Nein, dieser Junge ist nicht allein aus der Ukraine geflohen

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  • Veröffentlicht am 25. März 2022 um 17:26
  • Aktualisiert am 28. März 2022 um 09:08
  • 4 Minuten Lesezeit
  • Von: AFP Hongkong
  • Übersetzung: Feliks TODTMANN
Hunderte Facebook-User haben Anfang März ein Video geteilt, das einen weinenden Jungen zeigt, der angeblich ohne Begleitung aus der Ukraine nach Polen flieht. Doch der Junge war nicht allein unterwegs. Er habe die Grenze mitsamt seiner Familie überquert, erklärten Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters und die polnische Grenzschutzbehörde.

Etwa eine Minute dauert das Video, in dem ein kleiner Junge zu sehen ist, der weinend und scheinbar allein einen Weg an der polnisch-ukrainischen Grenze entlang läuft. Auf Facebook wurde das Video hundertfach geteilt (hier, hier). Ähnliche Beiträge verbreiteten sich auf Polnisch, Spanisch, Bosnisch, Rumänisch und Chinesisch. Auch deutschsprachige Medien wie RTL und das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gaben die Darstellung in ihrer Berichterstattung zunächst wieder.

Die Behauptung: Im Posting-Text heißt es: "Dieser kleine ukrainische Junge kommt weinend und alleine bei einer Flüchtlings-Station in Polen an. [...] Ganz allein geht der ukrainische Flüchtlingsjunge einen gepflasterten Weg entlang, weinend. Niemand von den Menschen um ihn herum scheint ihn zu begleiten. Wo sind seine Eltern, Geschwister oder Verwandten?" Auch die Off-Stimme des Videos sagt: "Offenbar ist er allein unterwegs. In der einen Hand eine kleine Tüte mit seinem Hab und Gut, in der anderen eine Tafel Schokolade. Offenbar ist das alles, was er noch hat."

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Facebook-Screenshot der Behauptung: 24.03.2022

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine am 24. Februar 2022 sind bereits mehr als 3,7 Millionen Menschen aus dem osteuropäischen Land geflohen. Sechs von zehn Geflüchteten haben dabei nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR die Grenze zu Polen überquert.

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Karte mit Anzahl der Geflüchteten aus der Ukraine, Stand 24. März 2022

Zum Krieg in der Ukraine verbreitet sich derzeit eine Vielzahl falscher oder irreführender Informationen in sozialen Netzwerken. Auch Geflüchtete werden dabei zum Ziel von Falschinformationen. AFP widerlegte etwa dieses Video, in dem eine Frau behauptet, ukrainische Geflüchtete hätten einen russischsprachigen Jugendlichen in Deutschland zu Tode geprügelt. AFP sammelt Faktenchecks im Kontext des Kriegs in der Ukraine hier.

Der Junge an der Grenze

Eine Bildersuche mit einzelnen Einstellungen des Clips führt unter anderem zu einem Artikel der "India Times" vom 9. März 2022. Im Gegensatz zu den Facebook-Postings heißt es in dem Beitrag, der Junge habe die Grenze nicht allein überquert, sondern sei in Begleitung seiner Mutter gewesen, die vor ihm lief: "Der Junge lief Berichten zufolge hinter seiner Mutter, als sie die Grenze überquerten." Als Quelle des Videos nennt die "India Times" die Nachrichtenagentur Reuters.

Auf AFP-Anfrage antwortete eine Sprecherin der Nachrichtenagentur am 21. März per E-Mail: "Der Junge am Anfang des Videos ist kein unbegleiteter Minderjähriger. Seine Mutter ist in der zweiten Einstellung zu sehen, wie sie vor ihm läuft." In einer zweiten Einstellung der Szene aus einer anderen Perspektive sind im Hintergrund tatsächlich weitere Personen erkennbar. Nach Angaben von Reuters entstand das Video am 5. März in der südostpolnischen Grenzstadt Medyka. Am 8. März fügte Reuters in seinem Kundenportal eine Notiz hinzu, dass der Junge die Grenze nicht allein überschritten habe.

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In der zweiten Einstellung des Videos ist laut Reuters die Mutter des Jungen im Hintergrund zu erkennen. Screenshot des von CNN verwendeten Reuters-Videos: 24.03.2022

Auch die polnische Grenzschutzbehörde Straż Graniczna erklärte, dass der Junge die Grenze nicht unbegleitet überquert habe. Aufgrund der zahlreichen falschen Darstellungen in sozialen Netzwerken und in verschiedenen Medienbeiträgen, postete die Behörde eine Richtigstellung auf Twitter. "Wir möchten Sie darüber informieren, dass der 4-jährige Waleri entgegen der in den Medien verbreiteten Informationen nicht allein, sondern mit seiner Familie die Grenze überquert hat. Am Grenzübergang Medyka erhielt er süße Geschenke von den Beamten. Er und seine Familie sind sicher in Polen", schrieb die Behörde am 8. März 2022.

AFP hat am 23. März per E-Mail bei RTL und RND am 23. März nach den irreführenden Darstellungen in ihrem Beitrag gefragt. Das RND aktualisierte seinen ursprünglichen Beitrag, genauso wie RTL.

Fazit: Das Video des weinenden ukrainischen Jungen ist echt. Es entstand Anfang März in der polnischen Grenzstadt Medyka und zeigt einen vierjährigen Jungen aus der Ukraine, der nicht alleine, sondern gemeinsam mit seiner Familie die Grenze zu Polen überquert. Das bestätigten ein Sprecher der Nachrichtenagentur Reuters und die polnische Grenzschutzbehörde.

28. März 2022 fehlendes Wort ergänzt

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