Das ZDF manipulierte nicht mit selektiven Temperaturdaten

Ende Mai haben Hunderte Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook eine Behauptung geteilt, wonach das ZDF mit Temperaturdaten Manipulation betreibe, um die "Klimalüge" besonders dramatisch darzustellen. Die Autoren eines verbreiteten Postings behaupten, der Erwärmungstrend werde vom ZDF als Differenz von Höchst- und Tiefstwerten berechnet. Der zugrunde liegende Bericht zieht allerdings verschiedene Datenpunkte in einer sogenannten Regressionsanalyse heran. Außerdem beziehen sich Bericht und Posting auf verschiedene Orte: Bei Ersterem geht es um die Artkis, bei Letzerem um Europa.

Die "Klimaschwindler" manipulierten angeblich mit selektiv ausgewählten Temperaturdaten. Das behauptet ein auf Facebook hundertfach geteiltes Posting Mitte Mai. Demnach wird die "Klimalüge" angeblich gebastelt: Das ZDF habe den kältesten Winter der vergangenen 50 Jahre von 1971 mit dem wärmsten Sommer von 2019 gegengerechnet und komme so auf eine Erwärmung um 3.1 Grad Celsius. Den Klimawandel gebe es laut Posting nur "angeblich". Dazu dient auch der "bitterkalte" Mai 2021 als Argument. Ein ähnliches Argument zu einzelnen Wetterereignissen hat AFP bereits in der Vergangenheit überprüft.

Image
Facebook-Screenshot: 27.05.2021

Arktis versus Europa

Posting und der ZDF-Beitrag sprechen von zwei verschiedenen Dingen: Temperaturen in Europa im Posting, Temperaturen in der Arktis beim ZDF.

Im zitierten Posting von "ZDF heute" vom 21. Mai heißt es: "Die durchschnittliche arktische Oberflächentemperatur stieg zwischen 1971 und 2019 um 3,1 Grad Celsius". Das ZDF nennt das Arctic Monitoring and Assessment Programme (Amap) als Quelle für diese Aussage. Das Amap überwacht die Arktis in Bezug auf Verschmutzung und Klimawandel und erstellt Bewertungen und Empfehlungen für die Politik.

Amap hatte zuvor am 20. Mai 2021 den Bericht "Arctic Climate Change Update 2021" vorgestellt. Darin heißt es: "Von 1971 bis 2019 stieg die jährliche durchschnittliche arktische oberflächennahe Lufttemperatur um 3,1°C." Das ist laut Amap dreimal schneller als der globale Durchschnitt und höher als in früheren Amap-Berichten angegeben. ZDF und Amap berichten also über angestiegene Temperaturen in der Arktis.

Das Posting zieht hingegen Temperaturen in Europa heran. Auch wenn es in den genannten beiden Jahren tatsächlich zu untypisch hohen und niedrigen Temperaturen in Teilen Europas kam: Die absoluten europäischen Rekordwerte wurden in anderen Jahren gemessen: Laut Wetterarchiv der Weltmeteorologie-Organisation (WMO) stammt die kälteste auf dem Kontinent Europa gemessene Temperatur aus dem Jahr 1978 in Russland, wo es -58,1 °C kalt war. Am heißesten war es 1977 mit 48.0 °C in Europa in Spanien.

Jedoch war der Winter 1971 in Teilen Europas tatsächlich ungewöhnlich kalt. Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie der Schweiz etwa berichtet von "unternormalen Temperaturen" im März 1971.

Auch sorgte der Sommer 2019 tatsächlich für eine Hitzewelle und außergewöhnliche Temperaturen in Deutschland, wie der Deutsche Wetterdienst vermeldete. In Österreich war der Sommer 2019 überdurchschnittlich warm, so die österreichische Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Die WMO nannte die Hitzewelle von 2019 "außergewöhnlich intensiv", Frankreich knackte, wie von den Postings korrekt angegeben, die 46-Grad-Marke.

Die Temperaturen in Europa haben jedoch nicht unmittelbar mit denen in der Arktis zu tun, über die das ZDF berichtete. "Die Argumentation mit europäischen Temperaturmaxima und -minima zur Diskreditierung der arktischen Trends erscheint mir hanebüchen", schrieb Klimaforscher Hauke Schmidt vom Max-Planck-Institut für Meteorologie am 27. Mai in einer Mail an AFP.

Die Arktis erwärme sich viel schneller als das globale Mittel, wie auch der Amap-Bericht feststellt. Diese Erkenntnis sei "unumstritten", so Schmidt. Auch andere Publikationen, etwa eine in der Fachzeitschrift "Environmental Research Letters" veröffentlichte Langzeitstudie über arktische Klimaveränderungen zwischen 1971 und 2017 sprechen von einem ähnliche hohen Temperaturanstieg: 2,7 Grad Temperaturanstieg in der Arktis

Berechnungsmethode und Analysezeitraum

Im Posting heißt es weiter, dass der angebliche "Klimaschwindel" daraus bestehe, dass man den wärmsten Sommer mit dem kältesten Winter "gegenrechnen" würde, also die Differenz zweier Werte für die Aussage zur Erwärmung herangezogen habe.

So hat das Amap aber nicht gerechnet. Dessen Einschätzungen beruht auf einer sogenannten Regressionsanalyse verschiedener Datensätze. Bei so einer Analyse ermitteln Statistiker*innen mit vielen verschiedene Datenpunkten einen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Variablen. Das Gegenrechnen des Postings geht also von nur zwei (angeblich besonders extremen) Messpunkten aus, die Regressionsanalyse bezieht allerdings ganz viele Temperaturmesswerte ein. Auch Rolf Rødven, Generalsekretär von Amap, schrieb am 1. Juni an AFP: "Der Modellierungsansatz basiert auf allen Daten, nicht nur auf dem Vergleich zwischen 1971 und 2019."

Ein Beispiel zur Erklärung: Wir wollen wissen, ob Lisas Taschengeld über einen gewissen Zeitraum zu- oder abnimmt. Dafür schauen wir an vielen verschiedenen Tagen in Lisas Geldbörse und notieren wie viel Geld sie hat, das sind die blauen Punkte in der folgenden Symboldarstellung. Bei einer Regressionsanalyse würden wir jetzt mit einem statistischen Verfahren nachschauen, welchen Zusammenhang es zwischen den vielen blauen Punkten und der untersuchten Zeitreihe gibt. In diesem Fall ist Lisas Taschengeld mit der Zeit angestiegen, das ist die Linie in der Symboldarstellung. Dasselbe haben auch die Forscher*innen von Amap gemacht.

Der Autor des Postings allerdings macht etwas ganz anderes: Er nimmt einen Höchst- und einen Tiefstwert in der Zeitreihe, die gelb markierten Punkte, und behauptet, der von Amap ermittelte Temperatur-Anstieg ergebe sich aus der Differenz zwischen diesen beiden Punkten.

Dass diese Behauptung aber nicht korrekt ist, zeigt ein erneuter Blick in Lisas Portemonaie:  Würde man nach der Methode des Posting-Autors zwei andere Messpunkte in der Zeitreihe auswählen, beispielsweise jene in Orange, käme man zu der irrigen Ansicht , dass Lisa offenbar Taschengeld gestrichen worden sein muss, nur weil sie einmal etwas weniger bekommen hat.

Image
Symboldarstellung AFP: Lisas Taschengeld nimmt mit der Zeit zu

Die Analyse der Klimaforscher*innen beruht eben nicht nur auf zwei Punkten, sondern der Kombination von ganz vielen Datenpunkten. Daher macht es auch keinen bedeutenden Unterschied, wenn man, wie im Posting behauptet, einen leicht veränderten Beobachtungszeitraum wählen würde.

"Aufgrund der Verwendung eines fast 50 Jahre langen Datensatzes bleiben die wichtigsten Schlussfolgerungen gleich. Die Zahlen wären nicht sehr unterschiedlich, wenn Sie die Zeiträume 1971-2021, 1973-2021 oder 1969-2017 verwenden würden", schrieb das Amap. Die Behauptung sei deshalb falsch, so Amap-Generalsekretär Rødven.

Für den gewählten Analysezeitraum gibt es außerdem einen Grund. Einheitliche Daten sind erst ab 1971 verfügbar, wie die genannte Studie über arktische Klimaveränderungen erklärt. Die Amap-Analyse reicht zudem nicht bis 2021, sondern nur bis 2019. Das ZDF hat also nicht einfach 2021 weggelassen, um "passendere" Referenzwerte fürs Basteln der "Klimalüge" zu finden. Amap-Generalsekretär Rolf Rødven erklärte am 31. Mai, dass die Analyse aufgrund des langen Veröffentlichungsprozesses nur bis 2019 gehe. Man werde aber Daten nach 2019 in kommenden Berichten einbeziehen.

Klimaerwärmung ist Fakt

Über kaum eine Tatsache ist sich die Wissenschaftswelt so einig wie über die menschengemachte Erderwärmung. Dazu gibt es zahlreiche Metastudien, also Studien, die systematisch die Studienlage zusammenfassen. Eine Studie aus dem Jahr 2013 überprüfte etwa 11.944 Arbeiten zwischen 1991 und 2011 zum Thema Erderwärmung. 97 Prozent von ihnen waren sich einig, dass Menschen die Erderwärmung verursachen.

Eine weitere Metastudie fasst sogar die verschiedenen Metastudien über den Konsens in der Wissenschaft zusammen und hält als Ergebnis einen "Konsens über den Konsens" fest. Die Wissenschaftscommunity ist sich also einig wie selten: Die Erderwärmung gibt es, und Menschen verursachen sie.

Fazit: Das aktuell geteilte Posting und der ZDF-Beitrag sprechen von zwei verschiedenen Dingen: dem Erwärmungstrend der Arktis und den Temperaturen in Europa. Die Veränderung der Temperaturen wird dabei auch nicht, wie vom Posting behauptet, als Differenz zweier Extremwerte berechnet, sondern mittels einer Regressionsanalyse, die nicht auf einzelnen Datenpunkten beruht. Über die Existenz der menschengemachten Erderwärmung ist sich die Wissenschaft weltweit einig.

Haben Sie eine Behauptung gefunden, die AFP überprüfen soll?

Kontaktieren Sie uns