Sicherheitskreise verdächtigen Russland: Gefälschter Bericht über Merz' Rücktritt im Umlauf

Die Unzufriedenheit der Deutschen mit Bundeskanzler Friedrich Merz wächst im August 2026 weiter an – laut RTL/ntv-Trendbarometer vom 4. August auf 85 Prozent der Befragten. Einem angeblichen Videobericht der Deutschen Welle zufolge würde Merz deshalb am 10. August 2026 zurücktreten. Das ginge aus internen CDU-Dokumenten hervor, die wiederum dem "Handelsblatt" vorliegen sollen. Doch nichts davon stimmt. Die angeblichen Berichte der Deutschen Welle und des "Handelsblatts" sind gefälscht. Deutsche Sicherheitskreise ordnen das Video der russischen Desinformationskampagne Storm-1516 zu.

"Nach zwölf Monaten und nur 14 % Zustimmung deuten interne CDU-Dokumente darauf hin, dass Merz am 10. August zurücktreten könnte", schrieb der X-Nutzer Daniel Gugger in einem Beitrag am 6. August 2026. Dazu teilte er ein Video, das angeblich vom deutschen Auslandsrundfunk Deutsche Welle veröffentlicht worden wäre. Dem Bericht zufolge lägen der Zeitung "Handelsblatt" CDU-Dokumente vor, wonach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wegen seiner schlechten Zustimmungswerte am 10. August 2026 seinen Rücktritt bekannt geben wollen würde. 

Außerdem würde "Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Merz" gelten, erklärt eine weibliche Stimme auf Deutsch mit einem ausländisch klingenden Akzent im Video. Währenddessen werden Standbilder und Videoausschnitte von Merz, der CDU-Zentrale in Berlin oder auch Wüst eingeblendet.

Der X-Nutzer Daniel Gugger fiel AFP bereits mehrfach mit der Verbreitung von Falschinformationen auf, insbesondere teilte er wiederholt Behauptungen, die zur russischen Desinformationskampagne Storm-1516 gehörten. Das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) rechnete Gugger jenen Influencern zu, die vor der Bundestagswahl im Februar 2025 Desinformation der russischen Kampagne Storm-1516 teilten.

Die Behauptung kursierte außerdem auf Instagram und Facebook sowie in anderen Sprachen wie Englisch, Rumänisch und Slowakisch. Auch das staatlich unterstützte russische Medium "Pravda" griff die Behauptung in einem Artikel vom 6. August 2026 auf.

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X-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 7. August 2026

Der Bericht ist jedoch gefälscht. Weder die Deutsche Welle, noch das "Handelsblatt" haben über einen angeblichen Rücktritt von Bundeskanzler Merz berichtet. 

Sowohl die Deutsche Welle als auch das "Handelsblatt" veröffentlichten jeweils einen Artikel zu dem vermeintlichen Bericht. "Dieses Video ist gefälscht", schrieb das "Handelsblatt" am 6. August 2026. Die erwähnten angeblichen CDU-Dokumente lägen der Zeitung nicht vor, "entsprechend gab es keine Berichterstattung dazu". Auch die im Video eingeblendete Website des "Handelsblatts" "ist nicht echt". Mit einer Stichwortsuche fand AFP keinen Artikel auf der "Handelsblatt"-Website aus den vergangenen 12 Monaten, in dem die Behauptung berichtet wurde.

Die Deutsche Welle geht noch weiter ins Detail. "Das Video ist kein echtes Video der DW, sondern ein weiterer Fall von Media-Spoofing – dabei wird die visuelle Identität vertrauenswürdiger Medienmarken und Nachrichtenkanäle imitiert und für die Verbreitung falscher Narrative missbraucht", schrieb der Rundfunk am 7. August 2026. Das sei etwa daran zu erkennen, dass der angebliche Bericht auf "keinem offiziellen DW-Kanal verbreitet" oder "das DW-Logo nicht korrekt dargestellt" worden sei. Von Minute 0:27 bis 0:33 erscheint es leicht unscharf und dicker als in der darauffolgenden Einstellung.

Auf der DW-Website sowie den DW-Accounts auf Facebook, Instagram, Whatsapp, auf zwei DW-Kanälen auf Youtube, X und Tiktok fand AFP das angebliche Video in Beiträgen aus dem Sommer 2026 nicht. AFP überprüfte in der Vergangenheit bereits andere Videos, die Berichte der Deutschen Welle imitierten.

Video erwähnt falsche Wahl

Außerdem enthält das Video einen inhaltlichen Fehler: Ab Minute 0:59 ist die Rede davon, dass einige CDU-Mitglieder glauben würden, "ein Führungswechsel könne die Partei mit Blick auf die Bundestagswahl im September stabilisieren". Allerdings steht im September 2026 keine Bundestagswahl an, sondern verschiedene Landtags- und Kommunalwahlen.

Korrekt sind hingegen die im Video zitierten Zustimmungswerte für Bundeskanzler Merz von 14 Prozent. Sie stammen aus dem RTL/ntv-Trendbarometer vom 4. August 2026. Der eingeblendete Screenshot hat dasselbe Layout wie die Grafik der Zustimmungswerte in dem ntv-Artikel über die Zufriedenheit mit der Regierung. Allerdings unterscheiden sich die Zustimmungswerte der CDU/CSU- sowie der SPD-Anhängerinnen und Anhänger um jeweils einen Prozentpunkt.

Auf AFP-Anfrage erklärte auch die CDU-Pressesprecherin Isabelle Fischer am 7. August 2026 in Bezug auf die angeblichen CDU-Dokumente: "Das ist großer Quatsch. Diesen Sachverhalt gibt es nicht." Die Bundesregierung dementierte die Behauptung auf AFP-Anfrage am selben Tag ebenfalls. Die "Behauptung ist frei erfunden und entbehrt jeder Grundlage", erklärte eine Sprecherin. "Sie hat offenbar das Ziel, die Menschen auf Grundlage falscher Tatsachenbehauptungen zu verwirren oder zu verunsichern."

Gefälschter Bericht wird russischer Desinformation zugerechnet

Aus Sicherheitskreisen erfuhr AFP am 7. August 2026: Urheber des Videos "ist wahrscheinlich Storm-1516". Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) teilte AFP am selben Tag mit, dass der Behörde die aktuelle Kampagne bekannt sei. Das Video zeige, "dass die Urheber dieser Informationsmanipulationsaktivität aufmerksam aktuelle politische Entwicklungen in Deutschland verfolgen und diese opportunistisch aufgreifen". Mit der Erwähnung des "Handelsblatts" in dem gefälschten DW-Bericht werde dieser "vermeintlich authentischer gemacht und so deren Glaubwürdigkeit erhöht". Auch das Rechercheprojekt Gnida, das russische Desinformationskampagnen im Internet systematisch beobachtet, rechnet das Video in einem X-Beitrag vom 5. August 2026 Storm-1516 zu. 

AFP beobachtete zum wiederholten Mal, dass eine russische Desinformationskampagne Deutschland vor den Landtagswahlen im September 2026 ins Visier nimmt. Bereits seit Ende Juni 2026 verbreitet die Operation Matrjoschka Desinformationsvideos, die verschiedene Medienhäuser – darunter auch AFP – imitieren, wie AFP berichtete. Mit seinen Desinformationskampagnen namens Storm-1516, Matrjoschka und Doppelgänger versucht Russland, Politikerinnen und Politiker sowie Parteien zu diskreditieren, die westliche Unterstützung der Ukraine zu untergraben und die Gesellschaft zu polarisieren. Das geht etwa aus Analysen von Cemas oder Viginum, der französischen Regierungsbehörde gegen Desinformation und fremde Einflussnahme, hervor.

Weitere Faktenchecks sammelt AFP auf der Website

Fazit: Ein angeblicher Bericht der Deutschen Welle über den vorgeblichen Rücktritt von Bundeskanzler Friedrich Merz am 10. August 2026 ist gefälscht. Auch ein darin erwähnter "Handelsblatt"-Artikel ist unecht. Alle genannten Akteurinnen und Akteure dementierten die Behauptung. Der Bericht weist außerdem inhaltliche Fehler auf.

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