften zu spalten und ihre Unterstützung für die Ukraine zu schmälern.

Aufgrund der Vorwürfe russischer Einflussnahme auf die Bundestagswahl im Februar 2025 durch die Desinformationskampagne "Storm-1516" sowie eines russischen Cyberangriffs auf die Flugsicherung bestellte Deutschland im Dezember 2025 den russischen Botschafter ein. Auf AFP-Anfrage erklärte ein Sprecher des Bundesministerium des Inneren (BMI) am 25. März 2026, das BMI baue mit weiteren Ministerien und Behörden die sogenannte Zentrale Stelle zur Erkennung ausländischer Informationsmanipulation auf, um Desinformation zu bekämpfen. Das Monitoring-Projekt Gnida, das russische Desinformationskampagnen beobachtet, rechnet den gefälschten Politico-Bericht ebenfalls der Kampagne "Storm-1516" zu. AFP konnte diese Zuordnung nicht unabhängig überprüfen. 

Website anders gestaltet als echter Politico-Auftritt

Neben der Domain unterscheidet sich das Design des gefälschten Artikels von jenem der echten Politico-Website: Die Schriftart ist eine andere und das Menü am oberen Rand der Homepage verschwindet auf der Originalwebsite, sobald ein Artikel angeklickt wird. Auf der gefälschten Website bleibt das Menü bestehen. Außerdem sind Originalartikel anders aufgebaut. Oberhalb des Artikelbildes erscheinen Überschrift und Teaser, unter dem Foto ist der Autor oder die Autorin aufgelistet und es gibt keine Ortsmarke. Die gefälschte Website platziert den Teaser an anderer Stelle, nennt keine Autorin oder Autor und beginnt den Artikel mit der Ortsmarke "Berlin". 

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Screenshots der gefälschten Website (links) und eines echten Politico-Artikels (rechts), rotes Kreuz sowie rote und grüne Hervorhebungen der Unterschiede von AFP hinzugefügt: 23. März 2026

Englischsprachige Suchen auf der Website von Politico nach "400.000 palästinensische Geflüchtete", "Merz" und "Deutschland" führten zu keinem Artikel mit dem Inhalt der Falschbehauptung. Auch eine Stichwortsuche auf Google führte nur zu einigen Social-Media-Posts mit dem gefälschten Beitrag.

Ein Sprecher der Bundesregierung dementierte die Darstellung in dem gefälschten Bericht auf AFP-Anfrage am 19. März 2026: "Die in dem Artikel behauptete Kabinettsitzung hat es nie gegeben." Die Pläne, von denen angeblich berichtet wird, "sind frei erfunden, entbehren jeglicher Grundlage und sind klare Desinformation". Der Sprecher erläutert, dass die wöchentlichen Kabinettsitzungen der Bundesregierung nie öffentlich stattfänden. Die Ergebnisse dieser Sitzungen sind anschließend online einsehbar und werden in der Regierungspressekonferenz nach einer jeden Kabinettsitzung ebenfalls bekanntgegeben. AFP konnte mit Stichwortsuchen nichts in den beiden Datenbanken finden, was die Falschbehauptung stützen würde.

Darüber hinaus wäre eine Unterbringung von Geflüchteten ausschließlich in ostdeutschen Bundesländern rechtswidrig, erklärte der BMI-Sprecher. Er verwies auf Paragraph 45 des Asylgesetzes, das die Verteilung von Geflüchteten innerhalb Deutschlands nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel vorschreibt. Dabei handelt es sich um eine Aufnahmequote, die "entsprechend Steuereinnahmen und Bevölkerungszahl der Länder errechnet worden ist".

Die radikalislamische Hamas hatte am 7. Oktober 2023 einen Großangriff auf Israel gestartet, worauf Israel mit Vergeltungsschlägen auf den Gazastreifen reagierte. Dieser Krieg zwischen Israel und der Hamas wurde von zahlreichen Falschinformationen begleitet, von denen AFP einige widerlegte

Fazit: Ein angeblicher Politico-Bericht über Pläne der Bundesregierung, 400.000 palästinensische Geflüchtete in den ostdeutschen Bundesländern unterbringen zu wollen, ist gefälscht. Politico und die Bundesregierung dementierten einen solchen Bericht. Außerdem weist der Artikel gestalterische Unterschiede zu echten Politico-Artikeln auf. Eine Organisation rechnet den Artikel einer russischen Desinformationskampagne zu.

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