Nein, der Bundestag plant die Covid-19-Pandemie nicht seit 2012

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Aktuell kursieren Behauptungen auf Facebook, wonach die aktuelle Corona-Krise eine seit 2012 von der Bundesregierung geplante Fake-Pandemie sei. Die Beiträge beruhen auf einer seit August über 11.000 Mal geteilten Vermutung auf Facebook. Diese bezieht sich wiederum auf eine eine alte Drucksache des Parlaments mit der Überschrift "Pandemie durch Virus: Modi-SARS". Die Risikoanalyse ist echt, sie spricht aber zu keinem Zeitpunkt vom neuartigen Coronavirus. Sie analysiert lediglich die Gefahren verschiedener Naturkatastrophen, darunter auch eine fiktive Pandemie mit dem damals bereits bekannten SARS-Erreger.

Corona sei eine Fake-Pandemie des Bundestages, behaupten User auf Facebook im Oktober (hier und hier). Seinen Ursprung hat die Behauptung in einem über 11.000 Mal geteilten Facebook-Posting vom 3. August. Darin wird angedeutet, dass die derzeitige Corona-Krise seit 2012 geplant sei. Ähnliche Andeutungen erreichen seitdem tausende Facebook-User (hier und hier). AFP fand ein erstes Posting zum Thema bereits Anfang März (hier).

Auch auf Telegram wird die Behauptung von der Fake-Pandemie geteilt, beispielsweise im über 41.000 Mitglieder starken "FREIHEITS-CHAT". Ein Blog-Artikel mit dem Titel "Bundesdrucksache bestätigt: Corona ist Fake Pandemie" greift den angeblichen Sensationsfund ebenfalls auf.

Eines der Postings mit der Andeutung auf Facebook – Screenshot: 28.10.2020

Der reichweitenstarke Facebook-Post vom August schreibt dazu: "Offiziell abrufbar auf der Seite des deutschen Bundestages!!! Sehr interessant wie genau sie es 2012!!! schon beschrieben/geplant/gewusst haben!!!" Dazu stehen über 30 abfotografierte Fotos aus einem Bericht.

Angeblich besonders brisante Stellen wurden mit gelbem Textmarker hervorgehoben. Unter anderem sind Ähnlichkeiten zur momentanen Pandemie markiert. Ebenfalls gelb unterstrichen ist die Erklärung für eben diese Ähnlichkeiten.

Die angeblich entlarvende Drucksache 17/12051 steht offen zugänglich im Dokumentationssystem des Deutschen Bundestages. Das Parlament veröffentlichte den "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" am 3. Januar 2013 (hier). Darin analysieren Expertinnen und Experten unter Federführung des Robert Koch-Instituts ein Bedrohungsszenario: Eine Pandemie durch den sogenannten "Virus Modi-SARS". Außerdem beschäftigt sich der Bericht mit der Gefahr eines extremen Schmelzhochwassers aus den Mittelgebirgen.

Die Postings beziehen sich auf den Anhang 4 der Analyse. Er ist der Drucksache ab Seite 55 beigefügt und skizziert ein außergewöhnliches Seuchengeschehen durch einen neuartigen Erreger. Das Robert Koch-Institut hat das Szenario gemeinsam mit Bundesbehörden erstellt und im Dezember 2012 fertiggestellt.

Der Erreger "Virus Modi-SARS" ist dabei kein echtes Virus. Die Expertinnen und Experten des RKI haben es sich ausgedacht, um ein möglichst realistisches Szenario einer Pandemie zu simulieren. SARS steht für "severe acute respiratory syndrome", also schweres akutes respiratorisches Syndrom. In der Analyse heißt es dazu: "Die Wahl eines SARS-ähnlichen Virus erfolgte u.a. vor dem Hintergrund, dass die natürliche Variante 2003 sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen gebracht hat". Der Bericht stellt außerdem fest: "Die Vergangenheit hat bereits gezeigt, dass Erreger mit neuartigen Eigenschaften, die ein schwerwiegendes Seuchenereignis auslösen, plötzlich auftreten können (z. B. SARS-Coronavirus (CoV), H5N1-Influenzavirus, Chikungunya-Virus, HIV)".

SARS fand damals in der deutschen Öffentlichkeit bereits Beachtung (etwa hier).

Ein Auszug aus der Drucksache 17/12051 – Screenshot: 28.10.2020

Das SARS-Coronavirus (CoV) von damals hat allerdings nicht zur aktuellen Corona-Pandemie geführt. Das SARS-Coronavirus löst die schwere Atemwegskrankheit SARS aus. Das verwandte Virus SARS-CoV-2 hingegen ist Auslöser der Krankheit Covid-19. Letztere kommt im Bericht des Bundestags damals noch nicht vor.

Mit dem modifizierten SARS-Virus "Modi-SARS" spielen die Forscher in ihrer Analyse dagegen mögliche Abläufe einer Pandemie durch. In ihrem hypothetischen Fall löst das fiktive Virus hohes Fieber und Husten aus und wird aus Asien nach Deutschland gebracht. Damit ähnelt das Szenario der Covid-19-Pandemie, weil eben auch die frührere SARS-Verbreitung der heutigen Pandemie ähnelte.

Diese Ähnlichkeit hat auch bereits zu öffentlichen Debatten geführt: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung etwa hatte bereits im April 2020 auf den "Bericht, den keiner las" hingewiesen. Die Zeitung fragte damals: Hätte die Regierung die Analyse ernster nehmen sollen, um auf die Covid-19-Pandemie vorbereitet zu sein?

Auch die AfD kritisierte in mehreren Facebook-Postings den Umgang mit dem neuartigen Coronavirus und zieht dafür den Bericht von 2012 heran, der ein vergleichbares Ereignis bereits prognostiziert habe (hier und hier).

Fazit: Die verbreitete Drucksache beweist nicht, dass die Bundesregierung bereits 2012 das neuartige Coronavirus plante. Die Krankheit Covid-19 kommt auch nicht im Bericht vor. Er dient dem besseren Umgang mit Naturkatastrophen und skizziert damals deshalb ein fiktives Szenario ausgehend von dem bereits bekannten SARS-Erreger.

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