Nein, die Covid-19-Impfung führte nicht zu 60.000 Toten in Deutschland
- Veröffentlicht am 30. April 2026 um 16:26
- 7 Minuten Lesezeit
- Von: Anna HOLLINGSWORTH, AFP Finnland
- Übersetzung und Adaptierung: Elena CRISAN, AFP Österreich
Im März 2026 überprüfte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss in Deutschland Corona-Maßnahmen. Dabei behauptete der frühere Pfizer-Mitarbeiter Helmut Sterz, der Covid-19-Impfstoff hätte den Tod von bis zu 60.000 Menschen verursacht. Wochen später kursierten ähnliche Behauptungen auf X, die vom Eigentümer der Plattform, Elon Musk, weiterverbreitet wurden. Fachleute erklärten AFP jedoch, es gebe keine Belege dafür, dass die Impfstoffe zu einer Übersterblichkeit geführt hätten, und widersprachen Sterz' Berechnungen.
"Pfizer-Insider schätzt zwischen 20.000 und 60.000 Impftote für Deutschland", lauten mehrere Beiträge auf Facebook, die rege geteilt wurden. Demnach habe der ehemalige Leiter der Toxikologie von Pfizer in Europa, Helmut Sterz, bei einer Anhörung im Bundestag die Zahl von "bis zu 60.000 Menschen in Deutschland" genannt, die an der Covid-19-Impfung gestorben seien.
Manche deutschsprachige Posts teilten Screenshots einer Behauptung des rechten Influencers Peter Immanuelsen, dem bereits vorgeworfen wurde, Desinformation zu verbreiten. Immanuelsen, der online als PeterSweden bekannt ist, hat mehr als 900.000 Followerinnen und Follower auf X. Musk trug bereits mehrfach zur Verstärkung seiner Reichweite bei. "Das sollte ÜBERALL Schlagzeilen machen", lautete Immanuelsens X-Beitrag vom 12. April 2026 sinngemäß, der über 61 Millionen Mal angesehen wurde.
Musk verbreitete den Beitrag mit den Impfstoff‑Behauptungen und erzielte dadurch weitere 59.000 Shares. Auch der Blog Nius, die Facebook-Seite Freier Blickwinkel sowie der österreichische Sender Auf1, von denen AFP bereits Behauptungen überprüft hat, nahmen Bezug auf die Falschinformation.
In Deutschland wurde die Behauptung ebenfalls auf Instagram, Telegram und X verbreitet und von AfD-Kreisen aufgegriffen. An der Verbreitung der Falschinformation beteiligte sich auch der AfD‑Abgeordnete Kay-Uwe Ziegler und erzielte über 600 Shares auf Facebook. Die Falschinformation kursierte zudem auf Finnisch.
Bei der Anhörung, die die Beiträge erwähnen, handelt es sich um eine Enquete-Kommission des Bundestags zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie. Das Gremium aus jeweils 14 Abgeordneten und Sachverständigen hat sich seit September 2025 zur Aufgabe gesetzt, politische Entscheidungen in der Corona-Pandemie zu überprüfen, mögliche Fehler zu benennen und Lehren für die Zukunft zu ziehen.
Am 19. März 2026 fand eine öffentliche Anhörung statt, bei der die Behauptungen von Sterz erhoben wurden. Eine Überprüfung von Sterz' Hintergrund zeigt jedoch, dass er während der Pandemie nicht für Pfizer tätig war. Zudem erklärten Expertinnen und Experten gegenüber AFP, es gebe keine Belege für eine durch die Covid-19-Impfungen verursachte Übersterblichkeit, und Sterz' Schätzung beruhe auf irreführenden Berechnungen.
Angeblicher "Insider" verließ Pfizer lange vor der Pandemie
Sterz, der in den Anhörungsunterlagen als Toxikologe beschrieben wird, wurde von Vertreterinnen und Vertretern der in Teilen als rechtsextrem eingestuften Alternative für Deutschland als Experte für die Anhörung benannt. Mitglieder der Partei haben wiederholt Falschinformationen zu Impfungen verbreitet. Sterz veröffentlichte zudem das Buch "Die Impf-Mafia", erschienen im Dezember 2025, in dem er Behauptungen über umfangreiche Todesfälle nach Covid-19-Impfungen aufstellt – bislang haben jedoch keine großen wissenschaftlichen Einrichtungen seine Schätzungen zur Sterblichkeit bestätigt.
In den Behauptungen wird Sterz als "Pfizer-Insider" dargestellt, doch laut seinem Linkedin-Profil verließ er das Unternehmen bereits im März 2009, nachdem er im Dezember 2001 bei Pfizer begonnen hatte.
In der Anhörung, die auf der Website des Bundestags abrufbar ist, wurde Sterz von der SPD-Abgeordneten Lina Seitzl gefragt, wie er seit seinem Ausscheiden bei Pfizer mit der wissenschaftlichen Forschung Schritt gehalten habe. "Ich habe sehr intensiv gelesen und gehört, was publiziert worden ist, insbesondere aus USA und die Toxikologie an sich (...) macht nicht halt, bloß, weil ich mich in Ruhestand begeben habe", sagte er ab Minute 2:44:52 der Aufzeichnung.
Meldesystem stellt keine Kausalität her
Sterz äußerte die in sozialen Medien zitierten Behauptungen bei der Beantwortung von Fragen des AfD-Politikers Stefan Homburg ab Minute 48:37 der Aufzeichnung.
"Pfizers Post-Marketing-Bericht sprach von über 1200 Todesverdachtsfällen innerhalb von nur zwei Monaten nach der Zulassung. Spätestens da hätte man Comirnaty wieder vom Markt nehmen müssen", behauptete Sterz. Comirnaty ist der Handelsname des mRNA-Impfstoffs gegen Covid-19 von Pfizer. Bei mRNA-Impfstoffen werden Bauanleitungen in Form von Boten-RNA in die Zellen eingeschleust. Die Abkürzung mRNA steht für "messenger ribonucleic acid" (zu Deutsch: Boten-Ribonukleinsäure). Dabei handelt es sich um ein Molekül, das menschliche Zellen dazu bringt, ein bestimmtes Protein herzustellen, wie AFP in einem anderen Faktencheck ausführte. Im Fall des Covid-19-Impfstoffs handelt es sich um das S-Protein oder "Spike"-Protein, das vom Immunsystem als fremd erkannt wird. Dadurch beginnen die Zellen, Antikörper gegen dieses Protein zu bilden, damit der Körper schneller eine Immunantwort auslösen kann, wenn er tatsächlich auf das Virus trifft.
Anschließend sprach Sterz über Meldungen an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das dem Gesundheitsministerium untergeordnet ist. Er behauptete, das Institut habe "2133 Meldungen über Todesfälle nach Comirnaty" erhalten. "Bei diesen Spontanmeldungen gibt es eine hohe Dunkelziffer durch Underreporting", sagte Sterz weiter. Er erklärte, in den USA werde dabei ein sogenannter Untererfassungsfaktor von 30 verwendet, was bedeute, dass registrierte Fälle mit diesem Faktor multipliziert werden müssten. "Für Deutschland entspräche das 60.000 Todesfällen durch die Impfung", schlussfolgerte Sterz.
Sterz nannte die Zahl von 20.000 während der Anhörung nicht, auch wenn die online verbreiteten Posts von einem Rahmen zwischen 20.000 bis 60.000 Todesfällen sprechen. Gegenüber Nius sprach Sterz von dieser unteren Grenze. Expertinnen und Experten erklärten AFP, es gebe keine Belege dafür, dass der Pfizer-Impfstoff die von Sterz behauptete Zahl von Todesfällen in Deutschland verursacht habe.
Die Berechungsbasis von "1200 Todesverdachtsfällen innerhalb von nur zwei Monaten nach der Zulassung", auf die sich Sterz unter Bezug auf einen Pfizer-Bericht beruft, ist nicht neu. AFP überprüfe sie bereits im Jahr 2021. Die Zahl bezieht sich auf die gemeldeten Todesfälle nach einer Impfung. Dabei blieb ungeprüft, ob die Impfung tatsächlich die Todesursache war.
Das PEI sammelt in Deutschland Meldungen zu Nebenwirkungen von Covid-Impfstoffen. In einem Bericht vom März 2025 verzeichnete das Institut 3086 Meldungen über mutmaßlich tödliche Nebenwirkungen im Zeitraum vom 27. Dezember 2020 bis zum 31. Dezember 2024. Davon wurden 74 (also 2,4 Prozent) nach dem Kausalitätsbewertungsalgorithmus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als konsistent eingestuft, was bedeutet, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung möglich oder wahrscheinlich war.
Das PEI sagte gegenüber AFP am 21. April 2026, dass sich die Zahlen seit ihrer Veröffentlichung "nicht wesentlich verändert haben". Es gebe "keinen Beweis für die von Dr. Sterz auf Grundlage der im Bericht genannten 2133 Verdachtsfälle nach Comirnaty-Impfung vorgenommenen Schätzungen. Bei diesen Fällen handelt es sich um Verdachtsfälle und nicht um bestätigte Fälle, was sie zu einer ungeeigneten Grundlage für eine solche Schätzung macht", so das PEI.
Das Institut erklärte, dass das deutsche Infektionsschutzgesetz dazu verpflichtet, jeden Verdacht auf eine "über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung" zu melden.
Um eine mögliche Untererfassung zu vermeiden, ermöglicht das Institut Betroffenen sowie deren Angehörigen, Verdachtsfälle von Nebenwirkungen direkt zu melden.
"Ein wesentlicher Faktor für die Meldung von Verdachtsfällen auf Nebenwirkungen dürfte auch das öffentliche Interesse an dem jeweils betroffenen Arzneimittel sein", teilte das PEI weiter mit. Dies sei bei den Covid-Impfstoffen der Fall gewesen, da die Pandemie für die breite Öffentlichkeit eine außergewöhnliche Situation dargestellt habe.
Zudem wurden mRNA-Impfstoffe wie Pfizers Comirnaty als neue Impfstoffklasse gegen Covid-19 eingeführt. Auch Vektorimpfstoffe – bei denen ein abgeschwächtes Virus genutzt wird, um Bauanleitungen in die Zellen zu transportieren – waren dagegen zuvor nicht breit eingesetzt worden.
Zu den Berechnungen von Sterz erklärte das PEI, dass eine pauschale Hochrechnung "nicht sinnvoll" sei, da die Datengrundlage dafür fehle.
Luka Cicin-Sain, Leiter der Abteilung für virale Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, erklärte, dass die Meldungen an das PEI, auf denen die Behauptung von Sterz beruhe, "lediglich Berichte darüber sind, dass ein Ereignis nach einer Impfung aufgetreten ist, aber nicht belegen können, dass die Impfung das Ereignis verursacht hat".
"Angesichts der Millionen verabreichter Impfstoffdosen an überwiegend ältere Menschen ist diese Zahl nicht besonders auffällig", sagte Cicin-Sain gegenüber AFP am 21. April 2026. Es sei zu erwarten, dass ein Teil dieser Menschen aufgrund natürlicher Ursachen sterbe.
Um einen ursächlichen Zusammenhang mit den Impfstoffen herzustellen, müsse "mindestens über einen vergleichbaren Zeitraum eine ungeimpfte Bevölkerung beobachtet werden, die hinsichtlich Alter, Vorerkrankungen und einiger weiterer Faktoren ähnlich ist, und es müsste ein Anstieg der Sterblichkeit in der geimpften Gruppe festgestellt werden", führte Cicin-Sain aus.
Studien widersprechen den Behauptungen zur Sterblichkeit
Zudem stützen Studien, die die Sterblichkeit bei geimpften und ungeimpften Gruppen untersuchen, die Behauptungen von Sterz nicht. Laut Cicin-Sain haben diese Studien durchgängig gezeigt, dass geimpfte Menschen weniger oft sterben.
Cicin-Sain nannte als Beispiel eine von Fachkolleginnen und Fachkollegen kritisch gegengelesene Studie, die 2025 veröffentlicht wurde und untersuchte, ob es einen Zusammenhang zwischen mRNA-Covid-Impfstoffen und der langfristigen Gesamtsterblichkeit in Frankreich gibt. Sie untersuchte die Gesamtsterblichkeit von Geimpften von 18- bis 59-Jährigen nach etwa vier Jahren und kam zu dem Ergebnis, dass "kein erhöhtes Risiko" bestehe und die weltweit breit eingesetzten mRNA-Impfstoffe sicher seien.
Eine Folgestudie des finnischen Instituts für Gesundheit und Wohlfahrt analysierte die Sterblichkeit geimpfter Personen neun Wochen nach der Impfung im Zeitraum vom 1. Oktober 2020 bis zum 19. September 2022. Die Studie stellte fest, dass die Sterblichkeitsrate unter geimpften Personen in Finnland jene der ungeimpften Personen nicht überstieg.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erklärt auf ihrer Website, sie überprüfe "alle Sicherheitsdaten sorgfältig und kann bestätigen, dass es keine Hinweise auf eine Zunahme von Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19-Impfungen in irgendeiner Altersgruppe gibt, auch nicht bei Kindern".
Laut EMA zeigten von der Statistikbehörde der Europäischen Union Eurostat veröffentlichte Daten zwar einen Anstieg der Übersterblichkeit in vielen EU-Ländern, dieser sei jedoch "weitgehend mit Wellen erhöhter Covid-19-Infektionen zusammengefallen". Die Übersterblichkeit bezeichnet die zusätzlichen Todesfälle durch Covid-19 im Vergleich zu jenen, die ohne Pandemie zu erwarten gewesen wären. Die Behörde schreibt des Weiteren: "Die überwiegende Mehrheit der bekannten Nebenwirkungen ist mild und kurzzeitig. Schwere Nebenwirkungen können auftreten, sind aber sehr selten." Auch Meldungen über Todesfälle nach Impfungen seien "sehr selten".
Weitere Faktenchecks zu den Themen Covid-19 und Gesundheit finden sich auf der AFP-Website.
Fazit: Online kursierende Behauptungen eines angeblichen Pfizer-Insiders zu angeblich zehntausenden Impftoten aufgrund der Comirnaty-Impfung gegen Covid-19 sind unbelegt. Fachleute, Studien sowie Behörden widersprechen dieser Schätzung und sagen, dass die Impfung sicher sei.
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