
Biontech-Gründer Şahin sprach bereits 2020 öffentlich über möglicherweise notwendige Nachimpfungen
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- Veröffentlicht am 10. August 2021 um 16:44
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Eva WACKENREUTHER, Max BIEDERBECK, AFP Österreich, AFP Deutschland
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Hunderte User haben das Meme über Şahin Anfang August geteilt (hier, hier). Es besteht aus zwei Bildern des Biontech-Gründers. Unter dem Obersten ist zu lesen: "Mein Stoff wirkt zu 95 %. Nur zwei Pieks und du bist sicher. Ich schwör." Auf dem unteren Bild ist zu lesen: "6 Monate später (...) Stoff doch nicht so gut. Du brauchst einen dritten Pieks. Vielleicht auch noch einen Vierten…."
User kommentieren die Postings mit Worten wie: "Der gehört zum Tode verurteilt wegen Verbrechen an Millionen von Menschen" oder "In naher Zukunft müssten wir uns jeden Tag ne Spritze in die Venen Stechen lassen ....."

Die erste Corona-Impfung in Deutschland erhielt die damals 101-jährige Edith Kwoizalla bereits im Dezember 2020. Kurz zuvor hatte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) den mRNA-Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer zugelassen. In alten Versionen der Corona-Informationsseite der Bundesregierung aus dieser Zeit hieß es auf die Frage nach nötigen Impfwiederholungen: "Bei den am weitesten fortgeschrittenen Impfstoff-Kandidaten ist davon auszugehen, dass zwei Impfdosen im Abstand von wenigen Wochen für den Aufbau eines Immunschutzes nötig sind."
Der Biontech-Gründer erwähnte schon damals mögliche Auffrischungsimpfungen
Kurz nach der Zulassung seines Impfstoffs in Europa gab Sahin etwa dem Südwestdeutschen Rundfunk am 21. Dezember 2020 ein ausführliches Interview. Darin spielte unter anderem auch das Thema Impfwirksamkeit eine Rolle. Darin erklärte Sahin:
"Wir wissen, dass der Impfschutz mindestens für zweieinhalb bis drei Monate anhält. Wir haben eben keine längeren Daten vorliegen. Wir sind momentan dabei, quasi laufend neue Daten zu generieren. Dementsprechend werden wir in ca. anderthalb bis zwei Monaten wissen, wie der Impfschutz für den Zeitraum bis zu sechs Monaten aussieht. Und wir würden dann die Öffentlichkeit entsprechend informieren. Da wir einen kombinierten Impfschutz haben, gehe ich davon aus, dass wir mindestens für einen Zeitraum von zwölf Monaten einen deutlichen Impfschutz haben werden. Falls es dann notwendig ist, eine erneute Impfung durchzuführen, wäre das kein Problem. Das könnte man dann einfach durch eine Re-Immunisierung entweder mit dem Impf-Antigen, das wir momentan haben, oder - falls notwendig - mit einem aktualisierten Impf-Antigen durchführen."
Am 12. März 2021 zitiert dann MDR-Wissen den Biontech-Gründer mit den Worten: Ein weiterer Boost, eine Auffrischungsimpfung, würde also auf jeden Fall die Schutzwirkung steigern.
Waren mögliche zusätzliche Impfungen damals kein Thema in der Debatte um Corona-Impfungen?
In seinem Epidemiologischen Bulletin vom 14. Januar 2021 schrieb das Robert-Koch-Institut: "Wie lange der Schutz nach Impfung anhält und wie ausgeprägt er sein wird, ist derzeit nicht bekannt." Zahlreiche Medienberichte sprachen ebenfalls im Januar bereits von möglichen Auffrischungsimpfungen mit jeweils unterschiedlichen zeitlichen Angaben (hier, hier, hier). Einer dieser Berichte zitiert unter anderem eine Pre-Print-Studie von 2020, die von einem vollen Impfschutz für sechs Monate ausgeht.
Die Deutsche Welle zitiert den Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, am 14. Januar mit den Worten: "Das (die Dauer des Impfschutzes) wissen wir heute noch nicht. Aber wir haben Indizien für eine anhalte immunogene Aktivität (Anm. d. Red.: Die Immunreaktion des Körpers). Einige unserer Daten zeigen, dass die Impfstoffe eine Immunreaktion hervorrufen, die schon mehr als acht Monate existiert. (...) Ich glaube, dass der Impfschutz für einen längeren Zeitraum anhalten wird, aber wir müssen hierzu noch auf weitere Daten warten."
Die "Tagesschau" der ARD fasste den Wissensstand zur Dauer der Impfwirkung Ende November 2020 so zusammen: "Das ist unklar, da noch keine Langzeitstudien vorliegen können, die entsprechende Antworten liefern. Es gilt als unwahrscheinlich, dass eine Impf-Immunisierung gegen Corona ein ganzes Leben lang hält. Es könnte eher sein, dass man sie wie bei der Grippe-Schutzimpfung regelmäßig wiederholen muss. Auch eine überstandene Covid-19-Erkrankung schützt womöglich nicht auf Dauer vor einer neuerlichen Infektion." Auch Thomas Jacob vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin ging bereits Anfang Dezember 2020 gegenüber der "Pharmazeutischen Zeitung" nicht von einer dauerhaften Immunisierung durch die Impfung aus.
Die eventuell nötige Auffrischungsimpfung kommt diesen Informationen zufolge also nicht unerwartet. Schon vor Beginn der Impfkampagne in Europa wiesen Forschende und Medien darauf hin. Auch Sahin selbst sprach durchaus von der möglicherweise notwendig werdenden Drittimpfung.
Aktueller Stand
Auch heute ist noch noch immer nicht klar, wie lange genau die Corona-Impfung schützt. Die Verbreitung neuer Varianten des Virus sowie erste Untersuchungen legen nahe, dass der Schutz mit der Zeit abnimmt. Anfang August 2021 haben sich die Gesundheitsministerinnen und -minister von Bund und Ländern deshalb über die Notwendigkeit einer dritten Impfdosis beraten.
Das Robert-Koch-Institut fasst die Frage nach einer Auffrischungsimpfung aktuell so zusammen: "Wie auch bei anderen neuen Impfstoffen liegen für die COVID-19-Impfstoffe aktuell noch keine Daten vor, ob und ggf. in welchem Zeitabstand eine Auffrischimpfung notwendig sein wird. Auch ist bisher nicht bekannt, ob – bei Notwendigkeit einer Auffrischimpfung – diese mit einem anderen Impfstofftyp vorteilhaft ist." Und weiter: "Die Beantwortung dieser Fragen hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie der Dauer des Impfschutzes nach primärer Impfserie, der Wirkweise des Impfstoffs, möglicher Immunitätsentwicklung gegen Impfstoffkomponenten oder der Wirksamkeit gegen neue Virusmutationen."
Die Impfstoffhersteller selbst sehen das eindeutiger: Moderna und Biontech/Pfizer empfehlen Medienberichten zufolge eine Auffrischung. Als Grund führen sie Daten aus Israel an, denen zufolge die Schutzwirkung sechs Monate nach Zweitimpfung abnehme.
Die EMA dagegen teilte mit: "Derzeit ist es noch zu früh, um zu bestätigen, ob und wann eine Auffrischungsdosis für COVID-19-Impfstoffe erforderlich sein wird, da noch nicht genügend Daten aus Impfkampagnen und laufenden Studien vorliegen, um zu verstehen, wie lange der Schutz durch die Impfstoffe anhält, auch unter Berücksichtigung der Verbreitung von Varianten", schrieb sie am 14. Juli 2021 auf ihrer Website.
Ähnlich sieht das auch die Weltgesundheitsorganisation WHO, für die die Datenlage ebenfalls noch nicht klar genug ist. Außerdem fordert die WHO auf, bis September auf eine dritte Impfung zu verzichten, um die Ungleichheit im Impfstatus verschiedener Länder nicht weiter zu vergrößern.
Ist der Impfstoff tatsächlich "doch nicht so gut"?
Das RKI schreibt in Bezug auf die aktuell dominierende Delta-Variante des Coronavirus und den Impfstoffen: "Studien aus Großbritannien zu Vaxzevria (AstraZeneca) und Comirnaty (BioNTech/Pfizer) ergaben, dass beide Impfstoffe eine vergleichbar hohe Schutzwirkung gegen die Virusvariante Delta im Vergleich zu Alpha für schwere Verläufe (Endpunkt: Hospitalisierung) haben (Stowe et al.)."
Nur bei einer unvollständigen Impfserie (1 Dosis) sei eine deutlich verringerte Wirksamkeit von 35 Prozent gegen die Deltavariante nachgewiesen (Sheikh et al.) worden, schreibt das RKI. Eine im Juli 2021 im "New England Journal of Medicine" erschienene Studie kam zum Ergebnis, dass es unter den mit Pfizer/Biontech doppelt Geimpften bei Delta 88 Prozent weniger symptomatische Infektionen als in der Kontrollgruppe gab. Bei Alpha lag die Wirksamkeit von zwei Dosen bei 93,7 Prozent (mehr dazu hier).
Fazit: Das aktuell verbreitete Meme ist irreführend. Der Biontech-Gründer sprach bereits zu Beginn der Impfkampagne von der Möglichkeit einer erneuten Impfung nach einem Nachlassen des Impfschutzes. Auch gegen die neue Delta-Variante haben die aktuellen Impfstoffe eine hohe Schutzwirkung.