Dieses Bild zeigt nicht den ehemaligen US-Admiral Eric Olson in Gefangenschaft in der Ukraine

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben Ende Mai die Behauptung in sozialen Netzwerken geteilt, wonach russische Truppen im ukrainischen Mariupol einen hochrangigen US-Kommandeur namens Eric Olson gefangen genommen haben sollen. Im Mai ergaben sich im belagerten Stahlwerk Asovstal laut russischen Angaben 1730 Soldatinnen und Soldaten. Das aktuell geteilte Foto wurde allerdings bereits im April 2022 in russischen Medien verbreitet, ohne einen US-Admiral zu erwähnen. Olson selbst bestätigte gegenüber AFP, dass er sich nicht in der Ukraine aufhielt. Laut dem US-Verteidigungsministerium schied er vor mehr als 10 Jahren aus dem aktiven Dienst aus.

Die Behauptung vom in Mariupol gefangen genommen US-Kommandeur haben Hunderte User auf Twitter geteilt, Dutzende verbreiteten sie auf Facebook. Mehrere Blogs (hier, hier) veröffentlichten entsprechende Beiträge. Der österreichische Nationalratsabgeordnete Gerald Hauser (FPÖ) verbreitete einen solchen Blogartikel mit den Worten: "Damit bricht eine weiteres Narrativ in sich zusammen, dass ausländische Militärs nicht im Ukrainekrieg involviert sind!"

Auch auf Englisch, Tschechisch, Slowakisch, Rumänisch oder Bulgarisch verbreiteten User die Behauptung.

Die Behauptung: Ein Foto zeigt mehrere Männer in Militärkleidung. Ein Mann mit gesenktem Kopf wird in den Postings hervorgehoben, dazu heißt es: "Unter den 'Evakuierten' befand sich ein hochdekorierter US-Admiral." Daneben steht ein Foto von Eric Olson, der von 2007 bis 2011 Chef des US-Kommandos für Spezialkräfte (USSOCOM) war. Das Foto ist ein offizielles Porträt des US-Verteidigungsministeriums, das auf der Wikipedia-Seite von Olson verwendet wird.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 31.05.2022

Das Foto wurde einen Monat vor der Kapitulation von Mariupol aufgenommen

Die Stadt Mariupol im Südosten der Ukraine ist seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 Schauplatz heftiger Kämpfe. Am 19. Mai gab Russland bekannt, dass sich insgesamt 1730 ukrainische Soldaten im belagerten Stahlwerk Azovstal in der Hafenstadt ergeben hätten.

AFP hat eine Bildrückwärtssuche nach dem aktuell geteilten Bild durchgeführt. Die von der russischen Regierung kontrollierte Agentur Sputnik veröffentlichte es am 14. April 2022, mehr als einen Monat vor der Kapitulation in Mariupol. Sputnik beschreibt das Bild folgendermaßen: "Ukrainische Kriegsgefangene nehmen an einer Veranstaltung zum Gedenken an die in der Volksrepublik Luhansk durch Beschuss im Jahr 2014 Getöteten teil, in Luhansk, LPR."

Screenshot von Sputnik: 25.05.2022

Die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti verwendete das Foto in einem Artikel vom 14. April 2022 mit dem Titel "'Wir werden nicht vergessen, wir werden nicht verzeihen!' Die LNR ehrt die Opfer der ukrainischen Aggression". Die Beschreibung des Fotos lautet: "Zu der Veranstaltung wurden auch ukrainische Kriegsgefangene der Nationalgarde gebracht." LNR ist, wie LPR, eine Abkürzung für die Volksrepublik Lugansk, eine von Russland im April 2014 proklamierte Republik im Osten der Ukraine. Die Hauptstadt der Oblast Luhansk liegt rund 300 Kilometer nördlich von Mariupol.

Screenshot von RIA Nowosti: 25.05.2022

Sowohl Sputnik als auch RIA geben Alexei Maishev als Fotografen an. Keines der beiden Medien erwähnt in der Bildbeschreibung Eric Olson oder einen anderen US-amerikanischen oder ausländischen Kämpfer.

Eric Olson sagt, er sei in den USA, nicht gefangen

Eric Thor Olson ist ein hochrangiger US-Marineadmiral im Ruhestand, der von Juli 2007 bis August 2011 als Kommandeur des US-Kommandos für Spezialkräfte (USSOCOM) diente. Er war Mitglied der Eliteeinheit Navy Seals. Nach 38 Dienstjahren schied Olson im August 2011 aus dem Dienst aus, wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte.

Heute ist er Mitglied des Verwaltungsrats des Satellitenkommunikationsunternehmens Iridium und sitzt im Beirat von Spirit of America, einer Organisation zur Unterstützung US-amerikanischer Truppen. Zudem ist er außerordentlicher Professor für internationale und öffentliche Angelegenheiten an der Universität von Columbia.

AFP konnte Olson über das Karrierenetzwerk LinkedIn erreichen. Er bestätigte in einer Nachricht vom 24. Mai, dass er nicht von russischen Streitkräften gefangen genommen wurde. "Ich dachte, dies sei bereits gründlich entlarvt worden, aber jetzt, da Sie diese Nachricht erhalten, wissen Sie sicher, dass ich entweder nicht von den Russen in der Ukraine verhaftet wurde oder der Handyempfang in meiner russischen Gefängniszelle sehr gut ist", schrieb er scherzhaft. "Ich bestätige gerne, dass Ersteres der Fall ist."

"Bitte akzeptieren Sie diese Nachricht als ausreichenden Beweis dafür, dass ich mich nicht in russischem Gewahrsam befinde", fügte er hinzu.

Fazit: Der ehemalige US-Admiral Eric Olson befindet sich nicht in russischer Gefangenschaft, wie er gegenüber AFP bestätigte. Ein Foto, das ihn angeblich bei der Kapitulation im ukrainischen Mariupol zeigen soll, wurde bereits einen Monat bevor sich die Kämpfenden dort ergaben veröffentlicht und zeigt keine ausländischen Kämpfer.

Übersetzung:
Russisch-Ukrainischer Krieg