KI-Fälschung: Video über Jobcenter-Klage eines Syrers ist unecht
- Veröffentlicht am 6. Mai 2026 um 18:10
- 6 Minuten Lesezeit
- Von: Judith KANTNER, AFP Deutschland
Mithilfe von Künstlicher Intelligenz lässt sich innerhalb kürzester Zeit täuschend echtes Bild- und Videomaterial generieren. Das trifft auch auf ein online kursierendes Video zu, in dem angeblich ein syrischer Mann preisgibt, das Jobcenter in Deutschland auf mehr Geld zu verklagen. AFP-Recherchen ergaben allerdings, dass das Video von einem Satire-Account erstellt und mithilfe Künstlicher Intelligenz erzeugt wurde.
Das Ende April 2026 online verbreitete Hochformat-Video beginnt mit den Worten: "Ich hab' gesagt ich kann nix arbeiten, ich habe viele Kinder und bald zweite Frau." Diese Worte sind angeblich einem Mann zuzuordnen, der in ein Mikrofon spricht und vor einem Gebäude steht, das als "Landgericht" beschildert ist. Eine Stimme aus dem Off moderiert die Szene: "Dieser Mann aus Syrien fordert mehr Geld vom Jobcenter. Er verklagt das Jobcenter vor Gericht und stellt unglaubliche Forderungen." Eine der im Video genannten Forderungen ist, dass er anstatt der bisherigen 6000 Euro, 10.000 Euro vom Jobcenter bekommen wolle. All das ordnet am Ende ein Jurist ein: "Der Kläger ist der Meinung, er müsse nicht zur Arbeit, weil er so viele Kinder habe und hierzu kommt, dass er die Anzahl an Kindern nicht unterhalten könne." Das träfe auch auf seine zweite Frau zu, die er bald "im Haus" hätte.
Nutzerinnen und Nutzer teilten das reichweitenstarke Video auf verschiedenen Social-Media-Plattformen wie Instagram, Facebook, Linkedin, Telegram, Tiktok, Youtube und X. Ein Post auf X erreichte fast 190.000 Ansichten. Unter den Posts zeigten sich Nutzerinnen und Nutzer empört über die angeblichen Aussagen im etwa einmütigen Clip: "So dumm wie Deutschland ist, bekommt er seine Klage noch durch", kommentierte ein User am 27. April 2026 unter einem Facebook-Reel. Manche äußerten sich rassistisch und forderten die Abschiebung des Mannes.
AFP-Recherchen ergaben allerdings, dass das Video mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt wurde. Es handelt sich um eine fiktive Situation.
Hinweise deuten auf KI-Generierung hin
AFP hat einen Screenshot des Videos mit dem KI-Erkennungstool Hive Moderation analysiert, das mit einer Zuverlässigkeit von 99,9 Prozent festgestellt hat, dass das Bild KI-generierte oder Deepfake-Inhalte enthält.
Laut der Analyse von Hive Moderation besteht eine 99,8-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Bildmaterial mit dem KI-Modell Sora 2 von OpenAI erstellt wurde.
Diese Ergebnisse ließen sich durch weitere Analyse mithilfe von KI-Erkennungstools bestätigen, die Teil des Analyseprogramms InVID WeVerify sind, an dessen Entwicklung sich AFP beteiligt. Dem Tool zufolge handelt es sich zu 99 Prozent um KI-generiertes Bildmaterial.
Auch das öffentlich zugängliche Tool ImageWhisperer, das Verifikationsexperte Henk van Ess erstellte, ergab, dass das Bild KI-generiert ist.
AFP analysierte zudem die Audiospur des Videos: Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent, dass auch die Tonspur mithilfe von KI erstellt wurde. Diese Analyse wurde mit dem KI-Erkennungstool Hiya durchgeführt, das auch Teil des Analyseprogramms InVID WeVerify ist.
Auch eine Analyse der Audiospur mithilfe von Hive Moderation ergab, dass diese zu 99 Prozent KI-generiert wurde.
Satire-Account erstellte das Video
Das kursierende Video wurde erstmals am 23. April 2026 von einem Account mit dem Nutzernamen mindhugcomedy auf Tiktok und am nächsten Tag auf Instagram gepostet. Auf Tiktok erreichte das Video über 2,8 Millionen Ansichten und mehr als 40.000 Likes. Die Accounts sind als Satire-Accounts ausgewiesen. In der Accountbeschreibung auf Tiktok ist "Sozialexperiment. Satirisch. Umfragen" zu lesen, auf Instagram "BRAINROT & SATIRE".
"Brainrot" – oder auch "Hirnfäule" – wurde 2024 zum Oxford-Wort des Jahres gewählt. Das Wort beschreibt die Verschlechterung des geistigen oder intellektuellen Zustands aufgrund von übermäßigem Konsum von Inhalten, die als trivial oder nicht herausfordernd gelten.
In den Videobeschreibungen auf beiden Plattformen wurde zudem explizit "#satire" angeführt. Auf Tiktok wurde das Video außerdem mit dem Hinweis versehen, dass es sich hierbei um einen KI-generierten Inhalt handelt. Allerdings verbreitete sich das Video vielfach ohne den KI-Hinweis. Zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer äußerten in den Kommentaren ihre Skepsis gegenüber der Authentizität des Videos, andere hielten es für echt.
Ein Mitglied des Teams hinter den Accounts bestätigte AFP am 30. April 2026 schriftlich, dass der kursierende Clip von dem Account stammt und zuerst auf Tiktok veröffentlicht wurde: "Das Video wurde vollständig mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt. Die dargestellte Person ist nicht real, sondern eine künstlich erzeugte fiktive Figur. Es gab kein echtes Interview, keine reale Klage gegen ein Jobcenter und keine reale Person, die diese Aussagen getätigt hat", heißt es in der Stellungnahme des selbsternannten Kreativ- und Content-Projekts Mindhug-Entertainment.
Ein Blick auf die vergangenen Posts des Tiktok-Accounts offenbart, dass fast ausschließlich KI-generierte Videos hochgeladen wurden. Oftmals handelt es sich dabei um Interviewsituationen, in denen angeblich Menschen verschiedene Fragen beantworten oder provokante Aussagen tätigen.
Gegenüber AFP gab ein Mitglied des Teams hinter dem Account mindhugcomedy zudem an, in Zukunft Maßnahmen ergreifen zu wollen wie "deutlich sichtbare Hinweise direkt im Video, eingeblendete Wasserzeichen", um Missverständnisse zu umgehen.
Kurz nach der Veröffentlichung des weit verbreiteten Clips, erschien auf dem Tiktok-Account mit dem Namen mindhugcomedy ein neues Video, das denselben Mann darstellen soll. In diesem Video steht der Mann vor derselben Kulisse, trägt dieselbe Kleidung, doch dieses Mal möchte er Mercedes aufgrund der hohen Spritpreise verklagen. Auch dieses Video ist auf Tiktok mit einem KI-Hinweis versehen. Tiktok verlangt, dass seine Nutzerinnen und Nutzer Bild- und Videomaterial kennzeichnen, das mithilfe von KI generiert wurden.
Am 6. Mai 2026 wurde auf dem Tiktok-Account mindhugcomedy ein Statement gepostet, in dem adressiert wird, dass es sich bei dem kursierenden Clip um ein Satire-Video handelt. In dem Video, das auch als KI-generiert gekennzeichnet ist, spricht der scheinbare selbe Mann, der den Syrer darstellen soll, direkt in die Kamera und deklariert: "Leute, das ist ein Satirepost von mir gewesen." Das bedeute nicht, dass darin nicht auch "ein Fünkchen Wahrheit" stecke, heißt es weiter. Das Video sei jedoch "überspitzt dargestellt".
Bundesagentur für Arbeit: Keine solche Klage existiert
Mithilfe einer erweiterten Websuche konnte AFP keine Hinweise finden, die die Existenz einer solchen Klage belegen.
Auf Anfrage von AFP dementierte die deutsche Bundesagentur für Arbeit (BA), dass eine solche Klage vorliegt. Im Gespräch mit AFP am 30. April 2026 erklärte eine Sprecherin: "Es gibt die Möglichkeit die Leistungen der BA rechtlich zu überprüfen und es laufen Klagen gegen die BA. Eine solche Klage, wie sie im Video beschrieben ist, ist uns jedoch nicht bekannt."
Die Jobcenter in Deutschland sind gemeinsame Einrichtungen von Kommunen und der Bundesagentur für Arbeit. Zu ihren Aufgaben gehören die Betreuung von Arbeitssuchenden und die Abwicklung von unterschiedlichen finanziellen Grundsicherungsleistungen wie dem Bürgergeld. In Deutschland können jene Menschen Bürgergeld beziehen, die älter als 15 Jahre sind, hilfsbedürftig sind, als erwerbsfähig gelten oder in einer Bedarfsgemeinschaft mit erwerbsfähigen Menschen leben, sowie in Deutschland ihren Lebensmittelpunkt haben. Die Summe dieser Leistung ist gesetzlich durch maximale Regelsätze festgelegt.
Die deutsche Bundesregierung beschloss am 5. März 2026 die Umgestaltung des Bürgergelds. Die neue Grundsicherung soll zum 1. Juli 2026 schrittweise in Kraft treten. An der Höhe der Regelsätze ändert sich durch die Reform nichts.
In einer fiktiven Berechnung des Leistungsanspruchs einer Familie mit sieben Kindern – wie es im Video dargelegt wird – wäre eine mögliche monatliche Summe laut Rechnungen der BA etwa 4066 Euro. Allerdings ist die Höhe des Geldes variabel und hängt von verschiedenen Faktoren wie dem Alter der Kinder, möglichen Krankheiten oder Schwangerschaften ab. Grundsätzlich werden Mehrehen im deutschen Rechtssystem nicht anerkannt und fließen demnach nicht automatisch in die Standardberechnung des Bürgergelds ein, wobei eine Berücksichtigung über alternative Konstellationen im Einzelfall möglich bleibt.
Laut Einschätzung seitens der BA würde eine solche Klage, wie sie im Video dargestellt wird, abgewiesen werden: "Wer einen begründeten Mehrbedarf hat, wie zum Beispiel Krankheit oder Schwangerschaft, darf das beantragen. Das Argument, dass man einfach mehr brauche, so wie es im Video vorkommt, wäre kein ausreichender Grund."
In der Vergangenheit überprüfte AFP mehrere Falschbehauptungen über das Bürgergeld in Deutschland.
Fazit: In sozialen Medien kursierte ein KI-generiertes Video, das einen Syrer darstellen soll, der angeblich Klage gegen das deutsche Jobcenter erhebt. Allerdings wurde das Video mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt. Dies bestätigte der Satire-Account gegenüber AFP, der das Video erstmals in sozialen Medien veröffentlichte.
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