Bild von Selenskyj hinter schusssicherem Glas wurde mit KI generiert
- Veröffentlicht am 23. Juli 2026 um 09:31
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Eduard STARKBAUER, AFP Slowakei
- Übersetzung und Adaptierung: Johanna LEHN, AFP Deutschland
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sah sich im Juli 2026 einer Welle von Protesten und Kritik von Teilen des Militärs ausgesetzt, nachdem er Verteidigungsminister Mychailo Fedorow entlassen hatte. Vor diesem Hintergrund kursierte online ein Bild, das Selenskyj an einem Rednerpult zeigen soll, das angeblich mit kugelsicherem Glas geschützt worden wäre. Das Bild wurde jedoch mit einem KI-Tool erzeugt und basiert auf Aufnahmen der Pressekonferenz mit dem zurückgetretenen britischen Premierminister Keir Starmer am 16. Juli 2026. Dort befand sich kein Schutzglas um Selenskyj.
"Zelenski verschanzt sich vmtl. zum ersten mal bei einem öffentlichen Termin hinter zwei Zentimeter dicken Schusssicheren VSG-Glas", schrieb ein Nutzer in einem Facebook-Beitrag vom 17. Juli 2026. Darin teilte er ein Bild von Wolodymyr Selenskyj an einem Rednerpult mit der Aufschrift "Kiew 16. Juli 2026". Der ukrainische Präsident scheint vor einem historischen Gebäude und hinter einer großen Glasscheibe zu stehen.
Die Behauptung kursierte auch auf X und Telegram sowie auf vielen weiteren Sprachen. Unter anderem wurde sie von dem staatlich unterstützten russischen Medium Pravda verbreitet. Als Quelle wurde die Journalistin Marina Achmedowa genannt, die seit Februar 2023 unter Sanktionen der Europäischen Union und anderer Länder steht.
Mithilfe von Googles Fact Check Explorer konnte AFP herausfinden, dass das Bild erstmals am 16. Juli 2026 in einem X-Beitrag des Accounts RussiaNews veröffentlicht wurde. In dem Beitrag wurde auf Englisch behauptet, Selenskyj hätte hinter kugelsicherem Glas gesprochen, als er zur "chaotischen Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow" Stellung nahm.
In Pravda-Artikeln auf Englisch und Italienisch, in denen das Bild vorkommt, ist der Hinweis enthalten, dass das Bild unecht ist: "Im Netz ist ein Foto von Selenskyj aufgetaucht, auf dem er hinter Panzerglas steht. Das ist ein Fake, aber das Oberhaupt des Kiewer Regimes wird trotzdem massiv getrollt."
AFP fand heraus, dass das Bild mit Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt wurde und dass der ukrainische Präsident bei seinem Auftritt am 16. Juli 2026 tatsächlich weder durch kugelsicheres noch durch anderes Glas geschützt war.
Bild zeigt Pressekonferenz mit Keir Starmer
Auf dem Rednerpult steht auf Ukrainisch "Kiew" sowie das Datum 16. Juli 2026. An diesem Tag traf sich Selenskyj zum Abschiedsbesuch mit dem damals scheidenden britischen Premierminister Keir Starmer bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in den Gärten des Präsidialpalastes in Kiew, bekannt als Marienpalast. Starmer dankte Selenskyj und erklärte, dass die Unterstützung Großbritanniens für die Ukraine "dauerhaft bleiben" wird, auch wenn Starmer zurücktrete.
Elemente in dem online geteilten Bild wie die charakteristische türkisfarbene Fassade mit ihren vielen Ornamenten und die monumentale Treppe ähneln jenen Elementen des Marienpalastes.
Während der Pressekonferenz äußerte sich Selenskyj zur Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow am Tag zuvor sowie dessen anhaltenden Meinungsverschiedenheiten mit Armeechef Oleksander Syrsky, dessen Entlassung Selenskyj inzwischen ebenfalls verkündete. "Ich wollte sehr gerne Einheit. Die Seiten haben sie nicht erreicht. Und das ist nicht nur ihr Problem, sondern auch meines. Ich spreche mich nicht von Verantwortung frei", sagte der Präsident. "Aber es ist, wie es ist, und in einer solchen Situation besteht der Ausweg entweder in der einen oder in der anderen Seite, denn ohne mich setzen sie sich nicht zusammen."
Selenskyj entließ am 15. Juli 2026 die Regierung von Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko. Das Parlament bestätigte zwei Tage darauf den bisherigen Chef des staatlichen Energieversorgers Naftogaz, Serhij Korezky, als neuen Regierungschef.
Die Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow nach nur wenigen Monaten im Amt rief große Proteste im Land hervor, unter anderem in Kiew und den Städten Odessa, Dnipro und Lwiw. In Reaktion darauf entließ Selenskyj Armeechef Syrsky am Abend des 21. Juli 2026 und ernannte den bisher für übergreifende Einsätze der Teilstreitkräfte zuständigen General Mychailo Drapaty zu dessen Nachfolger. Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer hatte Fedorow die Modernisierung einer von Bürokratie und Korruptionsvorwürfen belasteten Armee verkörpert. Fedorow wiederum hatte langsame bürokratische Abläufe und mangelnde Flexibilität innerhalb der Streitkräfte unter Syrsky kritisiert.
Proteste sind im Ukrainekrieg relativ selten, da sich die Gesellschaft hinter dem Militär und größtenteils hinter Selenskyj versammelt hat. Je länger der Krieg jedoch andauert, desto mehr haben schwere Korruptionsvorwürfe gegen Selenskyjs engstes Umfeld und Skandale im Militär, insbesondere in Bezug auf die Rekrutierung und die Behandlung von Wehrpflichtigen, wiederholt öffentliche Empörung ausgelöst.
Während ihres Treffens besuchten Selenskyj und Starmer auch die Gedenkmauer für die Gefallenen der Ukraine im Zentrum von Kiew. Dort war der ukrainische Präsident ebenfalls nicht durch Sicherheitsglas geschützt.
KI-Bild halluziniert Fassadenelemente
AFP-Journalistinnen und -Journalisten waren bei der Pressekonferenz anwesend und machten mehrere Fotos, die zeigen, dass sich kein kugelsicheres Glas um Selenskyjs Rednerpult befand. In der vollständigen Aufzeichnung der Pressekonferenz, die auf Youtube verfügbar ist, ist ebenfalls kein Schutzglas zu sehen.
Ein Vergleich mit dem online geteilten Bild zeigt zudem eine Unstimmigkeit bei Selenskyjs Position: Tatsächlich waren er und das Rednerpult parallel zur Fassade des Palastes ausgerichtet und nicht zur Seite gedreht, wie es auf dem online geteilten Bild dargestellt ist. AFP verglich das geteilte Bild zusätzlich mit offiziellen Bildern des Marienpalastes auf der Website des Präsidentenpalastes sowie Kiews Tourismusportal und stellte mehrere Unterschiede an der Fassade fest.
Auf der linken Seite der abgebildeten Fassade ist im KI-generierten Bild über dem Fenster ein ornamentales Relief zu sehen, obwohl ein solches Element in der Realität nicht existiert. Außerdem sind im künstlich erstellten Bild unnatürliche Verzerrungen zu sehen, die auf Fotos des tatsächlichen Gebäudes nicht vorkommen. Das KI-generierte Bild zeigt darüber hinaus neben jenem Fenster eine nicht existierende, geflieste Fläche. Schräg oberhalb des Eingangs hinter der Löwenstatue am Fuß der Treppe ist im KI-Bild außerdem eine Lampe abgebildet, die es in Wirklichkeit nicht gibt.
Der mittlere Teil der Treppe scheint außerdem im KI-generierten Bild nach unten zu verlaufen, während sich an dieser Stelle tatsächlich ein waagerechtes Podest befindet, von dem aus ein weiterer Treppenlauf nach oben führt.
AFP untersuchte das Bild mit dem KI-Erkennungstool von OpenAI, das unsichtbare SynthID-Wasserzeichen in Bildern identifiziert, die mit Software von OpenAI erstellt wurden. Die Analyse ergab, dass das Bild "mit OpenAI-Tools" erzeugt wurde.
Weitere Faktenchecks zum Ukrainekrieg sammelt AFP auf der Website.
Fazit: Ein Bild von Wolodymyr Selenskyj bei einer Pressekonferenz hinter kugelsicherem Glas ist KI-generiert. Das Bild soll das gemeinsame Statement mit dem inzwischen zurückgetretenen britischen Premierminister Keir Starmer zeigen. Auf AFP-Fotos und in einem Mitschnitt der Pressekonferenz ist jedoch kein Schutzglas zu sehen. Außerdem wurde das Bild laut KI-Erkennungstool von OpenAI mit einer Software des KI-Unternehmens erstellt und enthält visuelle Unstimmigkeiten.
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