Österreichische Corona-Teststraßen fälschen nicht täglich 200 Fälle

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Seit Anfang Februar haben Tausende Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook eine Behauptung geteilt, wonach ein Mann in einer österreichischen Corona-Teststraße ein absichtlich positiv gefälschtes Testergebnis erhalten habe. Der Mann soll demnach seiner Masseurin gesagt haben, die Tester hätten zugegeben: Die Teststraße müsse am Tag 200 positive Ergebnisse erzeugen. Die tatsächlichen Corona-Zahlen in Österreich liegen allerdings weit unter einer solchen vermeintlichen Quote. Außerdem hat AFP die Quelle der Behauptung gefunden, die aussagte, den Vorfall selbst überhaupt nicht erlebt zu haben.

Tausende User haben einen Screenshot zum vermeintlichen Testbetrug seit dem 9. Februar 2021 geteilt (hier, hier). Gezeigt wird ein Erfahrungsbericht einer "Massagekollegin aus dem Waldviertel" in Niederösterreich. Deren Kunde wiederum sei in einer nicht näher genannten Teststraße testen gewesen und habe "einen positiven Bescheid. Er denkt sich, das gibt es nicht und ist gleich in eine Apotheke gefahren. Der Test war negativ. Daraufhin ist er nochmals zur Teststrasse und hat ihm den anderen Bescheid gezeigt." Dort gab man dann angeblich zu: "Tut mir leid, wir brauchen am Tag 200 positive Tests!"

Auch auf Telegram sahen Tausende die Nachricht mit den vermeintlichen Fälschungen. Die Namen "Poldi" und "Michi" tauchen darin auf. Dazu später mehr.

Facebook-Screenshot: 11.02.2021

Testungen in Niederösterreich

Im Bundesland Niederösterreich gab es zum Zeitpunkt des Postings rund 250 verschiedenen Standorte für Corona-Testungen, mittlerweile sind es sogar über 290. Getestet wird mit Antigen-Schnelltests, bei positiven Ergebnissen überprüfen die Behörden das Ergebnis außerdem mit einem genaueren PCR-Corona-Test. Hätte der Mann im Posting ein positives Ergebnis gehabt, hätte er einen Absonderungsbescheid erhalten und sofort in Quarantäne gemusst. Zur Apotheke und zur Massage hätte er damit eigentlich nicht fahren dürfen.

Selbst wenn nur eine einzige Teststraße außerdem eine solche 200-Quote erfüllen müsste wie behauptet, würde diese Teststation damit 1400 positive Ergebnisse pro Woche produzieren, in einem Monat sogar 5600 Corona-Fälle.

Diese Masse an positiven Fällen hat es in Niederösterreich aber nie gegeben. Die Zahlen aus dem Posting passen nicht zu den tatsächlichen Test- sowie Corona-Zahlen vor Ort. Auf dem niederösterreichischen Dashboard kann man die genauen Testzahlen des Landes pro Tag und deren jeweilige Ergebnisse einsehen. Außerdem schlüsselt die Seite die Ergebnisse zusätzlich nach Postleitzahl auf. Kein einziges Mal zeigt dieses Dashboard einen Wert für das gesamte Bundesland an, der die 200er-Marke übersteigt. Die meisten Positiv-Fälle registrierte die Behörde für 2021 etwa am 1. Februar. Damals waren 177 Fälle von 13.140 getesteten Personen Corona-positiv. "So ein hoher Wert würde sofort auffallen", sagte Sprecher Stefan Spielbichler von "Notruf Niederösterreich", der das Dashboard betreibt.

Zur Einordnung: Ganz Österreich führte zwischen Jahresbeginn und dem Datum des Postings rund 6,9 Millionen Tests durch, die laborbestätigten Corona-Fälle pro Tag schwankten dabei zwischen etwas über 900 und knapp unter 3000 pro Tag österreichweit. In Niederösterreich bewegten sich die gesamten bestätigten Corona-Zahlen seit dem Jahreswechsel zwischen 164 und maximal 467 Fällen pro Tag.

Die anderen Bundesländer

Theoretisch hätte sich der Mann in irgendeiner Teststraße, auch außerhalb von Niederösterreich testen lassen können, dort in die Apotheke gehen und erst anschließend zurück zur Waldviertler Masseurin fahren können. AFP hat deshalb auch die anderen acht Bundesländer kontaktiert, ob dort einzelne Teststationen regelmäßig mehr als 200 positive Testergebnisse pro Tag aufgewiesen haben. Im Folgenden zeigt AFP jeweils die Antworten aus den Büros der Landesregierungen.

Burgenland

Sprecher Christian Bleich schrieb AFP am 16. Februar: "Ich kann bestätigen, dass es in keiner einzelnen burgenländischen Teststraße zu 200 oder mehr positiven Fällen an einem Tag kam."

Diese Aussage deckt sich mit den Corona-Fallzahlen, die das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) veröffentlicht und die etwa der ORF hier in Grafiken aufbereitet. Sogar die gesammelte Zahl aller Fälle im Burgenland überstieg dort seit Anfang Dezember nie die 200er-Marke. Eine einzelne Teststation kann also dort unmöglich täglich 200 Fälle gemeldet haben.

Kärnten

Auch das Land Kärnten bestreitet, dass Tests an einem seiner Testorte gefälscht worden seien. Der Sprecher des Landes Kärnten, Gerd Kurath, schrieb am 15. Februar: "200 positive Fälle in einer einzelnen Teststraße hat es noch nie gegeben."

Das bestätigen auch die Corona-Fallzahlen. Seit Jahresbeginn meldete das Land nur an drei Tagen überhaupt über 200 Fälle am Tag, an allen anderen Tagen lag der Wert niedriger.

Oberösterreich

Am 12. Februar teilte das Land Oberösterreich gegenüber AFP mit: "Solch eine angebliche Anweisung entbehrt jeglicher Richtigkeit und Logik. Alleine wenn man sich die genannte Zahl von 200 Fällen vor Augen führt, würde das bei 45 bisherigen Teststraßen 9000 'angeblich' positiv getestete Personen pro Tag in Oberösterreich bedeuten." Auch die Frage, ob eine einzelne Teststraße auf die 200 gekommen sei, fällt eindeutig aus: "Nein, es gibt keine Teststraße mit 200 oder mehr positiv getesteten Personen pro Tag." Das Land listet außerdem täglich die kumulierten Testergebnisse auf seiner Website.

Die Zahlen der bestätigten Fälle weisen dort seit Jahreswechsel einmal über 500 Fälle insgesamt im ganzen Bundesland auf, an vielen Tagen erreicht der Wert aber nicht einmal die 200er-Marke.

Salzburg

Auf seiner Website veröffentlicht das Land laufend Lageberichte. In den letzten Aktualisierungen der Lageberichte meldete das Rote Kreuz hier nie über 200 Fälle. Vom 18. bis zum 23. Januar traten etwa insgesamt 172 positive Corona-Fälle auf, vom 25. bis 30. Januar insgesamt 142. An mehreren Testtagen also und über mehrere Teststraßen hinweg gab es weniger als die behaupteten 200 gefälschten Fälle pro Tag und Station. Zwar erfassen die Lageberichte nicht jeden Tag und jede Teststation einzeln, eine systematische Quote von 200 lässt sich aber dennoch ausschließen, selbst für den Fall, dass es einmal vereinzelte Werte über 200 gegeben haben sollte. Die Behauptung der Postings schloss Sprecherin Melanie Hutter aus.

Auch die laborbestätigten Fälle des Bundeslandes mit rund 560.000 Menschen zeigen einen weitaus niedrigeren Wert, der oftmals für das ganze Landesgebiet 200 Fälle nicht übersteigt.

Steiermark

Für das Land Steiermark antwortete Sprecherin Anna Schwaiberger AFP am 12. Februar: "Seit Bestehen dieser Stationen wurde an keiner einzigen Teststation jemals nur annähernd die Anzahl von 200 positiven Ergebnissen erreicht, auch ein dreistelliges Tages-Ergebnis wurde bisher niemals von einer Teststation gemeldet."

Seit Jahresbeginn liegen die bestätigten Fälle in der Steiermark zwischen etwas über 400 Fällen und unter 100.

Tirol

Genauso wie in der Steiermark waren auch in Tirol die positiven Testzahlen in Corona-Teststraßen weit niedriger als 200. "In Tirol wurde an keiner Screeningstraße an einem einzigen Tag 200 positive Testergebnisse verzeichnet. Nach einer ersten Durchsicht können wir sagen, dass dies maximal 75 (Innsbruck) waren", schrieb Sprecherin Bettina Sax am 12. Februar.

Im ganzen Jahr 2021 kletterten die Zahlen der bestätigen Corona-Fälle im gesamten Bundesland bisher erst zwei Mal über 200 Fälle am Tag. Eine systematische Falschmeldung von 200 Fällen ist damit ausgeschlossen.

Vorarlberg

In Vorarlberg ist das genauso: "In ganz Vorarlberg wurde heuer die Marke von 200 nie erreicht – geschweige denn an einem einzelnen Testort", schrieb Thomas Mair von der Vorarlberger Landespressestelle am 15. Februar über die Vorarlberger Teststraßen.

Das deckt sich auch mit den insgesamt erfassten bestätigten Corona-Fällen. Nur an einem Tag knackte Vorarlberg den Wert von 200, an allen anderen Tagen blieb man darunter.

Wien

Den Abschluss macht Wien. Sprecher Norbert Schnurrer von der Stadt Wien schrieb AFP am 12. Februar: "In der Teststraße beim Wiener Stadion sind seit dem 1. Jänner 1.115 Menschen positiv getestet worden – das sind pro Tag bis heute durchschnittlich 26. Im Austria Center sind es 852 gewesen – das sind knapp 20 pro Tag. Teststraße Floridsdorfer Brücke 748 – 17 pro Tag. Alle anderen haben eine geringere Rate. An diesen Zahlen können Sie erkennen, dass 200 pro Tag eine für Verschwörungstheoretiker vollkommen logische Zahl ist – aber in keiner Weise mit der Realität verbunden werden kann."
Dass eine einzelne Teststraße auch nur an einzelnen Tagen, beispielsweise rund um die stark frequentierte Weihnachtszeit, einen Wert über 200 aufwies, kann er ausschließen: "Niemals. Auch nicht annähernd."

In Wien lag die Gesamtzahl an bestätigten Fällen im Jahr 2021 zwischen maximal 475 und minimal 136 Fällen.

Der Ursprung der Nachricht

Einen Hinweis auf den Ursprung der Behauptung geben die Namen Michi und Poldi, die in einer Telegram-Version der 200er-Behauptung fielen. Poldi berichtete darin Michi von der Erzählung. AFP fand das Profil von Michi auf Telegram wieder, die auf Anfrage hin wiederum einen Kontakt zu Poldi herstellte. Diese bestätigte, die Nachricht vor gut einer Woche geschrieben zu haben.

Damals habe auch der Kunde diese Behauptung wiederum ihrer Massagekollegin erzählt. Poldi fagte  für AFP bei ihrer Massagekollegin nach. Diese antwortete demnach: Der Erfahrungsbericht des Kunden stamme gar nicht von ihm persönlich, auch er habe die Geschichte nur weitererzählt. Zumindest dem Kunden in der geteilten Nachricht scheint das Beschriebene demnach gar nicht selbst passiert zu sein, so wie in den Postings behauptet.

Fazit: Hätte eine einzelne Teststraße täglich 200 Fälle gemeldet, um die Zahlen künstlich zu erhöhen, würde sich das in den Statistiken niederschlagen. Sowohl in Niederösterreich als auch in den übrigen Bundesländern sind die Zahlen der Corona-Infizierten pro Teststraße aber durchgehend weitaus niedriger. Das bestätigten die einzelnen Behörden und das zeigen auch die akkumulierten Fallzahlen, die bei einer Testquote von 200 pro Tag in nur einer Teststation viel höher sein müssten. Sogar große Städte wie etwa Innsbruck oder Wien erreichten nicht einmal an einzelnen Tagen 200 Fälle an nur einer Station. Ein Gespräch mit der Frau, die die Nachricht verfasste, zeigt außerdem, dass es keine solide Quelle für die Erzählung gibt.

Eine ähnliche Behauptung, wonach Testergebnisse schon im Vorhinein feststehen würden, hat AFP hier widerlegt.

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