Dieses Video zeigt ein Corona-Notfall-Training – keine Fake-Produktion

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Ein in Social Media tausendfach geteiltes Video mit Szenen aus einem Berliner Krankenhaus soll beweisen, dass die Bilder von Corona-Patienten in den Medien von eben diesen nur inszeniert seien. Diese Behauptung ist irreführend. Das geteilte Video zeigt in Wahrheit Komparsen, echte Ärzte und Krankenschwestern bei einer Übung, die auf einen Massenansturm von Covid-19-Patienten vorbereiten soll.

Seit dem 10. September 2020 kursieren auf Facebook, Twitter (hier und hier) und Instagram (hier und hier) zahlreiche Beiträge mit dem Video. Auch in rechten Telegram-Gruppen wie dieser (Post: 11.09.2020, 16:37 Uhr) oder der Gruppe des Verschwörungsmythikers Attila Hildmann mit 82.000 Mitgliedern (Post: 11.09.2020, 07:05 Uhr) wird das Video verbreitet.

Auf Facebook beschrieb ein Nutzer in seinem Beitrag das Video etwa mit folgenden Worten: "Unsere schwer Kranken Corona Patienten! Alles nur Schauspielerei und Show" (sic!). Ein weiterer Post zeigt sich überzeugt: "Im (CBZJ) Corona-Behandlungszentrum Jafféstrasse wird tüchtig für die Öffentlich-Rechtlichen Mainstream Medien gedreht... Jetzt wisst ihr auch von wo später die dramatischen Bilder herkommen, wenn ihr den Fernseher einschaltet…" (sic!). Weitere Varianten solcher Behauptungen sind hier und hier zu finden.

Was zeigt das Video wirklich?

Im Video sind mehrere Hinweise auf dessen Herkunft des Clips zu finden. Oben links findet sich der Name einer Instagram-Nutzerin – "Officialmelisa". Bei der Suche nach diesem Namen stieß AFP auch auf das originale Video. Es stammt aus den Instagram-Stories von "Officialmelisa", ebenfalls veröffentlicht am Donnerstag den 10. September. Auf AFP-Anfrage bestätigte sie, die junge Frau aus dem Video zu sein, die eine Patientin spielt.

Im Video sagt die Instagramerin, dass es sich um einen "Testlauf" im "neuen Coronazentrum" handele. Sie betont außerdem, dass sie nicht krank sei.

Ebenfalls hält sie einen ausgedruckten Zeitplan mit ihrer Rollenbeschreibung und den dazugehörigen Übungsaufgaben in das Bild. Im letzten Satz des Zeitplans bedankt sich das "CBZJ" für die Unterstützung.

Auf der Bettwäsche des Krankenhausbettes ist das Logo des Krankenhausbetreibers "Vivantes" zu sehen, das einen weiteren Hinweis gibt.

Screenshot des Videos vom 14. September 2020 mit Hinweisen auf den Kontext des Drehs
Screenshot des Videos vom 14. September 2020 mit Hinweisen auf den Kontext des Drehs

 

Was ging wirklich vor sich?

Die Internetseite des CBZJ, ausgeschrieben "Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße" in Berlin bestätigt auf AFP-Anfrage, dass es sich bei der Situation im Krankenhaus um eine Übung gehandelt habe. Dort wurde am 11. September 2020, einen Tag nach der Übung, eine Pressemitteilung veröffentlicht. Sie erklärt, dass "es unter der Beobachtung von Vertretern der Senatsverwaltung für Gesundheit und der Feuerwehr bei der Übung um die Simulation aller wichtigen Betriebsabläufe ging".

Das CBZJ ist auf Wunsch des Berliner Senats als Reserve-Krankenhaus eingerichtet worden und wird von "Vivantes" betrieben. Laut der Sprecherin des Unternehmens, Kristina Tschenett, ist es aktuell ungenutzt. Für den Fall, dass die anderen Berliner Krankenhäuser überfüllt sein sollten, bietet es allerdings Krankenbetten für 500 Menschen.

"Das Vivantes-Kernteam von 50 Mitarbeitern kann dafür aber nicht aus den anderen Krankenhäusern dauerhaft abgestellt werden", sagt die Sprecherin in einem Telefonat mit AFP. Weil das Kernteam erst in der Reserveklinik eintreffe, "musste deshalb für den Notfall der Regelbetrieb geübt werden." Dabei wurde eine Einheit des Krankenhauses mit 70 Betten getestet.

Instagramerin "Officialmelisa" äußert sich am Abend des 14. September 2020 zu dem aus dem Kontext gerissenen Video in einer weiteren Insta-Story. Hier erklärt die 21-Jährige, dass sie und ihre Freundinnen am 27. August 2020 von ihrer Universität auf die Übung aufmerksam gemacht worden seien und deshalb daran teilgenommen hätten. Bei der Übung sei gefilmt worden. "Officialmelisa", sagt sie, habe das verbreitete Video allerdings selbst gefilmt.

Screenshot vom 15. September 2020 aus dem Video, das die Email von der Universität zeigt

AFP hat "Officialmelisa" per Instagram-Nachricht auf die Verbreitung ihres Videos als Beweis für angeblich fingierte Nachrichtenbilder aus Corona-Krankenhäusern angesprochen. Sie beantwortete die Frage öffentlich in ihren Stories:

"Ich hätte nicht damit gerechnet, dass mein Video in solch einem Ausmaß verbreitet wird." Man habe ihren Clip um eine Minute verkürzt und bearbeitet. Erst in dieser Form sei er viral gegangen. Weiter sagt "Officialmelisa": "Es wurde instrumentalisiert, um die Weltanschauung und Interessen einer bestimmten Zielgruppe zu verbreiten", und: "Mein Video wurde von dieser Gruppe komplett sinn- und zweckentfremdet. Das ist total irreführend." Als Folge der Verbreitung habe Instagram ihren Account kurzzeitig gesperrt, sagt sie.

Aber wie kam es überhaupt zur Zweckenfremdung, von der "Officialmelisa" spricht? Einen Angriffspunkt bot offenbar ihre Aussage im Video, für den Auftritt bezahlt worden zu sein.

"Bezahlte Patienten"?

Ein Facebook-Post behauptet demnach, dass im CBZJ "bezahlte Corona-Fake-Patienten" zu sehen seien. Die Vivantes-Sprecherin bestätigt, dass 70 Statisten und Statistinnen gegen eine Aufwandsentschädigung an der Übung teilgenommen haben, auch "Officialmelisa". Die Behauptung des Posts ist somit nicht gänzlich falsch. Sie verschweigt aber die wichtige Information, dass es sich im Krankenhaus um eine Übung handelte und nicht um ein rein fiktives Schauspiel. Der Post suggeriert trotzdem: "Es macht absolut Sinn, wenn echte Kranke/Tote fehlen muss man inszenieren." (sic!)

Die Vivantes-Sprecherin widerspricht weiterhin Behauptungen (etwa in diesem Post zu finden), wonach es eine Bonus-Zahlung für das Darstellen eines Toten gebe. "Es gab eine pauschale Entschädigung von 50 Euro und Essen – ohne Unterschiede, was dargestellt wurde. In dieser konkreten Übung gab es außerdem keinen Todesfall, lediglich eine Reanimation", sagt die Vivantes-Sprecherin. Die Aufwandsentschädigungen seien vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gezahlt worden.

Wurden gestellte Bilder für das Fernsehen gedreht?

Mehrere Facebook-Beiträge behaupten, dass bei der Übung auch gestellte Bilder zur "Propaganda" für öffentlich-rechtliche Sender und RTL (auch hier) produziert worden seien. Im verbreiteten Video ist tatsächlich ein Kameramann zu sehen.

Auf AFP-Nachfrage bei Vivantes heißt es: "Wir haben für die interne Dokumentation zwei Kameraleute und einen Fotografen eingesetzt." Die Fotos wurden bisher auf Instagram, Linkedin und Facebook veröffentlicht. Dort sind sie eindeutig als "Übung", "Simulation" und "Probebetrieb" gekennzeichnet. Auf der Homepage des CBZJ soll außerdem ein Video-Zusammenschnitt der Übung veröffentlicht werden.

Laut der Vivantes-Sprecherin hätten keine Pressevertreter die Übung begleitet. Auch seien keine Anfragen zu Bildern oder Videos eingegangen und ihres Wissens keine Bilder von anderen Medien verwendet worden.

Auf Nachfrage von AFP beim Privatsender RTL bestätigte eine Sprecherin, dass kein RTL-Dreh bei der Übung stattgefunden habe. Auch das ZDF bestätigt, dass es bei der Übung keinerlei Dreharbeiten gegeben habe. Der ARD hat diese Frage bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht beantwortet. Eine Bilderrückwärtssuche auf Google und Yandex ergab ebenfalls keine Treffer.

Fazit

Das Video zeigt tatsächlich eine junge Frau, die eine Corona-Erkrankung inszeniert. Auf Facebook wird dieses Video allerdings aus dem Kontext einer Übung gerissen und in Verbindung mit der Produktion von angeblich gefälschten Nachrichtenbildern gebracht. Diese Beiträge sind irreführend, weil es sich eindeutig um eine Übung handelte und es keine Hinweise auf vom Fernsehen genutzte Bilder gibt.

Updated am 16. September 2020 16:53 Uhr, Titelbild korrigiert
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