Spanische Wälder wurden nicht angezündet, um Land für den Bau von Windkraftanlagen zu gewinnen

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Infolge des Klimawandels treten Hitzewellen und Dürreperioden immer häufiger auf. Besonders der Süden Europas leidet unter der Trockenheit und ihren Folgen. Spanien verzeichnet in diesem Jahr besonders viele Waldbrände. Online wird hingegen behauptet, in Spanien seien Wälder absichtlich angezündet worden, um an Land für den Bau von Windkraftanlagen zu gelangen. Erst ein neues Gesetz soll die Praxis beendet haben. Windkraftanlagen können in Spanien jedoch auch auf Waldstücken errichtet werden.

Dutzende User haben seit Anfang August Beiträge auf Facebook geteilt (hier, hier), die den Eindruck erwecken, Spanien habe mit Hilfe einer kürzlich beschlossenen Gesetzesnovelle die Zahl der Waldbrände reduzieren können. Zehntausende User sahen die Behauptung auf Telegram, die auch auf Twitter geteilt wurde. Ähnliche Behauptungen kursieren zudem bereits seit 2018 auf Griechisch und seit Jahren auf Spanisch in sozialen Netzwerken.

Die Behauptung: Der Beitrag behauptet, dass an Orten in Spanien, an denen Wälder durch den "angeblichen 'Klimawandel'" gebrannt hätten, Windräder aufgestellt worden seien. Ein neues Gesetz habe diese Praxis jedoch beendet. "Waldbrandboden darf nun 30 Jahre nicht mehr bebaut werden. Sofort gingen die Waldbrände sensationell zurück", heißt es. Zwei Fotos, die zu dem Beitrag gehören, sollen die angebliche Praxis belegen. Sie zeigen eine brennende Fläche, die ein Jahr später mit Windkraftanlagen bebaut worden sein soll.

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 08.08.2022

Immer wieder stellen Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Netzwerken die Existenz des menschengemachten Klimawandels infrage. Auch erneuerbare Energien werden regelmäßig zum Ziel von Falschinformationen im Netz. AFP prüfte in der Vergangenheit in diesem Zusammenhang etwa Behauptungen, wonach der Klimawandel natürlichen Ursprungs sei, dass Medien mit Hilfe manipulierter Wetterkarten die globale Erwärmung dramatisieren würden oder dass Windräder für die zunehmende Trockenheit verantwortlich seien. Faktenchecks zum Thema Klima sammelt AFP hier. Ähnliche Behauptungen zu dem spanischen Waldgesetz untersuchte AFP bereits 2020 in einem Faktencheck.

Bild zeigt Brand in Griechenland, nicht in Spanien

Die aktuell geteilten Postings zeigen eine Collage zweier Fotos, auf denen eine Küstenlandschaft abgebildet ist. Beide Bilder zeigen augenscheinlich dieselbe Landschaft aus derselben Perspektive zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Im Hintergrund erstreckt sich eine Hügelkette, davor ist eine große Wasserfläche zu erkennen, über die sich am linken Bildrand eine Schrägseilbrücke spannt.

Das obere Bild trägt die Aufschrift "12-08-2017". Es zeigt eine große Rauchwolke, die von einem Brand in den Hügeln aufzusteigen scheint. Das untere Foto trägt die Aufschrift "04-07-2018". Ungefähr an dem Ort, von dem im oberen Bild die Rauchwolke aufsteigt, sind nun mehrere Windkraftanlagen zu erkennen.

Die beiden Bilder sollen belegen, dass auf diesen Hügeln an der spanischen Küste Windräder gebaut wurden, wo noch elf Monate zuvor ein Wald brannte. Eine Bilderrückwärtssuche ergab jedoch, dass die Fotos nicht in Spanien, sondern in Griechenland aufgenommen wurden. Sie zeigen die Küste in der Nähe der westgriechischen Stadt Andirrio. Bei der markanten Brücke handelt es sich um die Rio-Andirrio-Brücke, die die Städte Rio und Andirrio am Golf von Korinth miteinander verbindet.

Das griechische Faktencheck-Portal "Ellinika Hoaxes" befasste sich bereits 2018 in einem Faktencheck mit dem aktuell geteilten Foto. Demnach hat es im August 2017 tatsächlich in der Nähe des Dorfes Molikreio nördlich von Andirrio gebrannt, allerdings nicht am 12. August 2017, wie in den Postings behauptet wird, sondern am 27. August 2017. Verschiedene griechische Nachrichtenportale (hier, hier und hier) berichteten damals über den Brand und die folgenden Löscharbeiten. Im Beitrag des griechischen Portals "Tempo 24" findet sich dasselbe Foto wie in den aktuell geteilten Beiträgen zu den angeblichen Bränden in Spanien.

Tatsächlich wurden auf den Hügeln im Hinterland von Andirrio nach dem Brand im August 2017 insgesamt 13 Windräder errichtet. Allerdings zeigen die Recherchen von "Ellinika Hoaxes" sowie Geodaten der griechischen Energieregulierungsbehörde PEA, dass sich der Brandherd von 2017 zwar in der Nähe der späteren Standorte der Windräder befand, aber nicht an exakt derselben Stelle.

Screenshot der Geodatenbank der griechischen Energieregulierungsbehörde PEA: 11.08.2022 (Hervorhebungen durch AFP)

Die griechischen Behörden erteilten die Genehmigung für den Bau des Windparks bereits im Mai 2014 – mehr als drei Jahre bevor die Fläche angeblich in Brand gesetzt worden sein soll, um an "billiges Bauland" zu gelangen, wie in den aktuell geteilten Postings behauptet wird.

Die Bebauung abgebrannter Waldflächen ist in Griechenland zudem illegal. Artikel 117 der griechischen Verfassung besagt, dass öffentliche und private Waldflächen, die durch einen Brand zerstört werden, dadurch nicht ihren Charakter als Waldflächen verlieren. Sie müssen wieder aufgeforstet werden und dürfen nicht für andere Zwecke genutzt werden.

Screenshot der behördlichen Genehmigung von 2014 für den Bau des Windparks bei Molikreio: 11.08.2022 (Hervorhebung durch AFP)

Darüber hinaus regelt das Gesetz 998/1979 den Schutz der griechischen Wälder. Nach der letzten Änderung im Jahr 2015 besagt Artikel 38, dass "Wälder und Waldflächen, die durch Feuer, Entwaldung oder andere Ursachen zerstört wurden [...] zur Wiederaufforstung deklariert werden müssen."

Die Behauptung in den aktuell geteilten Postings bezieht sich jedoch nicht auf Griechenland, sondern auf Spanien, wo es ähnliche Gesetze zum Schutz von Waldflächen gibt. Wie in den Postings richtig behauptet wird, verbietet das 2003 eingeführte spanische Waldgesetz eine Umwidmung verbrannter Waldflächen. Artikel 50 enthält Bestimmungen zur "Erhaltung und Wiederherstellung des Waldcharakters verbrannten Landes". Nach einer Änderung des Gesetzes von 2006 ist laut Artikel 50 eine Nutzungsänderung von Waldbrandflächen erst nach 30 Jahren zulässig.

Windrädern dürfen unter Auflagen auch in Wäldern gebaut werden

Sara Pizzinato ist Referentin für Klima, Energie und Mobilität bei Greenpeace Spanien. Sie erklärte in einem Gespräch mit AFP am 11. August 2022, dass die Behauptungen in sozialen Netzwerken jeglicher Grundlage entbehren. Artikel 1 des spanischen Forstwirtschaftsgesetzes lege fest, dass abgebrannte Waldstücke grundsätzlich wiederaufgeforstet werden müssen. Darüber hinaus seien in Spanien Änderung des Flächennutzungsplans für den Bau von Windkraftanlagen auf Waldflächen gar nicht nötig: "Windräder, Photovoltaikanlagen oder Stromleitungen können auch ohne eine Änderung der Flächennutzung auf Waldflächen gebaut werden."

Artikel 13 des spanischen Gesetzes zur Flächenumnutzung von 2015 erlaubt abweichende Nutzungen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen und Waldflächen, sofern diese im "öffentlichen oder sozialen Interesse" liegen. Die Produktion erneuerbarer Energien wie Wind- und Sonnenenergie liege laut europäischem Recht in einem solchen öffentlichen Interesse, erklärte Pizzinato.

Ein Löschhubschrauber bekämpft am 4. August 2022 einen Waldbrand in der Nähe des Dorfes Verin im Nordwesten Spaniens ( AFP / MIGUEL RIOPA)

Demnach stelle der Waldcharakter einer Fläche kein Hindernis für die Errichtung von Wind- und Photovoltaikanlagen dar, solange keine "ökologischen, kulturellen, historischen, archäologischen, wissenschaftlichen und landschaftlichen Werte, die dem Schutz des geltenden Rechts unterliegen", von dem Bau beeinträchtigt werden. Zusätzlich können die autonomen Regionen weitere Bedingungen für die Nutzung ungeschützter ländlicher Flächen für erneuerbare Energien definieren. Katalonien hat diese etwa in Artikel 7 des Gesetzesdekrets 16/2019 über dringende Maßnahmen für den Klimanotstand und die Förderung erneuerbarer Energien festgelegt, Andalusien in Artikel 21 des Gesetzes 7/2021 zur Förderung der Nachhaltigkeit des andalusischen Gebiets.

Das bestätigte Monica Parrilla, Referentin für Biodiversität bei Greenpeace Spanien und Expertin für Waldbrände, per E-Mail am 12. August 2022 gegenüber AFP. Um eine Genehmigung für den Bau von Windrädern zu erhalten, müssten verschiedene umwelt- und verwaltungsrechtliche Vorgaben eingehalten und die Umweltverträglichkeit des Projekts geprüft werden, erklärte Parrilla. "Ein Brand entbindet den Projektentwickler zu keiner Zeit von den umweltrechtlichen Vorgaben", schrieb sie. Liege das vom Brand betroffene Gebiet etwa in einem Naturschutzgebiet, wäre es in keinem Fall möglich, Windräder aufzustellen.

Es ergebe daher keinen Sinn, Wälder absichtlich in Brand zu setzen, um Bauland für Windkraftanlagen zu gewinnen, wie in den aktuell geteilten Postings behauptet wird, erklärte Parrilla. Die Gesetzesänderung von 2006 richte sich vielmehr gegen Bodenspekulation im Zusammenhang mit Immobilienprojekten, nicht aber gegen den Bau von Windkraftanlagen.

So sagte die damalige spanische Umweltministerin Cristina Narbona (PSOE), nach der Verabschiedung der Novelle des Waldgesetzes im April 2006 laut einem Artikel der spanischen Tageszeitung "El Pais", dank des neuen Gesetzes werde es "keine Terra Míticas mehr in verbrannten Räumen geben". Terra Mítica ist ein großer Vergnügungspark in der spanischen Region Alicante. Er wurde auf einem Gelände errichtet, auf dem zuvor einer der größten Pinienwälder des Mittelmeeres gestanden hatte. Der Wald fiel im Sommer 1992 einem Großbrand zum Opfer. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace vermuten, dass der Wald absichtlich angezündet wurde, um Platz für das Großprojekt zu schaffen. Die Vorwürfe konnten jedoch nie juristisch bestätigt werden.

Vorübergehender Rückgang der Waldbrände

Tatsächlich lässt sich aus dem staatlichen spanischen Waldbrandbericht für die Jahre 2006 bis 2015 ein deutlicher Rückgang der Waldbrände nach der Einführung des Waldgesetzes im Jahr 2003 ablesen. Zwischen 2004 und 2008 nahm sowohl die Zahl der Feuer als auch die von Bränden betroffene Waldfläche ab, wie die folgende Grafik aus dem Bericht zeigt.

Entwicklung der Zahl der Feuer (grüne Kurve) und der von Bränden betroffenen Waldflächen (dunkelgrüne Säulen) und nicht bewaldeten Flächen (hellgrüne Säulen) zwischen 1968 und 2015 ( Spanisches Umweltministerium / )

Allerdings ist das Ausmaß der Waldbrände in den vergangenen Jahren erneut deutlich angestiegen. Spanien erlebt in diesem Jahr eine besonders verheerende Waldbrandsaison. Nach Angaben des europäischen Erdbeobachtungssystem Copernicus sind von Jahresbeginn bis Anfang August 2022 rund 235.000 Hektar Fläche verbrannt. Im schlimmsten Waldbrandjahr seit der Jahrtausendwende, 2012, fielen in den gesamten zwölf Monaten rund 219.000 Hektar Wald den Flammen zum Opfer.

Klimawandel begünstigt Waldbrände

Die Hauptursachen für Waldbrände sind nach Angaben des spanischen Umweltministeriums Brandstiftung oder Unfälle, die auf den Menschen zurückgehen. Nach Auffassung von Experten schaffen jedoch die zunehmende Trockenheit und die steigenden Temperaturen in Südeuropa in Folge des Klimawandels die perfekten Bedingungen für die wachsende Zahl und Intensität der Waldbrände.

So sagte der Koordinator des Europäischen Waldbrandinformationssystems (EFFIS), Jesus San Miguel im Juli 2022 zu den Ursachen der aktuellen Waldbrände in Südeuropa gegenüber AFP-Reportern: "Die Brände werden von Menschen verursacht, aber die Hitzewelle ist entscheidend und hängt eindeutig mit dem Klimawandel zusammen." Früher habe sich die Waldbrandsaison auf die Monate Juli bis September beschränkt. "Jetzt gibt es längere Saisons und sehr intensive Brände. Wir gehen davon aus, dass der Klimawandel in Europa zu größeren Bränden führen wird."

Eine aktuelle Studie zum Einfluss des Klimawandels auf Extremwetterereignisse, die Ende Juni 2022 in der Fachzeitschrift "Environmental Research" erschienen ist, kam zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel zu einer Zunahme extremer Hitzewellen und Dürren im Mittelmeerraum führt und so die Wahrscheinlichkeit von Waldbränden drastisch erhöht.

Fazit: Laut einer Novelle des spanischen Waldgesetz von 2006 dürfen verbrannte Waldflächen 30 Jahre lang nicht umgenutzt werden. Für den Bau von Windrädern ist das allerdings unerheblich, sie können auch ohne Flächenumnutzung unter umweltrechtlichen Auflagen auf Waldflächen gebaut werden. Das Foto zeigt zudem Windräder in Griechenland und nicht Spanien, die lange vor einem Brand in der Umgebung von den Behörden genehmigt worden waren. Klimaforschende sind sich einig, dass die zunehmende Trockenheit zu einem Anstieg der Waldbrände in Spanien beiträgt.

17. August 2022 Bild ausgetauscht
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