Dieses Foto zeigt nicht den Vater des WEF-Direktors, der kein enger Vertrauter Hitlers war

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben Ende Mai ein Bild geteilt, das angeblich den Vater von Klaus Schwab, Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums (WEF), zeigen soll. Sein Vater Eugen Schwab soll ein "enger Vertrauter Hitlers" gewesen sein, der ein eigenes Konzentrationslager betrieb. Der abgebildete Mann ist allerdings nicht Eugen Schwab, sondern ein deutscher Generalmajor, der 1950 in Kriegsgefangenschaft starb. Eugen Schwab war kein hochrangiger Nazi – er leitete als kaufmännischer Direktor eine Schweizer Firma in Süddeutschland, die allerdings von Zwangsarbeit profitierte.

Das aktuell geteilte Foto zeigt links Klaus Schwab, den Vorsitzenden des WEF. Rechts neben ihm ist die historische Aufnahme eines Mannes in Wehrmachtsuniform zu sehen. Hunderte teilten die Aufnahme auf Facebook (hier, hier) und Twitter, Hunderttausende sahen sie auf Telegram.

Ähnliche Behauptungen verbreiteten sich auch auf Englisch, Norwegisch, Polnisch, Niederländisch, Rumänisch, Spanisch, Italienisch, Griechisch oder Französisch.

Die Behauptung: "Auf dem Bild links ist der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, zu sehen. Rechts steht sein Vater, Hitlers enger Vertrauter, der Industrielle und Faschist Eugen Schwab der sogar ein eigenes Konzentrationslager hatte", beschreiben die Postings die Aufnahme.

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 09.06.2022

Klaus Schwab war bereits in der Vergangenheit immer wieder das Ziel von Falschinformationen. User behaupteten fälschlicherweise eine Verwandtschaft mit der Bankiersfamilie Rothschild, erfanden seine angebliche Verhaftung oder legten ihm falsche Worte in den Mund.

Auch die Behauptung, das Foto auf der rechten Seite zeige seinen Vater Eugen Schwab ist falsch. Darauf ist nicht sein Vater abgebildet, sondern ein deutscher Generalmajor namens Walter Dybilasz. Es ist nicht belegt, dass Eugen Schwab ein hochrangiger Nazi war. Er war auf jeden Fall kein "enger Vertrauter" Adolf Hitlers.

Auf dem Bild ist nicht Eugen Schwab zu sehen

Alle Facebook-Posts zeigen dieselben zwei Bilder: links das des Gründers und Direktors des WEF, Klaus Schwab, rechts das eines deutschen Soldaten, der dem Rang seiner Abzeichen am Kragen und auf der Schulter nach zu urteilen ein Generalmajor der Wehrmacht war. Den Facebook-Postings zufolge handelt es sich um den Vater von Klaus Schwab, Eugen Schwab. Der Vater von Klaus Schwab hieß tatsächlich Eugen Wilhelm Schwab und wurde 1899 geboren. Klaus Schwab erwähnt seinen Vater in seinem Buch "Stakeholder Capitalism" und er wird auch in einem Buch über Klaus Schwab, "Gastgeber der Mächtigen", beschrieben. Er ist jedoch nicht auf dem geteilten Bild zu sehen.

Mithilfe einer Bildrückwärtssuche fand AFP das geteilte Foto auf zahlreichen Blogs und Diskussionsforen über die Wehrmacht. Demnach ist der Name des Mannes Walter Dybilasz. Auch zahlreiche Faktencheckartikel (hier, hier) kommen zu diesem Ergebnis. Im genannten Blogartikel ist ein weiteres Foto des als Generalmajor bezeichneten Mannes zu sehen.

AFP hat am 24. Juni Dokumente aus dem Militärarchiv des deutschen Bundesarchivs eingesehen. Ein Vergleich des dortigen Eintrags von Walter Dybilasz (dort teilweise Walther geschrieben) samt Foto zeigt, dass es sich bei dem Mann in den aktuell geteilten Postings um Walter Dybilasz handelt.

Screenshot aus dem Bundesarchiveintrags Walter Dybilasz' (links) und des aktuell verbreiteten Bildes (rechts): 24.06.2022

Die Angaben zu seiner Biographie in den Dokumenten des Bundesarchivs decken sich mit anderen online verfügbaren. Demnach wurde Walter Dybilasz im Jahr 1892 geboren. Am Ende des Zweiten Weltkriegs geriet er in amerikanische Gefangenschaft und wurde an die sowjetischen Streitkräfte ausgeliefert. Wegen Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, starb er 1950 im Gefängnis von Stalino (heute Donezk) in der Sowjetunion.

Ein Fotovergleich des aktuell geteilten Bildes mit Aufnahmen von Eugen Schwab machen zudem deutlich, dass es sich dabei nicht um Schwab handelt. Die Faktenchecks von dpa, "Ellinika Hoaxes" oder "La Republica" verwenden eine Aufnahme von Eugen Schwab von der Website "Family Search". Es scheint von einem temporären Visum für Brasilien aus dem Jahr 1960 zu stammen. Ein Vergleich der äußerlichen Merkmale der Gesichter der beiden Männer zeigt, dass es sich auf dem Foto des deutschen Generalmajors nicht um Eugen Schwab handelt.

Screenshot von der Website "Family Search” mit einem Bild Eugen Schwabs links und eines Foreneintrags über Walter Dybilasz rechts, aufgenommen: 14.06.2022

Ein Sprecher von Klaus Schwab bestätigte gegenüber dpa, dass das linke Bild von "Family Search" tatsächlich Eugen Schwab, den Vater von Klaus Schwab, zeigt. Von AFP am 15. Juni kontaktiert, schrieb ein WEF-Sprecher zu den Behauptungen: "Das ist natürlich absolut falsch und eine Verleumdung der Familie von Klaus Schwab." Das geteilte historische Foto zeige nicht Eugen Schwab, so der Sprecher. Er fügte hinzu, dass das Buch "Gastgeber der Mächtigen" ein Foto von Eugen Schwab enthalte, das zeige, dass es sich um "dieselbe Person" handele wie auf dem Bild von "Family Search". Damit sei bewiesen, dass das historische Bild nicht Schwab zeige.

Eugen Schwab während des Nationalsozialismus

Die aktuell geteilten Postings behaupten, dass Eugen Schwab ein hochrangiger Nazi, sogar ein Vertrauter Hitlers, gewesen sein soll. Das ist allerdings falsch.

AFP konnte die Entnazifizierungsakten von Eugen Schwab aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg einsehen. Die Entnazifizierungspolitik der alliierten Mächte zielte darauf ab, die Ideologie des Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich zu entfernen. Millionen Menschen mussten Fragebögen ausfüllen, in denen etwa nach Mitgliedschaften in nationalsozialistischen Organisationen gefragt wurden.

AFP hat sich an das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München gewandt, um eine Stellungnahme zu den Entnazifizierungsakten von Eugen Schwab zu erhalten. In einer E-Mail vom 13. Juni erklärte Niels Weise, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IfZ, was aus den Akten ablesbar sei: "Laut Entnazifizierungsakten war Eugen Schwab sicherlich kein hochrangiger Nazi, offenbar war er nicht einmal Mitglied der NSDAP." Das ordnete auch Peter Fäßler, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Paderborn, so ein. Auch er sichtete für AFP die Akten und schrieb am 20. Juni: "Aus den Entnazifizierungsakten geht nicht hervor, dass Eugen Schwab ein hochrangiger Nationalsozialist war."

"Im online zugänglichen Suchsystem basys invenio des Bundesarchivs lässt sich kein Eugen Wilhelm Schwab, geboren  am 27.4.1899 nachweisen, dafür aber fünf weitere 'Eugen Schwab' mit anderen Geburtsdaten", ergänzte Weise und weiter: "Eugen Schwab übte keine Funktionen innerhalb der NSDAP aus, 'hochrangiger' Nazi war er eindeutig nicht."

Diese Dokumente lassen seiner Einordnung nach jedoch keine pauschalen Rückschlüsse auf die Überzeugungen Schwabs zu. "Zum einen wurde in den Entnazifizierungsverfahren viel beschönigt, verharmlost oder gelogen zum anderen lassen sich auch aus formalen Mitgliedschaften, auf die sich die Verfahren konzentrierten, nur bedingt Rückschlüsse auf bestehende Überzeugungen ziehen. Nicht jedes NSDAP-Mitglied war überzeugter Nationalsozialist, nicht jeder überzeugte Nationalsozialist war auch Mitglied der NSDAP." Fäßler schrieb ebenfalls, dass sich aus den Akten keine Rückschlüsse über Schwabs politische Einstellung ziehen lassen würden.

Eugen Schwab beantwortete zwei Fragebögen, einen am 7. Februar 1946 als "Kaufmännischer Leiter der Escher Wyss Maschinenfabrik" und den anderen am 4. November 1946 als "Beirat der Handelskammer Ravensburg". Laut Weise sei das "grundsätzlich nicht außergewöhnlich".

Den Unterlagen zufolge wurde Eugen Schwab in der "Gruppe A" als entlastet eingestuft. "Das entspricht einem Freispruch", erklärte Weise. "Um zu beurteilen, ob diese Einschätzung auch aus heutiger Sicht gerechtfertigt war, müsste man intensiv in die Quellen einsteigen, das lässt sich so pauschal nicht sagen." Oftmals seien den Spruchkammern entscheidende Informationen nicht vorgelegen, aber: "Die Angaben von Eugen Schwab wirken aber grundsätzlich plausibel und lassen keine erhebliche NS-Belastung erkennen."

Niels Weise führte auch aus, dass die Akten eine ambivalente Quelle seien "da zahlreiche Menschen ein offenkundiges Interesse hatten, Informationen zurückzuhalten, Tatsachen zu beschönigen oder auch wissentlich falsche Angaben zu machen (obwohl dies strafbar war). Ungeprüft übernehmen kann man Angaben aus Spruchkammerverfahren daher nicht."

Laut der Akte erklärte Eugen Schwab, Mitglied in drei Organisationen zu sein, die während des Nationalsozialismus aktiv waren: dem Dachverband für Sport namens Nationalsozialistischem Reichsbund für Leibesübungen (NSRL), der Deutschen Arbeitsfront (DAF), dem Einheitsverband der Arbeitnehmer und -geber und der NS-Volkswohlfahrt (NSV), der Trägerin der Wohlfahrtspolitik im Dritten Reich. 

Weise ordnete diese Mitgliedschaften für AFP ein: "In den NS-Reichsbund für Leibesübungen gelangte Schwab seinen Angaben zufolge als der Deutsche Alpenverein, in dem er Mitglied war, in den NS-Verein überführt wurde. Allein aus der Mitgliedschaft in den NS-Organisationen lassen sich also nur sehr begrenzt Schlüsse über tatsächliche politische Überzeugungen ziehen."

Er fügte hinzu: "Der Beitritt zu den (irrtümlich) für eher unpolitisch gehaltenen Vorfeldorganisationen wie der NSV und das NSFK wurde häufig gewählt, um einerseits aus Opportunismus oder auf Druck Nähe zur Partei zu demonstrieren, ohne gleich in die NSDAP selbst eintreten zu müssen. Andererseits war er häufig auch ein Ersatz, wenn durch die Aufnahmesperre momentan kein Beitritt zur NSDAP möglich war. Der Beitritt zur Deutschen Arbeitsfront (DAF) ließ sich in führender Stellung in der Wirtschaft nur schwer vermeiden."

Weise fasste zusammen: "Eugen Schwabs Mitgliedschaften sind die eines typischen 'Mitläufers' und in keiner Weise bemerkenswert." Fäßler schrieb ähnlich über Schwabs Mitgliedschaften: "Sie weisen darauf hin, dass Eugen Schwab als angepasster 'Mitläufer' im nationalsozialistischen Deutschland lebte. Es handelt sich um teilweise automatische Mitgliedschaften (DAF) beziehungsweise um Mitgliedschaften, die eine Mindestbereitschaft an der Teilhabe der 'NS-Volksgemeinschaft' signalisieren sollten."

Außerdem war Eugen Schwab laut Weise auch kein enger Vertrauter Hitlers: "Es gibt keine Anzeichen, dass Schwab über ein besonderes (oder überhaupt über irgendein) Verhältnis zu Hitler verfügte." Auch Universitätsprofessor Fäßler ist solche ein Naheverhältnis nicht bekannt: "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Eugen Schwab ein 'enger Vertrauter Adolf Hitlers' gewesen sein soll. Aus der einschlägigen Literatur sind mir entsprechende Hinweise nicht bekannt. Auch eine Recherche im Bundesarchiv ergab keinen entsprechenden Hinweis."

Die Escher Wyss Fabrik in Ravensburg

Das Schweizer Industrieunternehmen Escher Wyss hatte auch einen Standort im süddeutschen Ravensburg. AFP bat das örtliche Stadtarchiv um weitere Informationen. Die Leiterin des Ravensburger Stadtarchivs, Silke Schöttle, schrieb am 14. Juni unter Berufung auf ein Buch über die Region, dass Escher Wyss – wie auch andere Unternehmen – Menschen aus einem Lager für Zwangs- und Fremdarbeiter beschäftigte. Im Jahr 1943 waren 336 dieser ausländischen Arbeitskräfte bei Escher Wyss beschäftigt, darunter 86 Kriegsgefangene. Bis 1944 stieg die Zahl der bei Escher Wyss beschäftigten ausländischen Arbeitskräfte auf über 400, darunter zahlreiche russische Frauen.

Die Lager während der Nazizeit erfüllten unterschiedliche Funktionen: Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau dienten dem planmäßigen Völkermord, Konzentrationslager der Inhaftierung, Ausgrenzung, Ausbeutung, Demütigung und Einschüchterung von Menschen. In Kriegsgefangenenlagern und sogenannten Zivilarbeitslagern mussten Millionen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangenen aus ganz Europa unter schwierigen Bedingungen arbeiten.

Peter Fäßler von der Universität Paderborn schrieb: "Die Escher Wyss AG scheint nach den mir vorliegenden Schriften ein Unternehmen für Spezialtechnologie gewesen zu sein, durchaus rüstungswirtschaftlich interessant und damit auch als Kooperationspartner der NS-Wirtschaft tätig. Der Einsatz von Zwangsarbeiter*innen scheint verbürgt. Alles weist darauf hin, dass das Unternehmen – und damit wohl auch Eugen Schwab – dazu beigetragen haben, dass das NS-Regime und die NS-Wirtschaft funktionierten." In diesem Sinne könne man von Schuld und historischer Verantwortung sprechen. "Einen Hinweis auf außerordentliche, herausgehobene Maß an Verantwortung vermag ich indes nicht zu erkennen", schrieb Fäßler.

Niels Weise vom IfZ bestätigte: "Meines Wissens setzte auch Escher Wyss in Ravensburg Kriegsgefangene und in Lindau Zwangsarbeiter ein." Auch wenn Escher Wyss offenbar "Teil des menschenverachtenden Zwangsarbeitereinsatzes der NS-Kriegswirtschaft war", sei dies "sicherlich nicht auf ein besonderes Verhältnis des kaufmännischen Leiters zu Hitler" zurückzuführen. Er schloss: "Ein 'eigenes Konzentrationslager' hatte Eugen Schwab nicht." Fäßler ergänzte ebenfalls: "Die Leitung eines 'eigenen Konzentrationslagers' ist so in der Forschung nicht überliefert." Richtig ist aber, dass Escher Wyss während der Nazizeit von der Zwangsarbeit profitiert hat.

Fazit: Ein historisches Foto eines Mannes in Uniform zeigt nicht Eugen Schwab, den Vater von WEF-Präsident Klaus Schwab, sondern den Generalmajor Walter. Während sich Eugen Schwabs persönliche Überzeugung nicht nachvollziehen lässt, war er kein hochrangiger Vertrauter Hitlers. Die Fabrik Escher Wyss, die er leitete, profitierte von Zwangsarbeit.

24. Juni 2022 Bestätigung ergänzt, dass es sich beim geteilten Foto um Walter Dybilasz handelt