Doch, die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer gegen Covid-19 funktionieren

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  • Veröffentlicht am 23. November 2021 um 15:42
  • 7 Minuten Lesezeit
  • Von: Jan RUSSEZKI, AFP Deutschland
Tausende Facebook-User haben seit Anfang November eine Texttafel geteilt, wonach der Biontech/Pfizer-Impfstoff nicht funktioniere. Internationale Studien sowie Experten und Expertinnen bestätigen jedoch, dass die mRNA-Impfung von Biontech als Covid-Schutz durchaus funktioniert.

1900 Nutzerinnen und Nutzer haben seit dem 9. November die Behauptung als Texttafel auf Facebook geteilt (hier, hier).

Die Falschbehauptung: In den Postings heißt es: "Biontech: 3 Mrd. Euro Nettogewinn im dritten Quartal 2021. Wahnsinn und das mit einem Produkt welches nicht funktioniert!"

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Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 19.11.2021

AFP widerlegte bereits zahlreiche Behauptungen über vermeintliche Gefahren durch die mRNA-Impfungen (hier) und deren angebliche Inhaltsstoffe (hier). Auch der Nutzen von Impfungen wird immer wieder unter Bezug auf pseudowissenschaftliche Argumente angezweifelt (hier, hier). Die aktuelle Behauptung, dass die Impfung von Biontech/Pfizer nicht funktioniere, passt in diese Reihe von falschen und irreführenden Behauptungen. Sie kursiert seit der Veröffentlichung des Biontech-Quartalsberichts vom 9. November 2021, in dem Biontech tatsächlich von einem Nettogewinn von rund 3,2 Milliarden Euro im dritten Quartal berichtet.

Welche Technologie steckt im Biontech/Pfizer-Impfstoff?

Der Biontech-Impfstoff gegen Covid-19 beruht auf einer neuartigen mRNA-Technologie. Die mRNA-Impfstoffe, welche auch Moderna und Curevac anbieten, nutzen Gen- bzw. RNA-Schnipsel, um Muskelzellen im Körper zur Produktion von Spike-Proteinen anzuregen. Mehr dazu hier und im folgenden Erklärvideo von AFP.

Funktioniert der mRNA-Impfstoff?

Ja. AFP hat für einen älteren Faktencheck Anfang August 2021 bereits den Impfstoffforscher Dr. Torben Schiffner vom Universitätsklinikum Leipzig zu der Wirksamkeit von Covid-Impfstoffen befragt. Er fasste am 5. August in einer E-Mail zusammen:

Auch wenn mRNA-Impfungen keinen 100-prozentigen Schutz vor Infektionen bieten, reduzieren sie die Wahrscheinlichkeit, sich und andere zu infizieren.

Das belegen etwa mehrere Studien aus Israel, wo Anfang 2021 schnell, in großen Mengen und hauptsächlich mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff gegen Corona geimpft wurde. Zwei dieser klinischen Studien von der Gesundheitspflegeorganisation Meuhedet und dem Sheba Medical Center (Details in diesem AFP Faktencheck) belegten anhand mehrerer tausend Testpersonen eine Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffes von 89 bis 92 Prozent (hier, hier). In einem medizinischen Fachartikel vom 5. Mai 2021, der im medizinischen Journal "The Lancet" erschien, sprechen Forschende des israelischen Gesundheitsministeriums von einer Wirksamkeit von 95,3 Prozent nach der Verabreichung der zweiten Impfung. (Die Impfwirksamkeit nimmt über die Zeit wieder ab, dazu gleich mehr.)

Zur Erklärung: Die Prozentzahlen der Studien geben nicht an, zu wie viel Prozent jeder Einzelne vor einer Infektion geschützt ist. Die Wirksamkeit eines Impfstoffs wird in klinischen Studien vielmehr berechnet, indem die Erkrankungsraten zwischen zwei Gruppen verglichen werden: der Gruppe, die ein Placebo erhielt, und der Gruppe, die den echten Impfstoff erhielt. Ein Rechenbeispiel: Haben sich unter den Geimpften 80 Prozent weniger als in der Placebogruppe infiziert, liegt die Wirksamkeit eines Impfstoffs bei 80 Prozent.

Virusvarianten beeinflussen Impfstoff-Wirksamkeit

Mittlerweile sind auch in Deutschland laut dem Impf-Dashboard des Bundesgesundheitsministeriums mit Stand 22. November 2021 56,6 Millionen Menschen vollständig geimpft. Das entspricht 68 Prozent der Bevölkerung. Der Großteil der gelieferten Impfungen stammt demnach in Deutschland von Biontech/Pfizer.

Sars-Cov-2-Mutationen können laut Robert-Koch-Institut den Impfschutz durchaus beeinflussen. Auf der RKI-Seite heißt es dennoch, dass "aktuelle Studien zeigen, dass die verfügbaren Impfstoffe auch gegen Virusvarianten wirksam sind".

Die aktuellen Covid-Infektionen in Deutschland sind laut RKI-Wochenbericht vom 18. November 2021 fast ausschließlich auf die Delta-Variante zurückzuführen. Mit Stand 2. November bewertete das RKI in einem FAQ die Wirksamkeit von Biontech/Pfizer wie folgt: "Nach derzeitigem Kenntnisstand bieten die Covid-19-mRNA-Impfstoffe Comirnaty (BionTech/Pfizer) und Spikevax (Moderna) sowie der Vektor-Impfstoff Vaxzevria (Astrazeneca) eine hohe Wirksamkeit von etwa 90 Prozent gegen eine schwere Covid-19-Erkrankung und eine Wirksamkeit von etwa 75 Prozent gegen eine symptomatische Sars-CoV-2-Infektion mit Delta."

Gründe für Impfdurchbrüche

Auch für Geimpfte bleibt ein Risiko bestehen, sich trotz Impfwirksamkeit mit Covid-19 anzustecken. Stecken sich Geimpfte an, spricht das RKI von einem "Impfdurchbruch". Dafür gibt es neben individuellen Ursachen wie einer Immunschwäche drei weitere grundsätzlichere Gründe für Impfdurchbrüche.

Kein absoluter Schutz: Wie bereits erwähnt, bietet laut RKI kein Impfstoff einen 100-prozentigen Schutz, weswegen es trotz einer Impfung immer zu Infektionen kommen kann. Je mehr Menschen also geimpft sind, desto höher ist folglich die Zahl an Impfdurchbrüchen.

Alter der Geimpften: Einen zweiten Grund erklärte RKI-Sprecherin Ronja Wenchel in einem AFP Faktencheck von Anfang November: "Im höheren Alter fällt die Immunantwort nach der Impfung insgesamt geringer aus."

Das belegte auch bereits eine Studie der Berliner Charité von August 2021, bei der Forschende die Immunantwort von 71 Menschen im Durchschnittsalter von 81 Jahren mit 123 Gesundheitsmitarbeitenden im Durchschnittsalter von 34 Jahren verglichen hatten. Sie kamen zum Ergebnis, dass die sonst bei jungen Menschen nach drei Wochen eingetretene Immunantwort, bei 24 von 52 der älteren Probanden schwächer ausfiel. Obwohl das Immunsystem bei 63 von 70 Älteren nach sieben Wochen doch auf die Impfung ansprang, waren die Werte für die Immunantwort "deutlich niedriger" als bei jüngeren Menschen. Die Studie fasste zusammen: "Diese Daten unterstreichen, dass nicht-pharmazeutische Maßnahmen zur Behandlung von Coronavirus-Erkrankungen weiterhin von entscheidender Bedeutung sind und dass zusätzliche Impfungen für ältere Menschen notwendig werden könnten."

Abnehmender Schutz: Wenchel nannte als dritten Grund, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlasse.

Das belegt eine breit angelegte britische Studie vom King’s College in London. Die Forschenden dieser sogenannten "Zoe-Covid-Studie" werteten 1,2 Millionen Testergebnisse von Probandinnen und Probanden aus, die zwischen Dezember 2020 und Juli 2021 geimpft wurden. Dabei kamen sie zum Ergebnis, dass der Schutz einer Biontech-Impfung über fünf bis sechs Monate hinweg auf 74 Prozent gefallen ist.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine am 25. Oktober in "The Lancet" veröffentlichte Preprint-Studie, also eine Studie, die unabhängige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch nicht auf ihre Richtigkeit geprüft haben. Forschende der schwedischen Universität Umeå zeigen darin anhand von Daten von 842.974 Geimpften und einer gleich großen Ungeimpften-Gruppe, dass der Impfschutz von Biontech/Pfizer nach vier bis sechs Monaten bei etwa 47 Prozent liegt. Ein guter Schutz gegen schwere Krankheitsverläufe hält demnach aber länger an.

Am 18. November meldete das RKI insgesamt 214.815 Impfdurchbrüche in Deutschland. Dem gegenüber standen zum selben Zeitpunkt rund 57 Millionen vollständig geimpfte Menschen. Bei rund 37 Prozent der Impfdurchbrüche mussten die Betroffenen im Krankenhaus behandelt werden. Die Impfdurchbrüche führen laut RKI vor allem bei Menschen über 60 Jahren zur Krankenhauseinlieferung: Rund 45 Prozent der hospitalisierten Infizierten mit Impfdurchbruch sind über 60 Jahre alt, etwa 28,4 Prozent unter 60 Jahren.

Auffrischungsimpfungen stellen Schutz wieder her

In den beiden genannten Studien zur Schutzdauer raten die Forschenden zur Auffrischungsimpfung. Der leitende Professor der Londoner Studie, Tim Spector, schreibt in seiner Studie: "Wir müssen dringend Pläne für Auffrischungsimpfungen auf den Weg bringen und auf der Grundlage der Impfstoffressourcen entscheiden, ob eine Strategie zur Impfung von Kindern sinnvoll ist, wenn unser Ziel die Reduzierung von Todesfällen und Krankenhauseinweisungen ist."

Diese Auffrischungsimpfung, die es auch vom Biontech/Pfizer gibt, wurde am 18. November auch von der Ständigen Impfkommission (Stiko), das zum RKI gehört, für alle Geimpften ab 18 Jahren empfohlen.

Auf der Seite des RKI heißt es dazu: "Ziele der Ausweitung der bestehenden Auffrischimpfempfehlung über die bisherigen Indikationsgruppen hinaus ist neben der Aufrechterhaltung des Individualschutzes die Reduktion der Übertragung von SARS-CoV-2 in der deutschen Bevölkerung, um Infektionswellen abzuschwächen und zusätzliche schwere Erkrankungs- und Todesfälle zu verhindern."

Die Auffrischungsimpfungen werden in Deutschland in verschiedenen Bundesländern angeboten (hier, hier, hier) und laut RKI-Impfdashboard seit Anfang November auch vorgenommen. Auch hier dient Israel als Vorbild, wo schnell Booster-Impfungen angeboten wurden und jetzt niedrige Corona-Zahlen verzeichnet werden (mehr dazu hier).

Impfungen haben auch Auswirkungen auf Ungeimpfte

Eine Covid-Impfung schützt vor allem die Geimpften selbst, hat aber auch Auswirkungen auf die Ungeimpften in der Bevölkerung. Wie genau der Impfschutz dabei hilft, Ansteckungen in einer Gemeinschaft zu verhindern, erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hier. Je mehr Menschen demnach geimpft sind, desto weniger Menschen kommen mit dem Virus in Kontakt. Bei genügend Geimpften können Ansteckungsketten unterbrochen werden und das Virus kann sich schlechter ausbreiten.

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WHO-Screenshot: 19.11.2021

Fazit: Die Behauptung, der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer gegen Covid-19 funktioniere nicht, ist falsch. Internationale Studien, Behörden und Expertinnen und Experten bestätigen die Wirksamkeit des Impfstoffes unabhängig voneinander. Die Daten zeigen zwar, dass Virusvarianten den Impfschutz beeinflussen und der Impfschutz auch über Monate hinweg abnimmt, dieser aber auch dann noch hoch ist. Der Schutz kann derzeit fünf bis sechs Monate nach der zweiten Dosis mit einer Auffrischungsimpfung erneuert werden.

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