Nein, Japan hat seine Corona-Impfkampagne nicht beendet und auch Ivermectin nicht zugelassen

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Tausende User haben einen Blog-Artikel auf Facebook und Telegram verbreitet, wonach Japan das Coronavirus mit Hilfe des Medikaments Ivermectin effektiv bekämpft habe. Zudem habe das Land die Verwendung des Moderna-Impfstoffs eingestellt und die nationale Impfkampagne gestoppt, heißt es weiter. Aus den Mitteilungen des japanischen Gesundheitsministeriums und von Moderna geht dies allerdings gar nicht hervor.

Dutzende Nutzerinnen und Nutzer haben verschiedene Blogartikel zu Ivermectin und der japanischen Impfkampagne auf Facebook geteilt (hier, hier). Auf Telegram wurden ähnliche Meldungen von Zehntausenden gesehen (hier, hier).

Die Falschbehauptung: Zwei deutschsprachige Blogs haben die auf Facebook verbreiteten Behauptungen veröffentlicht (hier, hier). Sie erklären, Japan habe begonnen, das Coronavirus mit Hilfe des Medikaments Ivermectin zu bekämpfen. Die Schweizer Verschwörungsseite "Uncut News" behauptet sogar, das Land habe den Moderna-Impfstoff zurückgezogen und die nationale Impfkampagne gestoppt.

Quelle sei der Leiter einer Tokioter Ärztevereinigung, der im September dazu aufgefordert haben soll, Ivermectin zur Behandlung von Covid-19 zu verwenden. Mittlerweile sei das Coronavirus in Japan so gut wie nicht mehr vorhanden, heißt es weiter.

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 05.11.2021

Meldungen zur Behandlung des Coronavirus mittels Ivermectin prüfte AFP bereits mehrfach (hier, hier, hier). Das Medikament wird in der Regel zur Behandlung von parasitären Würmern oder bei Erkrankungen wie Kopfläusen und Rosazea verschrieben.

Die aktuell verbreitete Nachricht geht auf den englischsprachigen Blog der Hal Turner Radio Show zurück. Hal Turner ist für die Verbreitung verschwörungstheoretischer Inhalte bekannt.

Ivermectin wird nicht zur Behandlung von Covid-19 empfohlen

In einem der Blog-Beiträge heißt es, der Leiter der Tokioter Ärztevereinigung hätte im September im nationalen Fernsehen dazu aufgefordert, Ivermectin zu verwenden. Die Impfstoffe seien seither durch das Medikament ersetzt worden. Japan sei nun eine große Erfolgsgeschichte.

Meldungen zu der tatsächlich existierenden Pressekonferenz der Ärztevereinigung verbreiteten sich ebenfalls in anderen Sprachen (hier, hier). Die sogenannte Tokyo Medical Association ist eine unabhängige Organisation, welche zur Japan Medical Association (JMA) gehört. Ihre Aufgabe ist es, Lobbyarbeit zu betreiben und Empfehlungen für Regierungsbehörden zu erarbeiten.

Im Video der Pressekonferenz vom 13. August ist der Leiter dieser Tokyo Medical Association, Haruo Ozaki, zu sehen. Er ist ebenfalls Vorstandsmitglied der JMA. Im Clip spricht Ozaki über die Zahl der Covid-19-Fälle und Todesraten in afrikanischen Staaten, die einmal pro Jahr Ivermectin aufgrund der antiparasitären Eigenschaften des Medikaments verteilen. Demgegenüber stellt er Staaten, die das Medikament nicht verwenden.

"Ich glaube, der Unterschied ist eindeutig. Natürlich kann man auf Basis dieser Zahlen nicht schlussfolgern, dass Ivermectin wirksam ist. Aber wir haben all diese Elemente. Wir können nicht sagen, dass Ivermectin, definitiv nicht wirksam ist. Zumindest ich nicht," erläutert Ozaki.

"Wir können andere Studien durchführen, um die Wirksamkeit zu bestätigen, aber wir befinden uns in einer Krisensituation. Im Hinblick auf die Verwendung von Ivermectin ist es offensichtlich notwendig, eine Einwilligung aufgeklärter Patienten zu erhalten. Und ich denke, wir sind in einer Situation, in der wir uns erlauben können, Ihnen diese Behandlung zu geben."

Im Oktober erklärte Ozaki weiterhin, Ivermectin könnte auf Basis einiger Studien gute Resultate bringen. Dennoch fügte er hinzu:

"Ich denke, wir müssen verlässliche Daten von Studien aus Japan erheben. Wenn diese Daten veröffentlicht werden, können wir unsere Entscheidung treffen. Deshalb würde ich gerne ernsthafte klinische Studie sehen, die in Japan durchgeführt werden. Wenn wir zuverlässige japanische Daten zur Wirksamkeit von Ivermectin bekommen, können wir es richtig nutzen."

Auf AFP-Anfrage vom September wollte die Tokyo Medical Association keinen Kommentar zu der Thematik abgeben. Klar ist allerdings: Ozaki ist kein Regierungsbeamter und hat sich nicht im Namen der Regierung Japans geäußert.

Der offizielle Leitfaden für Ärzte des japanischen Gesundheitsministeriums von November 2021 listet auf Seite 55 Medikamente auf, die zurzeit im Land entwickelt werden. Die Listen der Arzneimittel wurden am 28. September und am 1. Oktober 2021 aktualisiert. Auch Ivermectin ist dort zu finden. Das Medikament durchläuft demnach derzeit eine "Phase-3-Studie" zur Behandlung von Covid-19-Patienten mit leichten oder mittelschweren Symptomen. Weiter wird erläutert:

Norihisa Tamura, japanischer Gesundheitsminister bis zu den Wahlen im Oktober 2021, erklärte im August, es sei notwendig, auf Belege für die Wirksamkeit des Medikaments zu warten bevor der Leitfaden entsprechend geändert werde.

Aktuell ist Ivermectin nicht zur Behandlung von Covid-19 in Japan zugelassen. Zudem ist es nicht in der Liste für zugelassene Medikamente der japanischen Behörde für Arzneimittel und Medizinprodukte aufgeführt.

Eine von Ärzten geleitete klinische Studie der japanischen Kitasato-Universität zu Ivermectin als Covid-19-Medikament läuft aktuell noch. Der öffentlich-rechtliche Sender NHK berichtete am 23. August, dass es schwierig sei, Teilnehmende zu gewinnen. In der bisher letzten Aktualisierung vom 26. Oktober heißt es, dass die Studie noch immer Testpersonen rekrutiert. Das Protokoll der Phase-3-Studie zu Ivermectin, welche vom japanischen Pharmaunternehmen Kowa geführt wird, wurde am 16. September veröffentlicht.

Bereits im März kam es nach Angaben der US-Zulassungsbehörde für Medikamente FDA zu mehreren Fällen, in denen Menschen versuchten, sich selbst mit Ivermectin zu behandeln, welches für die Verwendung in der Tierhaltung vorgesehen war. Die Behörde warnte daher vor der Verwendung des Medikaments und verwies auf die Impfkampagne als effektivsten Weg, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Die japanische Impfkampagne läuft weiter

In den geteilten Blogartikeln heißt es, Japan verzeichne große Erfolge bei der Bekämpfung des Coronavirus aufgrund der vermeintlichen Verwendung von Ivermectin. Die Impfstoffe seien deshalb abgezogen worden. Die Kampagne sei gestoppt.

Am 25. August lag die Zahl der Infektionen in Japan noch bei 23.000. Im Oktober und November ist sie in den dreistelligen Bereich gefallen. Einen Zusammenhang dieser Entwicklung mit dem Medikament Ivermectin kann allerdings nicht bestehen, denn dieses ist in Japan gar nicht zugelassen.

Dr. Kazuhiro Tateda, Professor für Virologie an der Universität Toho und Präsident der Japanischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten, erklärte in einer E-Mail an AFP am 4. November, der Grund für die starke Abnahme an Infektionen sei nicht konkret bekannt.

"Basierend auf meinen persönlichen Annahmen scheinen mir zwei Faktoren wichtig. Zuerst die Impfstoffe. Zwischen Juli und Oktober haben 30 bis 40 Millionen Japaner unter 64 Jahren ihre Impfungen erhalten. Mittlerweile sind 72 Prozent aller Japaner vollständig geimpft. Die meisten von ihnen in letzter Zeit, was bedeutet, dass diese Menschen einen starken Schutz haben. Auch wenn es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt, ist es möglich, eine Herdenimmunität zu schaffen."

Als Zweites nennt Tateda die Schutzmaßnahmen in der Bevölkerung. Die Mehrheit der Japaner nutze Masken und halte die Abstände ein. "Es ist schwer, Menschen ohne Maske zu finden." Es wirke, als seien Schutzmaßnahmen fast schon Teil der Kultur, fügte er hinzu.

Der Grund sei zwar nicht klar, aber im kommenden Monat werde auch mit den Booster-Impfungen begonnen. "Wenn wir Glück haben, wird es keine Wellen der Pandemie mehr in Japan geben", erklärte Tateda.

Auch Atsushi Nishida, Leiter des Forschungszentrums für Gesellschafts- und Medizinwissenschaften am Tokyo Metropolitan Institute of Medical Science, erklärte im Oktober dem Magazin "Time", die gefallen Zahlen seien vermutlich auf die Impfungen und die Abnahme an Besuchen in den Unterhaltungsvierteln zurückzuführen.

Moderna kommt weiterhin in Japan zur Anwendung

In Japan war es tatsächlich bereits mehrfach zu Verunreinigungen in Chargen des Moderna-Impfstoffs gekommen. Auch AFP berichtete über Fremdkörper, die in japanischen Moderna-Dosen gefunden worden waren.

Zwei Regionen stoppten demnach zwischenzeitlich die Verwendung bestimmter Chargen des Impfstoffs, nicht aber generell der Moderna-Impfung. Im August waren zuvor zwei Männer nach Verabreichung des Moderna-Impfstoffs in Japan verstorben. Das japanische Gesundheitsministerium gab an, die Todesfälle zu untersuchen. Es sei allerdings unklar, ob ein ursächlicher Zusammenhang zur Impfung bestehe.

Am 1. September erklärte das japanische Gesundheitsministerium, Moderna habe die möglicherweise betroffenen Chargen des Impfstoffs zurückgerufen. Zudem hieß es: "Zusätzlich zu den betroffenen Chargen wurden Impfstoffe, die im gleichen Zeitraum in der gleichen Produktionsanlage hergestellt wurden (insgesamt drei Chargen), von dem Unternehmen freiwillig eingezogen."

Moderna erklärte in Folge der Ereignisse am 1. September: "Das seltene Vorkommen von Partikeln aus rostfreiem Stahl im Moderna Covid-19-Impfstoff stellt kein unangemessenes Risiko für die Patientensicherheit dar und hat keinen negativen Einfluss auf das Nutzen-Risiko-Profil des Produkts."

Auch das japanische Gesundheitsministerium verwies in seiner Erklärung auf die Moderna-Mitteilung und erläuterte, es bestehe kein Einfluss auf die Sicherheit oder Wirksamkeit der Impfstoffe.

Belege für eine angebliche Forderung nach einem Rückruf der Moderna-Zulassung konnte eine Recherche des AFP-Büros in Tokio nicht erbringen.

Die japanischen Behörde für Arzneimittel und Medizinprodukte PMDA erklärt nach wie vor auf ihrer Webseite, der Moderna-Impfstoff sei seit dem 21. Mai zugelassen. Auch die Impfstoffe von Pfizer und Astrazeneca sind dort gelistet.

Auf AFP-Anfrage erklärte ein PMDA-Sprecher am 9. November per E-Mail, die Zulassung des Moderna-Impfstoffs sei nicht zurückgezogen worden. Die Behörde erklärte außerdem, dass Ivermectin nicht zur Behandlung von Covid-19 zugelassen sei.

Auch die Webseite des japanischen Gesundheitsministeriums führt den Moderna-Impfstoff nach wie vor als verfügbare Impfung auf.

Mit Stand vom 7. November hat Japan nach Angaben des Büros des japanischen Premierministers in dem Land mehr als 98 Millionen Erstdosen verimpft. Mehr als 93 Millionen Einwohner hätten bereits ihre zweite Impfung erhalten. Nach Angaben des Online-Portals Statista leben in Japan etwa 125 Millionen Menschen.

Impfkampagnen tragen zur Eindämmung von Infektionen bei

Bereits in der Vergangenheit widerlegte AFP Behauptungen, die Corona-Impfstoffe seien nicht wirksam oder würden gar Infektionen erleichtern (hier, hier).

Mehrere Studien haben zudem bereits die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen schwere Fälle von Covid-19 aufgezeigt. Laut einem am 23. September 2021 veröffentlichten Covid-19-Impfstoff-Überwachungsbericht von Public Health England deuten die jüngsten Schätzungen darauf hin, "dass durch das Impfprogramm über 230.800 Krankenhausaufenthalte direkt verhindert wurden" und ebenso "zwischen 23,7 und 24,1 Millionen Infektionen und zwischen 119.500 und 126.800 Todesfälle" verhindert werden konnten.

Eine Studie der Universität von Indiana und der RAND Corporation, die am 18. August 2021 in der Zeitschrift Health Affairs veröffentlicht wurde, schätzt zudem, dass die Impfung bis Mai 2021 fast 140.000 Todesfälle in den Vereinigten Staaten verhindert habe. Eine weitere, im Juli 2021 veröffentlichte Studie unter der Leitung der Yale School of Public Health kommt zu dem Ergebnis, dass "die koordinierte und schnelle COVID-19-Impfkampagne, die Ende letzten Jahres in den Vereinigten Staaten gestartet wurde, etwa 279.000 Leben gerettet und 1,25 Millionen Krankenhausaufenthalte verhindert hat."

Fazit: Die Verwendung von Ivermectin im Falle von Covid-19-Erkrankungen wird in Japan untersucht. Das Mittel ist allerdings nicht zugelassen. Die Impfkampagne läuft im Land weiter. Die gefallenen Infektionszahlen gehen laut Expertinnen und Experten sowohl auf die Kampagne als auch eine erfolgreiche Umsetzung der Hygienemaßnahmen zurück. Der Moderna-Impfstoff gilt laut Gesundheitsministerium als sicher und kommt weiterhin zum Einsatz.

9. November 2021 PMDA-Statement ergänzt.
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