An einer Berliner Schule werden im September 2021 Impfungen verabreicht. ( AFP / ODD ANDERSEN)

Vorsicht vor irreführenden Interpretationen von KBV-Zahlen zu Impfnebenwirkungen

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Nachdem die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) eine Auswertung zu Impfnebenwirkungen vorlegte, verbreiteten sich im Juni hundertfach irreführende Behauptungen rund um die KBV-Daten. Die im Dokument genannten 2,5 Millionen Fälle sollen belegen, dass jeder 25. Geimpfte aufgrund von Impfnebenwirkungen einen Arzt aufgesucht habe, so die Interpretation der AfD-Bundestagsfraktion. Laut KBV lässt sich aus den Zahlen aber nicht ableiten, wie viele Patientinnen und Patienten aufgrund von Impfnebenwirkungen in ärztlicher Behandlung waren. Die Vereinigung distanziert sich von den Äußerungen der AfD und betonte, die Zahlen seien weder unerwartet noch dramatisch.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben die Behauptungen rund um die KBV-Zahlen auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Diese zeigen den Screenshot eines Tweets des FDP-Politikers Marco Altinger vom 22. Juni 2022, in dem er die Zahlen aufgreift. Auch zahlreiche impfkritische Blogs berichteten über die KBV-Daten (hier, hier, hier). Die KBV hatte die Zahlen als Antwort auf eine Anfrage des gesundheitspolitischen Sprechers der AfD-Bundestagsfraktion, Martin Sichert, vorgelegt.

Die Behauptung: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung habe fast 2,5 Millionen Impfnebenwirkungen erfasst, heißt es im Netz. Diese seien von ihrer Schwere mindestens mit den in den Sicherheitsberichten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gelisteten Nebenwirkungen vergleichbar. Die KBV-Daten seien aber wesentlich höher als die vom PEI angegebenen Impfnebenwirkungen. So sei die Zahl der KBV zehnmal höher als die des PEI. Ungefähr jeder 25. Geimpfte soll demnach so schwere Nebenwirkungen gehabt haben, dass er deswegen einen Arzt aufsuchte. Die Regierung habe daher über die Sicherheit der Impfungen gelogen, die angeblich im Zusammenhang mit verschiedenen Erkrankungen stehe. Eine ähnliche Analyse der BKK ProVita habe bereits vor einiger Zeit auf eine derartige Untererfassung hingewiesen.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 01.07.2022

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung ist in Deutschland als Dachverband der Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer tätig. Sie ist gesetzlich verpflichtet, die ambulante ärztliche Versorgung aller gesetzlich Versicherten in Deutschland sicherzustellen.

Anlass der nun von der KBV vorgelegten Auswertung zu Impfnebenwirkungen war eine Anfrage des gesundheitspolitischen Sprechers der AfD-Bundestagsfraktion, Martin Sichert. Auf Basis der Zahlen teilte die AfD-Bundestagsfraktion am 23. Juni 2022 mit: "Bei 61,8 Millionen Corona-Geimpften bedeutet das, dass jeder 25ste so schwere Nebenwirkungen hatte, dass er deswegen einen Arzt aufgesucht hat."

Interpretation der KBV-Zahlen

Die Behauptung der AfD geht aber so nicht aus der Auswertung der KBV hervor. Auch zahlreiche Blogs führen mit ihren Aussagen rund um die Zahlen in die Irre. Angeblich zeigten die Zahlen Fälle, die mindestens von der Schwere der ebenfalls beim PEI gemeldeten Nebenwirkungen seien. Etwa jeder 25. Geimpfte soll aufgrund der Impfnebenwirkungen einen Arzt aufgesucht haben. Jede 69. Impfung habe somit zu Nebenwirkungen geführt, die ärztlich behandelt werden mussten.

AFP hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung am 28. Juni 2022 um Erläuterungen zu der Auswertung der Impfnebenwirkungen gebeten. Das AFP zugänglich gemachte Dokument trägt den Titel: "Impfstoffe gegen Covid-19: Vergleich Anzahl der Impfungen mit Anzahl der codierten Impfnebenwirkungen 2016-2021".

Was stimmt: Tatsächlich listet das Dokument für das Jahr 2021 von Vertragsärzten codierte Impfnebenwirkungen für 2.487.526 Patientinnen und Patienten. Bei den kodierten Nebenwirkungen handelt es sich laut KBV um die Klassifikation von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen, die zur Diagnoseverschlüsselung eingesetzt wird.

In den Jahren vor der Corona-Pandemie lag die Zahl aller Impfnebenwirkungen noch zwischen jeweils etwa 67.000 und 76.000, die Zahl der verabreichten Impfungen rangierte von etwa 21 Millionen bis fast 30 Millionen pro Jahr. In beiden Kategorien stiegen die Zahlen in der Tendenz von Jahr zu Jahr an. Zum Vergleich: Das für Medikamentensicherheit zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gab die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe zuletzt am 4. Mai 2022 mit 296.233 an.

Die KBV weist allerdings explizit darauf hin, dass die Daten zu Impfnebenwirkungen "sowohl übliche und damit nicht meldepflichtige Impfreaktionen als auch meldepflichtige Impfnebenwirkungen" enthalten. In einigen der aktuell geteilten Postings klingt das jedoch anders. Dort heißt es, die von der KBV ausgewerteten Nebenwirkungen seien vom Schweregrad mit den PEI-Meldungen vergleichbar.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterscheidet bei Beschwerden in Folge von Impfungen zwischen sogenannten Impfreaktionen, die üblicherweise die gewünschte Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff aufzeigen und nach wenigen Tagen abklingen, Impfkomplikationen, die sehr seltene unerwünschte Wirkungen der Impfungen darstellen und Impfschäden, die längerfristig eine gesundheitliche oder wirtschaftliche Folge darstellen.

Die KBV erläutert in ihrer Auswertung eindeutig, dass die eigenen dokumentierten Impfnebenwirkungen von den Zahlen des PEI abweichen. Grund dafür sei, dass übliche Impfreaktionen im Gegensatz zu "einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung" nicht an das Paul-Ehrlich-Institut gemeldet werden müssen. Kriterien zur Einordnung solcher Reaktionen wurden von der Ständigen Impfkommission entwickelt und veröffentlicht. Zu solchen "üblichen Impfreaktionen" gehören beispielsweise Schmerzen an der Einstichstelle oder Fieber, Gliederschmerzen und Übelkeit über wenige Tage.

Ein Sprecher der KBV erklärte hierzu: "Vor dem Hintergrund, dass die allermeisten Impfnebenwirkungen eher eine kurzzeitige Beeinträchtigung darstellen (gerötete Einstichstelle etc.), ist davon auszugehen, dass diese häufig nicht gemeldet werden (Anm. d. Red.: hier ist eine Meldung an das PEI gemeint). Das gilt aber für alle Impfungen und ändert nichts daran, dass wirklich schwere Komplikationen glücklicherweise eher sehr seltene Ausnahmen sind, die in aller Regel auch gemeldet werden."

Nichtsdestotrotz werden auch "übliche Impfreaktionen" in den Arztpraxen erfasst, falls Patientinnen und Patienten deswegen in die Praxis kommen oder davon berichten, heißt es in der KBV-Auswertung. An das PEI werden diese allerdings nur bei Meldepflicht übermittelt. Meldepflichtig sind etwa Reaktionen, die über das übliche Maß einer Impfreaktion hinausgehen. Der Umfang der Dokumentation zu Covid-19-Impfstoffen im Vergleich zu anderen Impfungen ist laut KBV den besonderen Umständen geschuldet und war erwartbar:

"Bei einer neuen Impfung mit den besonderen Zulassungsgegebenheiten wie bei den Covid-19-Impfstoffen ist mit einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber Impfreaktionen sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei Ärztinnen und Ärzten sowie einer verstärkten Motivation, dies anzusprechen beziehungsweise zu dokumentieren, zu rechnen, als dies bei jahrelang bekannten Impfungen der Fall ist. Der Unterschied zwischen den von Ärztinnen und Ärzten dokumentierten im Vergleich zu den dem PEI gemeldeten Impfreaktionen ist daher nachvollziehbar und war zu erwarten."

Die AfD-Interpretation, wonach die Zahlen zeigen würden, dass jeder 25. Geimpfte aufgrund der Nebenwirkungen einen Arzt aufsuchte, ist auf Basis der KBV-Daten allerdings nicht zu halten, ebenso wenig wie Behauptungen, wonach jede 69. Impfung zu Nebenwirkungen geführt habe, die ärztlich behandelt werden mussten.

Ein Sprecher der KBV kritisierte den Umgang der AfD mit den Zahlen gegenüber AFP scharf, denn die Aussagekraft der Daten sei begrenzt:

Die KBV distanziere sich aufs Schärfste von den Aussagen und Interpretationen der AfD. Die von der KBV ausgegebene Zahl erscheine im ersten Moment vielleicht hoch, sei aber "keineswegs unerwartet und dramatisch, wie es in der Mitteilung der AfD dargestellt wurde". In den Impfnebenwirkungen seien vor allem typische Begleiterscheinungen enthalten. "Sie bilden den mit Abstand größten Anteil der registrierten Unverträglichkeiten und Komplikationen."

In den Zulassungsstudien der verschiedenen Impfstoffe traten bei bis zu 92 Prozent der Teilnehmenden beispielsweise Schmerzen an der Injektionsstelle auf.

So heißt es beispielsweise in der Phase-3-Studie zum Impfstoff des US-Herstellers Moderna, bei 84,2 Prozent der verabreichten Erstimpfungen seien Symptome wie zumeist Schmerzen an der Injektionsstelle aufgetreten, die häufig leicht und von kurzer Dauer waren.

Behörden verteidigen Sicherheit der Impfung

Weiter heißt es in einigen Postings zu den KBV-Zahlen, es sei falsch, die Impfung als sicher zu bezeichnen. Auch Ängste zu Erkrankungen im Zusammenhang mit der Impfung werden genannt.

Zweifel an der Sicherheit und Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe hat AFP bereits mehrfach widerlegt (siehe hier, hier, hier). Zur Sicherheit der Impfstoffe erklärt das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Website: "In Deutschland erfolgt die Zulassung eines Impfstoffs nur dann, wenn er alle drei Phasen des klinischen Studienprogramms erfolgreich durchläuft und ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis nachgewiesen werden kann. Die nationalen und internationalen Qualitätsstandards gelten – wie bei allen anderen Impfstoff-Entwicklungen – auch bei der Zulassung einer Covid-19-Schutzimpfung."

Auch die US-Gesundheitsbehörde CDC erklärten, alle in den USA zugelassenen Impfstoffe seien sicher und wirksam. Sowohl in Deutschland als auch in zahlreichen anderen Ländern sind zur Impfstoffüberwachung zudem Meldesysteme im Einsatz. Das Paul-Ehrlich-Institut veröffentlicht regelmäßig Sicherheitsberichte.

AFP überprüfte in der Vergangenheit zudem mehrfach Behauptungen zu angeblichen Nebenwirkungen der Impfstoffe wie Herzerkrankungen (hier, hier), Krebs oder Thrombosen.

Kritik an Brief von BKK ProVita

Manche Postings verweisen auch auf einen offenen Brief des ehemaligen BKK ProVita-Vorstands Andreas Schöfbeck an das Paul-Ehrlich-Institut im Februar 2022. Schöfbeck vermutete eine Untererfassung von Impfnebenwirkungen und sprach eine Warnung aus.

Im März distanzierte sich die BKK: "Die gemachten Aussagen spiegeln nicht den aktuellen Wissensstand und die Haltung der Kasse wider." Im April hieß es in einer abschließenden Stellungnahme der BKK ProVita, seine "Kampagne" sei von seiner "persönlichen Haltung gegen die Corona-Impfung geprägt" gewesen.

Auch der Virchowbund, der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte Deutschlands, bezeichnete die BKK-Analyse im Februar 2022 als "kompletten Unfug". Die BKK ProVita vermische die ärztliche Diagnose-Codierung mit ICD-Codes und die Meldung an das PEI. Die für die Analyse herangezogenen ICD-Codes umfassten teilweise auch übliche Impfreaktionen, wie auch bei der KBV geschehen.

"Handelt es sich dagegen um einen Verdacht auf 'über das übliche Maß hinausgehende' Nebenwirkungen, sind Ärzte verpflichtet, diese an das PEI zu melden." Dies sei ein eklatanter Unterschied, den die BKK unter den Tisch fallen lasse.

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums erklärte bei der Regierungspressekonferenz vom 28. Februar 2022 zudem, dass die Definition von Impfreaktionen und Impfnebenwirkungen durcheinandergebracht worden sei.

Fazit: Nein, die Auswertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung belegt keine genauso schweren Impfnebenwirkungen wie die vom Paul-Ehrlich-Institut erfassten Meldungen. In die KBV-Zahlen finden auch leichte Impfreaktionen Eingang. Es ist irreführend, auf Basis der KBV-Daten von einer Untererfassung zu sprechen. Die KBV wies selbst darauf hin, dass aus den Daten nicht erkennbar sei, ob Patientinnen und Patienten aufgrund einer Impfreaktion in ärztlicher Behandlung waren oder diese lediglich bei einem Arztbesuch wegen einer anderen Beschwerde erwähnt haben. Die BKK ProVita hat sich mittlerweile von einer ähnlichen Analyse des eigenen Ex-Vorstandschefs distanziert.

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