Nein, diese bunte Anstecknadel steht nicht für eine weltweite Verschwörung der Eliten

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Eine bunte Anstecknadel, die die österreichische Umweltministerin Leonore Gewessler in einer Talkshow getragen hat, steht für eine Kampagne der Vereinten Nationen zur nachhaltigen Entwicklung. In sozialen Netzwerken wird hingegen behauptet, es handele sich dabei um das Symbol einer weltweiten Verschwörung. Tatsächlich zeigt der Anstecker das Logo des UN-Programms Agenda 2030, einen Kreis mit 17 farbigen Feldern.

Hunderte User haben die Behauptung über Gewesslers Anstecker seit Ende Juli 2022 auf Facebook geteilt (hier, hier). Seit Jahren wird die gleiche Behauptung in Bezug auf Politikerinnen und Politiker mit dem Anstecker in sozialen Netzwerken geteilt. Die Behauptung verbreitete sich in der Vergangenheit etwa im Zusammenhang mit dem österreichischen Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), der deutschen Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), dem Bürgermeister von Aschaffenburg, Jürgen Herzing (SPD), dem Kabarettisten Eckart von Hirschhausen und zahlreichen weiteren internationalen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Die Behauptung: Der aktuell geteilte Beitrag zeigt ein Foto der österreichischen Umweltministerin Leonore Gewessler. Ein eingezeichneter Pfeil markiert einen bunten Anstecker auf ihrem Blazer. Im Text des Beitrags heißt es dazu: "Das 'Zeichen' und oberste Ziel der Eliten trägt Sie stolz auf Ihrer Brust! Und noch immer behaupten Linke Schmierblätter es würde sich um eine Verschwörungstheorie handeln. THE GREAT RESET. Das WEF World Economic Forum Die völlige Enteignung bis 2030!"

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 29.07.2022

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) und sein Gründer und aktueller Vorsitzender Klaus Schwab werden immer wieder Ziel von Falschinformationen und Verschwörungserzählungen in sozialen Netzwerken (etwa hier, hier, hier). AFP überprüfte in der Vergangenheit bereits die Behauptungen, Schwab habe öffentlich erklärt, die Weltbevölkerung dezimieren zu wollen, Schwabs Vater sei ein enger Vertrauter Adolf Hitlers gewesen und der französische Präsident Emmanuel Macron habe Schwab direkt nach der französischen Präsidentschaftswahl 2022 persönlich getroffen. Die Behauptung, die UN-Agenda 2030 sei Teil eines Plans globaler Eliten, eine "neue Weltordnung" zu errichten, prüfte AFP bereits 2020 in einem Faktencheck.

Ausschnitt einer Talkshow des ORF

Die aktuell geteilten Postings zeigen ein Bild von Gewessler, auf dem sie einen schwarzen Blazer über einem weißen Oberteil trägt. Am linken Revers des Sakkos ist ein bunter Anstecker angebracht, der zusätzlich durch einen nachträglich eingefügten grünen Pfeil markiert ist. Knapp über dem Pin ist ein schwarzes Ansteckmikrofon zu erkennen. Gewessler sitzt vor einem dunkelroten, von blauen Streifen durchzogenen Hintergrund.

Eine Bilder-Rückwärtssuche führte AFP zum Ursprung des Bildes. Es stammt aus der Talkshow des österreichischen Senders ORF "Im Zentrum", die am 20. März 2022 ausgestrahlt wurde. Unter dem Titel "Energie als Waffe – Wie werden wir Putins Gas los?" diskutierten die Gäste, darunter Umwelt- und Energieministerin Leonore Gewessler, über die Folgen des Kriegs in der Ukraine für die Energieversorgung Österreichs.

Der Beitrag ist aktuell nicht mehr in der ORF-Mediathek abrufbar, allerdings sind auf YouTube mehrere Mitschnitte der Sendung (hier, hier) veröffentlicht. Darin ist zu sehen, dass Gewessler dasselbe weiße Oberteil und denselben schwarzen Blazer trägt, wie auf dem Bild in den aktuell geteilten Postings. Die konkrete Szene ist bei Minute 59:06 zu sehen. Auch der Hintergrund ist derselbe wie auf dem geteilten Foto. Der bunte Anstecker an Gewesslers Revers ist deutlich zu erkennen.

Logo der UN-Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung

Laut der aktuell geteilten Postings symbolisiert der bunte Pin das "oberste Ziel der Eliten", den sogenannten "Great Reset". Bei dem Begriff "Great Reset" (auf Deutsch: "Der große Umbruch") handelt es sich um den Titel eines im Juli 2020 erschienen Buchs von Klaus Schwab und dem Ökonom Thierry Malleret. Außerdem trägt eine Initiative des WEF denselben Namen. Sie tritt für eine Umgestaltung der globalen Wirtschaft und einer Stärkung der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit vor dem Hintergrund der Corona-Krise ein. Die Einzelheiten erläutert das WEF unter anderem in diesem Video auf YouTube.

Verschwörungserzählerische Gruppen sehen im "Great Reset" hingegen eine globale Verschwörung der Eliten aus Politik und Finanzwirtschaft. Diese versuchten angeblich mit Hilfe der vermeintlich inszenierten Corona-Pandemie, eine neue globale Herrschaftsordnung zur Versklavung der Menschheit zu schaffen. Entscheidungstragende aus Politik und Gesellschaft würden angeblich mit den bunten Ansteckern ihr Bekenntnis zum "Great Reset" kundtun, heißt es.

Tatsächlich zeigt der Anstecker das Logo der Agenda 2030, einen Kreis aus 17 farbigen Feldern. Jedes Feld steht dabei für eines der 17 Entwicklungsziele der Kampagne. Solche Anstecker lassen sich problemlos auf der Webseite der UN kaufen. Den Kern der Agenda bilden die Sustainable Development Goals (SDG), die 17 UN-Entwicklungsziele. die am 25. September 2015 von der UN-Generalversammlung beschlossen wurden und bis 2030 von den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden sollen. Die Agenda 2030 und ihr Logo sind demnach wesentlich älter als die Verschwörungserzählung vom "Great Reset", die erst im Zuge der Corona-Pandemie entstanden ist. Das Logo ist etwa bereits in diesem  YouTube-Video der Vereinten Nationen vom April 2018 zu sehen.

Screenshot des UN-Webshops: 02.08.2022

"Die Ziele der Agenda 2030 beziehen sich auf unterschiedliche politische Bereiche wie etwa Ernährungssicherheit, Umweltschutz und den Kampf gegen Armut. Sowohl die österreichische als auch die deutsche Bundesregierung bekennen sich auf ihren Internetseiten zu den UN-Entwicklungszielen.

Eine Sprecherin des österreichischen Umweltministeriums erklärte auf AFP-Anfrage am 3. August 2022 per E-Mail, dass es sich bei dem Anstecker um das international gebräuchliche Symbol der Vereinten Nationen für die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 handelt. "Mit dem Tragen des Ansteckers möchte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler ihrem Bekenntnis zur Umsetzung der SDGs Ausdruck verleihen."

Das WEF und die Vereinten Nationen schlossen am 13. Juni 2019 eine Vereinbarung für eine strategische Partnerschaft, um die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele zu beschleunigen. Die Kooperation beinhaltet unter anderem eine Rede des UN-Generalsekretärs beim jährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos zu den Zielen der Agenda 2030 und weitere kommunikative Maßnahmen, um für die UN-Nachhaltigkeitsziele zu werben.

Fazit: Die österreichische Umweltministerin Leonore Gewessler trug bei einem Fernsehauftritt kein erkennbares Symbol einer weltweiten Verschwörung. Der Anstecker an ihrem Revers steht für die Agenda 2030, einer UN-Kampagne zur Erreichung der 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Welt, die 2015 von den Mitgliedsstaaten der UNO beschlossen wurden.