Nein, es gab keine Durchsage eines Kaufhauses mit Demo-Slogans in Kassel

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Seit Ende März haben Tausende Nutzerinnen und Nutzer ein Video auf Facebook geteilt, wonach das Kassler Einkaufszentrum Königs-Galerie eine am 20. März dort stattfindende Corona-Demonstration mit Lautsprecherdurchsagen unterstützt habe. Das Kaufhaus dementiert. Berichte von Augenzeugen beschreiben, dass die Durchsagen von der Demonstration selbst kamen. Ähnliche Durchsagen werden regelmäßig auf Corona-Demos abgespielt.

Mehrere Tausend Menschen haben das Durchsage-Video auf Facebook geteilt (hier, hier), Hunderttausenden gefiel es auf TikTok (hier). Auch auf Youtube (hier) sowie dem Fake-News-Blog "Politikstube" verbreitete sich der Clip (hier).

In dem Video von einer Corona-Demo im hessischen Kassel filmt ein Mann Szenen aus einem Kaufhaus und beschreibt das Gezeigte folgendermaßen: „"lso wir sind jetzt hier in der Königs-Galerie in Kassel, weil wir mal aufs Klo müssen und jetzt guckt euch das mal an. Menschen ohne Masken, die Gastronomie ist auf. Ich kann das gar nicht glauben!" Und weiter: "Hier kam gerade über die Lautsprecher ‚Steckt euch die Masken in den Arsch, steckt euch den Test in den Arsch.‘ ‚Steck dir die Pandemie in den Arsch‘ kam auch. Ich kann das gar nicht fassen, ich glaub das gar nicht. Wahnsinn! Der Betreiber hier hat das über die Lautsprecher rausgehauen. Hammer!"

Facebook-Screenshot: 24.03.2021 (Facebook-Screenshot: 24.03.2021)

Am 20. März hatten in Kassel tatsächlich rund 20.000 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung demonstriert. Die Stimmung war angespannt. Berichten zufolge griffen Demonstrierende Polizei und Medienvertreter an, es kam zum Einsatz von Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken. Mehr dazu hier, hier, hier oder hier.

Die aktuell geteilten Aufnahmen stammen ebenfalls tatsächlich aus den Königs-Galerien in Kassel. AFP hat mit dem Betreiber gesprochen. Centermanager Heinz Schäffer dementierte am 23. März die Behauptungen aus dem Video: "Es gab keine Durchsagen der Königs-Galerie."

Auch auf Facebook, Google sowie seiner Website stellte der Betreiber der Königs-Galerien klar, dass es "zu keiner Zeit vom Centermanagement Lautsprecherdurchsagen zum Umgang mit den Masken oder den Corona-Tests" gegeben habe. "Diese Durchsagen kamen von einigen Demonstranten mittels Megafon", so die Richtigstellung der Königs-Galerie.

Zu den angeblich offenen Gastronomiebetrieben erklärte die Königs-Galerie: "Alle Mitarbeiter in den Ladengeschäften der Königs-Galerie, insbesondere auch die Mitarbeiter im Gastronomiebereich, haben sich an die aktuellen Bestimmungen der Corona-Verordnung gehalten. Speisen wurden, wie gesetzlich erlaubt, ausschließlich To-Go und zur Auslieferung außer Haus verkauft."

Dass sich jemand aus der Demonstration Zugang verschafft und eigenmächtig eine Durchsage durch die Kaufhaus-Lautsprecher gemacht haben könnte, schloss Schäffer ebenfalls aus: "Der Raum, in dem sich die Sprechanlage befindet, kann nur mit einem separaten Schlüssel geöffnet werden."

Was Augenzeugen sagen

AFP hat außerdem Augenzeugen des Geschehens befragt. Journalist Daniel Spliethoff hat für RTL von der Demonstration berichtet und war auch im Kaufhaus. Er schrieb am 24. März: "Mein Eindruck war, dass der Spruch aus einem Megafon kam, die waren auf der Demo dort reichlich zu sehen und zu hören. Aber Fakt ist, dass das Einkaufszentrum dem Treiben da keinen Einhalt geboten hat." Später wurden die Demonstrierenden von der Polizei aus dem Kaufhaus verwiesen, wie Filmaufnahmen und ein Tweet der Polizei Nordhessen belegen.

Auch Vincenzo Chiera, der das Restaurant Avanti in der Königs-Galerie betreibt, sagte am 24. März zu AFP: "Diese Durchsagen gab es, aber sie kamen von der Demo." Die Gastronomie habe ebenfalls nicht komplett geöffnet gehabt, man habe lediglich zum Mitnehmen verkauft. Ein Video aus dem Restaurant Avanti bestätigt das, auch dort heißt es auf die Frage eines Demonstranten: "Ich habe die Erlaubnis zum Mitnehmen zu machen, das mache ich." In Hessen dürfen Gastrobetriebe Speisen und Getränke zur Abholung oder Lieferung anbieten, solange sie sich an Abstands- und Hygienemaßnahmen halten.

In einer Aufnahme von "Wendezeit Hannover" sieht man anders als im aktuell geteilten Video tatsächlich zahlreiche Menschen an den Tischen im Mittelbereich des Einkaufszentrums sitzen. Restaurantbetreiber Chiera sagte, dass die Demonstrierenden sich die Getränke großteils im nahe gelegenen Lidl geholt hätten. Auch solche Szenen sind im Wendezeit-Video belegt.

Der Demo-Spruch

Der Spruch "Steckt euch eure Masken in den Arsch" ist nicht neu. Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen verwenden solche Durchsagen bereits lange und in verschiedenen Versionen. Die Masken werden darin teilweise durch Tests, Pandemie, Impfungen, Inzidenzwerte, Quarantäne, Abstandsregeln oder andere coronabezogene Worte ersetzt.

Schon vor der Demonstration in Kassel gab es Videos von Demonstrationen und Protestaktionen mit der Durchsage. AFP hat beispielsweise Aufnahmen aus Würzburg, Wien und Düsseldorf gefunden, in denen Protestierende den Spruch verwendeten.

In England und Irland verbreiteten sich ähnliche Slogans bereits im Vorjahr. Am Trafalgar-Square in London skandierten Demonstrierende vergangenes Jahr "stick the vaccine up your arse" und eine irische Zeitung berichtete im Oktober 2020 vom selben Slogan in Dublin.

In Telegram-Kanälen, die sich gegen die Corona-Maßnahmen aussprechen, teilen User verschiedene Audiofiles der Durchsage auch zum Download (hier, hier, hier). Außerdem kursieren verschiedene Remixes des Slogans auf Youtube (hier, hier, hier). Der Spruch erfreut sich also schon länger Beliebtheit unter Maßnahmengegnern.

Ausschnitt aus einem Video aus der Königs-Galerie, Markierungen durch AFP

Ausschnitte aus einem weiteren Video vom Samstag zeigen, dass mehrere Demonstrantinnen und Demonstranten tatsächlich Megafone dabei hatten. Zu sehen sind ein Mann in Kapuzenweste und eine Frau mit türkiser Jacke. Von wem genau die Durchsagen gemacht wurden, geht allerdings aus keiner der von AFP gefundenen Aufnahmen hervor.

Fazit: Die Königs-Galerie dementiert, die Corona-Demo in Kassel mit Lautsprecherdurchsagen unterstützt zu haben. Ein Zugang zur Sprechanlage durch Außenstehende ist nach Angaben der Kaufhaus-Betreiber ebenfalls ausgeschlossen, da der Raum verschlossen war. Zwei Augenzeugen berichteten AFP unabhängig voneinander, dass die Durchsage von den Demonstrierenden selbst kam. Der Demo-Spruch wurde bereits bei Corona-Demonstrationen in mehreren Ländern von Demonstrierenden verwendet.

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