Diese Zahlen zu Krankenhausbehandlungen für Personen aus Drittstaaten wurden fehlinterpretiert
- Veröffentlicht am 20. Februar 2026 um 16:09
- 6 Minuten Lesezeit
- Von: Elena CRISAN, AFP Österreich
Die Freiheitliche Partei Österreichs macht Personen aus Drittstaaten für Probleme in der Gesundheitsversorgung verantwortlich. Die Behauptung, Steuerzahlerinnen und Steuerzahler hätten 22 Millionen Krankenhausbehandlungen inklusive Schönheitsoperationen für Menschen ohne österreichischen Pass seit 2015 bezahlt, kursierte online vielfach. Doch die Zahlen wurden aus dem Kontext gerissen und missinterpretiert. Daten zeigen zudem, dass die betroffenen Bevölkerungsgruppen das Gesundheitssystem unterproportional beanspruchen. Ästhetische Behandlungen, die nicht medizinisch begründet sind, werden vom öffentlichen System außerdem grundsätzlich nicht übernommen.
"22 Millionen Krankenhausbehandlungen für Ausländer ++ Fettabsaugung und Schönheitsoperationen inklusive", lautete die Überschrift eines Telegram-Beitrags vom 1. Februar 2026, der fast 90.000 Mal angesehen wurde – eine "Horrorzahl", heißt es dazu auch auf Facebook in einem Post von AUF1, der fast 600 Mal geteilt wurde.
Der österreichische Online-Sender trat in der Vergangenheit mehrfach durch die Verbreitung von Falschinformationen in Erscheinung, die AFP überprüfte. Die Zahl von 22 Millionen entspreche angeblich "rund 6.000 Klinikbesuchen von Ausländern pro Tag", heißt es in der Behauptung weiter. "Bezahlt vom Steuerzahler."
Mehrere Politikerinnen und Politiker der rechtspopulistischen österreichischen FPÖ, allen voran Parteiobmann Herbert Kickl, verbreiteten ebenfalls Aussagen dazu ohne Kontext und boten in Kommentarspalten Platz für Hetze und Verwirrung.
Doch die geteilte Behauptung beruht auf mehreren falschen Annahmen.
Summe ergibt sich aus Leistungen, nicht Behandlungen
Die Summe von etwa 22 Millionen "Krankenhausbehandlungen" basiert auf parlamentarischen Anfragebeantwortungen an die FPÖ durch die österreichische Bundesministerin für Gesundheit und Soziales Korinna Schumann (SPÖ) am 9. Januar 2026. Eine FPÖ-Abgeordnete fragte "Versorgungsumfang und Kosten medizinischer Leistungen für in Österreich lebende Staatsbürger" verschiedener Länder beziehungsweise eines Kontinents ab. Diese lauteten: Afghanistan, Indien, Irak, Iran, Libyen, Pakistan, Syrien, Türkei, Ukraine – und Afrika. Es geht jeweils um die Jahre 2015 bis inklusive 2024.
Doch es ist nicht richtig, dass Personen aus diesen Regionen so viele "Krankenhausbehandlungen" in Anspruch nahmen, wie online behauptet.
Die in der Behauptung herangezogenen Zahlen basieren auf Daten des Gesundheitsministeriums, die AFP einsehen konnte. Die Datenlage beruht wiederum auf der Diagnose- und Leistungsdokumentation der Landesgesundheitsfonds, die in den neun Bundesländern jeweils für die öffentlichen Krankenanstalten zuständig sind, wie ein Ministeriumssprecher gegenüber AFP am 13. Februar 2026 telefonisch erklärte und in den öffentlich zugänglichen Excel-Dateien in den Anfragebeantwortungen ersichtlich ist.
Dabei geht es um medizinische Einzelleistungen, schrieb der Sprecher zudem in einer E-Mail am selben Tag. "Sie stellen keine Behandlungen, Krankenhausaufenthalte oder Ambulanzbesuche dar." Der Begriff wurde online missinterpretiert. "Bereits ein einzelner Ambulanzkontakt kann 15 oder mehr medizinische Einzelleistungen umfassen", hieß es außerdem aus dem Ministerium. Dabei werde etwa jeder einzelne Laborparameter als eigene Leistung gezählt. Bei "mehr als 50 Prozent" der Daten handle es sich demnach um Laboruntersuchungen.
Der errechnete Durchschnitt von "rund 6.000 Klinikbesuchen von Ausländern pro Tag" ist somit ebenfalls unzutreffend. Die beschriebenen Leistungen können nicht mit Behandlungen oder Besuchen gleichgesetzt werden.
Am 17. Februar 2026 schrieb eine Sprecherin von Gesundheit Österreich (GÖG) ebenfalls, dass es sich bei der "häufig zitierten Zahl" von 22 Millionen Krankenhausbehandlungen um die "Anzahl einzelner Spitalsleistungen" handelt, nicht um Krankenhausaufenthalte oder Behandlungsfälle". Der Begriff Spital wird in Österreich häufig als Synonym für Krankenhaus verwendet. Die GÖG ist eine wissenschaftliche Einrichtung und arbeitet im Auftrag des Bundes und der Bundesgesundheitsagentur.
Menschen aus Drittstaaten waren weniger oft im Krankenhaus
Aus den Daten des Gesundheitsministeriums, die ein Sprecher mit AFP teilte, ist ersichtlich, dass im Zeitraum 2015 bis inklusive 2024 insgesamt über 800 Millionen Einzelleistungen in Anspruch genommen wurden, und dabei mehr als 716 Millionen von Österreicherinnen und Österreichern. Die von der FPÖ ausgewählten Drittstaaten machten "lediglich etwa 2,75 Prozent aller Leistungen" aus, rechnete das Gesundheitsministerium vor.
Die in den Anfragebeantwortungen erwähnten Drittstaaten machen rund 4,8 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung aus, wie das Gesundheitsministerium gegenüber AFP angab. "Ihr Anteil an der medizinischen Versorgung liegt somit deutlich unter ihrem Bevölkerungsanteil", lautete die Stellungnahme. Das widerlege klar "die These einer überproportionalen Belastung des Gesundheitssystems".
Hinweise darauf, dass Menschen ohne österreichischen Pass weniger oft als Österreicherinnen und Österreicher ins Krankenhaus gehen, lieferte auch eine Untersuchung des Forschungsinstituts Complexity Science Hub mit Sitz in Wien für den Zeitraum 2015 bis 2019. Nur deutsche Staatsangehörige würden das Gesundheitssystem ähnlich oft wie Österreicherinnen und Österreicher in Anspruch nehmen.
Aussagen über inkludierte Leistungen sind irreführend
Die österreichische Boulevardzeitung "Kronen Zeitung" bezeichnete Drittstaatsangehörige, die medizinische Leistungen in Anspruch nahmen, als "Spitals-Touristen", die "Milliarden" kosten würden und stützte sich auf die parlamentarischen Anfragebeantwortungen an die FPÖ. Der am 25. Januar 2026 dazu veröffentlichte Artikel stieß online auf viel Resonanz. Eine AFP-Anfrage vom 19. Februar 2026 an die "Kronen Zeitung" blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.
Das Boulevardblatt schrieb etwa von "22 Millionen (!) Behandlungen binnen zehn Jahren für Flüchtlinge und Zuwanderer, die oft noch keinen Cent eingezahlt haben" und einer "Flut an Zuwanderern", die "unser Gesundheitssystem blockiert". Abgesehen davon sei "auffällig", dass sich manche Nationen mit plastischen Eingriffen wie Fettabsaugungen "medizinisch 'verschönern'" ließen. Doch das ist ein Trugschluss. Schönheitsbehandlungen sind in der Regel privat zu bezahlen, wie das Gesundheitsministerium, GÖG sowie die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) gegenüber AFP bestätigten.
Das Presseteam der ÖGK stellte auf AFP-Anfrage am 13. Februar 2026 fest, "grundsätzlich keine Kosten für rein ästhetische Schönheitsoperationen oder Fettabsaugungen" zu übernehmen. Eine Kostenübernahme erfolge "nur, wenn eine medizinische Notwendigkeit vorliegt". Jene Eingriffe dienen laut ÖGK "zur Behebung einer gesundheitlichen Beeinträchtigung und nicht zur bloßen Verbesserung des Aussehens".
Laut Gesundheitsministerium sei es inhaltlich falsch, Dateneinträge zu "plastischer Chirurgie" mit Schönheitsbehandlungen gleichzusetzen. Unter jenen Leistungen fallen rekonstruktive Behandlungen, etwa nach schweren Unfällen, Verbrennungen oder Tumorerkrankungen. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums nannte als Beispiel eine Hautrekonstruktion eines Ukrainers nach einem Bombenangriff.
Behauptungen über Kosten sind unzutreffend
Zur Behauptung wurde häufig auch ein Clip geteilt, der einen ehemaligen FPÖ-Politiker in einem Interview zu dem Thema zeigt. Peter Westenthaler war bis 2013 Nationalratsmitglied und fungiert seit 2024 als von der FPÖ entsandter Stiftungsrat der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ORF. Im Clip sagt Westenthaler, es hätte 22 Millionen Behandlungen von "Zuwanderern" gegeben, "die keinen einzigen Cent eingezahlt" hätten in die Gesundheitsversorgung. Dafür hätte die Regierung "mehrere Milliarden Euro" ausgegeben. Das vollständige Interview lud der österreichische Sender OE24 am 28. Januar 2026 auf Youtube hoch.
Die von der FPÖ abgefragten Daten lassen zunächst keine Aussagen über etwaige Kosten zu. Ein Sprecher des Gesundheitsministerium merkte dazu am 19. Februar 2026 an, dass die Aufenthaltstitel für das System "keine Rolle" spielen, die ausgewiesenen Leistungsdaten jedoch "regulär sozialversicherte Personen" umfassen, die "laufend Beiträge leisten". Der Beschäftigungsgrad der Nationen sei dabei ein guter Richtwert.
Auch laut der Forschungseinrichtung GÖG müsse berücksichtigt werden, dass "viele Drittstaatsangehörige – insbesondere aus Westbalkan-Staaten oder der Türkei –" in Österreich einer Erwerbsarbeit nachgehen und "damit zum österreichischen Sozial- und Gesundheitssystem" beitragen, lautete ihre Antwort an AFP. Die Behauptung, es hätte 22 Millionen Behandlungen von "Zuwanderern" gegeben, "die keinen einzigen Cent" in die Gesundheitsversorgung eingezahlt hätten, ist demnach nicht zutreffend.
Daten des Ministeriums, die AFP einsehen konnte, zeigten, dass hunderttausende Menschen der abgefragten Nationalitäten unselbstständig oder selbständig erwerbstätig waren und somit ins Gesundheitssystem einzahlten. Alleine aus der Türkei waren im Jahr 2024 über 60.000 Menschen angestellt. Zudem erläuterte das Gesundheitsministerium auf Anfrage, dass es auch Fälle gebe, in denen Herkunftsstaaten die Kosten übernehmen sowie Leistungen, die über private Versicherungen finanziert werden.
Das Presseteam des Freiheitlichen Parlamentsklubs antwortete in einer schriftlichen Stellungnahme an AFP am 19. Februar 2026, dass die Partei mit den Daten aus den Beantwortungen des Gesundheitsministeriums arbeiten würde. Anders als zuvor vielfach online, griff die FPÖ in ihrer Antwort auch auf das Wort "Leistungen" zurück – die im Vergleich zu "Behandlungen" korrekte Terminologie in diesem Zusammenhang. Die "Kosten, die für die 22 Millionen Behandlungen bzw. Leistungen für das System entstanden sind", hätte das Gesundheitsministerium verschwiegen. Die "generelle Kritik" an der Regierung halte die Partei "aufrecht".
Politische Debatte basierte auf Fehlinterpretation
Kritik an der von der FPÖ angestoßene Debatte kam von der Regierungspartei SPÖ und etwa den Grünen aus der Opposition. Eine Menschenrechtsorganisation reichte eine Beschwerde beim österreichischen Presserat für den Artikel in der "Kronen Zeitung" ein. Der Presserat ist ein Verein, der Missstände im Pressewesen aufzeigt und diesen entgegenwirkt. Mehrere österreichische Medien wie das Nachrichtenmagazin "profil" befassten sich ebenfalls mit der Thematik. Auch sie kamen zum Schluss, dass die verfügbaren Daten den Behauptungen widersprechen.
Der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sorgte infolgedessen mit einem Vorstoß Ende Januar 2026 für Irritationen. Er schlug vor, Asylwerberinnen und -werbern nur noch eine medizinische Basisversorgung zukommen zu lassen. Das Gesundheitsministerium nannte diesen Vorstoß gegenüber AFP "problematisch" und warnte vor einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft".
AFP überprüfte mehrere Falschbehauptungen zum Thema Migration.
Fazit: Online kursierten Behauptungen, wonach Steuerzahlerinnen und Steuerzahler "22 Millionen Krankenhausbehandlungen" inklusive Schönheitsoperationen für Menschen ohne österreichischen Pass seit 2015 bezahlt hätten. Doch die Angaben wurden aus dem Kontext gerissen und fehlinterpretiert. Daten zeigen zudem, dass die betroffenen Nationalitäten das Gesundheitssystem unterproportional beanspruchten. Außerdem werden rein ästhetische Behandlungen vom öffentlichen System grundsätzlich nicht übernommen.
Copyright © AFP 2017-2026. Für die kommerzielle Nutzung dieses Inhalts ist ein Abonnement erforderlich. Klicken Sie hier für weitere Informationen.